FENSTER ZUR FILMWELT: VIELFALT, KUNST UND BEGEGNUNGEN IM KINOK.
Öffnungszeiten
Tickets und Reservation
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Normal: CHF 17.-
Mitglieder: CHF 12.-
Montagskino: CHF 12.-
Schüler:innen, Lernende, Studierende bis 26 Jahre: CHF 13.-
Kinder bis 12 Jahre: CHF 10.-
IV-Bezüger:innen: CHF 12.-
KulturLegi-Inhaber:innen: CHF 7.-
Mittwochnachmittagskino: CHF 12.- für AHV-Bezüger:innen
Freier Eintritt für Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene (Ausweis N/F/S)
«Die Kleine Laterne» ist ein Projekt des Dachvereins Zauberlaterne, das Kinder ab vier Jahren behutsam an dieses wichtige Medium heranführt, sie auf den Kinosaal vorbereitet und ihnen eine erste Filmbildung vermittelt. Den Eltern gibt es wertvolle Hinweise zum Umgang mit audiovisuellen Medien. Filmentdecker Nicola Graf führt die jungen Besucher:innen liebevoll durch das eigens zusammengestellte Programm mit ausgewählten Filmausschnitten und Kurzfilmen zum Thema «Filmgeschichte». Er zeigt, wie stark sich der Film seit seiner Erfindung vor über 120 Jahren verändert hat. So waren die Filme zunächst einmal stumm, danach mit Ton, zuerst nur in Schwarz-Weiss, mit der Zeit auch in Farbe. Pro Saison werden jeweils drei Vorführungen angeboten, zu denen die Kinder von ihren Eltern, Grosseltern oder ihren älteren Geschwistern begleitet werden können. Jede Vorführung ist in zwei Phasen gegliedert: Zuerst werden die Besucher:innen mit pädagogischer Begleitung durch ein etwa halbstündiges Spiel mit Filmausschnitten geführt. Danach schauen sie sich ein knapp halbstündiges Programm mit Kurzfilmen an. Zudem haben sie die Möglichkeit, die Filmentdeckungen zu Hause über die Webseite der Kleinen Laterne weiter zu vertiefen.
Bis 24 Stunden vor Vorstellungsbeginn können Plätze auf der Homepage der Kleinen Laterne reserviert werden: https://www.kleinelaterne.org/kinos/st-gallen.
Nora und Agnes staunen nicht schlecht, als ihr entfremdeter Vater Gustav nach Jahren der Abwesenheit plötzlich auf der Trauerfeier für ihre Mutter auftaucht. Der einst gefeierte Filmregisseur hatte die Familie verlassen, als die Mädchen noch klein waren. Nora ist inzwischen eine erfolgreiche, aber labile Theaterschauspielerin, während Agnes ein ruhigeres Leben mit Mann und Kind führt. Gustav hat ein neues Drehbuch für einen autobiografischen Film im Gepäck und will, dass Nora die Hauptrolle übernimmt. Doch so einfach, wie er sich das gedacht hat, lässt sich die zerrüttete Beziehung zu seinen Töchtern nicht kitten und neu beleben … Mit feinem Humor und leiser Melancholie gelingt Joachim Trier eine berührende Vater-Tochter-Geschichte und eine eindringliche Reflexion über Familie und Erinnerung, über Nähe und das bittersüsse Bedürfnis, gesehen zu werden. Auf der umjubelten Premiere in Cannes wurde er dafür mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichnet. Mia Pflüger lobt auf Kino-Zeit: «‹Zärtlichkeit ist der neue Punk›, sagt Joachim Trier. Und genau so fühlt sich ‹Sentimental Value› an. Radikal in seiner Verletzlichkeit, entschlossen in seiner Sanftheit. (…) Am Ende steht ‹Sentimental Value› als leise Offenbarung. Nicht bloss Nostalgie, sondern die Traurigkeit über das, was war, und die zarte Hoffnung auf das, was noch sein könnte.»
«Hola Frida» erzählt in leuchtenden Farben, mit fröhlichen Liedern und viel Wärme von der Kindheit und Jugend der Künstlerin Frida Kahlo. Die kleine Frida lebt zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester Cristina in Coyoacán, einem Stadtteil im Süden von Mexiko-Stadt. Ihr unbeschwertes Leben nimmt ein jähes Ende, als sie an Kinderlähmung erkrankt und fortan die Zeit im Bett verbringen muss. Zum Glück hat sie ihr Tagebuch, das sie mit farbenfrohen Zeichnungen füllt. In dieser fantastischen Traumwelt findet sie Halt und Stärke. So meistert sie mit ihrem Willen und ihrer Lebensfreude die vielen Herausforderungen ihres jungen Lebens – auch den Unfall als Achtzehnjährige, der sie wieder ans Bett fesselt und in ein Korsett zwingt. Nun kann sie nicht mehr Ärztin werden, sie macht aber ihre Traumwelt zum Beruf und wird Künstlerin. Für das Regieduo Karine Vézina und André Kadi ist Frida Kahlo schon lange eine «aussergewöhnliche Vorbildfigur als Künstlerin, Feministin und Pionierin». «Hola Frida» ist eine Adaption des Kinderbuchs Frida, c’est moi von Sophie Faucher (Text) und Cara Carmina (Illustration). In der liebevollen Hommage an die grosse Künstlerin gelingt es den beiden Regisseur:innen, auch schwere Themen wie Diskriminierung oder die Suche nach der eigenen Identität kindgerecht zu erzählen und die rettende und heilende Kraft von Fantasie und Kunst auf berührende Weise zu zeigen.
Miyazaki war schon immer von Flugzeugen fasziniert. In seinen Filmen entschwebt er immer wieder in die Luft. So scheint es nur folgerichtig, dass sein erster von realen Ereignissen inspirierter Animationsfilm von der Luftfahrt handelt. In «The Wind Rises» erzählt er die Geschichte des Flugzeugingenieurs Jirō Horikoshi (1903–1982), eines introvertierten Visionärs, der von seiner Liebe zum Fliegen getrieben ist. Da er wegen einer Sehschwäche nicht Pilot werden konnte, wurde er Konstrukteur. Er entwickelte den Mitsubishi A6M Zero Fighter, der während des Zweiten Weltkriegs einige Jahre als weltbestes Kampfflugzeug galt und mit Pearl Harbor traurige Berühmtheit erlangte. Dass Miyazaki sich dieser umstrittenen Figur annahm, schlug in Japan grosse Wellen. Rechte Nationalisten bezeichneten Miyazaki als Verräter, da er nur die Sinnlosigkeit des Krieges aufzeige; die Linke hingegen kritisierte den Film als kriegsverherrlichend. Der melancholische Erzählton äussert sich auch in der (erfundenen) Liebesgeschichte zwischen Jirō und Naoko, die sich erstmals während des Kantō-Erdbebens 1923 in Tokio begegnen. Ihre Liebe steht im Zeichen eines todgeweihten Zeitalters, das sich später in den Kriegskatastrophen von Nagasaki und Hiroshima fortsetzen wird. «Ein sehr einfühlsames Bild von Japans Gesellschaft vor dem Zweiten Weltkrieg», befand Till Brockmann in der NZZ.
