FENSTER ZUR FILMWELT: VIELFALT, KUNST UND BEGEGNUNGEN IM KINOK.

Das Kinok in St.Gallen ist das grösste Programmkino der Ostschweiz. Mit jährlich über 280 Filmen und 1000 Aufführungen fördert es Filmkunst, Vielfalt und Austausch. Neuheiten und Klassiker, Filmpremieren, Stummfilme mit Live-Musik und Retrospektiven machen das Kinok zu einem Ort lebendiger Filmkultur – ein Kino für besonderes Filmvergnügen.

Öffnungszeiten

Die Kasse ist 45 Minuten vor der ersten Vorstellung und während den Vorführungen besetzt.

Tickets und Reservation

071 245 80 72
Online reservieren

Normal: CHF 17.-
Mitglieder: CHF 12.-
Montagskino: CHF 12.-
Schüler:innen, Lernende, Studierende bis 26 Jahre: CHF 13.-
Kinder bis 12 Jahre: CHF 10.-
IV-Bezüger:innen: CHF 12.-
KulturLegi-Inhaber:innen: CHF 7.-
Mittwochnachmittagskino: CHF 12.- für AHV-Bezüger:innen
Freier Eintritt für Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene (Ausweis N/F/S)
Programm
Stiller
Der Amerikaner James Larkin White wird bei der Einreise in die Schweiz verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, der vor Jahren verschwundene Schweizer Bildhauer Anatol Stiller zu sein. Stefan Haupt verfilmt Max Frischs legendären Roman mit einer prominenten Besetzung, darunter Albrecht Schuch, Paula Beer, Max Simonischek, Marie Leuenberger und Stefan Kurt.

Zürich, 1948: Der amerikanische Abenteurer und Höhlenforscher James Larkin White sitzt im Polizeigefängnis in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, seinen Pass gefälscht zu haben und in Wirklichkeit Anatol Stiller zu sein, ein seit sieben Jahren verschwundener Zürcher Bildhauer, der an der Ermordung eines russischen Dissidenten beteiligt gewesen sein soll. Da White auf seiner Identität beharrt und die Vorwürfe vehement zurückweist, veranlasst der Staatsanwalt eine Gegenüberstellung mit Stillers Ehefrau Julika. Doch auch sie, eine ehemalige Balletttänzerin, die wegen einer Tuberkuloseerkrankung ihre Karriere aufgeben musste, kann den Mann nach so vielen Jahren nicht zweifelsfrei identifizieren. Ein Verwirrspiel um Identität, Männerbilder und Wahrheitsfindung nimmt seinen Lauf, in das noch mehrere weitere Figuren hineingezogen werden, wie etwa die Gattin des Staatsanwalts oder Whites Verteidiger. Der Zürcher Regisseur Stefan Haupt («Zwingli») hat sich mit seiner mit Spannung erwarteten Verfilmung an eines der wichtigsten Werke Max Frischs gewagt, mit dem dem Autor 1954 der literarische Durchbruch gelang. Für sein elegant erzähltes, liebevoll ausgestattetes und virtuos die Zeitebenen wechselndes Vexierspiel hat Haupt ein schweizerisch-deutsches Starensemble aufgeboten, das seinesgleichen sucht und zu Höchstform aufläuft.

 

Sorda
Die gehörlose Ángela und der hörende Héctor sind ein glückliches Paar. Da Héctor die Gebärdensprache beherrscht und sie Lippen liest, meistern sie den Alltag ohne Probleme. Als sie ein Kind erwarten, wissen sie nicht, ob das Baby hören wird. Aufmerksam, ungeschönt und zärtlich schildert der berührende Film die Herausforderungen einer gehörlosen Mutter.

Die gehörlose Ángela ist Künstlerin und Töpferin und lebt in einer liebevollen Ehe mit ihrem hörenden Mann Héctor, der für sie die Gebärdensprache gelernt hat. Als Ángela schwanger wird, sind die beiden überglücklich. Doch gleichzeitig wächst in ihnen die Sorge, ob ihr Kind ebenfalls gehörlos sein wird. Nachdem sich diese Ängste nach Monaten bangen Wartens als unbegründet erwiesen haben, sieht sich Ángela mit ungeahnten Problemen konfrontiert. Denn sie bekommt zu spüren, dass die Gesellschaft ihr als gehörloser Mutter jede Menge Steine in den Weg legt … Aufmerksam, ungeschönt und voller zärtlichem Verständnis erzählt Drehbuchautorin und Regisseurin Eva Libertad von der Realität einer gehörlosen Frau in einer Welt voller Hindernisse, von der Angst, aus der Welt ihres hörenden Kindes ausgeschlossen zu sein, von Respekt und Differenzen, von Liebe und Zerreissproben. Ganz aus der Perspektive ihrer beeinträchtigten Protagonistin heraus macht sie deren Schwierigkeiten in einer Welt, die von Hörenden für Hörende gemacht ist, erfahrbar – und eroberte damit nicht nur auf der Berlinale, wo sie dieses Jahr mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, die Herzen im Sturm. In der Hauptrolle brilliert Eva Libertads Schwester Miriam Garlo, die – selbst gehörlos – Inspiration für das berührende Drama war.

 

Kinderfilme: Tony, Shelly und das magische Licht
Tony besitzt eine aussergewöhnliche Fähigkeit: Er leuchtet. Um ihn zu schützen, lassen seine Eltern ihn nur selten aus dem Haus, was den Jungen bedrückt. Als Shelly einzieht, verändert sich alles … Ein zauberhaftes Plädoyer für Vielfalt und Toleranz in der weltberühmten Tradition des tschechischen Puppenspiels und der Stop-Motion-Animation.

Tony besitzt eine aussergewöhnliche Gabe: Er leuchtet von innen. Um ihn zu schützen, lassen seine Eltern ihn kaum aus der Wohnung. Doch der Junge sehnt sich danach, das Mietshaus zu erkunden, mit anderen Kindern zu spielen und Abenteuer zu erleben. Als ein Mädchen mit seiner Mutter einzieht, ist Tony begeistert. Shelly tobt durchs Treppenhaus, ist freundlich und findet Tony sofort cool. Wenn Shelly mit ihrer Taschenlampe ins Dunkel leuchtet, erscheinen Fantasiegebilde, die nur sie sieht. Mit Tony gibt es nun jemanden, der ihre magische Welt ebenfalls wahrnimmt. Gemeinsam entdecken die Kinder den üblen Geist des Hauses, der Dunkelheit und schlechte Stimmung verbreitet. Tschechische Kinderfilme geniessen einen hervorragenden Ruf und stehen in einer langen Tradition. Daran knüpft Regisseur Filip Pošivač mit seinem detailverliebten Puppen-Animationsfilm erfolgreich an und erschafft eine wundervoll ambivalente Welt zwischen Düsternis und Licht. Die Gruselelemente setzen einen «erfahrenen Umgang mit Film voraus», rät Vision Kino. «Eine mystische Geschichte, die die Macht der Fantasie feiert und nicht nur Kinder, sondern auch ein erwachsenes Publikum in eine wunderbare Puppentrickwelt eintauchen lässt», schreibt Katrin Hoffmann in epd Film.

 

Kontinental '25
Als die Gerichtsvollzieherin Orsolya einen Obdachlosen aus seinem Unterschlupf vertreiben soll, nimmt dieser sich das Leben. Aus der Bahn geworfen, versucht Orsolya, mit ihren Schuldgefühlen zurechtzukommen. Radu Judes neuer Film, der den Silbernen Bären für das beste Drehbuch gewann, zeigt die Widersprüche und Heucheleien des heutigen Europas.

Die Juristin Orsolya arbeitet als Gerichtsvollzieherin in Cluj, der zweitgrössten Stadt Rumäniens. Eines Tages muss sie ein Gebäude zwangsräumen, in dessen Keller ein Obdachloser haust. Orsolya gibt dem Mann eine kurze Frist, um seine Habseligkeiten zu packen. Als sie zurückkehrt, hat er sich erhängt. Für Orsolya, die sich direkt für den Tod des Obdachlosen verantwortlich fühlt, ist dies ein immenser Schock. Von Schuldgefühlen geplagt, nimmt sie sich eine Auszeit von ihrer Arbeit und sagt eine geplante Ferienreise mit ihrer Familie ab. In intensiven Gesprächen mit ihrer Mutter, einer Freundin, einem orthodoxen Priester und einem jungen Mann, den sie früher an der Universität unterrichtet hat, versucht sie, ihr Gewissen zu beruhigen. Nach der wilden Collage «Don’t Expect Too Much of the End of the World» hat Radu Jude in seinem neuen Film, einer Mischung aus Drama und Komödie, eine – vergleichsweise konventionelle – Hommage an Roberto Rossellinis «Europa ’51» geschaffen. Mit grimmigem Humor, Fabulierlust und Wut attackiert Jude einen entfesselten Kapitalismus, der sich hier noch brutaler manifestiert als in seinem Vorgängerfilm. Mit dem iPhone gedreht, thematisiert «Kontinental ’25» die Widersprüche und Heucheleien Europas und wurde auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

 

40 Jahre Kinok: Stalker
Unter der Führung des Stalkers begeben sich ein Wissenschaftler und ein Schriftsteller in eine mysteriöse Zone, in der die geheimsten Wünsche in Erfüllung gehen sollen. Mit Andrei Tarkowskis grandiosem Meisterwerk, das vor mehr als 40 Jahren bei der Kehrichtverbrennungsanlage gezeigt wurde, nahm die Kinok-Geschichte ihren Anfang.

