FENSTER ZUR FILMWELT: VIELFALT, KUNST UND BEGEGNUNGEN IM KINOK.
Öffnungszeiten
Tickets und Reservation
Online reservieren
Normal: CHF 17.-
Mitglieder: CHF 12.-
Montagskino: CHF 12.-
Schüler:innen, Lernende, Studierende bis 26 Jahre: CHF 13.-
Kinder bis 12 Jahre: CHF 10.-
IV-Bezüger:innen: CHF 12.-
KulturLegi-Inhaber:innen: CHF 7.-
Mittwochnachmittagskino: CHF 12.- für AHV-Bezüger:innen
Freier Eintritt für Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene (Ausweis N/F/S)
Helen ist Dozentin an einem College in Cambridge und liebäugelt mit einer Stelle an einem Institut im Ausland, als ihr geliebter Vater unerwartet stirbt. Der preisgekrönte Fotograf Alisdair Macdonald hatte seiner Tochter die Liebe zur Natur vermittelt. Sein plötzlicher Tod stürzt Helen in grosse Trauer. Um sich ihm nahe zu fühlen, beschliesst sie, sich einen Habicht zuzulegen – im Wissen, dass diese prächtigen Raubvögel äusserst schwer zu zähmen sind. Zunehmend verliert sie sich in der Herausforderung, das Vertrauen ihres Habichtweibchens zu gewinnen, das sie Mabel nennt. Zur Sorge ihrer Familie und ihrer Freundin vernachlässigt sie ihren Beruf und zieht sich immer mehr zurück. Basierend auf Helen Macdonalds autobiografischem Bestseller H Is for Hawk (deutsch: H wie Habicht) erzählt die Kinoadaption von Trauer, Depression und der einzigartigen Beziehung zwischen Mensch und Tier. Mit brillanten Tieraufnahmen gelingt der britischen Regisseurin Philippa Lowthorpe ein bewegendes, hervorragend gespieltes Drama. Oliver Kube schreibt auf Filmstarts: «Claire Foy ist grossartig als emotional aus der Bahn geworfene Professorin. Die wunderbar raue Natur Ostenglands und ein mehr als eigenwilliger Raubvogel helfen ihr dabei, uns schnell in die wahre (!) Geschichte dieser aussergewöhnlichen Frau hineinzuziehen.»
Anlässlich des 100. Geburtstags der mythenumrankten Autorin am 25. Juni sind nicht nur neue Biografien, Erinnerungen und Essays erschienen, sondern auch ein Dokumentarfilm. Für ihre Annäherung an Leben und Werk einer der grössten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts hat Regina Schilling Archivschätze gehoben und mit inszenierten Szenen, die Ingeborg Bachmann durch einen imaginären Tag in Rom begleiten, zu einem kunstvollen Dokumentarfilm verwoben. Sandra Hüller beginnt diesen Tag auf der Veranda eines eleganten Apartments, das an Bachmanns letzte Wohnung erinnert. Der Film ruft zentrale Lebensstationen der Autorin ins Gedächtnis: ihre prägende Kriegsjugend in Klagenfurt, ihren glanzvollen Aufstieg zur gefeierten Lyrikerin, die das Spiegel-Cover zierte, bis zu ihren letzten Tagen in Rom. Zur Sprache kommen ihre komplizierten Beziehungen zu dem Lyriker und Holocaust-Überlebenden Paul Celan, dem Komponisten Hans Werner Henze sowie dem Schweizer Autor Max Frisch, mit dem sie in Rom zusammenlebte. Immer wieder ist die Autorin selbst zu sehen und zu hören – in Lesungen und Interviews, die wertvolle Einblicke geben in ihr unnachgiebiges Ringen im Spannungsfeld zwischen öffentlichem Ruhm und existenziellen Krisen sowie um eine eigene, radikale Sprache.
Ein Regisseur (Ferzan Özpetek) versammelt seine Lieblingsschauspielerinnen bei sich zu Hause zum Essen, um sein neues Filmprojekt mit ihnen zu besprechen. Daraus entsteht die Geschichte der beiden Schwestern Albertina und Gabriella, die im Rom der 1970er-Jahre in den Räumen einer Villa eine Kostümschneiderei betreiben, die vorwiegend für Filmproduktionen arbeitet. Für ihr nächstes Projekt, einen im 18. Jahrhundert angesiedelten Ausstattungsfilm, arbeiten sie mit der oscarprämierten Kostümbildnerin Bianca Vega zusammen. Die Zeit drängt und allen ist klar, dass die anspruchsvolle Aufgabe nur mit vereinten Kräften bewältigt werden kann. Dabei müssen die Näherinnen nicht nur mit der Komplexität des Auftrags und dem Führungsstil ihrer Chefinnen klarkommen, sondern auch mit ihren privaten Problemen. «Diamanti» ist der bisher erfolgreichste Film des türkisch-italienischen Filmemachers Ferzan Özpetek. In der opulenten Hommage an die Kraft weiblicher Solidarität und die erzählerische Kraft des Kostüms vermischen sich Realität und Fiktion. Joachim Kurz schreibt auf Kino-Zeit: «Ferzan Özpetek huldigt in seinem neuesten Werk dem Melodram, den ganz grossen Gefühlen, und wirft zugleich einen sehnsüchtigen Blick zurück auf das (Film-)Handwerk, welches es in der Form heutzutage nicht mehr gibt. (…) Elegant und voller Herzenswärme inszeniert.»
Dem jungen polnischen Ingenieur Jan Bojarski gelingt während des Zweiten Weltkriegs die Flucht nach Frankreich. Unter der deutschen Besatzung entdeckt er sein Talent zur Fälschung von Papieren. Nach dem Krieg will er seine diversen Erfindungen patentieren lassen, doch ohne Registrierung beim Einwohneramt bleibt ihm dies verwehrt. So sieht er sich gezwungen, schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs anzunehmen – bis ihn ein zwielichtiger Zeitgenosse für die Herstellung von Falschgeld anwirbt. Fortan führt er ein geheimes Doppelleben, von dem auch seine Familie nichts ahnt. Als plötzlich eine Flut von Falschgeld in Umlauf kommt, gerät Bojarski ins Visier von Inspektor Mattéi, worauf ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel beginnt … Mit einem grossartigen Cast rund um die französischen Schauspielstars Reda Kateb, Sara Giraudeau und Bastien Bouillon sowie einer perfekt authentischen Ausstattung im Stil des Film noir der 1950er-Jahre verwebt Jean-Paul Salomé nach «La Syndicaliste» erneut einen realen Stoff zu einem packenden Drama: Es ist die mitreissende Geschichte von Czesław Bojarski (1912–2003), einem der brillantesten Geldfälscher des 20. Jahrhunderts. Stéphanie Belpêche schreibt in Le Journal du Dimanche: «Reda Kateb verkörpert diesen faszinierenden Antihelden mit Charisma und Eleganz, der allein durch Blicke und Schweigen alles auszudrücken vermag.»
Die beiden mittellosen Fünfzigjährigen Carlobianchi und Doriano sind Freunde, die sich so optimistisch wie listig durch alkoholgetränkte Tage manövrieren. Stets mit dem Ziel, noch ein letztes Glas zu trinken. Eigentlich sind sie zum Flughafen unterwegs, um ihren alten Freund Genio abzuholen, der lange in Argentinien gelebt hat. Eilig haben sie es jedoch nicht. Als sie bei einer Studentenfeier auf den schüchternen Architekturstudenten Giulio treffen, nehmen die kontaktfreudigen Saufkumpane ihn unter ihre Fittiche. Giulio will eigentlich nur nach Hause, um für eine Prüfung zu büffeln, doch ihrer Hartnäckigkeit entkommt er nicht. Auf ihrem Roadtrip durch Venetien erlebt das ungleiche Trio kuriose Zufallsbegegnungen und abenteuerliche Momente. Die bittersüsse Komödie «Le città di pianura» war in Italien ein Publikumshit und gewann dieses Jahr sechs David-di-Donatello-Preise, darunter für den besten Film und die beste Regie. Francesca Nobili schreibt auf CineFacts, Francesco Sossai habe «einen der interessantesten italienischen Filme des Jahres inszeniert. Die Reflexion über das heutige Venetien, über eine Provinz im Wandel, spricht direkt die Gegenwart an. Einsamkeit und urbane oder halbländliche Entfremdung treten deutlich zutage und geben Orten und Menschen eine Stimme, die vom Mainstream-Kino oft vergessen werden.»
Als im Sommer 2020 die Arbeit an seinem Film «Misty – The Eroll Garner Story» wegen Corona stockte, erhielt Georges Gachot die Anfrage, eine Probenwoche des Jugendsinfonieorchesters Aargau im Künstlerhaus Alte Kirche Boswil filmisch zu begleiten. Spontan sagte er zu und begann, ohne Vorbereitungen und fixe Vorstellungen zu drehen. Begleitet wurde er nur von seinem langjährigen Tonmeister Balthasar Jucker. Herausgekommen ist ein Film, der die unglaubliche Konzentration und Hingabe der jungen Instrumentalist:innen – alles Amateur:innen – visuell und akustisch hervorragend vermittelt. Dabei erhalten die Jugendlichen viel Raum. Während einige nur musikalisch eloquent sind, beeindrucken andere darüber hinaus auch durch ihre verbalen Fertigkeiten. Mit dem charismatischen Dirigenten Hugo Bollschweiler und dem ungemein witzigen Pianisten Iiro Rantala aus Finnland sind zwei erwachsene Musikerpersönlichkeiten mit von der Partie, deren Enthusiasmus ansteckend wirkt. Bei der Weltpremiere an einem frühen Sonntagvormittag der diesjährigen Solothurner Filmtage wurde «Unisono» mit Standing Ovations gefeiert. Über die Dreharbeiten sagt Georges Gachot: «In meiner Karriere habe ich schon über ein Dutzend Musikfilme realisiert. Aber noch nie habe ich so eine Stimmung erlebt wie bei dieser Probenwoche.»