Winter 1899 in den französischen Alpen: Die junge Lehrerin Aimée gelangt zu Fuss in einen abgelegenen, von obskurantistischen Ideen und archaischen Bräuchen geprägten Weiler, wo sie die wenigen Kinder unterrichten soll. Von den Männern und den alten Frauen, deren okzitanischen Dialekt sie nicht versteht, wird sie mit Misstrauen beäugt. Dies nicht nur, weil sie fremd ist, sondern auch, weil sie die einzige junge Frau ist. Denn alle jüngeren Bewohnerinnen verdingen sich während der kalten Jahreszeit im Tal als Dienstmägde und kehren erst im Frühjahr zurück. Allmählich ergreift Aimée eine unerklärliche sinnliche Verwirrung … Louise Hémons erstaunlicher, visuell berückender Erstling spielt mit dem Gegensatz vom gleissenden Weiss des Schnees und dem extremen Chiaroscuro der düsteren Innenräume und erinnert an Gemälde alter Meister. Atmosphärisch glänzt er mit permanenter Spannung zwischen Enge und Bedrohung. Seine Weltpremiere feierte «L’Engloutie» 2025 am Festival von Cannes, kurz darauf lief er am «Neuchâtel International Fantastic Film Festival» – ein idealer Ort für ein von Kritiker:innen als «folkloristisch angehauchter Horror» bezeichnetes Werk, bei dem sowohl der deutsche Verleihtitel («Das Mädchen im Schnee») als auch die wörtliche Übersetzung («Die Verschlungene») viel Raum für mysteriös-abseitige Assoziationen lassen.
Frisch aus dem Gefängnis entlassen, wo er fünfzehn Jahre wegen eines Raubüberfalls einsass, gilt Ankers erster Besuch seinem Bruder Manfred, der damals die Beute vergraben sollte. Doch Manfred leidet seit seiner Kindheit an einer dissoziativen Identitätsstörung, hält sich mittlerweile für John Lennon und kann sich an nichts mehr erinnern. Um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, kommt Anker schliesslich auf die zündende Idee, mithilfe weiterer Psychiatriepatienten die «Beatles» wieder zusammenzuführen … Mit einem grandios aufspielenden Mads Mikkelsen als Manfred/John gelingt Regisseur Anders Thomas Jensen eine herrlich schwarzhumorige Komödie um Identitätspolitik und verdrängte Traumata – eine Psychotherapie der besonderen Art voller skurriler Figuren und irrwitziger Wendungen. Mia Pflüger schreibt auf Kino-Zeit: «Was auf dem Papier nach Parodie klingt, entfaltet auf der Leinwand eine unerwartete Schlüssigkeit. Jensen nutzt das Absurde als Prisma, in dem sich die Genres brechen: Er zwingt uns, über Situationen zu lachen, die wir normalerweise für tragisch halten würden, und konfrontiert uns im nächsten Moment mit dem Schmerz, der hinter diesen Pointen steckt. (…) Skandinavische Komödien haben seit Langem ein Gespür für Tonbrüche: absurde Prämissen, gespielt mit tödlichem Ernst, Lachen als Überlebensstrategie angesichts von Trauma.»
Neuenburger Jura, 1943: Die 15-jährige Emma lebt mit ihrem Vater und ihren zwei kleinen Schwestern in einem Dorf nahe der französischen Grenze. Sie arbeitet als Haushaltshilfe im Haus des protestantischen Pfarrers und hat dank dessen Gattin den sogenannten Tugendpreis erhalten, mit dem sie sich eine Ausbildung zur Krankenschwester finanzieren möchte. Ihre Zukunftspläne enden jäh, als ein Fotoreporter, der eine Reportage über die Zurückweisung von Flüchtlingen an der Grenze machen will, sie vergewaltigt und schwängert. Emma weigert sich, ihr Leben von den Zwängen einer bigotten und repressiven Gesellschaft bestimmen zu lassen, und sucht nach einem Ausweg … Die Regisseurin Marie-Elsa Sgualdo nennt ihr Spielfilmdebüt, das 2025 am Filmfestival Venedig seine Weltpremiere feierte, «einen Liebesbrief an die Frauen meiner Familie – und an unzählige andere –, die unsichtbare Kämpfe um Selbstbestimmung geführt haben». Beeindruckend auch die Ausdruckskraft ihrer erst 19-jährigen Hauptdarstellerin Lila Gueneau, die es meisterhaft versteht, die Emotionen ihrer Figur mit kleinsten Gesten zu vermitteln. Mit «Silent Rebellion» hat Sgualdo einen Film geschaffen, der unangestrengt und ohne Pathos ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte mit einer feministischen Ermächtigungsgeschichte vereint und den Schweizer Film um eine starke Frauenfigur bereichert.
Ist das Coronavirus von Tieren auf Menschen übergesprungen oder stammt es aus einem Labor in Wuhan? Nicht mehr und nicht weniger als eine Antwort auf diese Frage zu geben, beansprucht der vielfach preisgekrönte Regisseur Christian Frei mit seinem neuen Film. Die mit «Fledermäuse, Politik und ein aus dem Gleichgewicht geratener Planet» untertitelte Dokumentation fokussiert auf drei Wissenschaftler:innen: Linfa Wang, Fledermausforscher aus Singapur, Zhengli Shi, Virologin aus Wuhan, sowie Peter Daszak, Zoologe aus New York. Seit 2003 forscht das Trio über den Ursprung von SARS, den sie schliesslich in einer Fledermaushöhle in China lokalisierten. Bereits 2005 warnten sie, dass ein neuartiges Coronavirus jederzeit auf den Menschen überspringen könnte. Der mit rarem Archivmaterial und sensationellen Aufnahmen riesiger Fledermausschwärme aufwartende Film liefert spannende Hintergrundinformationen über die eindrücklichen Qualifikationen des Trios und erzählt ganz aus dessen Perspektive. Pascal Blum schreibt im Tages-Anzeiger: «Christian Frei geht nahe ran und lässt die drei von ihrem Leben vor und nach der Pandemie erzählen. Man zweifelt keine Sekunde daran, dass sie nichts mit einem entwichenen Virus zu tun haben – und doch schliessen heute auch Fachleute einen Laborursprung nicht mehr so kategorisch aus, wie sie dies noch am Anfang taten.»