Unter der Führung des Stalkers begeben sich ein Wissenschaftler und ein Schriftsteller in eine mysteriöse Zone, in der vor zwanzig Jahren ein Meteorit niederging. Die Zone ist eine trostlose, gefährliche Landschaft, in der es einen Ort geben soll, an dem die geheimsten Wünsche in Erfüllung gehen. Die Expedition wird zur Reise in die Innenwelt der Protagonisten und zum Panorama einer gottverlassenen europäischen Zivilisation. Ähnlich wie in «Solaris» nutzt Tarkowski eine Science-Fiction-Vorlage als Hintergrund für mystisch-philosophische Reflexionen und überwältigende Bildvisionen, mit denen er die Grenzen des herkömmlichen Erzählkinos poetisch überschreitet. «Stalker» ist eine Reise ins Imaginäre, in eine «Zone» des Schweigens und der Unsicherheiten. Die eigenwillige Ästhetik seiner Filmsprache, die sich jedem oberflächlichen Realismus verweigert, nötigte Tarkowski 1982 zur Emigration aus der Sowjetunion. Wir zeigen seinen bahnbrechenden Film in Erinnerung an die legendäre Vorführung der Kinok-Begründer bei der Kehrichtverbrennungsanlage. Das Kino der Sowjetunion war den Kinok-Betreiber:innen immer wichtig; Tarkowskis Werk wurde in zwei Retrospektiven gewürdigt. Bei der ersten Werkschau im Oktober 1986 war der Kinosaal an der Grossackerstrasse immer brechend voll: Endlich war sein gewaltiges Werk zu sehen – eine Offenbarung.

 

Ma mère, Dieu et Sylvie Vartan
Als Roland in den 1960er-Jahren mit einem Klumpfuss geboren wird, setzt seine Mutter Esther alles daran, dass er gehen und das fabelhafte Leben führen kann, das sie ihm versprochen hat. Eine witzige und berührende Dramödie nach einer wahren Geschichte voll französischer Chansons, denen Esther heilende Kräfte zuschreibt, und mit einer umwerfenden Leïla Bekhti.

Als Esther Perez im Paris der 1960er-Jahre ihr sechstes Kind zur Welt bringt, hat es zu ihrem grossen Entsetzen eine Fehlbildung am Fuss. Die Ärzte sind sich sicher, dass der kleine Roland niemals wird richtig laufen können. Doch Esther ist eine starke und sture Frau, die ihrem eigenen Kopf und vor allem ihrem Herzen folgt. Allen Ratschlägen zum Trotz verspricht sie Roland, dass er an seinem ersten Schultag auf eigenen Beinen zur Schule gehen wird. Er wird ein fabelhaftes Leben führen. Basta! Mit unerschütterlichem Optimismus setzt Esther alles daran, ihr Versprechen zu halten – selbst wenn der liebe Gott und die heilsamen Klänge französischer Chansons dabei helfen müssen … «Ma mère, Dieu et Sylvie Vartan» ist die Verfilmung der gleichnamigen Autobiografie des in Frankreich bekannten Radiomoderators und erfolgreichen Medienanwalts Roland Perez. Nach dem Tod seiner Mutter erzählte er darin erstmals von seinem Aufwachsen mit einem Klumpfuss und dem aufopferungsvollen Kampf seiner Mutter gegen die Stigmatisierung seiner Behinderung. Mit viel Humor und der umwerfenden Leïla Bekhti in der Hauptrolle gelingt dem frankokanadischen Regisseur Ken Scott ein ergreifendes Hohelied auf die Kraft der Mutterliebe, das mit zärtlichem Augenzwinkern auch die Schattenseiten einer lebenslangen Mutter-Sohn-Beziehung nicht ausklammert.

 

Jay Kelly
Als ihn die Nachricht vom Tod eines Freundes erreicht, stürzt Hollywoodstar Jay Kelly in eine Sinnkrise. Mit seinem Manager Ron und seiner gesamten Entourage im Schlepptau begibt er sich auf einen turbulenten Roadtrip durch Europa. Noah Baumbachs starbesetzte Komödie ist eine köstliche Hollywood-Nabelschau mit George Clooney, Adam Sandler und Laura Dern.

Hollywoodstar Jay Kelly steckt in einer Lebenskrise. Sein Job erfüllt ihn nicht mehr, die Beziehung zu seinen Töchtern ist zerrüttet. Als auch noch sein alter Freund und Mentor stirbt, der ihm einst zum Durchbruch verhalf, lässt er alles stehen und liegen. Mit seinem Manager Ron und seiner gesamten Entourage macht er sich auf den Weg in die Toskana, wo ihm ein Preis für sein Lebenswerk verliehen werden soll. Doch aus dem Ausflug wird schnell ein turbulenter Roadtrip quer durch Europa, bei dem ihn die Geister der Vergangenheit einholen und er sich mit alten Entscheidungen und seinem eigenen Vermächtnis auseinandersetzen muss. Mit einem starbesetzten Ensemble rund um George Clooney und Adam Sandler gelingt Noah Baumbach eine höchst amüsante Hollywood-Nabelschau. Thomas Schultze schwärmt in Blickpunkt:Film: «Eine kluge, hintergründige Darstellung Clooneys ist der Anker dieses Films, (…) ein mutiger Auftritt, weil die Selbstverliebtheit und Lebensleere seiner Figur nicht ironisch abgefedert wird – Clooney zieht hier blank. (…) ‹Jay Kelly› ist ein Confessional, eine Lebensbeichte, ein wehmütiger Blick auf die Dinge, die man erreicht hat, die man in den Sand gesetzt hat, auf den Preis, den man für die Ambition zahlen musste, ein Star zu werden; aber auch eine Komödie mit geschliffenen Dialogen und bitterbösen Aperçus über die Filmindustrie.»

 

Hallo Betty
1956: Trotz des Widerstands ihrer Agentur erfindet Werbetexterin Emmi Creola-Maag die Kunstfigur Betty Bossi. Während die «Hausfrau der Nation» immer populärer wird, wird deren Erfinderin zwischen dem Neid der männlichen Kollegen und der Familienarbeit zunehmend aufgerieben. Sarah Spale brilliert als Emmi Creola-Maag im spannenden Biopic von Pierre Monnard.

Zürich, 1956. Die Werbetexterin und dreifache Mutter Emmi Creola-Maag ist für die Promotion einer Speiseölfirma zuständig. Bei ihrem Chef, einem alten Patriarchen, beklagt sie sich einmal: «Andere dürfen ganze Konzepte schreiben, ich aber immer nur Inserate.» Von seiner Antwort, «Du musst dir halt vielleicht auch mal eine Krawatte umbinden», lässt sie sich nicht entmutigen, sondern überrascht ihn mit einem Konzept, das ihn nach anfänglichen Vorbehalten überzeugt: Eine fiktive Werbefigur soll dabei helfen, nicht nur Speisefette besser zu vermarkten, sondern diese auch mit «gelingleichten», neuartigen Rezepten begleiten. Der Name der Figur: Betty Bossi. Die Schweizerinnen sind begeistert, doch der Erfolg hat seine Tücken. Er ruft die Missgunst der Kollegen hervor und verdoppelt die Arbeitslast der liebevollen Mutter und Ehefrau. Angelehnt an das Leben der realen Emmi Creola-Maag (1912–2006) taucht «Hallo Betty» mit exquisiten Dekors in die 1950er-Jahre ein. Mit einer grossartigen Sarah Spale in der Hauptrolle vermittelt Pierre Monnards Film eindrücklich und oft auch humorvoll, welche Widerstände eine Frau überwinden und welche Kompromisse sie eingehen musste, wenn sie sich in einer männerdominierten Welt nicht mit einer untergeordneten Stellung begnügen, sondern ihr eigenes Ding machen wollte. Damals wie heute nicht ganz einfach.

 

It Was Just an Accident
Vahid glaubt, seinen einstigen Folterer wiederzuerkennen, und entführt ihn kurzerhand. Als ihn Zweifel an dessen Identität befallen, setzt er eine Kette von Ereignissen in Gang, die zunehmend ausser Kontrolle geraten. Das grandiose, so atemberaubende wie humorige Werk des iranischen Meisters Jafar Panahi gewann in Cannes die Goldene Palme.

Der Automechaniker Vahid glaubt, in einem Kunden seinen einstigen Folterer aus dem Gefängnis zu erkennen. Er entführt den Mann in der Absicht, ihn in der Wüste lebendig zu begraben. Doch kurz vor der Tat beschleichen ihn Zweifel, weil er das Gesicht seines Peinigers nie gesehen hat. Er sucht einen ehemaligen Leidensgenossen auf, der die Identität des Entführten bestätigen soll, und setzt damit eine Kette von Ereignissen in Gang, die zunehmend ausser Kontrolle geraten … Der iranische Regisseur Jafar Panahi war 2022 inhaftiert, als er die Idee zu diesem Drehbuch hatte. Als er im Februar 2023 dank internationaler Proteste freikam, machte er sich heimlich an die Realisierung dieses atemberaubenden Thrillers, der trotz seines dramatischen Hintergrunds mit Situationskomik und schwarzem Humor brilliert und in Cannes zu Recht die Palme d’Or erhielt. Joachim Kurz schreibt auf Kino-Zeit: «Panahis emotional aufwühlende Tour de Force ist nicht ausschliesslich als Parabel auf die Zustände in seiner Heimat zu verstehen, sondern auch als Suche nach einem moralischen Kompass für die direkte Konfrontation mit den Autoritäten. Angesichts dessen, was ihm widerfahren ist, (…) ist dieser Film ein beispielloses Fanal von ungeheurem Mut und Behauptungswillen eines Regisseurs.»