Vor drei Jahren ist Clémence aus ihrer bürgerlichen Ehe ausgebrochen und hat ihren Job als Anwältin an den Nagel gehängt, um sich neu zu erfinden. Sie schreibt an ihrem Romandebüt und geht in ihrem neuentdeckten Begehren für Frauen auf. Mit ihrem Noch-Ehemann Laurent teilt sie sich freundschaftlich im Wochenwechsel die Fürsorge für ihren achtjährigen Sohn Paul. Doch als Laurent von ihren Liebschaften erfährt, reagiert er in seiner gekränkten Eitelkeit und Eifersucht mit nachtragender Vehemenz. Unter dem Vorwand, ihr neuer Lebensstil gefährde das Kindeswohl, beantragt er das alleinige Sorgerecht. Für Clémence beginnt ein jahrelanger, zermürbender Kampf um ihren Sohn, aber auch um ihre sexuelle und intellektuelle Selbstbestimmung. Mit einer grossartigen Vicky Krieps in der Hauptrolle gelingt Regisseurin Anna Cazenave Cambet eine bewegende Verfilmung des gefeierten, autofiktionalen Romans der Pariser Autorin Constance Debré. Markus Solty schreibt auf Film-Rezensionen: «‹Love Me Tender› erzählt kein klassisches Gerichtsdrama, sondern ist ein stilles, präzise beobachtetes Protokoll institutioneller Gewalt. Der Film interessiert sich weniger für spektakuläre Konfrontationen als für die langsame Erosion einer Frau durch bürokratische Verfahren, psychologische Begutachtungen und den permanenten Verdacht, der ihrer Lebensweise entgegengebracht wird.»
Der weibliche Körper ist im Laufe des Lebens mehrmals starken hormonellen Veränderungen unterworfen. Wenn Frauen in die Fünfziger kommen, leiden viele an Hitzewallungen, Schlafstörungen, Gedächtnisproblemen und Erschöpfungszuständen. Rund ein Drittel entwickelt so massive Probleme, dass ihr Arbeits- und Sozialleben davon stark beeinträchtigt ist. Der Gang zu Ärzt:innen bringt meist wenig, da es über die Menopause kaum Erkenntnisse gibt, obwohl die Hälfte der Weltbevölkerung davon betroffen ist. Die Regisseurin Louise Unmack Kjeldsen nimmt ihre eigene Krise zum Anlass für eine persönliche und wissenschaftliche Reise in das tabuisierte Thema. Sie spricht mit Frauen, für die die Menopause keine blosse hormonelle Veränderung ist, sondern eine existenzielle Verschiebung – körperlich, psychisch, sozial. Und sie reist zu führenden Wissenschaftlerinnen, die Symptome der Wechseljahre mit einem dreifach höheren Alzheimer-Risiko, Depressionen oder einer hohen Selbstmordrate in Zusammenhang bringen. Generationen von Frauen haben still gelitten; erst allmählich werden die gravierenden gesundheitlichen Auswirkungen deutlich. «Mein neues altes Ich» ist ein wichtiger, erhellender Film, der die Menopause in ein neues Licht rückt, Frauen Mut macht und zeigt, wie dringlich es ist, darüber zu sprechen und mehr Forschung zu Frauengesundheit einzufordern.
Ein Tessiner Dorf im Frühsommer 1977: Mario, der 16-jährige Sohn eines Tankwarts und einer Hausfrau, geht im nahen Locarno aufs Gymnasium. Als er bei einer entscheidenden Prüfung versagt, schickt ihn der gestrenge Vater zu einem Bergbauern ins Maggiatal. Hier soll er lernen, was Arbeiten heisst. Zwar beobachten die Bergler:innen den «Becaària» («Faulpelz» im Tessiner Bergdialekt) zunächst voller Misstrauen, doch die Familie von Bauer Belotti, wo Mario wohnt, erweist sich als erstaunlich weltoffen. Und dann ist da auch noch deren schöne Tochter Prisca … Detailverliebt und von einem souverän agierenden Schauspielensemble getragen, hat der Tessiner Regisseur Erik Bernasconi («Sinestesia») den 2011 erschienenen gleichnamigen Roman seines Landsmannes Giorgio Genetelli verfilmt und das Lebensgefühl einer analogen Zeit realer menschlicher Begegnungen in idealer Weise auf die Leinwand gezaubert. Gedreht im Sommer 2024 unter schwierigen Bedingungen im oberen Maggiatal, ist der Film explizit den Opfern der damaligen Unwetterkatastrophe gewidmet. Bei der Weltpremiere an den diesjährigen Solothurner Filmtagen holte «Becaària» den Publikumspreis. Brigitte Häring schwärmt auf SRF: «Ein in warmen, sanften Farbtönen gefilmtes Werk mit einem zugänglichen, sympathischen Hauptdarsteller, das sofort die Herzen des Publikums gewann.»
Selma und Nori freuen sich auf ihr erstes gemeinsames Kind und eine Zukunft als Familie. Doch eines Morgens findet Nori sich – ohne jegliche Erinnerung – verwirrt und verletzt in einem Park wieder, während Selma eine Fehlgeburt erleidet. Diese beiden Vorfälle stellen ihre Beziehung auf eine harte Probe: Selma zieht sich immer mehr in ihren Schmerz zurück, während Nori von seinen bruchstückhaft auftauchenden, verstörenden Erinnerungen eingeholt wird. Zwischen den beiden scheint sich eine endgültige Entfremdung anzubahnen … Lisa Blatter erzählt in ihrem zweiten Spielfilm von der Schwierigkeit, Gefühle zu kommunizieren. «Es gibt so viel Unausgesprochenes», sagt die Regisseurin. «Selma möchte das Erlebte teilen, Nori möchte Selma vor dem Erlebten bewahren.» Der einfühlsame Film wird von Carla Juri und Dashmir Ristemi getragen. Die 41-jährige Tessinerin («Feuchtgebiete», «Paula») kann auf eine steile Karriere zurückblicken; einen bleibenden Eindruck hinterliess sie als «Erinnerungsingenieurin» Ana in «Blade Runner 2049». Dashmir Ristemi spielte bereits in Lisa Blatters Debüt «Skizzen von Lou». «Von dem, was bleibt» feierte Weltpremiere am Zurich Film Festival 2025, das in seiner Programmankündigung lobte: «Raffiniert erzählt, schafft Lisa Blatter vor der urbanen Kulisse Zürichs ein feines Drama, das das Unausgesprochene in Beziehungen sichtbar macht.»
Im grössten Flüchtlingslager der Welt, in Bangladesch in der Cox’s Bazar Region am Golf von Bengalen, leben rund eine Million Rohingya. Seit Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2021 sind sie in verschiedenen Flüchtlingswellen aus Myanmar geflohen. Die neunjährige Shomira und ihr vierjähriger Bruder Shofik möchten dem elenden Lager entkommen. So werden sie von ihrem Grossvater und einer Tante nachts auf ein Boot gebracht, das sie nach Malaysia bringen soll. Dort lebt ihr Onkel, der den beiden ein besseres Leben ermöglichen könnte. Auf dem Boot ganz auf sich allein gestellt, erreichen sie nach einer achttägigen, gefährlichen Reise schliesslich Land – doch es ist nicht Malaysia, sondern ein Dschungelgebiet in Thailand … Der japanische Regisseur Akio Fujimoto realisierte bereits mehrere Dokumentar- und Spielfilme über Flüchtlinge in Südostasien. In seinem dritten Spielfilm setzt er ganz auf die Ausdruckskraft eines ausschliesslich mit Laien besetzten Schauspielensembles. Es ist der erste Film, der in der Sprache der Rohingya gedreht wurde. Mit einem dokumentarischen Ansatz, frei von Überdramatisierung und getragen von der meisterlichen Kamera von Yoshio Kitagawa, der durch Ryūsuke Hamaguchis «Evil Does Not Exist» bekannt wurde, schafft er es, bildstark an die weitgehend vergessene Tragödie der Rohingya zu erinnern.
Beirut, heute: Nino führt sein eigenes Restaurant, in dem der liebenswürdige Chaot mit seinem besten Freund innovative Gerichte auf den Teller zaubert. Er ist ein unerschütterlicher Optimist, dessen Einstellung zum Leben aus dem frühen Verlust seiner Eltern entstanden ist. Yasmina hingegen blickt desillusionierter auf eine Realität, die von politischen, wirtschaftlichen und privaten Krisen bestimmt wird. Die vielbeschäftigte Regierungsberaterin steht kurz davor, nach Europa auszuwandern. Als das Schicksal die beiden Kindheitsfreund:innen wieder aufeinandertreffen lässt, ist es schnell um sie geschehen, und Yasmina wirft ihre Pläne über Bord. Doch was als wunderbare Fügung beginnt, wird schon bald von der unsicheren Lebensrealität im Libanon eingeholt: Wie plant man eine stabile Zukunft an einem Ort, dessen Gegenwart ständig ins Wanken gerät? Mit Charme, Humor, emotionaler Tiefe und einer mitreissenden visuellen Energie erzählt Cyril Aris über drei Jahrzehnte hinweg die Geschichte einer grossen Liebe, die zum Spiegel eines Landes zwischen Hoffnung und Ernüchterung wird. Bei seiner Weltpremiere am Filmfestival von Venedig mit dem Publikumspreis ausgezeichnet, gelingt ihm eine so melancholische wie lebensbejahende Hommage an Beirut und die Kraft der Liebe – und den Mut, trotz aller Unsicherheiten an sie zu glauben.