Japan in den 1950er-Jahren: Um in der Nähe ihrer Mutter zu sein, die im Krankenhaus liegt, ziehen Mei und Satsuki mit ihrem Vater aufs Land. Für die Schwestern gibt es dort viel zu entdecken: Im Haus stossen sie auf lustige Russmännchen, im Fluss auf glitzernde Fische. Am meisten fasziniert sind sie jedoch von einem riesigen Waldwesen mit kuscheligem grauem Fell und Hasenohren. Totoro nennen sie das phlegmatische Pelztier, das nicht sprechen kann und nur für Kinder sichtbar ist. Für die Mädchen beginnt eine aufregende Zeit voller Abenteuer und neuer Freundschaften … «My Neighbor Totoro» ist einer der bekanntesten Animes, der japanische Kinderfilmklassiker schlechthin – ein Must-See, betörend und voller Zauber. In Japan wurde Totoro, der wie eine Mischung aus einer Eule und einer grossen Katze aussieht, zu einer Kultfigur und einem beliebten Plüschtier – und zum Markenzeichen für Studio Ghibli. Das IFC Center in New York schreibt: «Den Film durchzieht eine beinah spirituelle Sicht auf die Kraft der Natur (in Anlehnung an den Schinto-Glauben, jedes Objekt in der Natur habe eine Seele). Alles um uns herum, von den sonnenbeschienenen Baumgruppen bis zu den wunderbaren Wolken, ist ein Abbild der Dichte und Üppigkeit des Lebens. (…) Dem Zuschauer bleibt eine Ahnung von Wunder über die Schönheit, Rätselhaftigkeit und Kostbarkeit der Welt um uns herum.»
Kalkutta, 1948. Teresa ist Oberin im Konvent der Loretoschwestern. Seit über zehn Jahren wartet sie auf die päpstliche Erlaubnis, ihre eigene Ordensgemeinschaft zu gründen, um – dem Ruf Gottes folgend – den Ärmsten der Armen zu helfen. Schwester Agnieszka, mit der sie freundschaftlich verbunden ist, soll ihre Nachfolge antreten. Als alles geregelt scheint, gerät Teresa durch eine unerwartete Eröffnung Agnieszkas in einen schwerwiegenden Konflikt zwischen ihren strengen Glaubensprinzipien und menschlicher Anteilnahme. Diesen Zwiespalt inszeniert Regisseurin Teona Strugar Mitevska («God Exists, Her Name Is Petrunya») mit eigenwilliger Kamera, einem rockigen Soundtrack und der herausragenden Noomi Rapace («Millennium-Trilogie») als umstrittene Kultfigur. Aurore Engelein schreibt auf Cineuropa: «Vergessen Sie von vornherein alle Attribute, die üblicherweise mit der Figur der Heiligen in Verbindung gebracht werden. Teresa ist in erster Linie eine Frau, tapfer, willensstark, eigensinnig, liebevoll, hart, lebhaft, mehr von ihrem Ehrgeiz als von ihrem Glauben getrieben. Es ist keine Überraschung, dass die Filmemacherin, die sich gerne als glühende Bilderstürmerin zeigt, am Image der populären Heiligen rüttelt und sie dabei zu einer modernen Punk-Ikone macht, die in ihrer Kraft und Entschlossenheit aber zeitlos ist.»
Der Schuljunge Mahito muss miterleben, wie seine Mutter im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff auf Tokio ums Leben kommt. Ein Jahr später zieht er mit seinem Vater, der die jüngere Schwester der Mutter geheiratet hat, aufs Land. Obwohl diese den Jungen liebevoll aufnimmt, hat Mahito Schwierigkeiten, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Er trauert noch immer um seine Mutter, fühlt sich verloren, streift umher und entdeckt im Wald einen rätselhaften Turm. Ein Graureiher kommt immer wieder zu ihm, klopft an die Fenster und spricht Mahito schliesslich an: Er solle mitkommen, seine Mutter brauche ihn … «The Boy and the Heron» ist Hayao Miyazakis letzter und sein wohl persönlichster Film. Fast zehn Jahre lang hat er daran gearbeitet; eigene Jugenderlebnisse sowie der japanische Klassiker How Do You Live? von Genzaburō Yoshino sind in das Werk eingeflossen. Luis Martínez schreibt in El Mundo: «Alles scheint in diesem Film verwirrend und ist tatsächlich von einer unverständlichen Klarheit, die überwältigt. ‹The Boy and the Heron› ist ein ungemein schöner Film, so schön, dass es weh tut. Miyazaki fasst hier einen guten Teil seiner Ideologie zusammen und es scheint, als stünden wir vor einem anarchischen, schmerzhaften und glücklichen Vademecum seines Kinos und seines Lebens.»
Irak in der Endphase von Saddam Husseins Diktatur: Die neunjährige Lamia lebt mit ihrer Grossmutter Bibi in einer Hütte in den Sümpfen des Südiraks. Da der Geburtstag von Saddam Hussein bevorsteht, müssen die Schulkinder nicht nur die üblichen martialischen Durchhalteparolen und Lobgedichte auf den Diktator intonieren, sondern auch an einer bizarren Verlosung teilnehmen. Jedes Kind muss ein Los ziehen, auf dem steht, was es für die öffentlichen Feierlichkeiten anlässlich des Geburtstags des Diktators mitbringen soll. Während es sich dabei meist um einfache Dinge wie Obst oder Blumen handelt, steht Lamia vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Sie soll einen Kuchen backen. Doch in Saddams heruntergewirtschaftetem Reich sind selbst einfachste Zutaten entweder nicht oder nur zu horrenden Preisen erhältlich. Zusammen mit ihrem Schulkameraden Saeed begibt sich Lamia auf eine so wahnwitzige wie surreal anmutende Odyssee auf der Suche nach Eiern, Mehl, Zucker und anderen Kostbarkeiten … Basierend auf seinen Kindheitserinnerungen, an Originalschauplätzen gedreht und von einem grossartigen Kinderduo getragen, schafft der irakische Regisseur Hasan Hadi in seinem Erstling ein Feuerwerk tragikomischer Momente. In Cannes wurde der Film in der Quinzaine des Réalisateurs mit dem Publikumspreis und der Caméra d’Or für das beste Debüt ausgezeichnet.