 

L’Énigme Velázquez
400 Jahre lebendige Kunstgeschichte: Diego Velázquez schuf Gemälde von hypnotischer Tiefe und wurde von Malern wie Édouard Manet und Salvador Dalí verehrt. Der Dokumentarfilm spürt dem spanischen Hofmaler nach, dessen Œuvre bis heute Rätsel aufgibt und in unzähligen Werken weltberühmter Künstler seinen Widerhall gefunden hat.

Édouard Manet verehrte ihn als «Maler der Maler», für Salvador Dalí war er – neben ihm selbst – der bedeutendste Maler Spaniens. Pablo Picasso war geradezu besessen von seinem Meisterwerk «Las Meninas» und widmete ihm eine 40-teilige Bildserie. Verstörend sind Francis Bacons zerrbildhafte Variationen von Velázquez’ Porträt von Papst Innozenz X. Wer war dieser grosse Meister des Barock, der Generationen von Künstler:innen bis heute inspiriert? Viele Aspekte im Leben und Schaffen von Diego Velázquez (1599–1660) liegen im Dunkeln. Als Hofmaler und Vertrauter des spanischen Königs Philipp IV. schuf er mit «Las Meninas» eines der einflussreichsten Gemälde aller Zeiten. Seine Porträts bestechen durch ihr psychologisches Gespür und ihren Humanismus, seien es Adlige oder Leute aus dem Volk. Mit seiner feinen Beobachtung von Licht und Schatten und seinem freien Pinselstrich nahm er den Impressionismus vorweg. Anne Randon schreibt im Benzine Magazine: «Anhand von Velázquez erzählt der Film einen ganzen Abschnitt der Kunstgeschichte und zeigt die aussergewöhnliche Modernität dieses Künstlers, der von Spiegeln fasziniert war und als Erster so scharfsinnig die Macht des Blicks und die Zweideutigkeit der Rolle des Malers und des Betrachters in der Darstellung hinterfragte.»

 

Robert Redford – No Ordinary Man: Butch Cassidy and the Sundance Kid
Nach einem missglückten Coup setzen sich Butch Cassidy und Sundance Kid mit ihrer Freundin Etta nach Bolivien ab. Nach mehreren Raubüberfällen geraten sie erneut ins Visier ihrer Verfolger. Robert Redford, Paul Newman und Katharine Ross bezaubern als charmantes Trio im mehrfach oscarprämierten, warmherzigen und witzigen Spätwestern.

Butch Cassidy und Sundance Kid bereiten einen spektakulären Überfall auf die Union-Pacific-Bahn vor. Sie wollen den Zug gleich zweimal ausrauben – eine kühne Idee. Der erste Coup verläuft glatt, doch beim zweiten Überfall wartet der Sheriff bereits im Zug auf sie. Mit Kids Freundin Etta können sie sich nach Bolivien absetzen, doch nach weiteren Raubüberfällen werden sie erneut zu Gejagten. Der postmoderne Western war ein Kassenschlager. Neuartig waren die witzigen Dialoge, die erstaunliche Gelassenheit, die Unbeschwertheit und die Poesie, mit der Regisseur George Roy Hill die Geschichte inszenierte: so etwa die Fahrradfahrt von Butch und Etta zu Burt Bacharachs oscargekröntem Titelsong Raindrops Keep Fallin’ On My Head. Oft zitiert wurde auch die berühmte Schlussszene, in der Butch und Sundance Kid todesmutig aus dem umstellten Haus stürmen und die Bewegung mittels eines «freeze frame» eingefroren wird. Rod McShane schreibt im Time Out Film Guide: «Unverschämt eskapistisch, klaut er den grössten Teil seiner Handlung (…) und viel von seinem visuellen Stil bei Peckinpahs ‹The Wild Bunch› und parodiert sogar ‹Jules et Jim›. (…) Das Drehbuch ist oft urkomisch, und Newman und Redford holen das Beste heraus, wenn sie sich Dialoggefechte liefern.»

 

Ai Weiwei's Turandot
Der Dokumentarfilm gewährt Einblick in Ai Weiweis Regiedebüt an der Oper Rom und zeigt, wie er seine künstlerische Vision und seinen Aktivismus in Puccinis Werk einfliessen lässt. Die Oper über die tyrannische Prinzessin Turandot, die ihre Bewerber mit tödlichen Rätseln prüft, spiegelt Ai Weiweis zentrale Themen von Macht, Kontrolle und Kunst wider.

«Alles ist Kunst. Alles ist Politik» – mit diesem berühmten Statement des chinesischen Ausnahmekünstlers beginnt «Ai Weiwei’s Turandot», ein Dokumentarfilm über Ai Weiweis erste Operninszenierung. «Turandot», Puccinis letzte, unvollendet gebliebene Oper, erzählt die Geschichte der grausamen chinesischen Prinzessin Turandot. Jeder, der um ihre Hand anhält, muss drei Rätsel lösen oder sterben. Die berühmte Arie «Nessun dorma» gehört heute zum Standardrepertoire aller grossen Tenöre. In seinem Langfilmdebüt gibt Regisseur Maxim Derevianko, der seit 2015 für das römische Opernhaus Trailer und Streams realisiert, einen einzigartigen Einblick in Ai Weiweis Schaffensprozess und beleuchtet – anhand von Archivmaterial – auch relevante Ereignisse aus dessen Biografie. Helga-Mari Steininger schreibt im Programm des DOK.fest München: «Bekannt für seine politisch aufgeladenen Installationen sowie seine unermüdliche Kritik an Autoritäten, bringt Ai Weiwei seine Perspektive in die Welt der Oper ein. Coronakrise, Ukraine-Krieg, Proteste in Hongkong – in seiner radikalen Inszenierung dekonstruiert er die Erzählung, bricht Konventionen und nutzt die Bühne als Plattform für gesellschaftlichen Diskurs. Derevianko begleitet Ai Weiwei und das Ensemble bei der Entstehung einer bombastischen Neuinterpretation eines Klassikers.»

 

The Secret Agent
Der Akademiker Marcelo ist auf der Flucht. Während des Karnevals kommt er nach Recife, wo er seinen kleinen Sohn abholen will, um mit ihm das Land zu verlassen. Doch seine Verfolger sind ihm bereits auf den Fersen … Der umwerfende Wagner Moura brilliert im fesselnden, farbtrunkenen Politthriller, der während der letzten Jahre der brasilianischen Militärdiktatur spielt.

Brasilien, 1977. Marcelo, ein Akademiker Mitte vierzig, ist auf der Flucht und trifft während der Karnevalswoche in der pulsierenden Hafenstadt Recife ein, um seinen kleinen Sohn wiederzusehen. Dank eines solidarischen Netzwerks findet er Unterschlupf im Untergrund. Doch schnell wird ihm klar, dass Recife alles andere als ein sicherer Ort ist. Er fühlt sich verfolgt und erhält schon bald Morddrohungen … Mit Liebe zum Detail, eigenwilligen Charakteren und feinsinnigem Humor zeichnet Kleber Mendonça Filho ein in nostalgisch leuchtenden Farben stilisiertes Stimmungsbild der letzten Jahre des Militärregimes und entwickelt daraus einen phänomenalen Politthriller. Superstar Wagner Moura, bekannt aus der Serie «Narcos», brilliert in der Rolle des geheimnisvollen Marcelo, für die er in Cannes mit dem Preis für den besten Darsteller ausgezeichnet wurde, während Kleber Mendonça Filho den Preis für die beste Regie entgegennahm. Rüdiger Suchsland, Artechock, ist begeistert: «Mendonça lässt uns an einer spannungsgeladenen, karnevalesken Entladung teilhaben, in der der Todestrieb am Ende von der Lebenslust besiegt wird, das Weinen vom Lachen und der Hass von der Liebe.» Und Dobrila Kontić schreibt auf Kino-Zeit: «Eine von Samba-Rhythmen, illustren Nebenfiguren und originellen Einfällen getragene Erzählung über die beängstigende und unbändige Seite eines Landes im Chaos.»

 

Robert Redford – No Ordinary Man: Ordinary People
Das Leben einer gutsituierten Familie gerät aus den Fugen, als bei einer Segelpartie der ältere Sohn ertrinkt, während der jüngere überlebt. Von Schuldgefühlen geplagt, unternimmt Conrad einen Suizidversuch … Robert Redfords einfühlsames Regiedebüt, das durch seine differenzierte Figurenzeichnung besticht, brachte ihm zwei Oscars ein.

Die wohlsituierte Familie Jarrett lebt standesgemäss in Lake Forest, einer Parksiedlung am Rande von Chicago. Doch hinter der perfekt gepflegten Fassade schwelt eine Krise, ausgelöst durch den Tod des älteren Sohnes bei einem Bootsunfall. Der jüngere hat überlebt, wird aber seitdem von Schuldgefühlen gequält. Nach einem Selbstmordversuch und einem Klinikaufenthalt kehrt er nach Hause zurück. Doch die Lebenslüge einer heilen Kleinfamilie lässt sich nach dieser Tragödie nicht mehr aufrechterhalten. Die jahrelang unter Verschluss gehaltenen Beziehungsprobleme liegen nun offen und drohen, die Familie zu entzweien. «Ordinary People», eine Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Judith Guest, war Robert Redfords Debüt als Regisseur und wurde gleich mit vier Oscars ausgezeichnet, u.a. für die beste Regie und als bester Film. Roger Ebert schrieb damals: «Jeder Charakter in diesem Film erhält die Möglichkeit, in sich selbst hineinzuschauen, die eigenen Motivationen wie auch jene der anderen zu hinterfragen und zu versuchen, den eigenen Umgang mit einer schwierigen Situation zu verbessern. (…) Man findet nicht oft Filmfiguren, die sich solchen Herausforderungen stellen, auch selten Regisseure, die dergleichen suchen. ‹Ordinary People› ist ein intelligenter, scharfsinniger und tief bewegender Film.»