Der junge Mexikaner Fernando ist ein begabter Balletttänzer und träumt von einer Karriere in den USA. Nach einer ersten Abschiebung gelingt ihm erneut die Einreise – zusammengepfercht mit Dutzenden anderen Migrant:innen in einem Container. In San Francisco angekommen, sucht er umgehend die luxuriöse Wohnung von Jennifer auf, die sich sichtlich über seine Rückkehr freut. Die elegante Frau ist Erbin eines millionenschweren Familienunternehmens und leitet eine Kulturstiftung. Regisseur Michel Franco, der mit Jessica Chastain bereits in «Memory» eine toxische Beziehungsgeschichte erzählt hat, seziert in klug konstruierten, fragmentarischen Szenen ein ausbeuterisches Machtgefälle: hier die privilegierte, erfolgreiche Jennifer mit ihrer gönnerhaften Überheblichkeit, dort der illegal eingereiste Fernando, der auf Selbstbestimmung und Anerkennung pocht. Bei Michel Franco verdichtet sich ihre spannungsreiche, erotische Affäre zu «einer schonungslosen Abrechnung mit der amerikanischen Migrationspolitik und den gesellschaftlichen Denkmustern, die damit verbunden sind», schreibt Janick Nolting auf Filmstarts. Arabella Wintermayr bilanziert in der taz: «Im Schatten von Trumps zweiter Amtszeit besticht ‹Dreams› letztlich nicht nur als präzises Beziehungsdrama, sondern auch durch seine beklemmende Aktualität.»
«In der Ehe heisst es: In guten wie in schlechten Zeiten. Ich glaube, ich bin jetzt im ‹schlechten› Teil angelangt, und das geschah so leise, dass ich es nicht einmal bemerkt habe.» – «Blue Moon» erzählt die Geschichte des legendären Songtexters Lorenz Hart (Blue Moon, My Funny Valentine), dessen berufliches und privates Leben während der Premierenfeier für das Musical Oklahoma! ins Wanken gerät, mit dem sein langjähriger künstlerischer Partner, der Komponist Richard Rodgers, erstmals ohne ihn einen grossen Erfolg feiert. Über 100 Minuten in Echtzeit schildert Richard Linklater die Ereignisse in der Bar Sardi’s am Abend des 31. März 1943, wo eine Vielzahl von Schriftsteller:innen, Schauspieler:innen, Musiker:innen und Protegé(e)s auftreten – eine Parade der Berühmten und derer, die es werden wollen. Mit einem umwerfenden Ethan Hawke in der oscarnominierten Hauptrolle gelingt Linklater eine äusserst unterhaltsame Betrachtung über Freundschaft, Kunst und Liebe. Anlässlich der Weltpremiere auf der Berlinale schwärmte Jonathan Romney im Guardian: «Ein wunderschön inszeniertes Kammerstück, unverhohlen theatralisch, witzig, pikant und ergreifend. Hawkes Hart ist abwechselnd manisch, selbstmitleidig und triumphierend witzig. Er liefert eine raffinierte, überzeugende Tour de Force, die den Broadway alter Schule auf den roten Teppich in Berlin brachte.»
Die heute 82-jährige Germaine Acogny zählt zu den wichtigsten künstlerischen Stimmen Afrikas und gilt als «Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes». In der von ihr entwickelten «Acogny-Technik» verbindet sie traditionelle westafrikanische Tänze mit europäischen Einflüssen und begeistert damit die Welt. Nach einer Ausbildung in klassischem Tanz in Paris war sie die erste künstlerische Leiterin des wegweisenden Tanzinstituts «Mudra Afrique», das von Maurice Béjart und dem ersten Präsidenten des unabhängigen Senegal, Léopold Sédar Senghor, gegründet wurde. Seit den späten 1990er-Jahren unterrichtet sie an ihrer Schule «École des Sables» im Senegal Tanzbegeisterte aus ganz Afrika und der Diaspora. Die fesselnde Dokumentation von Greta-Marie Becker – durch ihr Studium ebenfalls engagiert in interkulturellen und dekolonialen Geschlechterdiskursen – verknüpft Archivaufnahmen legendärer Choreografien Acognys mit aktuellen Aufnahmen mitreissender Workshops mit jungen Tänzer:innen ihrer «École des Sables». Silvia Hallensleben schreibt für epd Film: «Das Bewegungskonzept von Germaine Acogny gründet auf kraftvollem Kontakt zur Erde und der bewegten Wirbelsäule als ‹Schlange des Lebens›. (…) Zugleich ist es praktische Kritik am kolonial und patriarchal geprägten Blick.»
Mathias bricht mit seinem besten Freund Philippe und seinem stoischen Foxterrier Lucky zu einer Velotour auf, die sie von La Rochelle bis nach Istanbul führen soll. Sie folgen der Route, die Mathias’ tragisch verstorbener Sohn Youri einige Jahre zuvor zurückgelegt hat. Was als leise Trauerbewältigung beginnt, entwickelt sich zu einem überraschend heiteren Abenteuer voller unerwarteter Begegnungen. Dokumentarfilm? Spielfilm? «À bicyclette!» ist eine zutiefst persönliche Arbeit, in der der Schauspieler Mathias Mlekuz in Form eines fiktionalisierten Roadmovies den Tod seines Sohnes verarbeitet. An der Seite von Philippe Rebbot spielt er nicht nur die Hauptrolle, gemeinsam haben sie auch das Drehbuch verfasst. Die Geschichte einer nachgetragenen Liebe und einer anrührenden Männerfreundschaft, die «mühelos zwischen feiner Situationskomik und Ernst, Melancholie und tröstlicher Freude balanciert» (Votivkino), hat das Publikum in Frankreich und der Romandie begeistert. Für Le Figaro war es «Liebe auf den ersten Blick», und Le Parisien schwärmte: «Dieser Film feiert die Liebe zum Leben, selbst in seinen schmerzhaftesten Momenten. Mit diesen beiden Männern könnte man sich sofort anfreunden. Jeder kann sich glücklich schätzen, den anderen an seiner Seite zu wissen. Und wir können uns glücklich schätzen, ihnen auf der grossen Leinwand zu begegnen.»
Johan Otto von Spreckelsen? Das Erstaunen ist gross, als Präsident Mitterrand im Mai 1983 den Gewinner des Architekturwettbewerbs und dessen Siegerprojekt «La Grande Arche» für das im Grossraum Paris gelegene Geschäftsviertel La Défense bekannt gibt. Niemand kennt den 54-jährigen dänischen Architekten und Universitätsprofessor, der bis dahin gerade mal vier Kirchen und sein eigenes Wohnhaus gebaut hat. «La Grande Arche», eine Art moderner Triumphbogen, bildet den vorläufigen Endpunkt der historischen Sichtachse durch den Westen von Paris. Spreckelsens Ideen stossen jedoch schnell an die Grenzen einer komplexen Realität: bautechnische Probleme, Finanzierung und nicht zuletzt die Unberechenbarkeit der Politik. Stéphane Demoustiers fünfter Spielfilm basiert auf dem Doku-Roman La Grande Arche von Laurence Cossé und erzählt vom dramatischen Kampf um die Realisierung eines ikonischen Bauwerks und von dessen ebenso visionären wie kompromisslosen Architekten. Der Film ist mit Claes Bang («The Square»), Sidse Babett Knudsen, Xavier Dolan und Swann Arlaud erstklassig besetzt. Die Redaktion von Voici lobt: «Ein Blick hinter die Kulissen des Baus der ‹Grande Arche› fesselt, die politischen Debatten regen zum Nachdenken an und der tragische Protagonist berührt: ein Wurf!»
Der 13-jährige John ist ein aufgeweckter, beliebter Junge und ein vielversprechendes Ass im Tor, als sich bei ihm die ersten Symptome des Tourette-Syndroms bemerkbar machen. In den frühen 1980er-Jahren ist die Krankheit noch weitgehend unbekannt. Seine nervösen Ticks und verbalen Entgleisungen stossen in seinem Umfeld statt auf Verständnis auf Spott, Bestrafung und Ausgrenzung. Sein Leben wird zu einem einzigen Spiessrutenlauf – bis er mit Mitte zwanzig in der Mutter eines Freundes einen rettenden Engel findet. Die an Krebs erkrankte ehemalige Psychiatriekrankenschwester ist fest entschlossen, in der ihr verbleibenden Zeit dem jungen Mann zu helfen … Basierend auf der gleichnamigen Autobiografie des britischen Tourette-Aktivisten John Davidson, der für sein Engagement 2019 von der Queen in den Order of the British Empire aufgenommen wurde, gelingt Regisseur Kirk Jones ein hinreissend warmherziges und berührendes Biopic. Stefan Volk schwärmt im Filmdienst: «Du bist okay, so wie du bist! Selten hat ein Film diese kitschig-schöne Botschaft so überzeugend, glaubwürdig und unpathetisch transportiert. (…) Mit einem überwältigenden Ensemble rund um den herausragenden Robert Aramayo als erwachsener John entwickelt sich dieser nervenaufreibende, tragikomisch verstörende Film zu einem der schönsten, lustigsten und ermutigendsten Wohlfühlfilme seit ‹Harold and Maude›.»