Nach einem Studium in Seoul lebt die 23-jährige Soo-Ha wieder in ihrem Heimatstädtchen Sokcho, einem im Winter recht verschlafenen Küstenort im Norden Südkoreas. Ihr Alltag ist von Routinen geprägt. Sie arbeitet in einer kleinen Pension, besucht regelmässig ihre Mutter – eine Fischhändlerin und Fugu-Spezialistin –, liebt ihren Freund. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Er war Franzose und verschwand, noch bevor sie geboren wurde. Als der renommierte französische Comic-Künstler Yan Kerrand auf der Suche nach Inspiration in die Pension eincheckt, weckt seine Anwesenheit in Soo-Ha lange verdrängte Fragen nach Herkunft, Identität und Zugehörigkeit. Zwischen der jungen Frau und dem spröden Fremden entsteht eine fragile, von Zurückhaltung geprägte Nähe, in der sich Sehnsucht und Projektionen überlagern. In seinem sensiblen Spielfilmdebüt erkundet der französisch-japanische Regisseur Koya Kamura die ihm selbst vertraute Herausforderung, zwischen multikulturellen Wurzeln eine individuelle Identität zu finden, und zeichnet ein leise berührendes Porträt von Verletzlichkeit und dem Gefühl des Dazwischenseins. «Hiver à Sokcho» basiert auf dem gleichnamigen, international gefeierten Debütroman der Schweizer Schriftstellerin französisch-koreanischer Herkunft Elisa Shua Dusapin, der 2016 unter anderem mit dem Robert-Walser-Preis ausgezeichnet wurde.
Nach sechsjähriger Pause meldet sich Kultregisseur Jim Jarmusch mit drei Geschichten über verschiedene Spielarten familiärer Entfremdung zurück. In «Father» besuchen zwei Geschwister ihren Vater, der seit dem Tod der Mutter allein in seinem abgelegenen Haus im Nordwesten der USA lebt. Die drei finden kaum Gesprächsstoff und spielen sich etwas vor. Ähnlich ergeht es zwei ungleichen Schwestern in «Mother» beim jährlichen Nachmittagstee bei ihrer Mutter in Dublin. Die Zwillinge in «Brother Sister» haben ihre Eltern bei einem Flugzeugunglück verloren. In deren leerer Pariser Wohnung realisieren sie plötzlich, wie wenig sie eigentlich über ihre Eltern wissen. Jim Jarmusch, ein Meister des Episodenfilms, erzählt gewohnt lakonisch und gespickt mit feinem Wortwitz und Situationskomik. Getragen von einem umwerfenden Starensemble wurde der Film 2025 an den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Magdalena Miedl schreibt auf ORF Topos: «Im Kern steckt hier eine verheissungsvolle, verbotene Wahrheit: In den Winkeln der Lügengebäude, die Eltern und Kinder zwischen einander errichten, lauern Familienlegenden, da lauert der Übermut, womöglich der Wahnsinn oder eine glitzernde Wunderwelt – und jede Generation darf ihr Geheimnis bewahren.»
Am 27. Mai 1989 brannte das legendäre Grandhotel Waldhaus Vulpera komplett nieder. Der Verdacht auf Brandstiftung bestätigte sich schnell, doch die Täterschaft konnte bis heute nicht ermittelt werden. Der ehemalige Direktor Rolf Zollinger hat das Waldhaus erfolgreich durch manche Krise geführt und fühlt sich dem einst imposanten Gebäude aus der Belle Époque – einem der letzten Zeugen aus der Blütezeit der Schweizer Hotellerie – immer noch tief verbunden. Zur Aufklärung wurde damals auch eine Hellseherin hinzugezogen, die die Brandstiftung als Racheakt am Hoteldirektor deutete. Die mysteriöse Geschichte lässt Rolf Zollinger bis heute nicht los. Zusammen mit Peter Lang, einem ehemaligen Major der Graubündner Kantonspolizei, rollt er den Fall neu auf. Regisseur Roman Vital begleitet die beiden bei ihren Recherchen, die zu neuen Erkenntnissen führen. Roman Vital sagt dazu: «Was damals geschah, ist längst mehr als ein ungelöster Kriminalfall. Der Verlust des Hotels war ein persönlicher Schicksalsschlag für den damaligen Direktor und für die ganze Region – das Grandhotel wurde zur Projektionsfläche für Schuldzuweisungen, Mythen und Legenden. Die Vergangenheit lässt sich nicht eindimensional erzählen, und so ist die Suche nach der Wahrheit ein schmerzhafter, aber notwendiger Prozess für ein ehrliches Miteinander.»
Im späten 16. Jahrhundert verliebt sich der junge Lateinlehrer und angehende Bühnenautor William Shakespeare in die geheimnisvolle, erdverbundene Agnes. Trotz der Vorbehalte seiner Familie heiratet das Paar und wird bald mit drei Kindern gesegnet. Doch als ihr Sohn Hamnet im Alter von elf Jahren an der Pest stirbt, droht die überwältigende Trauer ihre grosse Liebe zu ersticken. In tiefer Verzweiflung beginnt William mit dem Schreiben von Hamlet … Basierend auf Maggie O’Farrells gefeiertem Roman verwandelt Chloé Zhao die Legende vom tragischen Verlust, der Shakespeare zu einem seiner bedeutendsten Werke inspiriert haben soll, in ein universelles Gleichnis über das Menschsein. In den Hauptrollen überwältigen die hinreissende Jessie Buckley, die für ihre intensive Darstellung der Agnes bereits mit zahlreichen Preisen bedacht wurde und nun mit einem Oscar flirtet, und Paul Mescal, der schon in «Aftersun» und «All of Us Strangers» seine aussergewöhnliche Begabung für innere Zerrissenheit bewiesen hat. Mia Pflüger schwärmt auf Kino-Zeit: «‹Hamnet› ist kein Historiendrama im klassischen Sinn, sondern eine meditative Erfahrung über Liebe, Vergänglichkeit und die schöpferische Kraft des Erinnerns. (…) Die Chemie zwischen beiden ist umwerfend: nicht in der Art eines romantischen Dramas, sondern in der Tiefe einer gemeinsamen Seelenbewegung.»