 

Hawar, nos enfants bannis
Wie viele Jesidinnen wurde Ana 2014 vom IS entführt und sexuell versklavt. Sie konnte fliehen und in ihre Gemeinschaft zurückkehren. Doch diese zwang sie, ihr kleines Kind wegzugeben, das aus einer Zwangsverbindung mit einem Dschihadisten hervorging. Der Film erzählt vom Leid der Mütter und Kinder und von Anas heimlicher Reise, um ihre Tochter wiederzusehen.

2014 eroberte die Terrormiliz des IS weite Teile des Nordirak und massakrierte die Bevölkerung. Zehntausende Jesid:innen fielen diesem Genozid zum Opfer. Während die Terroristen Männer und ältere Menschen sofort ermordeten, verkauften oder verlosten sie die jungen Frauen als Sexsklavinnen an ihre Anhänger. Aus vielen dieser Zwangsverbindungen wurden Kinder geboren: die «Bastarde des IS», wie sie die jesidische Gemeinschaft inoffiziell nennt. Nachdem der IS besiegt und die versklavten Frauen befreit worden waren, wurden sie von ihren Gemeinschaften gezwungen, ihre Kinder im Stich zu lassen – Mütter und Kinder wurden erneut Opfer patriarchaler Gewalt. In dieser eindrücklichen Dokumentation bricht eine dieser Mütter das Schweigen und schildert ihren Leidensweg … Anja Jeitner schreibt im Filmbulletin: «‹Hawar, nos enfants bannis› erzählt die Geschichte dieser Kinder, die es offiziell nicht gibt, auf bestürzend direkte und gleichzeitig eindrücklich liebevolle Weise. Zusammen mit dem kurdischen Regisseur Mohammad Shaikhow hat die Nahost-Journalistin Pascale Bourgaux mit Ana eine äusserst mutige Protagonistin gefunden und in den acht Jahren Dreharbeiten ausserordentliches Durchhaltevermögen bewiesen, um den jesidischen Frauen eine Stimme zu verleihen und das kollektive Schweigen endlich zu brechen.»

 

Des preuves d'amour
Inspiriert von eigenen Erfahrungen, skizziert Regisseurin Alice Douard in ihrem gefeierten Erstling die Hindernisse eines lesbischen Paares, das sein erstes Kind erwartet. Mit den Shooting Stars Ella Rumpf und Monia Chokri in den Hauptrollen ist ihr eine ebenso bodenständige wie beschwingte Liebesgeschichte geglückt.

Paris, 2014. Céline erwartet ihr erstes Kind – doch schwanger ist nicht sie. Ihre Frau Nadia wird in wenigen Monaten ihre gemeinsame Tochter zur Welt bringen. Die beiden Mittdreissigerinnen haben, kaum dass in Frankreich die «Ehe für alle» verabschiedet wurde, geheiratet. Doch nun legt ihnen der Staat neue Steine in den Weg. Als nicht-biologischer Elternteil muss Céline beweisen, dass sie ihrer Rolle gewachsen ist, um das Kind nach der Geburt adoptieren zu dürfen. Dafür braucht sie die schriftliche Empfehlung von 15 Personen aus dem Freundes- und Familienkreis. Während sie durch die Herausforderungen der Schwangerschaftsbegleitung und den administrativen Wahnsinn navigiert, versucht sie auch, mit ihrer eigenen Mutter Frieden zu schliessen, die als erfolgreiche Pianistin selten für sie da war. Mit Leichtigkeit und Herzlichkeit skizziert Regisseurin Alice Douard in ihrem bewegenden Erstling die Hindernisse eines lesbischen Paares angesichts der Starrheit der Ämter und gesellschaftlicher Konventionen. Mit einer grossartigen Ella Rumpf in der Hauptrolle und einer nicht minder umwerfenden Monia Chokri an ihrer Seite gelingt Douard eine beschwingte romantische Komödie voll entwaffnendem Charme. «Alice Douards Debüt steckt voller kleiner, aber feiner Liebesbeweise an die Liebe, das Leben und das Kino», schwärmt Falk Straub auf film-rezensionen.

 

Johnny & Me – Eine Zeitreise mit John Heartfield
Grafikerin Stephanie entdeckt das Werk von John Heartfield, der als Erfinder der politischen Fotomontage gegen die Nazis kämpfte. Unversehens findet sie sich in seinem Atelier wieder, wo er sie mit auf eine Reise durch sein bewegtes Leben nimmt. Katrin Rothes ungewöhnlicher Hybrid aus Animation, biografischem Dokumentar- und Spielfilm erinnert an einen singulären Künstler.

Die Grafikerin Stephanie steckt in einer kreativen Schaffenskrise. Sie ist frustriert von den banalen Werbeaufträgen und der geringen Wertschätzung ihres Chefs. Bei einem Ausstellungsbesuch entdeckt sie die grandiosen, politisch-satirischen Fotomontagen von John Heartfield (1891–1968), Antifaschist und führender Vertreter der Berliner Dada-Bewegung, und ist begeistert. Dieser Berufskollege hatte eine Botschaft: Kunst als Waffe! Unversehens findet sie sich in seinem Atelier wieder und nimmt inspiriert Schere und Papier zur Hand. Sie gestaltet eine Trickfilmfigur von Heartfield, die sogleich lebendig wird, mit ihr spricht und sie auf eine Zeitreise durch sein bewegtes Leben mitnimmt. Von den Nazis zum Staatsfeind erklärt, beginnt Heartfields ruhelose Flucht durch Europa. Auch in der DDR gilt er als unbequem. Die mehrfach ausgezeichnete Regisseurin Katrin Rothe hat mit ihrem dokumentarischen Animationsfilm, der Spielszenen mit historischen Dokumenten und verschiedenen Tricktechniken mischt, ein unkonventionelles Porträt des Künstlers geschaffen. «Die eindringliche Erzählung überzeugt durch das Aufzeigen der wachsenden Bedrohung durch den aufkommenden Faschismus, die das Drehbuch explizit mit dem Heute in Beziehung setzt», schreibt Silvia Hallensleben in epd Film.

 

Woolly – Schaf dir das Glück
In ihrem berührenden Dokumentarfilm begleitet die Norwegerin Rebekka Nystabakk ihre Schwester Rakel, die ihr Leben als Kulturschaffende in Oslo aufgibt, um die Schafzucht ihrer Eltern zu übernehmen. Enthusiastisch stürzt sie sich mit ihrer Partnerin Ida in das Abenteuer naturnahe Landwirtschaft. Eine zärtliche Hymne auf Achtsamkeit und eine nachhaltige Zukunft.

Der Schafzuchtbetrieb der Familie Nystabakk im Norden Norwegens geht an die nächste Generation: Rakel und ihre Frau Ida übernehmen den kleinen Hof von Rakels Eltern. Dafür geben die jungen Frauen ihre Arbeit als Kulturschaffende in Oslo auf und stürzen sich in den herausfordernden Alltag einer naturnahen, nachhaltigen Landwirtschaft. Im Wissen, dass sie noch viel zu lernen haben, gehen sie ihre neue Aufgabe mit grossem Enthusiasmus, Humor, aber auch Respekt an und sind dankbar, auf die Erfahrung der Eltern zählen zu können, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Bald kennen sie jedes Tier mit Namen, und zwischen harter Arbeit, manch bedrückendem Rückschlag und schlaflosen Nächten erleben sie auch wahrhaft magische Momente. Über zwei Jahre begleitet Regisseurin Rebekka Nystabakk ihre Schwester Rakel bei diesem Übergang und fängt ein, wie traditionelles Wissen von einer Generation auf die nächste übergeht und weiterentwickelt wird. Zwischen Lämmern, Wiesen und Wetterumschwüngen entsteht ein warmherziges, intimes Porträt von Familie, Verantwortung und dem Glück, den eigenen Weg in vertrauten Fussstapfen zu finden. Ein leiser, berührender Film über eine immer seltener werdende Art der Landwirtschaft und ein Liebesbrief – an den Hof, an die Eltern, an bezaubernd bockige Schafe und an das Leben im Takt der Natur.

 

On vous croit
Alice und ihren Kindern steht ein schwerer Tag bevor. Die Mutter muss vor Gericht ihr Sorgerecht verteidigen und darf sich keinen Fehler erlauben, die traumatisierten Kinder müssen ihrem Vater gegenübertreten. Mit einem eindrucksvollen Ensemble und messerscharfen Dialogen hält das fesselnde Gerichtsdrama von der ersten bis zur letzten Minute in Atem.

Es beginnt mit einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Alice und ihrem Sohn Etienne. Der Zehnjährige weigert sich mit allen Kräften, in ein Tram einzusteigen; erst seine Schwester, die 17-jährige Lila, kann ihn zum Einlenken bewegen. Der Grund für das seltsame Verhalten des Buben: Eine Verhandlung vor dem Familiengericht um das Sorgerecht steht an. Und Etienne will seinen Vater, von dem sich Alice schon vor Jahren getrennt hat, unter gar keinen Umständen wiedersehen … Der Erstling des belgischen Regie- und Drehbuchduos Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys, ein exemplarisch anmutender Sorgerechtsstreit um zwei Kinder, der immer quälendere Dimensionen annimmt, war eine der Entdeckungen der diesjährigen Berlinale. Die aus Filmen der Dardenne-Brüder bekannte Schauspielerin Myriem Akheddiou als Mutter ist schlicht grandios. Die Spannung, unter der sie während der Gerichtsverhandlung steht, und ihr Leid werden geradezu körperlich greifbar. Das Kammerspiel von existenzieller Intensität legt nach und nach die Geschichte der Familie offen; jedes Wort sitzt, jede Geste spricht für sich. Allan Hunter schreibt auf Screen Daily: «Das fesselnde Debüt fängt die Spannungen einer lebensverändernden Gerichtsverhandlung hervorragend ein. Fokussiert, dicht geschrieben und grossartig gespielt, ist es so nervenaufreibend wie ein hochklassiger Thriller.»