Hoch oben in den Anden wächst Clara in einer indigenen Quechua-Gemeinschaft auf. Als Ziehtochter von Ana, der letzten traditionellen Hebamme in der Region, soll sie einmal ihre Nachfolge antreten. Schon heute begleitet sie Ana zu Hausgeburten und lernt die alten Rituale ihres Volkes. Mit ihrer aussergewöhnlichen Stimme übernimmt sie die überlieferten Gesänge, die neues Leben auf seinem Weg in die Welt begleiten. Doch während Clara tief in den Traditionen ihrer Gemeinschaft verwurzelt ist, wächst in ihr zugleich die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Über ein altes Radio dringen die Klänge der Chicha-Musik aus der Stadt bis in die Berge und wecken in ihr den Wunsch nach Freiheit und einer Zukunft als Sängerin. Gleichzeitig gerät die Welt ihres Dorfes unter Druck: Ärzt:innen aus der Stadt werben für Geburten in modernen Kliniken und stellen das über Generationen weitergegebene Wissen der Hebammen infrage. Zwischen Verantwortung und Selbstverwirklichung, Herkunft und Aufbruch muss Clara ihren eigenen Weg finden. Mit grosser Sensibilität und in überwältigenden Bildern erzählt Álvaro Olmos Torrico von einer Gemeinschaft im Wandel. Vor der majestätischen Kulisse der Anden entfaltet sich ein bewegendes Drama über Identität, Tradition und den Mut, der eigenen Stimme zu folgen – ohne die Verbindung zu den eigenen Wurzeln zu verlieren.
Marie-Lou leitet in Paris ein Pflegeheim für Menschen mit Demenz. Mit viel Engagement führt sie eine neue Pflegemethode ein. Diese zeigt erste Erfolge, stellt das Pflegeteam jedoch vor grosse Herausforderungen, weshalb das Projekt auch auf Kritik stösst. Eines Tages lernt Marie-Lou die Japanerin Mari kennen und besucht eine Aufführung ihres Theaterstücks. Aufgewühlt von den darin zur Sprache kommenden Themen fühlt sie sich der krebskranken Regisseurin zutiefst verbunden. Die beiden verbringen eine Nacht mit intensiven Gesprächen. Über die innige Verbindung zweier Frauen, die trotz unterschiedlicher Lebensrealitäten ähnliche Fragen nach Würde, Fürsorge und Vergänglichkeit beschäftigen, entwickelt Regisseur Ryūsuke Hamaguchi («Drive My Car») einen intensiven Dialogfilm von grosser Sogkraft. Der vom Briefwechsel zwischen der Philosophin Makiko Miyano und der Anthropologin Maho Isono inspirierte Film berührt mit seinem lebensbejahenden Kern sowie den in Cannes preisgekrönten Hauptdarstellerinnen. «Nach 3 Stunden und 15 Minuten kommt man ganz leichtfüssig und voller Hoffnung aus dem Kino», lobt Filmstarts. Auch die WOZ ist begeistert: «Hamaguchi greift eines der zentralen Themen unserer Zeit auf: unseren Umgang mit Menschen, die ‹nicht mehr bei Verstand› sind. Er macht daraus ein berührendes Drama über Empathie und menschliche Fragilität.»
Die Lehrerin Fred steht familiär wie beruflich vor einem Scherbenhaufen: Ihr Mann hat sie verlassen, ihre Tochter kapselt sich ab und von ihrer Schule wurde sie suspendiert. Um diese Krise zu überbrücken, bewirbt sie sich bei einem in Frankreich als «marche de rupture» bezeichneten Resozialisierungsprogramm. Auf einer längeren Wanderung, meist entlang des Jakobswegs, sollen Menschen in Krisensituationen individuell begleitet werden, um – weit weg von ihrer gewohnten Umgebung – neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Als Fred die Stelle bekommt, wird ihr der 17-jährige Delinquent Adam als Begleiter zugeteilt. Auf der gemeinsamen Pilgerreise sind beide gezwungen, sich ihren inneren Konflikten zu stellen. So wächst zwischen ihnen eine Verbundenheit, getragen von gegenseitigem Verständnis und Respekt. Regisseur Yann Samuell erzählt in «Compostelle» von zwei Fremden, die auf dem Jakobsweg nicht nur zueinander, sondern auch zu sich selbst finden. Eingebettet in grandiose Landschaften – vor allem im französischen Teil des Jakobswegs – entwickelt sich eine bewegende Geschichte um Neuorientierung, Loslassen und die Kraft des Zusammenhalts. Die Redaktion von Diverto schreibt: «Mit Humor und Herz tragen Alexandra Lamy und Julien Le Berre diesen Film, der sich von den Erlebnissen junger Menschen inspirieren liess, die solche Wanderungen unternommen haben.»
Paris, 1928. Der Schausteller Titus nutzt die mittellose Suzanne als Jahrmarktattraktion «Vénus électrique» aus. Männer dürfen sie auf der Bühne küssen, während Strom durch ihren Körper fliesst. So sollen sie den Kitzel der Liebe verspüren. Eines Tages lernt Suzanne den unglücklichen Maler Antoine kennen, der seit dem Tod seiner Frau Irène nicht mehr malt – sehr zum Ärger seines Galeristen Armand. Suzanne schafft es, Antoine zu überzeugen, dass sie als Medium mit Irène Kontakt aufnehmen könne. Der Betrug funktioniert, weil Suzanne auch Armand kennenlernt, der einiges über die Tote weiss. Antoine beginnt wieder zu malen und vertraut Suzanne so sehr, dass er sie zu sich nach Hause einlädt. Als sie dort Irènes Tagebuch findet, verliebt sie sich in Antoine und wird zum Sprachrohr ihrer verstorbenen Rivalin … Pierre Salvadoris amüsantes Lustspiel eröffnete das diesjährige Filmfestival in Cannes. Laurent Cambon schreibt auf aVoir-aLire: «Der Reiz des Films besteht darin, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Pierre Salvadori erschafft ein charmantes Universum, in dem die Realität mit dem Schwindel verschmilzt.» Und RTS lobt: «Als eine Art romantische Tragikomödie, die von Täuschungen, Heuchelei und Illusionen geprägt ist, besticht ‹La Vénus électrique› von Anfang an durch seine so virtuose wie fesselnde Handlungsführung.»
Die ehrgeizige Bodybuilderin Jackie ist unterwegs nach Las Vegas, wo sie an einem Wettbewerb teilnehmen will. In einer Kleinstadt in New Mexico lernt sie die Fitnessstudio-Managerin Lou kennen. Die beiden ungleichen Frauen verlieben sich leidenschaftlich ineinander – und setzen damit eine Gewaltspirale in Gang. Denn Gewalt hat in Lous Familie Tradition: Ihr Vater ist durch illegalen Waffenhandel reich geworden und ihr Schwager JJ verprügelt regelmässig ihre Schwester Beth. Als diese im Krankenhaus landet, beschliesst Jackie, JJ zur Rechenschaft zu ziehen … In einem explosiven Mix aus queerer Love-Story und tarantinoeskem Revenge-Thriller inszeniert die gefeierte britische Regisseurin Rose Glass ein klassisches Midnight Movie, das die Grenzen zwischen persönlicher Befreiung und selbstzerstörerischer Leidenschaft verschwimmen lässt. Ebenso lustvoll wie kompromisslos schickt sie ihre zwei fantastischen Hauptdarstellerinnen Kristen Stewart und Katy O’Brian mit einem pulsierenden 1980er-Jahre-Soundtrack auf einen energiegeladenen Trip voll tiefschwarzem Humor und zügelloser Gewalt. Arabella Wintermayr schreibt in der taz: «‹Love Lies Bleeding› ist dreckig, düster, sexy, unerschrocken – und für das lesbische Kino, das meist noch immer allzu handzahm und versöhnlich daherkommt, nichts weniger als ein Befreiungsschlag.»
Johannesburg, 1968. Die schwarze Bevölkerung wird vom Apartheid-Regime drangsaliert. Enoch ist der Besitzer einer Wäscherei, die er mit seiner Familie erfolgreich in einem weissen Viertel führt. Sein 16-jähriger Sohn Khuthala soll den Betrieb eines Tages übernehmen, doch der träumt von einer Karriere als Jazzmusiker im Ausland mit der Band der Sängerin Lilian. Enoch steht unter Druck, denn für die Weiterführung der Wäscherei muss er die Sondergenehmigung erneuern – eine Unterschrift fehlt noch. Die Schikanen der Behörden werden zunehmend unerträglich. Enoch wird verhaftet und brutal zusammengeschlagen. Um seinen Vater zu retten, lässt sich Khuthala auf einen zweifelhaften Deal ein – mit fatalen Folgen für alle Beteiligten. «Laundry» ist das von ihrer Kindheit inspirierte Spielfilmdebüt der südafrikanischen Regisseurin Zamo Mkhwanazi. «Die Zerstörung menschlichen Potenzials ist eine der grössten Ungerechtigkeiten und macht sichtbar, wie Träume ausgelöscht werden», sagt die Regisseurin und betont, dass Anti-Apartheid-Ikonen wie Nelson Mandela die Welt glauben machen, die Apartheid sei überwunden, während der Grossteil der Bevölkerung bis heute unter den Folgen leide. Neben den hervorragenden Darsteller:innen überzeugt der Soundtrack der in Zürich wohnhaften südafrikanischen Musikerin Tracy September – grossartig als Sängerin Lilian.