Gaza-Stadt, 29. Januar 2024: Die fünfjährige Hind Rajab sitzt mit ihrem Onkel, ihrer Tante und deren drei Kindern in einem Auto, das sie vor den Kämpfen in Sicherheit bringen soll. Während der Fahrt wird das Auto beschossen, die Erwachsenen und zwei der Kinder sind sofort tot. Nur die 15-jährige Layan und Hind Rajab überleben. Layan ruft die Einsatzzentrale des palästinensischen Roten Halbmonds im über 100 Kilometer entfernten Ramallah an, bittet um Hilfe und erklärt, dass sich neben dem Auto ein Panzer befinde, aus dem geschossen werde. Noch während des Gesprächs wird auch sie von einem Schuss getötet, worauf Hind Rajab das Telefon ergreift und dreieinhalb Stunden lang mit der Einsatzzentrale in Verbindung bleibt. Die Mitarbeiter:innen versuchen verzweifelt, das verängstigte Kind zu beruhigen, und versprechen, schnellstmöglich zu Hilfe zu kommen … Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania («Les Filles d’Olfa») integriert in ihr kammerspielartiges Dokudrama, das ausschliesslich in der Einsatzzentrale spielt, 70 Minuten der Originalaufnahmen dieses schockierenden Tondokuments eines israelischen Kriegsverbrechens. Unterstützt von einem herausragenden Ensemble schafft sie einen der erschütterndsten Filme des Jahres 2025.
«Building Bastille» dokumentiert die unglaubliche Baugeschichte der Opéra Bastille in Paris, eines der architektonischen Grossprojekte des damaligen sozialistischen Staatspräsidenten François Mitterrand. Im März 1982 wurde, auch um die alte Opéra Garnier zu entlasten, der Bau einer neuen «Oper für das Volk» beschlossen. Überraschend erhielt der Entwurf des damals völlig unbekannten Carlos Ott – ein Architekt kanadisch-uruguayischer Herkunft, der noch nie etwas gebaut hatte – den Zuschlag. Die Jury hatte in einem anonymen Wettbewerbsverfahren Otts Projekt für den Entwurf des renommierten amerikanischen Architekten Richard Meier gehalten. Der kanadische Regisseur Leif Kaldor kombiniert in seinem Dokumentarfilm aktuelles Filmmaterial mit Archivbildern und Originalaufnahmen im 16mm-Format und lässt Carlos Ott, seine Mitarbeiter:innen sowie den damaligen französischen Kulturminister Jack Lang zu Wort kommen. Die politische Gegnerschaft zwischen François Mitterrand und Jacques Chirac, der 1986 Premierminister wurde, spielt dabei eine wichtige Rolle. Trotz der Spannungen während der fünfjährigen Bauzeit – Chirac drohte, die Finanzierung zu entziehen und die Bauarbeiten abzubrechen – wurde die Opéra Bastille dank der Entschlossenheit von Carlos Ott und seinem Team termingerecht zum 200-jährigen Jubiläum der Französischen Revolution im Jahr 1989 fertiggestellt.
In Zusammenarbeit mit dem Architektur Forum Ostschweiz.
Zürich, 1956. Die Werbetexterin und dreifache Mutter Emmi Creola-Maag ist für die Promotion einer Speiseölfirma zuständig. Bei ihrem Chef, einem alten Patriarchen, beklagt sie sich einmal: «Andere dürfen ganze Konzepte schreiben, ich aber immer nur Inserate.» Von seiner Antwort, «Du musst dir halt vielleicht auch mal eine Krawatte umbinden», lässt sie sich nicht entmutigen, sondern überrascht ihn mit einem Konzept, das ihn nach anfänglichen Vorbehalten überzeugt: Eine fiktive Werbefigur soll dabei helfen, nicht nur Speisefette besser zu vermarkten, sondern diese auch mit «gelingleichten», neuartigen Rezepten begleiten. Der Name der Figur: Betty Bossi. Die Schweizerinnen sind begeistert, doch der Erfolg hat seine Tücken. Er ruft die Missgunst der Kollegen hervor und verdoppelt die Arbeitslast der liebevollen Mutter und Ehefrau. Angelehnt an das Leben der realen Emmi Creola-Maag (1912–2006) taucht «Hallo Betty» mit exquisiten Dekors in die 1950er-Jahre ein. Mit einer grossartigen Sarah Spale in der Hauptrolle vermittelt Pierre Monnards Film eindrücklich und oft auch humorvoll, welche Widerstände eine Frau überwinden und welche Kompromisse sie eingehen musste, wenn sie sich in einer männerdominierten Welt nicht mit einer untergeordneten Stellung begnügen, sondern ihr eigenes Ding machen wollte. Damals wie heute nicht ganz einfach.
Im Botanischen Garten von Marburg steht ein fast 30 Meter hoher, rund 200 Jahre alter Ginkgobaum. Er ist Titelheld sowie Dreh- und Angelpunkt im Leben dreier Menschen zu unterschiedlichen Epochen: 2020 sitzt der Hongkonger Hirnforscher Tony wegen der Pandemie in Marburg fest. Der virtuelle Austausch mit einer französischen Botanikerin inspiriert ihn zu einem ungewöhnlichen Experiment am uralten Baum; 1908 wird die hochbegabte Grete als erste Frau an der Universität aufgenommen und entdeckt verborgene Muster des Universums; 1972 erfährt der schüchterne Student Hannes eine innere Wandlung dank der Beobachtung einer Geranie. Formal kühn – die drei Geschichten sind in 35mm-, in grobkörnigem 16mm- und in glasklarem digitalem Format gefilmt – und mit hervorragenden Darsteller:innen wie Tony Leung Chiu-Wai, Luna Wedler und Léa Seydoux erzählt die ungarische Meisterregisseurin Ildikó Enyedi von den Mysterien unseres Planeten und deren Verbindungen zu den Menschen. In ähnlich traumwandlerischer Sicherheit wie in ihrem Berlinale-Gewinner «On Body and Soul» erschafft sie auch hier eine Hymne an den Einklang von Mensch und Natur, die in ihrer zauberhaften Bildsprache ihresgleichen sucht. Maria Wiesner schreibt in der FAZ: «Bei Ildikó Enyedi sind Poesie, Vernunft und Wissensdrang so fest ineinander verflochten, dass es fast zu schön ist, um wahr zu sein.»