 

Rietland
In Sven Bressers bildgewaltigem Debüt legt sich eine unheimliche Stille über ein niederländisches Dorf, als ein Bauer eine Mädchenleiche entdeckt. Der atmosphärische Thriller über Schuld, Gewalt und schwelende Abgründe wurde bereits mit den Werken von Ingmar Bergman und David Lynch verglichen und geht für die Niederlande ins Oscarrennen.

Der alte Bauer Johan lebt zurückgezogen in den Feuchtgebieten im Norden der Niederlande. Seit Jahrhunderten wird hier Schilf angebaut, das beim Bau traditioneller Reetdächer Verwendung findet. Johan gehört zu den wenigen, die dieses uralte, vom Aussterben bedrohte Handwerk noch pflegen. Das Leben des wortkargen Mannes und liebevollen Grossvaters, der regelmässig von seiner kleinen Enkelin besucht wird, steht ganz im Einklang mit der Natur und wird von den Elementen Wasser, Feuer und Erde bestimmt. Das zeigt sich bereits in der langen Eröffnungsszene des Films, in der Johan bei seiner Arbeit in den im Wind wogenden Schilffeldern zu sehen ist. Als er eines Tages auf seinem Land die Leiche einer jungen Frau findet, ergreift ihn ein unheilvolles Gefühl. Während der mysteriöse Todesfall Spannungen in der Gemeinde auslöst, ist Johan wild entschlossen, den Schuldigen zu finden. Der gefeierte Erstling von Sven Bresser, der gerade als niederländischer Beitrag für die Oscars eingereicht wurde, ist eine gelungene Mischung aus psychologischer Charakterstudie und atmosphärischem Thriller. Der Regisseur versteht es meisterhaft, ein ständiges Gefühl der Bedrohung vor heraufziehendem Unheil zu vermitteln und dabei grösstenteils von dem zu erzählen, was wir nicht sehen. Kritiker:innen vergleichen «Rietland» mit Filmen von Ingmar Bergmann oder David Lynch.

 

Friday Night Club: Kill Bill: Vol. 1
Fünf Jahre lang lag «die Braut» im Koma, nachdem ihr einstiger Liebhaber ihre gesamte Hochzeitsgesellschaft massakrieren liess. Als sie wie durch ein Wunder wieder erwacht, kennt sie nur einen Gedanken: Rache! Quentin Tarantinos bahnbrechender Kultfilm mit Uma Thurman hat Filmgeschichte geschrieben.

«Die Braut» überlebt als Einzige den brutalen Anschlag des Killerkommandos «The Deadly Viper Association Squad» auf ihre Hochzeitsfeier. Ihr einstiger Liebhaber Bill, Anführer der Bande, hat den vermeintlich tödlichen Schuss auf sie abgegeben. Wie durch ein Wunder erwacht sie nach fast fünf Jahren aus dem Koma und beginnt einen blutigen Rachefeldzug. Fünf Namen stehen auf ihrer Todesliste … Weil Tarantino seinen vierten Film nicht kürzen wollte, machte er daraus zwei Teile, die mit einem Jahr Abstand in die Kinos kamen. «Kill Bill: Vol. 1» ist ein fulminantes Actionspektakel mit grandiosen Bildern, virtuos choreografierten Kampfszenen, einem kultigen Soundtrack, hochstilisierten Gewaltszenen und zahllosen Zitaten aus der Filmgeschichte. Oliver Hüttmann schrieb im Spiegel: «Mit dem Racheepos ‹Kill Bill›, einer kongenial überdrehten Hommage an Martial-Arts-Filme und Spaghetti-Western, feiert Kultregisseur Quentin Tarantino ein bildgewaltiges Comeback. (…) Er entfaltet einen Reigen an Referenzen und Rückblenden, einen Rausch aus Blut und Bildern, die unvergleichlich und unnachahmlich sind. Fünf Akte, die um die ganze Welt führen, an sechs internationalen Sets entstanden und dennoch an einem Ort bleiben: dem Tarantinoverse, einem Zettelkasten, in den das gesamte Universum des Kinos passt. Brillantes Entertainment.»

 

Sedimente
Der Film folgt den Spuren einer Familie und legt die Verschränkungen zweier Diktaturen frei. Die Gespräche der Regisseurin mit ihrem Grossvater beleuchten mehrere Epochen der deutschen Geschichte: den Nationalsozialismus, die DDR und die Nachwendezeit. Ein Film über Erinnern, Vergessen und persönliche Verantwortung in einer Diktatur.

Hermann Günther Gerber, der 1935 geborene Grossvater der Regisseurin, erlebte als Kind die NS-Diktatur. Der von ihm bewunderte ältere Bruder starb an der Front; der Vater, ein überzeugter Nazi, nahm sich nach Kriegsende das Leben. Als begeisterter Sportler machte Gerber in der jungen DDR Karriere, studierte an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und wurde später ein bekannter Gynäkologe. Wie seine Frau, die er während des Studiums kennenlernte, war er überzeugter Kommunist und blieb es auch nach 1989. Schon seit Langem wollte seine Enkelin einen Dokumentarfilm über ihn realisieren, doch erst nach dem Tod der Grossmutter war dies möglich. Über mehrere Jahre tritt sie mit ihrem Grossvater in einen Dialog, bei dem spürbar wird, wie viel Ungesagtes zwischen den beiden schwelt. «Sedimente», ein Film über Erinnern, Vergessen und persönliche Verantwortung in einer Diktatur, beleuchtet mehrere Epochen der deutschen Geschichte: den Nationalsozialismus, die DDR und die Nachwendezeit. Michael Sennhauser schreibt in seinem Blog: «‹Sedimente› ist eine eindrückliche, eindringliche Arbeit. Laura Coppens trägt darin die Geschichte ihrer Familie über die Generationen und Diktaturen hinweg zusammen und anerkennt, dass diese Sedimente, diese Schichten sich zwar freilegen, aber nicht wegputzen lassen, schon gar nicht durch Schweigen.»

 

Kinderfilme: Die kleine Weihnachtsfanfare
Wenn der Schnee alles zudeckt, wird es ganz still. Doch wenn man die Ohren spitzt, kann man den leisen Gesang des Waldes hören, die fröhlichen Rufe der Yetis oder die Fanfaren von Bären und Füchsen. Der Winter hat seine eigene Musik und mit ihr beginnt die Magie von Weihnachten … Vier zauberhafte Trickfilme entführen unsere Jüngsten in die Winterweihnachtswelt.

Ein Weihnachtsspecial für die Kleinsten bietet dieses Programm mit vier kurzen Animationsfilmen, die sich um die Feiertage drehen. Aus dem Kinderfernsehen bekannt sind die kurzen Episoden um «Die Musifanten», in denen jeweils ein Lied im Zentrum der Geschichte steht. In der 25-minütigen Weihnachtsepisode sind die Musifanten Charlie und sein Opa Günter auf der Suche nach einem Weihnachtsbaum. Doch im tief verschneiten Wald sind alle Bäume bereits vergeben. Während Opa Günter voller Vorfreude Weihnachtslieder singt und sie mit Witz musikalisch neu interpretiert, lernt Charlie die Weihnachtsrituale der Waldbewohner kennen. «In angenehmer Farbigkeit, langsamem Rhythmus und kindgerechten Dialogen, in denen auch die einzelnen weihnachtlichen Songs immer wieder eine grosse Rolle spielen, streifen Charlie und Opa Günter durch den Winterwald und begegnen immer wieder anderen Tieren, denen sie weiterhelfen oder von denen sie etwas lernen können», schreibt die Jury der deutschen Film- und Medienbewertung und vergibt das «Prädikat wertvoll» für den liebevollen Film von Meike Fehre. Die drei jeweils knapp fünfminütigen Kurzfilme «Die Melodie vom grossen Berg», «Yeti Fiesta» und «Lulu und die Wintersinfonie», die von Studierenden der École des Métiers du Cinéma d’Animation (EMCA) in Angoulême realisiert wurden, runden das Programm charmant ab.

 

Kinderfilme: Mary Anning – Fossilienjägerin
Die 12-jährige Mary sucht am Strand nach Fossilien. Mit ihren Fundstücken will sie ihre Familie aus der Armut befreien und das Rätsel einer geheimnisvollen Skizze lösen, die ihr verstorbener Vater ihr vererbt hat … Abenteuerlicher Animationsfilm über Mary Anning, die 1811 an der englischen Küste Fossilien entdeckte und die ersten Kapitel der Paläontologie schrieb.