Im Trubel der Pariser Fashion Week kreuzen sich die Wege dreier Frauen: Die amerikanische Regisseurin Maxine soll einen Kurzfilm für eine Fashion Show realisieren, als eine erschütternde Diagnose ihr Leben aus der Bahn wirft. Die südsudanesische Pharmaziestudentin Ada hofft, mit ihrem ersten Modeljob ihrer Familie eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Und die erfahrene Visagistin Angèle verfolgt zwischen hektischen Einsätzen ihren Traum von einer Karriere als Schriftstellerin. Alice Winocour blickt hinter die glamouröse Fassade des Modebetriebs und erzählt mit grosser Sensibilität von Verletzlichkeit, Selbstbestimmung und weiblicher Solidarität. Gedreht an Originalschauplätzen der Pariser Modewelt und getragen von einem herausragenden Ensemble verbindet «Couture» die Hektik der Fashion Week mit stillen Momenten existenzieller Entscheidungen. arttv lobt: «Im Zentrum steht jedoch Angelina Jolie. Ihre Darstellung einer Frau, die zwischen beruflichen Verpflichtungen und einer lebensverändernden Diagnose ihren Halt sucht, gehört zu den stärksten Momenten des Films. Die Rolle erhält zusätzliche Tiefe durch Jolies eigene Erfahrungen mit dem Thema Brustkrebs, die in ihrer zurückhaltenden, verletzlichen Interpretation spürbar werden. Winocour gelingt es, aus den einzelnen Lebenswegen ein berührendes Mosaik weiblicher Erfahrungen zu formen.»
Ein junger Mann hat gerade auf dem Weg zur Arbeit erfahren, dass seine Freundin ungewollt schwanger ist und eine Entscheidung von ihm erwartet, als er plötzlich in den endlosen Gängen einer Tokioter U-Bahn-Station feststeckt. Immer wieder durchquert er denselben sterilen Korridor, immer wieder begegnet ihm derselbe schweigsame Mann. Verzweifelt sucht er den Ausgang Nr. 8. Doch um ihn zu erreichen, muss er eine Reihe von Regeln befolgen: Entdeckt er eine Anomalie, muss er umkehren. Findet er keine, darf er weitergehen. Eine einzige falsche Entscheidung – und die Schleife beginnt von vorn. Was zunächst wie ein raffiniertes Escape-Game funktioniert, entwickelt sich zunehmend zu einem psychologischen Labyrinth, in dem Orientierung, Erinnerung und Schuldgefühle miteinander verschmelzen. Mit «Exit 8» ist dem japanischen Regisseur Genki Kawamura eine kongeniale filmische Adaption des gleichnamigen viralen Indie-Game-Hits gelungen, die bei der Weltpremiere in Cannes frenetisch gefeiert wurde. Hypnotisch, lynchesk und mit grossem Gespür für Atmosphäre entfaltet der Film einen immersiven Sog, dem man sich kaum entziehen kann – bis man selbst anfängt, jeden Gegenstand, jedes Geräusch und jede Bewegung zu überprüfen. Ein minimalistischer Mystery-Horror über Wahrnehmung, Verantwortung und die quälende Frage, was es wirklich bedeutet, einen Ausweg zu finden.
Die junge Psychologin Catherine Deane nutzt eine experimentelle Therapietechnik, um in das Unterbewusstsein von Komapatient:innen einzudringen und ihnen beim Aufwachen zu helfen. Mithilfe einer elektronischen Vernetzung der Gehirnaktivität von Psychologin und Patient:in erhält sie Zugang zu deren Gedanken- und Erinnerungswelt. Mitten in ihren Versuchen konfrontiert der FBI-Agent Peter Novak sie mit einer verzweifelten Bitte: Catherine soll in die Gedanken des geisteskranken Serienmörders Carl Stargher eindringen, der ebenfalls im Koma liegt. Denn innerhalb von 40 Stunden müssen sie das Versteck seines letzten Opfers ausfindig machen, um das Leben der jungen Frau zu retten. Ausgehend von einem klassischen Serienkiller-Thriller und unterstützt von einem illustren Cast, entwickelt Regisseur Tarsem Singh mit atemberaubender visueller Kraft einen einzigartigen Mix aus Science-Fiction, Horror und albtraumhaftem Universum. Die kunstvoll-surrealen, teils bizarren Bildschöpfungen aus dem Unterbewusstsein erinnern an Werke von Hieronymus Bosch, Salvador Dalí oder Alejandro Jodorowsky. Roger Ebert schrieb anlässlich der Premiere: «Trotz all der visuellen Effekte ist es auch eine Geschichte, in der uns die Figuren am Herzen liegen. Am Ende steht viel auf dem Spiel und wir fühlen uns mitgerissen. Ich halte ihn für einen der besten Filme des Jahres.»
Aschenbrödel lebt mit ihrer Stiefmutter und ihrer Stiefschwester auf dem Gut ihres verstorbenen Vaters. Die beiden behandeln sie wie eine Dienstmagd und lassen sie die schmutzigsten Arbeiten verrichten. Alles, was ihr geblieben ist, sind ein Schmuckkästchen, das die Eule Rosalie bewacht, der Hund Kasperle und das Pferd Nikolaus, mit dem sie durch die verschneiten Wälder reitet. Dort begegnet sie dem jungen Prinzen und verliebt sich in ihn. «Drei Nüsse für Aschenbrödel» mit der bezaubernden Libuše Šafránková in der Hauptrolle ist eine der schönsten Märchenadaptionen der Filmgeschichte und begeistert immer wieder aufs Neue. In der tschechischen Version darf Aschenbrödel schiessen, reiten und auf Bäume klettern. Sie nimmt nicht alles hin, sondern wehrt sich gegen die Ungerechtigkeiten – mit List, Witz und drei Zaubernüssen. Seit über 50 Jahren erobert das Aschenbrödel, das selbstbewusst, klug und eigenwillig seinen Weg geht, die Herzen der Zuschauer:innen. Ein zauberhafter, zeitloser Märchenklassiker.
Die Mitgliedschaft für die Zauberlaterne kann an der Kinokasse gelöst werden. Ausführliche Informationen finden Sie unter www.lanterne-magique.org/de/clubs/st-gallen/.
Die Stadt Windhausen bietet alles, was eine schöne, liebenswerte Stadt ausmacht: ein nettes Café, eine Post, ein charmantes Rathaus – und freundliche tierische Bewohner:innen. Einer von ihnen ist das Karibu Edgar. Das nordamerikanische Rentier ist allerdings nicht irgendein Karibu, sondern der Superman der Tiere, eben ein Super-Karibu. Edgar hat alles, was es zum Heldentum braucht: einen Superhelden-Anzug, einen coolen Umhang, eine Maske und ein supergrosses Herz für alle, die Hilfe brauchen. Oder manchmal auch nicht. Die Animationsfilme um den so sensiblen wie abenteuerlustigen Super-Edgar sind von den erfolgreichen Kinderbüchern der französischen Illustratorin Magali Le Huche inspiriert und wurden als kurze Fernsehabenteuer bekannt. Dieses Programm beinhaltet den Kurzfilm «Ein Lied für Gina» und die längere Geschichte «Das Liebesverbot». In «Das Liebesverbot» beschliesst Elefanten-Bürgermeister Magnus, die Liebe zu verbieten, denn die schafft nur Probleme und macht alle Welt unglücklich. Als die Bewohner:innen von Windhausen darüber abstimmen müssen, nehmen sie das neue Gesetz an. Doch Super-Edgar ist nicht dafür, noch weniger seine Freundin Gina. Sie sind überzeugt, dass die Liebe das Schönste ist, das es gibt …
Ed Saxberger arbeitet als Briefsortierer bei der New Yorker Post und führt ein unaufgeregtes, zufriedenes Leben. Als junger Mann veröffentlichte er in der vibrierenden Atmosphäre der 1970er-Jahre einen vielbeachteten Gedichtband, hat seine literarischen Ambitionen jedoch längst hinter sich gelassen. Als eine Gruppe junger Literaturbegeisterter sein vergessenes Werk wiederentdeckt, ihn ausfindig macht und als poetisches Genie feiert, weiss Ed kaum, wie ihm geschieht. Geschmeichelt von der unerwarteten Aufmerksamkeit und angezogen von der charismatischen Schauspielerin Gloria glaubt er für einen Moment selbst an einen zweiten Frühling als Schriftsteller. Mit feinem Gespür für Zwischentöne erzählt Regisseur Kent Jones von der verführerischen Kraft verspäteter Anerkennung und verlegt Arthur Schnitzlers gleichnamige Novelle ins heutige New York. Entstanden ist eine kluge, melancholische Tragikomödie über Kunst und Selbsttäuschung, aber auch über den tiefen Wunsch, gesehen zu werden. Willem Dafoe berührt mit einer wunderbar zurückgenommenen Darstellung und lässt Greta Lee und Edmund Donovan als nostalgische Idealist:innen brillieren, die dem kreativen Geist einer vergangenen Ära nacheifern. The Hollywood Reporter schwärmt: «Als Satire auf künstlerische Anmassungen und zugleich fesselnde Charakterstudie besticht ‹Late Fame› durch Tiefgang und exquisite Anmut.»