Der Familienvater Man-su arbeitet seit vielen Jahren im mittleren Management einer südkoreanischen Papierfabrik. Doch Papier ist immer weniger gefragt, die Fabrik wird umstrukturiert und Man-su verliert seinen Job. Der soziale Abstieg beginnt, denn seine Bewerbungsgespräche für eine neue Stelle bleiben glücklos – zu viele Konkurrenten überschwemmen den Arbeitsmarkt. Aber vielleicht könnte man ja etwas dagegen tun … Basierend auf dem 1997 erschienenen Kriminalroman The Ax des US-Autors Donald E. Westlake entfesselt der südkoreanische Meisterregisseur Park Chan-wook einen schwarzhumorigen Rachethriller voller verrückter, bisweilen slapstickartiger Abschweifungen, in deren Zentrum ätzende Kapitalismuskritik steht. Bereits 2005 hatte Costa Gavras das Buch unter dem Titel «Le Couperet» verfilmt. Park Chan-wook widmet seine Adaption nun explizit dem französisch-griechischen Altmeister, dessen Ehefrau Michèle Ray-Gavras und Sohn Alexandre Gavras als europäische Co-Produzent:innen zeichnen. «No Other Choice» feierte seine Premiere 2025 am Filmfestival von Venedig und landete im Dezember auf der 15 Titel umfassenden Shortlist für den Auslands-Oscar. Robbie Collin schreibt in The Telegraph: «‹No Other Choice› ist hoch spannend, absurd, verzweifelt und albern zugleich: Selten wurde so viel Widersprüchliches so erfolgreich umgesetzt.»
Ein Krieg hat die Erde in ein wüstes Ödland verwandelt, auf dem nur noch wenige Zivilisationen existieren. Fast die gesamte Erdoberfläche ist von einem giftigen Pilzwald bedeckt. Eine der letzten fruchtbaren Oasen ist das «Tal der Winde», wo Prinzessin Nausicaä mit ihrem Volk lebt. Sie besitzt die seltene Gabe, die Gefühle und Gedanken der Tiere zu verstehen. Während alle in Angst vor dem Pilzwald und seinen seltsamen Bewohnern, den Rieseninsekten, leben, sucht Nausicaä den Kontakt zu dieser fremdartigen Natur. Als das Tal der Winde von einer Grossmacht angegriffen wird, ist Nausicaä die letzte Hoffnung ihres Volkes. Im Kampf um dessen Befreiung und für eine friedliche Koexistenz zwischen Mensch und Natur wird sie zur Botschafterin einer alten Prophezeiung. «Nausicaä of the Valley of the Wind», Miyazakis erste Umsetzung eines eigenen Mangas, brilliert nicht nur durch seine erstklassige Animation, sondern weist auch bereits alle Zutaten seiner späteren Werke auf: kein simples Gut-Böse-Schema, komplexe Figuren, überraschende Wendungen, fantastische Szenerien und liebevolle Details. Mehr als vierzig Jahre nach seiner Entstehung verblüfft der Anime durch seinen visuellen Reichtum, seine engagierte ökologische Botschaft und vermag dabei auch noch glänzend zu unterhalten.
Die 17-jährige Fatima wächst als jüngste von drei Töchtern in einer liebevollen algerischen Einwandererfamilie in der Pariser Banlieue auf. Ihr Alltag ist vom muslimischen Glauben geprägt. Doch es fällt ihr zunehmend schwer zu verbergen, dass ihr Herz für Frauen schlägt. Als sie ein Philosophiestudium in Paris beginnt, eröffnet sich ihr eine völlig neue Welt. Sie findet Anschluss an die queere Szene, schliesst enge Freundschaften und verliebt sich leidenschaftlich in die Krankenschwester Ji-Na. Hin- und hergerissen zwischen Familientradition, Glauben und ihrem Wunsch nach Freiheit, muss sie ihren eigenen Weg finden. Mit der Verfilmung des gefeierten autobiografischen Debütromans von Fatima Daas gelingt Regisseurin Hafsia Herzi das vibrierende Porträt einer jungen Frau auf der Suche nach sich selbst. Mit grosser Sensibilität, aber ohne Scheu vor Tabubrüchen, verwebt sie soziale Spannungen, tradierte Überzeugungen und erwachende Sehnsüchte zu einem Werk, das von The Hollywood Reporter als «Instantklassiker des Queer Cinema» gefeiert und in Cannes mit der Queer Palm sowie dem Preis für die beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. «In der Hauptrolle liefert Nadia Melliti einen Auftritt, der einem den Atem stocken lässt. Was für eine Entdeckung, was für ein Gesicht, welch eine intensive Ausstrahlung!», schwärmt Thomas Schultze auf The Spot.
Algier, 1938. «Ich habe einen Araber getötet», erklärt Meursault, ein introvertierter junger Franzose, seinen Zellengenossen auf die Frage nach seinem Haftgrund. Wie es dazu kam, erfahren wir in langen Rückblenden. Vom Tod seiner Mutter, der ihn ebenso emotionslos lässt, wie seine Liaison mit der hübschen Marie, die er am Tag nach der Beerdigung eingeht. Auch der gewalttätigen Natur seines Nachbarn Raymond, die ihn schliesslich zu der schicksalhaften Tat bringt, und dem anschliessenden Gerichtsprozess begegnet er völlig ungerührt … Mit Albert Camus’ L’Étranger hat François Ozon ein Hauptwerk des Existenzialismus und einen der berühmtesten Romane der Weltliteratur neu verfilmt und setzt mit exquisiten Schwarz-Weiss-Bildern der Gleichgültigkeit seines Protagonisten eine reizvolle Spannung entgegen. «Ozon ist das Kunststück geglückt, einen beseelten Film über eine vermeintlich seelenlose Figur zu drehen», schwärmt Andreas Köhnemann auf Kino-Zeit. Anders als Luchino Visconti in seiner Adaption von 1967 setzt Ozon das Geschehen von Beginn an in den historischen Kontext der Kolonialherrschaft und erweitert damit die radikal subjektive Perspektive der literarischen Vorlage. Ben Croll lobt auf TheWrap: «Eines der überzeugendsten Werke von Ozon und eine der seltenen Literaturverfilmungen, die die literarische Vorlage ehrt, indem sie daraus Neues schöpft.»
Die 19-jährige Lili verbringt die Sommerferien mit ihrer Tante und deren Sohn in einem Luxushotel in Sils Maria, als sie von ihrer Mutter ein Telegramm erhält: Ihr vermögender Vater hat sein ganzes Geld verspielt und braucht umgehend 30’000 Franken, ansonsten muss er ins Gefängnis. Lili soll den im Hotel anwesenden Dorsday, einen alten Freund der Familie, bitten, die Summe zur Verfügung zu stellen … Etwas mehr als ein Jahr nach seiner dokumentarischen Godard-Hommage «Say God Bye» zeigt sich der ungemein produktive Thomas Imbach erneut als einer der vielseitigsten Schweizer Regisseure, der immer wieder für Überraschungen gut ist: «Nacktgeld» ist sowohl Neuinterpretation eines genau hundert Jahre alten literarischen Stoffes – Arthur Schnitzlers Novelle Fräulein Else – als auch ein gänzlich als Virtual Production mit 3D-Projektionen im Studio realisiertes Drama, das die neuesten technischen Möglichkeiten ausschöpft. Arabella Wintermayr schreibt auf Kino-Zeit: «Gerade in seiner Beschränkung entfaltet ‹Nacktgeld› eine enorme Sogwirkung, und Thomas Imbach gelingt das Kunststück, Schnitzlers moralisches Tableau nicht einfach nachzustellen, sondern in einen nachwirkenden Bild-Essay über Schuld, Scham und den Preis weiblicher Autonomie zu verwandeln.»