Die zwölfjährige Mary ist ein neugieriges Mädchen. Am liebsten verbringt sie ihre Tage an der Küste, wo sie nach Fossilien sucht. Ihr Vater hat ihr diese Leidenschaft vermittelt, doch der ist plötzlich verschwunden und hat neben einer Familie in grosser Not eine mysteriöse Zeichnung hinterlassen. Mary ist fest entschlossen, ihre Mutter und ihren Bruder zu unterstützen. Und sie will das Geheimnis der Zeichnung lüften. Der liebevoll gestaltete, abenteuerliche Animationsfilm ist inspiriert von der wahren Geschichte der britischen Fossiliensammlerin Mary Anning, die im frühen 19. Jahrhundert eine Pionierin der Fossilienforschung war. Der zauberhafte Film begeisterte auf zahlreichen Festivals, so auch in Locarno, wo er den Locarno Kids Award gewann. Xenia Nguyen schreibt für das Fantoche Festival: «‹Mary Anning, Fossilienjägerin› ist eine lebendige Geschichte über Wissenschaft, Widerstandskraft und ein junges Mädchen, das die Welt verändert hat. Es ist das Langfilmdebüt des Schweizer Animators Marcel Barelli, der historische Fakten unterhaltsam, zugänglich und zeitgemäss umzusetzen weiss. Der Film verbindet auf geschickte Weise Humor mit feministischer Kritik und zeigt, wie wichtig Annings Fossilienentdeckungen für die Paläontologie waren, obwohl Mary aufgrund ihres Geschlechts und ihrer sozialen Stellung lange Zeit aus dem wissenschaftlichen Kanon ausgeschlossen wurde.»

 

I Love You, I Leave You
Für ein Konzert reist der gefeierte Musiker Dino Brandão nach Angola. Die Konfrontation mit der Heimat seines Vaters löst bei ihm eine manische Phase aus. Regisseur Moris Freiburghaus begleitet seinen Freund und zeigt die emotionale Achterbahnfahrt, die er und sein Umfeld durchleben. Ein sehr persönlicher Einblick in eine herausfordernde Krankheit.

Der Schweizer Musiker Dino Brandão reist für ein Konzert nach Angola, das Heimatland seines Vaters. Die Konfrontation mit seiner Herkunft und der eigenen Identität löst eine manische Episode bei ihm aus. Regisseur Moris Freiburghaus, den eine langjährige Freundschaft mit Dino verbindet, gelingt mit «I Love You, I Leave You» ein zutiefst persönlicher und einfühlsamer Dokumentarfilm über dessen bipolare Störung und die emotionale Achterbahnfahrt, die er und sein Umfeld gemeinsam durchleben: Was passiert, wenn der beste Freund psychisch erkrankt? Wie geht man damit um, und wie erlebt die betroffene Person selbst diesen Ausnahmezustand? Dino Brandão, international bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Sophie Hunger und Faber, komponierte den Soundtrack zum Film. Das Regiedebüt des Zürchers Moris Freiburghaus räumte am diesjährigen Zurich Film Festival gleich zweimal ab: Es gewann den Publikumspreis und den Preis für den besten Dokumentarfilm. Die Jury lobt: «Wir haben noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Der unverblümte Blick auf psychische Erkrankungen und die unerschütterlichen Bindungen von Freundschaft und Familie haben uns dazu veranlasst, das Goldene Auge in dieser Kategorie zum ersten Mal an eine Schweizer Produktion zu vergeben.»

 

Robert Redford – No Ordinary Man: A River Runs Through It
Die gegensätzlichen Brüder Norman und Paul wachsen als Söhne eines presbyterianischen Pfarrers auf. Während Norman Literatur studiert, versucht Paul sein Glück als Journalist und verstrickt sich in gefährliche Händel. In Robert Redfords Familienepos brillieren Tom Skerritt, Craig Sheffer und der junge Brad Pitt vor grandioser Naturkulisse.

Im idyllischen Montana des beginnenden 20. Jahrhunderts wachsen die ungleichen Brüder Norman und Paul unter der strengen, aber liebevollen Obhut ihres Vaters auf. Als Pfarrer einer presbyterianischen Kirche versucht er, seinen Söhnen neben Gottes Wort auch die Liebe zur Natur und zur Kunst des Fliegenfischens zu vermitteln. Der besonnene Norman zieht weg, um Literatur zu studieren, während der rebellische Paul in Montana sein Glück als Journalist versucht. Lange hatte sich Robert Redford um die Rechte bemüht, die autobiografische Novelle von Norman Maclean verfilmen zu dürfen. Die lyrische Sprache übersetzt Regisseur Redford in einen meditativen Erzählfluss, der auf Dramatisierung verzichtet und die philosophischen Aspekte der Geschichte betont. Kameramann Philippe Rousselot wurde für seine betörenden Bilder von der Natur und der Kunstfertigkeit des Fliegenfischens mit einem Oscar ausgezeichnet. Tom Skerritt als Pfarrer sowie Craig Sheffer und Brad Pitt als Söhne überzeugen in den Hauptrollen. «Ein behutsam und ohne Effekthascherei inszenierter Film, der in seiner verinnerlichten Erzählweise den Geist der autobiografischen Vorlage genau trifft. Eine wohltuende Abkehr vom Gros der Hollywoodproduktionen», schrieb Franz Everschor im Filmdienst und lobte den Film als «ein Meisterwerk des spirituellen Kinos».

 

Franz K.
Prag, Anfang 20. Jahrhundert: Franz Kafka leidet unter seinem strengen Vater, dem Alltag als Versicherungsangestellter und der Sehnsucht nach künstlerischer Entfaltung. Agnieszka Hollands berückender und origineller Kafka-Film zeichnet das Porträt eines jungen Mannes, der Literaturgeschichte schreibt, sich verliebt und den Widersprüchen des Lebens begegnet.

Er war ein Versicherungsjurist, der das Schreiben und die Verantwortung als Sohn und zukünftiger Ehemann in einem konservativen Prager Elternhaus am Rande des Ersten Weltkriegs unter einen Hut bringen musste. Dabei besass er, wie keiner je zuvor, ein Talent für die Verschmelzung von Realismus und Fantasie samt brutal formulierter Verzerrungen von Bürokratien und Menschen, die in surrealen Situationen stecken oder tödliche Kämpfe ausfechten müssen – so wie er selbst gegen die Tuberkulose. Die Rede ist von Franz Kafka, dem wir anlässlich seines 100. Todestages im Juni 2024 eine Reihe gewidmet haben. Nun ist die polnische Meisterregisseurin Agnieszka Holland das Wagnis eingegangen, sich Kafka in einem essayistischen, nicht-linearen Biopic anzunähern. Mit dem 1997 geborenen, noch kaum bekannten deutschen Schauspieler Idan Weiss als Kafka pendelt der Film virtuos zwischen dem so reichen wie flüchtigen Leben des Jahrhundertliteraten und einer dokumentierten Gegenwart, in der mit seinem Namen alles Mögliche verkauft wird: von Hamburgern über Schlüsselanhänger bis zu Ostereiern – eine Wendung, die kafkaesker kaum sein könnte. Übertroffen wird diese von der Tatsache, dass das Verhältnis der von Kafka geschriebenen zu den über ihn geschriebenen Worten eins zu zehn Millionen beträgt – ein Hype, den der Film so geschickt wie elegant umschifft.

 

Robert Redford – No Ordinary Man: The Way We Were
Die jüdische Kommunistin Katie verliebt sich in den 1930er-Jahren in den blonden Sportler und Schriftsteller Hubbell. Ihre stürmische Beziehung spitzt sich fatal zu, als sie in die Hexenjagd der McCarthy-Ära verstrickt werden. Robert Redford und eine elektrisierende Barbra Streisand überzeugen in Sidney Pollacks einfühlsamem Liebesmelodram.

Katie Morosky und Hubbell Gardiner begegnen sich Ende der 1930er-Jahre an einer Eliteuniversität an der Ostküste. Katie ist Jüdin und engagiert sich in der kommunistischen Studentenbewegung, Hubbell ein gutaussehender Sonnyboy aus reichem Haus, der einen hedonistischen Lebensstil pflegt. Trotz aller Gegensätze verbindet die beiden eine Leidenschaft für das Schreiben. Jahre später treffen sie sich zufällig wieder, werden ein Paar und ziehen nach Hollywood, wo Hubbell Karriere als Drehbuchautor macht. Während der McCarthy-Ära wird Katies marxistische Vergangenheit zum Problem, doch sie ist nicht bereit, ihre Ideale zu verraten. Der Film war die dritte Zusammenarbeit von Sydney Pollack und Robert Redford und erhielt sechs Oscarnominierungen, ausgezeichnet wurden der Titelsong – interpretiert von Barbra Streisand – und die Filmmusik. Alan R. Howard beschrieb Robert Redford in The Hollywood Reporter als «Fitzgerald-mässigen Helden mit eisigem, gefährlichem Charme» – eine Figur, die er ein Jahr später in «The Great Gatsby» verkörpern sollte. Zum Film meinte Howard: «Er hat den Look einer grossen Hollywood-Romanze, aber weil Regisseur Pollack der Korruption ins Gesicht blickt und diese als solche entlarvt, entpuppt sich ‹The Way We Were› als eine der unsentimentalsten Liebesgeschichten, die je verfilmt wurden.»

 

Robert Redford – No Ordinary Man: All the President's Men
Bob Woodward und Carl Bernstein, die zwei legendären Journalisten der Washington Post, stossen bei ihren Recherchen zur Watergate-Affäre auf eine heisse Spur, die direkt ins Weisse Haus führt. Alan J. Pakula ist mit Robert Redford und Dustin Hoffman ein Politthriller der Extraklasse und einer der legendären Journalistenfilme geglückt.