Elisabeth Sparkle war einst ein gefeierter Filmstar. Heute moderiert sie ihre eigene Fitness-Show im Jane-Fonda-Stil. Doch mit fünfzig findet der schmierige Fernsehchef sie selbst dafür zu alt, zu wenig begehrenswert – und will sie durch eine Jüngere ersetzen. Da ergreift sie die Chance, die die mysteriöse neue Droge «The Substance» verspricht: Eine Injektion genügt, um eine jüngere, schönere Version ihrer selbst zu erschaffen. Einzige Regel: Elisabeth muss sich ihre Zeit im Wochenrhythmus mit ihrem vollkommenen Alter Ego teilen. Was als Erlösung beginnt, wird schon bald zum erbarmungslosen Kampf gegen sich selbst … Mit groteskem Witz und entfesseltem Body-Horror gelang der französischen Regisseurin Coralie Fargeat eine furiose Satire auf den Sexismus, Jugend- und Schönheitswahn der Unterhaltungsindustrie, die in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde und zum meistdiskutierten Film der Saison avancierte. Mit einer selbstironischen, autobiografisch angehauchten Tour de Force feierte Demi Moore in der Hauptrolle ein fulminantes Comeback. «‹The Substance› ist der pure Exzess – und das nicht erst im grotesken Finale (…). Es ist eine zutiefst tragische Rolle, die Moore aber mit traumwandlerischer Sicherheit und offensichtlichem Spass am Exzess zunehmend in Richtung hemmungslos-satirischer Pulp übersteigert», schreibt Christoph Petersen auf Filmstarts.
Stefan Busch, von allen nur Buschi genannt, lebt in einer betreuten Wohngruppe in Köln. Wasser zieht ihn magisch an, doch weil er nicht schwimmen kann, darf er nicht mit ins Schwimmbad. Überhaupt hält der Alltag für den jungen Mann mit Trisomie 21 wenig Abenteuerliches bereit. Das ändert sich schlagartig, als sich Buschi bei einem Ausflug spontan einer japanischen Reisegruppe anschliesst und mit in den Reisebus steigt. Er quetscht sich auf den einzigen freien Sitz neben dem schweigsamen Hideo Kitamura. So beginnt die wunderbare Freundschaft zweier Aussenseiter, verpackt in ein herzerwärmendes Roadmovie, das von Deutschland zum Rheinfall über Bern bis nach Japan führt. Auch in seinem fünften Spielfilm erweist sich Thomas Stuber («In den Gängen») als sensibler Beobachter. In sinnlich-meditativen Bildern erzählt er die märchenhaft anmutende Geschichte zweier Aussenseiter, deren gegenseitige Verbundenheit ganz ohne Sprache auskommt. Hauptdarsteller Aladdin Detlefsen ist seit mehr als 20 Jahren in einem inklusiven Bremer Ensemble als Schauspieler aktiv und begeistert nun in seiner ersten Kinohauptrolle. Britta Schmeis schreibt in epd Film: «‹Der Frosch und das Wasser› ist ein wunderschöner Film, der etwas Zeit braucht und dann mit voller emotionaler Wucht zuschlägt.»
Neapel, 1949: Eine Blindgängerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg explodiert und bringt ein Haus zum Einsturz. Unter den Opfern ist die Tante der zehnjährigen Celestina, die nun ganz auf sich allein gestellt ist. Zusammen mit dem zwei Jahre älteren Strassenjungen Carmine versucht sie, sich durch den von Armut geprägten Alltag zu schlagen. Celestina hat eine ältere Schwester, die vor Jahren nach New York ausgewandert ist. Doch wie soll sie die Überfahrt nach Amerika bezahlen? Da lernen die beiden Kinder George kennen, der als Koch auf dem US-Marineschiff «Victory» arbeitet. Sie folgen ihm heimlich an Bord und werden zu blinden Passagieren auf ihrer Reise nach New York. Basierend auf einem frühen Drehbuch von Federico Fellini und Tullio Pinelli, erzählt Gabriele Salvatores eine visuell eindrucksvolle, märchenhafte und oft komödiantische Migrationsgeschichte aus Kinderperspektive. «In gewisser Weise ist es eine typische Geschichte, die von vielen unserer Vorfahren erlebt wurde: die Ankunft in den Vereinigten Staaten ohne Mittel oder materiellen Reichtum, aber voller Hoffnung, innerer Stärke und Unternehmungsgeist», schreibt Andrea Moschioni Fioretti auf cinefacts.it.
Adriano, ein wortkarger Einzelgänger, lebt zurückgezogen in den ehemaligen Stallungen der Villa Guelfi, einem verlassenen Anwesen in der Toskana. Als sich eine Gruppe junger Frauen und Männer in der Villa niederlässt, um sich um die Felder und Weinberge zu kümmern, fühlt er sich gestört und will sie vertreiben. Doch die frischgebackenen Absolvent:innen der Agrarwissenschaften, Klimaforschung und Önologie – unter ihnen Matilde, die Enkelin des letzten Grafen Guelfi – lassen sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Zudem sind sie neugierig, was den geheimnisvollen Sonderling veranlasste, ein Leben in solcher Abgeschiedenheit zu führen. Durch Matilde und ihre Schwangerschaft wandelt sich Adrianos Feindseligkeit bald in väterliche Fürsorge, der anfängliche Konflikt in ein freundschaftliches Zusammenleben. Erneut beweist Regisseur Paolo Virzì («La pazza gioia») sein Geschick, ernste Themen mit heiteren Momenten zu verweben. Giorgio Maria Aloi schreibt im Madmass Magazine: «Der Film wirkt wie ein Akt des behutsamen Widerstands in einer Zeit, in der die vielen Krisen die Gesellschaft zu polarisieren drohen. (…) Ein Entwurf für ein mögliches Zusammenleben und die Hoffnung auf den Dialog zwischen den Generationen sowie eine Reflexion darüber, was es bedeutet, sich umeinander zu kümmern – mit der Perspektive auf Heilung und einen Neuanfang.»
Cassie hatte einst eine vielversprechende Zukunft vor sich. Doch die brillante Medizinstudentin brach ihr Studium ab, nachdem ihre beste Freundin auf einer Party von Kommilitonen vergewaltigt wurde und sich das Leben nahm. Seitdem lebt die inzwischen Dreissigjährige wieder bei ihren Eltern, arbeitet in einem Coffee-Shop und verfolgt, gefangen in Wut und Trauer, einen ausgeklügelten Racheplan: Nacht für Nacht geht sie in Bars und gibt vor, sturzbetrunken zu sein. Wird sie von einem «fürsorglichen» Gentleman nach Hause begleitet, der ihren vermeintlich hilflosen Zustand ausnutzen will, erteilt sie ihm eine unvergessliche Lektion … Mit ihrem furiosen Regiedebüt, für das sie auch das oscarprämierte Drehbuch geschrieben hat, gelang Emerald Fennell ein Rape-Revenge-Film, der vertraute Genreformeln auf den Kopf stellt. Statt auf spektakuläre Vergeltung setzt sie auf psychologische Präzision und scharf beobachtete gesellschaftliche Dynamiken. «Promising Young Woman» verbindet schwarzen Humor, bunte Popästhetik und psychologischen Thriller zu einer scharfzüngigen Auseinandersetzung mit patriarchalen Machtstrukturen, sexueller Gewalt und einer Kultur des Wegschauens. Die grossartige Carey Mulligan verleiht der ambivalenten Titelfigur dabei eine ebenso kontrollierte wie tief verletzliche Präsenz.
Angeregt durch die überraschende Feststellung der sowjetischen Regisseurin Kira Muratowa (1934–2018), dass Frauen härtere Filme drehen als Männer, befragt Isa Willinger Regieikonen wie Catherine Breillat, Virginie Despentes, Monika Treut, Céline Sciamma und die kürzlich verstorbene Valie Export zu Macht, Freiheit, Geschlecht und dem Female Gaze. Ungeschönt und offen erzählen die charismatischen Vordenkerinnen und Newcomerinnen von Wut, Gewalt und dem Überlebenswillen ihrer Figuren, für die sie eindrucksvolle Bilder finden. So etwa Apolline Traoré aus Burkina Faso, deren Protagonistin in «Sida» mit einem Baby auf dem Rücken und einem Maschinengewehr in der Hand gegen islamistischen Terror kämpft. Die Befragten erzählen von ihrem Durchsetzungskampf in der patriarchalen Filmwelt, von Herabsetzung und Ausschluss, sexueller Gewalt, Rache und Lust – und nicht zuletzt von der Empörung, die ihre bahn- und tabubrechenden Werke hervorgerufen haben. Die Kritik ist begeistert: «Ein Blick auf das Kino in einer Art, über die man bisher nie nachgedacht hat. Einer der grossen Filme 2025», schwärmt Steve Kopian auf Unseen Films. Der «intelligente, ausgesprochen aktuelle und dringliche Dokumentarfilm» (Cinema Austriaca) ist ein Streifzug ins Herz des feministischen Filmschaffens: provokant, ehrlich, humorvoll – ein grosses Kinoerlebnis.
Zwei ostanatolische Dorfgemeinschaften sind durch eine alte Fehde zweier rivalisierender Clans um Macht und Land tief gespalten. Die Hazeran bewohnen das obere Dorf, während die Bezari einst im Tal lebten, bevor sie ins Exil getrieben wurden. Mit der Rückkehr der Bezari flammt der Konflikt neu auf. Während Scheich Ferit, das Oberhaupt der Hazeran, für Koexistenz plädiert, stellt sein Bruder Mesut, der von unheimlichen Visionen heimgesucht wird, dessen Führungsrolle immer mehr infrage. Mesut deutet seine Albträume als göttliche Zeichen und beginnt, die Dorfgemeinschaft gegen die Rückkehrer:innen aufzuhetzen. Mit «Salvation» schafft der preisgekrönte türkische Regisseur und studierte Historiker Emin Alper eine packende politische Allegorie, die ebenso Thriller wie Parabel ist, eingebettet in visuell atemraubende Schauplätze zwischen weiten Berglandschaften von epischer Schönheit und dem labyrinthischen Dorf der Hazeran. Das vielschichtige Werk – ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären in Berlin – entlarvt schonungslos, wie Fake News, populistische Rhetorik und religiöser Fanatismus eine Gesellschaft radikalisieren können. Simon Eberhard schreibt auf Outnow: «Ein eindrückliches und leider unangenehm aktuelles Zeugnis dessen, was passieren kann, wenn wir uns von Rationalität und Besonnenheit verabschieden.»