Die ehemalige ivorische Journalistin Marie lebt als Pastorin in Tunis. In ihrem Haus betreibt sie eine Untergrundkirche und steht ihrer Community mit Rat und Tat zur Seite. Zwei weitere Ivorerinnen haben Unterschlupf bei ihr gefunden: die Wirtschaftsstudentin Jolie und die Überlebenskünstlerin Naney, die sich mit kleinen illegalen Geschäften über Wasser hält. Vervollständigt wird die Schicksalsgemeinschaft durch ein kleines Waisenmädchen, das einen Schiffbruch im Mittelmeer überlebt hat. Im angespannten Klima Tunesiens ist der Alltag der vier Frauen von täglicher Diskriminierung geprägt. Obwohl sie den Anfeindungen mit Gelassenheit und Solidarität begegnen, werden ihre unterschiedlichen Zielsetzungen unter dem zunehmenden Druck von aussen immer deutlicher. Der tunesische Präsident Kais Saied hat 2023 offen Rassismus gegen Migrant:innen aus dem subsaharischen Afrika proklamiert; Polizeigewalt, Übergriffe und Prekarisierung waren die Folge. Vor diesem Hintergrund spielt der neue, bildstarke Spielfilm der tunesischen Regisseurin Erige Sehiri («Under the Fig Trees»), der letztes Jahr in Cannes die Sektion Un Certain Regard eröffnete. In «Promis le ciel» wirft Sehiri einen ungeschönten Blick auf die politischen Realitäten ihres Landes und das Schicksal von Frauen, insbesondere von Migrantinnen auf dem eigenen Kontinent.
Nachdem seine Ranch durch einen Waldbrand vollständig zerstört wurde, muss der zurückhaltende Cowboy Dusty in einen provisorischen Wohnwagenpark ziehen. Im Kreis der Leidensgenoss:innen, die wie er alles verloren haben, fühlt sich der scheue Einzelgänger zunächst fremd. Doch dann erlebt er, wie Solidarität und Gemeinschaftsgeist neuen Lebensmut beflügeln können – und kommt auch seiner kleinen Tochter Callie-Rose wieder näher, die bei seiner Ex-Frau Ruby lebt und ihn nun regelmässig besucht. Inspiriert von Ereignissen aus seiner Familie gelingt Max Walker-Silverman ein überwältigend zärtliches Drama, das weniger von Verlust als vielmehr von Resilienz, Gemeinschaft und Neuanfang erzählt. In der Hauptrolle raubt einem der aufstrebende britische Schauspieler Josh O’Connor mit einer magnetischen Performance den Atem. Brian Tallerico schwärmt auf RogerEbert.com: «‹Rebuilding› ist ein nuanciertes, charaktergetriebenes Drama über einen Mann, der fast wie ein Geist wirkt und versucht, wieder zu seiner menschlichen Gestalt zurückzufinden. Es ist kein Spoiler zu sagen, dass er es schaffen wird. Das steht schon im Titel. Aber wie dieser Mann einen Weg findet, das nächste Kapitel seines Lebens aufzuschlagen, ist Stoff für grosses Kino, eine wahre Empathie-Maschine, die auf einer schauspielerischen Leistung basiert, über die ich das ganze Jahr sprechen werde.»
Der Dokumentarfilm rollt den heute noch empörenden Fall von Lydia Welti-Escher auf, Tochter des Eisenbahnpioniers, Unternehmers und Politikers Alfred Escher. Als sie ihren Ehemann, Bundesratssohn Friedrich Emil Welti, verlassen wollte, um mit dem bildenden Künstler Karl Stauffer-Bern ein neues Leben zu beginnen, wurde sie von ihrem Gatten in ein Irrenhaus in Rom eingewiesen. Bundesrat Welti machte seinen ganzen Einfluss geltend, um die Familienehre zu wahren und sich Lydia Weltis grosses Vermögen zu sichern. Stefan Jungs mit eleganter Zurückhaltung in Szene gesetztes Kinodebüt basiert auf den sechs Gesprächen, die zwei Ärzte mit Lydia Welti in der Klinik führten. So erfahren die Zuschauer:innen die Geschehnisse ganz aus ihrer Sicht. Ihre Stimme wird durch drei Expert:innen ergänzt – darunter die renommierte Historikerin Caroline Arni, die die rigiden Ehr- und Moralvorstellungen der damaligen Zeit kontextualisiert und Lydia Weltis Verhalten einfühlsam kommentiert. Umrahmt von betörenden Bildern alter italienischer Palazzi, Kliniken und Gärten, entsteht das bewegende Porträt einer klugen und aufrichtigen Frau, deren Kampf um ein selbstbestimmtes Leben mit aller Macht verhindert wurde. Dass sie eine der vermögendsten und einflussreichsten Frauen der Schweiz war, war ihr keinerlei Hilfe.
Das Mädchen Sheeta ist im Besitz eines magischen Kristalls, der den Weg nach Laputa weist, einem sagenumwobenen, schwebenden Himmelsschloss. Dort soll es unvorstellbaren Reichtum und eine geheimnisvolle Technologie geben, mit der sich die Welt beherrschen lässt. Sowohl eine Bande von Himmelspiraten als auch die Armee und ein Regierungsagent namens Muska machen Jagd auf den Kristall. Auf der Flucht vor ihren Verfolgern trifft Sheeta auf den Jungen Pazu, der seinen Vater im Schloss zu finden hofft. Auf ihrer abenteuerlichen Reise müssen die beiden ihren Mut unter Beweis stellen … «Castle in the Sky», der erste vom damals neu gegründeten Studio Ghibli produzierte Film, macht Anleihen bei Gulliver’s Travels von Jonathan Swift und Geschichten von Jules Verne. Die hinreissende Abenteuergeschichte offenbart Hayao Miyazakis Lebensklugheit, seinen überbordenden Einfallsreichtum und sein visuelles sowie erzählerisches Genie. Auf Molodeszhnaja steht zu lesen: «Was für ein Juwel. Hayao Miyazakis Meisterwerk ‹Castle in the Sky› ist nicht nur sein bester Film (ja, besser als der geniale ‹Spirited Away›), sondern einer der besten animierten Filme aller Zeiten. Fulminant animiert, voller Action, Romantik, Herz und Verstand – ein Film, wie er nicht alle Tage gemacht wird. (…) Ein berauschendes Fest der Fantasie, der Freundschaft und der Schönheit. Herr Miyazaki, ich verbeuge mich vor Ihnen.»