Bob Woodward und Carl Bernstein, Journalisten der Washington Post, wittern die grosse Story, als ihnen die Geschichte von den fünf Männern zu Ohren kommt, die am 1. Juni 1972 beim Einbruch in das Hauptquartier der Demokraten in Washington D.C. überrascht werden. Stück für Stück rekonstruieren sie die Indizienkette, die sie zu FBI, CIA und dem persönlichen Berater von Präsident Richard Nixon führt. Regisseur Alan J. Pakula zeichnet in seinem Thriller mit Robert Redford und Dustin Hoffman als hartnäckigem Recherche-Dream-Team minutiös die Aufdeckung des Watergate-Skandals nach, der schliesslich Nixon Kopf und Kragen kostete. Das längst zum Klassiker des Journalistenfilms avancierte cineastische Glanzstück liefert neben viel Spannung einen tiefen Einblick in die nicht immer ganz astreinen Methoden des US-amerikanischen investigativen Journalismus. Geoff Andrew schreibt im Time Out Film Guide: «Pakulas Watergate-Film ist bemerkenswert intelligent. Er funktioniert als Thriller (…) und als nahezu abstrakte Darstellung der dunklen Gänge der Korruption und der Macht. Die visuellen Arrangements sind oft ausserordentlich. Das Licht in den Redaktionsräumen der Washington Post etwa kontrastiert mit den Schatten, in denen sich der Starinformant ‹Deep Throat› verbirgt.»

 

Sentimental Value
Nach Jahren der Abwesenheit sucht ein berühmter Regisseur den Kontakt zu seinen entfremdeten Töchtern und bietet der älteren eine Rolle in seinem nächsten Film an. Als diese entrüstet ablehnt und er stattdessen einen jungen Hollywoodstar engagiert, kommen schmerzhafte Erinnerungen hoch. Grandioses Familienepos mit Stellan Skarsgård, Renate Reinsve und Elle Fanning.

Nora und Agnes staunen nicht schlecht, als ihr entfremdeter Vater Gustav nach Jahren der Abwesenheit plötzlich auf der Trauerfeier für ihre Mutter auftaucht. Der einst gefeierte Filmregisseur hatte die Familie verlassen, als die Mädchen noch klein waren. Nora ist inzwischen eine erfolgreiche, aber labile Theaterschauspielerin, während Agnes ein ruhigeres Leben mit Mann und Kind führt. Gustav hat ein neues Drehbuch für einen autobiografischen Film im Gepäck und will, dass Nora die Hauptrolle übernimmt. Doch so einfach, wie er sich das gedacht hat, lässt sich die zerrüttete Beziehung zu seinen Töchtern nicht kitten und neu beleben … Mit feinem Humor und leiser Melancholie gelingt Joachim Trier eine berührende Vater-Tochter-Geschichte und eine eindringliche Reflexion über Familie und Erinnerung, über Nähe und das bittersüsse Bedürfnis, gesehen zu werden. Auf der umjubelten Premiere in Cannes wurde er dafür mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichnet. Mia Pflüger lobt auf Kino-Zeit: «‹Zärtlichkeit ist der neue Punk›, sagt Joachim Trier. Und genau so fühlt sich ‹Sentimental Value› an. Radikal in seiner Verletzlichkeit, entschlossen in seiner Sanftheit. (…) Am Ende steht ‹Sentimental Value› als leise Offenbarung. Nicht bloss Nostalgie, sondern die Traurigkeit über das, was war, und die zarte Hoffnung auf das, was noch sein könnte.»

 

Dreamers
Isio gelingt die Flucht nach England, wo sie wegen fehlender Papiere in ein Abschiebezentrum gebracht wird. Im Gegensatz zur rebellischen Farah, in die sie sich verliebt, glaubt sie an ein gerechtes Asylsystem. Regisseurin Joy Gharoro-Akpojotor begegnet der Trostlosigkeit mit einer einfühlsamen Liebesgeschichte, dem Lebensmut ihrer Figuren und farbtrunkenen Bildern.

Die ohne Papiere in England lebende Migrantin Isio wird von der Polizei ins Abschiebezentrum Hatchworth gebracht. Als sie von anderen Insassinnen schikaniert wird, steht ihre Zimmernachbarin Farah ihr bei. Während Isio auf ein faires Asylverfahren hofft, hat Farah die Illusionen längst verloren. Zwischen den beiden Frauen kommt es zu einer zarten Annäherung. Gemeinsam beginnen sie, der unbarmherzigen Maschinerie des Einwanderungssystems zu trotzen – auch wenn ihr kleines Glück ständig von einer möglichen Abschiebung bedroht ist … Das elektrisierende, farbtrunkene Debüt von Joy Gharoro-Akpojotor liefert eine aussergewöhnliche Innensicht auf ein Abschiebezentrum. Die in Nigeria geborene, queere Regisseurin kennt das Asylsystem aus eigener Erfahrung. Der Trostlosigkeit der Situation setzt sie eine feinfühlige Liebesgeschichte und den Lebensmut ihrer Hauptfiguren entgegen. Hayley Croke schreibt auf Loud and Clear Reviews: «‹Dreamers› vermittelt eine einfühlsame Perspektive auf Menschen, über die oft eher als Statistik denn als Individuen berichtet wird. Der Film verleiht der Erfahrung von Migranten Würde und eine Differenziertheit, die derzeit dringend notwendig sind. Isio, Farah und die anderen Frauen in Hatchworth sind vielschichtige Charaktere: Wir sehen ihren Schmerz, werden aber auch Zeugen ihrer Stärke.»

 

Robert Redford – No Ordinary Man: Out of Africa
Karen heiratet Baron Bror von Blixen und baut mit ihm eine Kaffeeplantage in Kenia auf, doch ihre Ehe ist unglücklich. Als sie den attraktiven Grosswildjäger Denys Finch Hatton kennenlernt, ändert sich ihr Leben schlagartig. Sydney Pollacks legendäre Verfilmung mit Robert Redford, Meryl Streep und Klaus Maria Brandauer zählt zu den grossen Liebesepen der Filmgeschichte.

«Out of Africa» basiert auf den Memoiren der dänischen Autorin Karen Blixen und erzählt von ihrem abenteuerlichen Leben im damaligen British East Africa, dem heutigen Kenia, wo sie mit ihrem Mann, Baron Bror von Blixen, eine Kaffeeplantage betrieb. Weil Bror aber lieber seinen Jagd- und Liebesabenteuern nachgeht, sieht sich Karen gezwungen, die Farm auf eigene Faust zu bewirtschaften. Als sie den Abenteurer Denys Finch Hatton kennenlernt, wird er zu ihrem Vertrauten, auch weil er ihre Liebe zu Afrika teilt. Bald entwickelt sich zwischen den beiden eine stürmische Affäre. Sydney Pollacks Liebesepos im kolonialen Afrika der Jahre 1914 bis 1931 gewann sieben Oscars, darunter für den besten Film und die beste Regie. «Meryl Streep und Robert Redford sind Starkstrom-Stars», schrieb damals der Filmkritiker Roger Ebert. «Der Film ist grossartiges, atemraubendes Kino, an Originalschauplätzen gedreht. Ein Film, der den Mut hat, komplexe, überwältigende Emotionen zu zeigen, und die Starpower seiner Darsteller ohne Skrupel einsetzt. Sydney Pollack hat schon früher mit Redford zusammengearbeitet. (…) Er versteht den besonderen, etwas zerbrechlichen Nimbus seines Stars, der dazu neigt, sein eigenes Image übermässig zu schützen. In falschen Händen kann Redford narzisstisch wirken. Dieses Mal hat er allen Grund, narzisstisch zu sein.»

 

Robert Redford – No Ordinary Man: Three Days of the Condor
Alle Mitglieder eines literarischen Vereins, der in Wirklichkeit für die CIA arbeitet, werden ermordet, bis auf Turner, der gerade in der Mittagspause war. Er taucht unter und versucht herauszufinden, wer den Anschlag verübt hat … Robert Redford und Faye Dunaway brillieren in Sydney Pollacks intelligentem, mitreissendem Politthriller.

Joe Turner arbeitet unter dem Codenamen «Condor» bei der American Literary Historical Society in New York. Bei dieser angeblich literaturhistorischen Gesellschaft handelt es sich jedoch in Wirklichkeit um ein geheimes CIA-Büro, das Printmedien aus der ganzen Welt analysiert. Als Turner eines Tages aus der Mittagspause in sein Büro zurückkommt, findet er alle seine Kollegen erschossen vor. Er informiert sofort das CIA-Hauptquartier, das ihn auffordert, zu einem Treffpunkt zu kommen, um ihn in Sicherheit bringen zu können … Robert Redford war Sydney Pollacks Lieblingsschauspieler. Als von seinen eigenen Leuten gehetzter CIA-Mitarbeiter brilliert er zum vierten Mal unter dessen Regie. Roger Ebert schrieb damals in der Chicago Sun Times: «Das Beängstigende an diesem mitreissenden und spannenden Thriller ist, dass er nach Watergate nur allzu glaubwürdig ist. Verschwörungen zum Mord durch Bundesbehörden fanden sich früher in obskuren Publikationen der extremen Linken. Jetzt sind es Hochglanzunterhaltungen mit Robert Redford und Faye Dunaway in den Hauptrollen. Wie schnell gewöhnen wir uns an die deprimierendsten Möglichkeiten unserer Regierung – und wie schnell kommerzialisieren wir sie. Früher spielten Hollywoodstars Cowboys und Generäle. Jetzt sind sie Abhörer, Attentäter oder Ziele.»

 

Robert Redford – No Ordinary Man: All Is Lost
Ein einsamer Segler kollidiert auf hoher See mit Treibgut und verliert dabei Radio und Navigationsgerät. Nachdem es ihm gelungen ist, das Leck an seinem Boot abzudichten, wird er bereits mit der nächsten Herausforderung konfrontiert … Robert Redford stellt als Segler in Not seine eindrucksvolle Schauspielkunst und starke Präsenz unter Beweis.