Sollen wir unsere verdaute Nahrung als Abfall behandeln oder als wertvolle Ressource nutzen? Regisseur Rubén Abruña stellt in seinem unterhaltsamen Dokumentarfilm die Toilette als Krönung menschlicher Hygiene grundlegend infrage. Da ist zum einen die enorme Verschwendung von Trinkwasser beim Spülen, zum anderen die Degradierung von wertvollem organischem Dünger zu Abfall. Doch wie wir unlängst in der Ostschweiz schmerzvoll erfahren mussten, erweist sich die weltweit angewandte Lösung, die Überreste von Kläranlagen als Dünger auf Wiesen und Feldern auszubringen, als lebender Albtraum. Denn dieser enthält Schwermetalle sowie giftige PFAS-Chemikalien: Böden, Wasser, Milch und Fleisch werden hochgradig mit schwer abbaubaren Chemikalien verseucht und dürfen nicht mehr vom Menschen genutzt werden. Was also tun? Abruña sucht in 16 Städten auf vier Kontinenten nach neuen Wegen im Umgang mit Fäkalien. Er steigt in die kilometerlangen Abwasserkanäle von Paris, besichtigt die riesige Kläranlage von Chicago, trifft in Uganda die «Poop Pirates» und in Schweden einen Toiletten-Ingenieur. In Hamburg und Genf entdeckt er Wohnkomplexe mit Kläranlagen, die nicht an die Kanalisation angeschlossen sind und aus menschlichen Exkrementen Strom und Dünger erzeugen. Der mit einem pointierten Kommentar versehene Dokumentarfilm ist ein flammendes Plädoyer für die Kraft des grossen Geschäfts.
Der Alkoholiker Drowak vegetiert verbittert in einer verwahrlosten Hochhauswohnung dahin. Eines Tages besucht ihn der Sozialarbeiter Marlon in Begleitung der Studentin Lena. Die junge Frau soll Drowak mit einem Kurs für kreatives Schreiben aus seiner Lethargie locken. Drowak lehnt den Vorschlag empört ab und beschimpft die beiden vulgär. Als Marlon mit der Kündigung der Wohnung droht und nachschiebt: «Dann kannst du dich wieder auf der Strasse in deiner Kotze suhlen», widerspricht dieser: «Das war nicht meine Kotze, sondern ein perverser Engel kotzte auf mich herab.» Lena ist begeistert … Nicolas Steiners verspieltes Spielfilmdebüt ist eine Art «Amélie» in Schwarz-Weiss. Mit einer grandiosen Luna Wedler in einer ihrer charmantesten Rollen und einem hinreissenden Karl Markovics als Kotzbrocken mit grossem Herzen beginnt eine schwarzhumorige Reise durch einen surreal angehauchten urbanen Kosmos. Joachim Kurz schreibt auf Kino-Zeit: «Nicolas Steiner ist hier eine echte Wundertüte gelungen, voller entzückender Ideen, anrührender Charaktere und einer Botschaft, die direkten Bezug auf unsere Gesellschaft nimmt: Der Film ist ein flammendes Plädoyer für Empathie und eine energische Aufforderung, Menschen, die aus dem System gefallen sind, nicht einfach zu vergessen.»
Grace und Jackson, zwei frei denkende Künstlernaturen, ziehen in ein abgelegenes Haus auf dem Land, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Doch so stimulierend die selbstgewählte Einsamkeit anfangs auf das junge Paar wirkt – als ihr erstes Kind zur Welt kommt und Jackson arbeitshalber immer öfter unterwegs ist, brauen sich in Grace Gefühle der Isolation, Eifersucht und Verzweiflung zu einer explosiven Mischung zusammen, die sich in einem zunehmend erratischen Verhalten entlädt … Mit einer fulminanten Jennifer Lawrence in der Hauptrolle gelingt Regisseurin Lynne Ramsay ein formal wie thematisch hemmungslos radikales Porträt einer Frau, die zwischen Liebe und Wahnsinn zu zerreissen droht. Michael Meyns schreibt auf Programmkino: «Hätte ein Mann diesen Film gedreht, würde man ihm vorhalten, sich am zunehmend labilen Zustand einer langsam in eine Psychose abdriftenden Frau zu laben. Unter der Regie von Lynne Ramsay wirkt ‹Die My Love› jedoch bei allem Exzess wie ein sensibler, zunehmend tragischer Blick auf eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die sich vehement den von Männern gemachten Konventionen widersetzt. Dass es am Ende die Regisseurin selbst ist, die eine wunderbar sanfte Version des legendären Joy-Divison-Songs Love Will Tear Us Apart singt, bringt die Intentionen dieses oft anstrengenden, aber ebenso mitreissenden Films auf den Punkt.»
Lidia wächst in einem von Gewalt und Alkohol geprägten Elternhaus im Oregon der 1970er-Jahre auf. Ein College-Stipendium ermöglicht der talentierten Schwimmerin die Flucht. Doch das Trauma des Missbrauchs lässt sie auch in der neuen Freiheit nicht los; sie verliert sich in Drogen und toxischen Beziehungen. Erst über die Literatur und vor allem durch das Schreiben findet sie schliesslich zu sich selbst. Kristen Stewarts beeindruckendes Regiedebüt «The Chronology of Water» ist eine kongeniale Adaption des 2011 erschienenen Memoirs der amerikanischen Autorin Lidia Yuknavitch, das in den USA zum queeren Kultbuch avancierte. Acht Jahre lang kämpfte Stewart, die als vehemente Kritikerin des männerdominierten Hollywood-Systems kein Blatt vor den Mund nimmt, für die Realisierung ihres Films, der 2025 in Cannes Weltpremiere feierte. Valerie Dirk schreibt in Der Standard: «Sowohl inhaltlich als auch formal-ästhetisch ist der Film ein Ereignis: ein hypnotisches, aus Analogfilm geflochtenes Gewebe, fast schon ein Experimentalfilm, dem es dennoch gelingt, klare Erzählfäden zu finden. Zusammengehalten wird das durch die Hauptdarstellerin Imogen Poots, die eine unbändige körperliche Kraft auf die Leinwand wirft. Ihr möchte man folgen, vom blutigen Fliesenboden, ins Schwimmbecken, durch den Rausch, bis hin in die instabile Stabilität.»
Le Havre, Anfang der 1990er-Jahre. Der 13-jährigen Alpha wird auf einer Party ein grosses A in den Arm gestochen, als sie volltrunken ist. Als ihre als Ärztin arbeitende Mutter das Tattoo entdeckt, ist sie schockiert. Sie befürchtet, dass sich ihre Tochter mit einem tödlichen Virus angesteckt haben könnte. Seit einigen Jahren grassiert eine mysteriöse Epidemie, die die Infizierten buchstäblich versteinern lässt. Während Mutter und Tochter sorgenvoll auf die Ergebnisse von Alphas Bluttest warten, taucht der drogensüchtige Onkel Amin bei ihnen auf … Die Französin Julia Ducournau zählt zu den aussergewöhnlichsten Stimmen des europäischen Kinos. Mit ihrem wilden Body-Horror «Titane» sorgte sie vor fünf Jahren in Cannes für Aufsehen und wurde dafür als erst zweite Regisseurin mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Ihr neues Werk, intensives und intimes Körperkino über die existenzielle Transformation eines Teenagers, erzählt in ruhigem, melancholischem Ton von gesellschaftlicher Ausgrenzung und der Zerreissprobe einer Familie. Das bildmächtige Drama wird von den hervorragenden Darsteller:innen Mélissa Boros, Golshifteh Farahani und Tahar Rahim getragen. Thomas Willmann schreibt auf artechock: «‹Alpha› ist ein letztlich erlösender Film über Trauer und Trost, der getragen ist von Ducournaus tiefer Akzeptanz des vermeintlich Monströsen.»
Nichts verkörpert Freiheit, Mobilität, Individualität und Status so sehr wie das Auto. Gleichzeitig verursacht es immense Kosten. Es belastet die Umwelt, Ressourcen und Gesundheit und ist einer der grössten Treiber des Klimawandels. Keine Erfindung hat Städte und Landschaften so stark verändert wie der Pkw. Sein Platzbedarf ist immens. Verkehrsflächen beanspruchen rund ein Drittel der Siedlungsfläche, verstärken die Erhitzung, erzeugen Lärm, Abgase und Reifenabrieb und lassen Städte und Dörfer veröden. Es ist höchste Zeit, Mobilität neu zu denken und den öffentlichen Raum für verschiedene Akteur:innen sicher und attraktiv zu gestalten. Doch die Politik scheut vor grundlegenden Veränderungen zurück; das Freiheitsversprechen und die Bequemlichkeit des Individualverkehrs einzuschränken, ist geradezu tabu. Der österreichische Filmemacher und Stadtplaner Reinhard Seiss hält unserer autozentrierten Gesellschaft den Spiegel vor und zeigt teils erschütternde, teils absurde Beispiele politischer und unternehmerischer Realitätsverweigerung. Anhand verschiedener Städte und ihrer Verkehrskonzepte führt er vor, dass Wirtschaft und Bevölkerung problemlos mit deutlich weniger Verkehr auskommen könnten. Ein pointierter und inspirierender Appell für eine grundlegende Verkehrswende als Voraussetzung für ernst gemeinten Klimaschutz.