In einer Zeit, als die Götter in Tiergestalt auf der Erde lebten, haben sich Menschen in der Eisenstadt am Rande eines Waldes angesiedelt. Ihre Herrscherin Eboshi will den Wald roden lassen, um an Rohstoffe zu gelangen. Als die Menschen den Gott des Waldes töten, kommt es zwischen ihnen und den Tieren zum Kampf. Angeführt werden sie von der geheimnisvollen San, die von der Wolfsgöttin Moro aufgezogen und zu Prinzessin Mononoke wurde. Bei seinem Erscheinen im Jahr 1997 wurde das vielschichtige Öko-Märchen, das Jung und Alt in seinen Bann zieht, in Japan zum erfolgreichsten einheimischen Film. Auch in der Schweiz, wo der Film erst drei Jahre später als einer der ersten nicht von den Disney Studios stammenden Animationsfilme in die Kinos kam, erzielte «Princess Mononoke» einen Überraschungserfolg. Erstmals wurde ein grösseres Publikum auf die hochstehende japanische Animationsfilmkunst aufmerksam. Heute gilt er als Meilenstein des Animationsfilms und ist dank seiner Themen unverändert aktuell. Till Brockmann schrieb damals in der NZZ: «Die Einsicht in die Sinnlosigkeit blinder Feindschaft und der Ruf nach friedlichem Zusammenleben von Mensch und Natur: Diese Botschaft gelingt Hayao Miyazaki dank der Komplexität der Figuren, die sich geschickt der Einteilung in ein einfaches Gut-und-Böse-Schema entziehen.»
Hoch über dem Urnersee, nahe beim Rütli, liegt das idyllische Seelisberg. 1972 nahm der indische Guru Maharishi Mahesh Yogi (1918–2008) das Dorf samt zwei geschichtsträchtigen Grandhotels für sich und seine als Sekte verschriene Bewegung in Beschlag. Die Einheimischen liefen Sturm und baten sogar den Bundesrat um Hilfe gegen die «feindliche Invasion». Vergeblich. Seelisberg wurde zum Hauptquartier der Transzendentalen Meditationsbewegung (TM), die durch prominente Anhänger:innen wie die Beatles weltweit bekannt wurde. Bald sprach die ganze Schweiz von Seelisberg als dem «Dorf der fliegenden Yogis». In sieben Kapiteln rollt der Film das Geschehen auf, präsentiert seltenes Archivmaterial und zahlreiche Zeitzeug:innen – darunter eine Gemeindepräsidentin, Sektenexperten sowie Exponent:innen aus dem innersten Zirkel der TM. Regisseur Felice Zenoni wurde mit Werken wie «Fedier – Urner Farbenvirtuose» oder «Danioth – der Teufelsmaler» zu Uris filmischem Chronisten. Mit «Namaste Seelisberg», in dem er die heute weitgehend vergessene Geschichte eines Culture Clashs im Herzen der Schweiz erzählt, schlägt er einen Bogen zur Gegenwart: «Maharishi musste ständig mit neuen Ideen und Aktionen Aufmerksamkeit erregen, um seine Anhänger bei Laune zu halten. Da lassen sich Parallelen zu heutigen Influencern, Welterklärern und Netz-Coaches ziehen.»
Während einer Reise landen die zehnjährige Chihiro und ihre Eltern in einem verlassenen Vergnügungspark, der sich als Hort der Schinto-Götter und Dämonen entpuppt. Als die Eltern hungrig von den Speisen kosten, die an einem verwaisten Stand angeboten werden, verwandeln sie sich in Schweine. Um sie zu retten, verdingt sich Chihiro auf Rat des Jungen Haku als Hilfskraft in einem gigantischen Badehaus, wo sich erschöpfte Schinto-Götter und Geister von ihren strapaziösen Ausflügen in die Menschenwelt erholen. Herrin des Badehauses ist die Hexe Yubaba, die auch die Zauberwelt Aburaya beherrscht. Für Chihiro beginnt eine Reise, auf der sie ungeahnten Mut, Willenskraft und Ausdauer beweisen muss … Mit seinem überbordenden Ideenreichtum, seiner Fülle an fantastischen Märchenwesen, der Komplexität seiner Figuren und seinem Vermögen, vielschichtige Gefühlswelten zum Ausdruck zu bringen, wurde «Spirited Away» von der internationalen Kritik geradezu euphorisch gefeiert. An der Berlinale 2002, wo der Film mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, riss er Publikum und Kritik zu Begeisterungsstürmen hin. 2003 wurde er zudem mit einem Oscar ausgezeichnet. Er gilt als einer der besten und erfolgreichsten Animationsfilme der Geschichte. «Spirited Away» ist eine Parabel auf die westliche Welt, deren Materialismus und Egoismus von der Heldin Chihiro herausgefordert werden.
Sie gilt als die Königin unter den Bäumen: die Eiche. Ein 210 Jahre altes Prachtexemplar am Ufer eines malerischen Sees in Frankreich ist Schauplatz dieser spektakulären Naturdokumentation. Der Film zeigt im Verlauf der vier Jahreszeiten, wie spannend und vielfältig das Leben im Umfeld einer Eiche ist und was für ein vielfältiges Ökosystem ein solcher Baum in sich birgt. Die Eiche gewährt Dutzenden von Tieren Unterschlupf, dient als Substrat für Moose und Pilze, ist Nahrungsquelle für Insekten und Feldmäuse und Lebensraum für brütende Vögel. Sie wirkt wie ein Mietshaus der Natur, in dem die Bewohner:innen – grosse und kleine Tiere, Insekten und Säugetiere – miteinander leben. Es gibt tierische Konzerte, dramatische Naturkatastrophen und fesselnde Verfolgungsjagden. Der Film verzichtet auf einen Begleitkommentar, führt aber mit einer ausgefeilten Tonspur, einer dramaturgisch geschickten Montage sowie beeindruckenden Bildern eine überraschend lebendige und lebhafte Welt vor Augen.
Die Mitgliedschaft für die Zauberlaterne kann an der Kinokasse gelöst werden. Ausführliche Informationen finden Sie unter www.lanterne-magique.org/de/clubs/st-gallen/