Die New Yorker Geschäftsfrau Romy strahlt als CEO eines Robotikunternehmens natürliche Autorität aus. Verheiratet ist sie mit dem attraktiven, erfolgreichen Theaterregisseur Jacob, mit dem sie zwei Kinder hat. Die beiden geben das perfekte Power Couple ab, doch in Romy brodelt es. Als sie den deutlich jüngeren Praktikanten Samuel kennenlernt, einen Draufgänger, der ihr mit seinem distanzlosen Verhalten auffällt, ist es um sie geschehen. Er macht sie unverhohlen an, sie lässt sich darauf ein und beginnt, mit ihm ihre Unterwerfungsfantasien auszuleben … Neben einer umwerfenden Nicole Kidman und einem in sich ruhenden Antonio Banderas verkörpert Harris Dickinson, bekannt aus dem Palme-d’Or-Gewinner «Triangle of Sadness», perfekt den manipulativen Macho. Elena Stern schreibt auf Maximum Cinema: «Reijns Film greift ein wichtiges Thema auf – die komplexen Machtdynamiken in Beziehungen, die zwischen Kontrolle, Hingabe und dem Streben nach Freiheit hin- und herschwanken, und das alles vor dem Hintergrund der weiblichen Sexualität. So schafft es Reijn, dieses Thema auf nuancierte Weise aufzugreifen, ohne in unnötige Klischees abzudriften. Es ist ein gleichermassen tiefgründiger wie unterhaltsamer Film mit grossartiger Besetzung, dem es durchaus zu wünschen gewesen wäre, in der laufenden Award-Saison mehr Aufmerksamkeit zu erhalten.»
Tristan da Cunha ist der abgelegenste bewohnte Ort auf unserem Planeten. Nur 233 Menschen leben auf der 180 Quadratkilometer kleinen, zu Grossbritannien gehörenden Insel im Südatlantik, auf halbem Weg zwischen der Südwestspitze Südafrikas und der brasilianischen Hafenstadt Cabo Frio. Dorthin beträgt die Distanz 3200 Kilometer, zum nächstgelegenen südafrikanischen Hafen sind es «nur» 2800 Kilometer. Als einzige regelmässige Verbindung fährt von dort zehn Mal im Jahr ein Schiff zur Insel, die wegen ihrer gebirgigen, von einem Vulkan gekrönten Topografie über keinen Flugplatz verfügt. Der Pariser Arzt Loran Bonnardot hat Tristan da Cunha seit 1996 regelmässig besucht, die überwältigende Flora und Fauna der Insel erkundet und sich mit einem Fischer angefreundet. Infolge einer persönlichen Krise beschliesst er, endgültig auf die Insel zu ziehen. Er verschifft seinen Hausrat – darunter auch ein Klavier – und erreicht nach sechstägiger Reise durch die stürmische See sein neues Zuhause. Doch es ist kein leichtes Unterfangen, von den Einheimischen als Dauergast akzeptiert zu werden. Gekonnt pendelt Tobias Nölles’ hybrides Werk zwischen Realität und Fiktion, zeigt das verlockend entrückte Leben auf einem Aussenposten der Zivilisation – und erinnert doch daran, dass man inneren Schmerzen auch an abgelegensten Orten nicht entkommen kann.
Nach seinen Kinoerfolgen – von «La Salamandre» bis hin zu «Jonas qui aura 25 ans en l’an 2000» – erhielt der Genfer Alain Tanner 1982 von einem portugiesischen Produzenten den Auftrag, einen Film in Lissabon zu drehen. Er hatte volle künstlerische Freiheit und konnte seiner Kreativität freien Lauf lassen. So entstand «Dans la ville blanche», eine der schönsten Verneigungen vor der Stadt am Tejo und vor dem Schauspieler Bruno Ganz. Dieser spielt einen Matrosen, der an Land geht, aus dem eigenen Lebensrhythmus aussteigt, sich verliebt und in die Stadt eintaucht. Lissabon, spontanes Kino, das aus dem Moment heraus entsteht, ohne Drehbuch, sechs Wochen Drehzeit: Bruno Ganz lässt sich auf das Experiment mit dem von ihm hochgeschätzten Regisseur ein, der seinerseits diesen Film nur mit Bruno Ganz drehen wollte. Was den Schauspieler fasziniert und was er nur von wenigen Rollen her kennt, ist die absolute Offenheit, mit der ein Autor an seine Erzählung herangehen kann. Das Drehen wird dabei Teil des Schreibens und Entwickelns der Handlung sowie der Figuren. – Zum Film, der zu Bruno Ganz’ Lieblingsfilmen gehörte, gibt es eine kurze Einstimmung und anschliessend ein Gespräch mit dem Zürcher Publizisten Walter Ruggle, der mit «Schau Spiel Bruno Ganz» das erste Buch über den herausragenden Schweizer Schauspieler geschrieben hat und es am Abend vorstellt.
Óscars Besessenheit von der Poesie hat ihm keinen Ruhm eingebracht. Er ist zum lebenden Klischee des erfolglosen Dichters geworden: Nach der Scheidung lebt der mittellose Mittfünfziger wieder bei seiner Mutter und schleppt sich mit Alkohol und Selbstmitleid durch die Tage. Seine Tochter will mit ihm wenig zu tun haben. Als er widerwillig einen Lehrerjob annimmt, entdeckt er das aussergewöhnliche Talent einer Schülerin, deren Gedichte ihn tief berühren. In der Förderung der jungen Frau aus einfachsten Verhältnissen sieht Óscar seine vielleicht letzte Chance, der Poesie – und seinem eigenen Leben – noch einmal Bedeutung zu verleihen … Mit feinem Gespür für die Tragikomik des Scheiterns gelingt Simón Mesa Soto ein so humorvolles wie scharfzüngiges Charakterporträt und eine kluge Reflexion über Kunst, Anerkennung und soziale Herkunft. «Mit ‹Un poeta› habe er seine eigenen Fehler, Zweifel und Widersprüche porträtieren wollen, erklärt Mesa Soto. Für ihn, der selbst im Nebenberuf unterrichtet, sei der auf körnigem 16mm-Material gedrehte und damit auf charmante Weise unperfekt wirkende Film sein ‹persönlicher Exorzismus›. (...) Sein zutiefst humaner Film, der auch von der Schwierigkeit kreativer Arbeit in der kolumbianischen Klassengesellschaft erzählt, ist ein einziges berührendes und beglückendes Langgedicht», schwärmt Katrin Hillgruber auf artechock.
Vier Generationen lang hat die Familie Sonderegger in ihrem Kleinstbetrieb in Rehetobel gestickt. Doch Walter Sonderegger junior, der den Betrieb vom Vater übernommen hat, will mit 65 Jahren aufhören. Filmemacher Luca Schmid begleitet Vater und Sohn, die ganz unterschiedlich mit dem Ende umgehen, während der letzten Monate mit der Kamera. Sonderegger senior, der einst das Wohnhaus mit Fabrik gebaut hat, ist 90 Jahre alt und arbeitet an den letzten Aufträgen mit. In ihren Erzählungen lassen die beiden die Familien- und Firmengeschichte lebendig werden. Sie erinnern sich an Heim- und Kinderarbeit, an Aufträge für Akris oder Louis Vuitton, die ihre Stickereien für Kreationen verwendet haben, die von Heidi Klum, Kate Moss und Jennifer Lopez getragen wurden, und daran, wie sie mit technologischen Entwicklungen Schritt gehalten haben. Die Lokalhistorikerin Hedi Kohler und die Historikerin Heidi Eisenhut, Leiterin der Kantonsbibliothek Appenzell AR, spannen einen historischen Bogen zur kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bedeutung der Stickerei in der Ostschweiz und in Rehetobel. «Dass es unseren Betrieb nicht mehr gibt, wird bald vergessen sein», sagt Walter Sonderegger junior. Dieser kleine, feine Dokumentarfilm tritt gegen dieses Vergessen an.
Mit seinem neuen Dokumentarfilm «Das unendliche Jetzt» wagt Kaspar Kasics («Erica Jong – Breaking the Wall») ein Experiment, das gängige Annahmen über Demenz auf den Kopf stellt. Im Zentrum seines Films stehen vier Personen, die von Demenz betroffen sind. Schauplatz ist eine leere Fabrikhalle, die mit Requisiten entsprechend den Vorlieben der Protagonist:innen zur Theaterbühne umfunktioniert wurde. Einzig die Ausgangssituation war vorgegeben, die Spielszenen wurden am Set frei improvisiert – nach einer Methode, die der Spielspezialist Franz Dängeli mit dem von ihm gegründeten Improvisationstheater act-back entwickelt hat. Jedes Wort, jeder Satz, jede Bewegung entsteht unmittelbar im Moment des Drehs. Während der Dreharbeiten zeigen die Protagonist:innen plötzlich Fähigkeiten, die im Alltag verloren schienen oder von ihrem Umfeld nicht wahrgenommen wurden. Unterstützt von zwei Schauspieler:innen erzählen sie unverblümt aus ihrem Alltag – vom «Eingesperrt-Sein» und der «grausamen Leere», die immer mehr von ihnen Besitz ergreift, von ihren Wünschen und Träumen, die sie immer noch haben. Trotz der ernsten Themen wird viel gelacht. «Das unendliche Jetzt» ist eine vielschichtige Reflexion über die menschliche Existenz mit der tröstlichen Erkenntnis, dass durch das Wegfallen alter Rollen neue Freiheiten gewonnen werden können.