Ein namenloser, älterer Mann ist auf einer Segeltour im Indischen Ozean, als seine Yacht «Virginia Jean» mit einem Schiffscontainer kollidiert, den ein Frachtschiff verloren hat. Der Container schlägt ein grosses Loch in die Aussenwand, wodurch unaufhörlich Wasser eindringt. Ruhig und umsichtig macht sich der erfahrene Segler daran, das Leck provisorisch zu reparieren. Seine Navigationshilfen und das Funkgerät sind allerdings zerstört: Es ist unmöglich, ein SOS zu verschicken. Für sein existenzielles Drama braucht Regisseur J. C. Chandor nicht mehr als ein Boot auf offener See, den Ausnahmeschauspieler Robert Redford und eine exzellente Kameraführung. Fast dokumentarisch in seiner inszenatorischen Reduktion, entwickelt sich ein ungemein spannender Überlebenskampf. Frank Schnelle schrieb in epd Film: «Nichts erfahren wir über seine Vorgeschichte, über Sinn und Zweck seiner ursprünglichen Mission. Wir kennen weder seine Gedanken noch hören wir ihn reden (mal abgesehen von einem vergeblichen Funkspruch und einem mehr als angemessenen ‹Fuck!›). Einen Teil dieses Drehbuchvakuums vermag Robert Redford mit seiner schieren Leinwandpersona zu füllen: Bald 80-jährig, ist er immer noch eine faszinierend virile Erscheinung, die hier einerseits den eigenen Mythos in die Waagschale wirft, andererseits eine grandios reduzierte, im besten Sinn uneitle Performance abliefert.»

 

Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse
Michael Hartung, Besitzer einer Videothek in Berlin, steht kurz vor der Pleite, als ein ehrgeiziger Journalist ihn kurzerhand zum gesamtdeutschen Helden erklärt. Michael soll vor 35 Jahren eine spektakuläre Massenflucht aus der DDR organisiert haben … Charly Hübner brilliert in Wolfgang Beckers («Good Bye, Lenin!») letztem Film nach dem Bestseller von Maxim Leo.

Michael Hartung betreibt in Berlin eine serbelnde Videothek. Eines Tages steht ein Journalist im Laden, der eine Reportage zum 30. Jahrestag des Mauerfalls realisieren will. In Stasi-Akten ist der Mann auf den Namen von Hartung gestossen, der 1984 die grösste Massenflucht aus der DDR organisiert und dafür viele Jahre im Stasi-Knast verbüsst haben soll. Nach anfänglichem Zögern spielt Hartung, der tatsächlich nur zwei Tage im Knast war, das Spiel mit … Basierend auf dem gleichnamigen, 2022 erschienenen Bestseller von Maxim Leo hat Wolfgang Becker – zehn Jahre nach der Hochstaplergeschichte «Ich und Kaminski» und 21 Jahre nach dem Jahrhundertfilm «Good Bye, Lenin!» – ein All-Star-Ensemble um Charly Hübner als Michael Hartung versammelt und diese deutsch-deutsche Komödie um Deutungshoheit realisiert. Sie wurde sein Vermächtnis – er starb kurz nach Ende der Dreharbeiten im Dezember 2024. Produzent Stefan Arndt sagt über den Film: «Wolfgang hat in seinen Filmen niemals nur eine Geschichte erzählt. Natürlich geht es hier um die Legende dieser Massenflucht und darum, wie Medien mit ihren Helden umgehen. Aber ebenso um die Schwierigkeit, als Erwachsener heutzutage die Liebe zu finden und damit umzugehen. Tatsächlich hatten Wolfgang und ich uns geschworen, einmal zusammen einen Liebesfilm zu drehen – einen erwachsenen Liebesfilm.»

 

Eddington
Im Sommer 2020 entbrennt in der Kleinstadt Eddington in New Mexico zwischen dem maskenverweigernden Sheriff Joe Cross und Bürgermeister Ted Garcia ein erbitterter Machtkampf, der die Gemeinschaft an den Rand des Zusammenbruchs treibt. Joaquin Phoenix, Pedro Pascal und Emma Stone brillieren in Ari Asters irrwitzigem Corona-Western.

2020 wütet im Städtchen Eddington, New Mexico, die Pandemie. Die Maskenpflicht wird eingeführt – sehr zum Missfallen von Joe Cross, dem an Asthma leidenden Sheriff des Ortes. Besonders verhasst ist ihm Bürgermeister Ted Garcia, sein Erzrivale, der ganz anders tickt als er und gerade ohne Konkurrenz für eine zweite Amtszeit kandidiert. Aus einem Impuls heraus beschliesst Joe, selbst anzutreten – als Kämpfer gegen Behörden, Bürokratie und Beamte. Seine psychisch labile Ehefrau Louise ist wenig begeistert von dieser Entscheidung. Vor allem, weil sie einst eine Affäre mit Garcia hatte. Doch der Wahlkampf nimmt Fahrt auf und Joe heizt ihn an, bis die Situation zu eskalieren droht. Einen schwarzhumorigen Corona-Western nennt Ari Aster, Spezialist für alptraumhaft-abgefahrene Komödien, seinen vierten Spielfilm, der in Cannes im Wettbewerb lief und in dem Joaquin Phoenix, Hauptdarsteller in Asters vorherigem Film «Beau Is Afraid», als Sheriff Joe Cross brilliert und Emma Stone mit unbändiger Spiellust Joes durchgeknallte Ehefrau Louise verkörpert. Ben Croll schreibt auf TheWrap: «Aster hatte schon immer ein glückliches Händchen für Konfrontationen. Dabei läuft Phoenix in neurotischer Action zu Höchstform auf und ist in dieser Gesellschaftssatire, die so unverblümt und breit gefächert wie Amerika ist, ganz in seinem Element.»

 

La Petite dernière
Die 17-jährige Muslima Fatima wächst als jüngste Tochter einer algerischen Einwandererfamilie in der Pariser Banlieue auf. Ihre Liebe zu Frauen bringt sie nicht nur mit ihrer Herkunft und ihrem Glauben in Konflikt, sondern auch mit sich selbst. In Cannes wurde der gefeierte Film gleich zweifach ausgezeichnet: mit der Queer Palm und dem Preis für die beste Darstellerin.

Die 17-jährige Fatima wächst als jüngste von drei Töchtern in einer liebevollen algerischen Einwandererfamilie in der Pariser Banlieue auf. Ihr Alltag ist vom muslimischen Glauben geprägt. Doch es fällt ihr zunehmend schwer zu verbergen, dass ihr Herz für Frauen schlägt. Als sie ein Philosophiestudium in Paris beginnt, eröffnet sich ihr eine völlig neue Welt. Sie findet Anschluss an die queere Szene, schliesst enge Freundschaften und verliebt sich leidenschaftlich in die Krankenschwester Ji-Na. Hin- und hergerissen zwischen Familientradition, Glauben und ihrem Wunsch nach Freiheit, muss sie ihren eigenen Weg finden. Mit der Verfilmung des gefeierten autobiografischen Debütromans von Fatima Daas gelingt Regisseurin Hafsia Herzi das vibrierende Porträt einer jungen Frau auf der Suche nach sich selbst. Mit grosser Sensibilität, aber ohne Scheu vor Tabubrüchen, verwebt sie soziale Spannungen, tradierte Überzeugungen und erwachende Sehnsüchte zu einem Werk, das von The Hollywood Reporter als «Instantklassiker des Queer Cinema» gefeiert und in Cannes mit der Queer Palm sowie dem Preis für die beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. «In der Hauptrolle liefert Nadia Melliti einen Auftritt, der einem den Atem stocken lässt. Was für eine Entdeckung, was für ein Gesicht, welch eine intensive Ausstrahlung!», schwärmt Thomas Schultze auf The Spot.

 

Robert Redford – No Ordinary Man: The Sting
Zwei Trickbetrüger im Chicago der 1930er-Jahre legen unwissentlich den Geldkurier eines Gangsterbosses herein. Als der eine ermordet wird, sucht der andere einen neuen Partner, um mit diesem einen raffinierten Rachecoup in einem fingierten Wettbüro zu inszenieren. Robert Redford und Paul Newman laufen in einem der grössten 1970er-Filmhits zu Höchstform auf.

Chicago, 1936. Der Kleinganove Johnny Hooker und der legendäre Trickbetrüger Henry Gondorff schliessen sich zusammen, um sich am skrupellosen Gangsterboss Lonnegan zu rächen, der ihren Freund Luther auf dem Gewissen hat. Mit einem raffinierten Coup wollen sie Lonnegan um eine grössere Geldsumme erleichtern. «The Sting» avancierte zu einem der erfolgreichsten Filme der 1970er-Jahre und erhielt sieben Oscars. Robert Redford wurde als bester Hauptdarsteller nominiert – seine einzige Nominierung als Schauspieler –, ging aber leer aus. 2002 wurde er mit einem Ehrenoscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Robyn Citizen schreibt für das Toronto International Film Festival: «Der vor Charme nur so strotzende Film ist ein Meisterwerk der filmischen Fingerfertigkeit. Unter der Regie von George Roy Hill und mit Paul Newman und Robert Redford in den Hauptrollen, die sich bereits in ‹Butch Cassidy and the Sundance Kid› (1969) als ideales Zweigespann bewiesen hatten, ist ‹The Sting› bis heute ein Meilenstein des Caper-Films.» Ihre TIFF-Kollegin Judith Crist ergänzt: «‹The Sting› ist pures Gold, ein Film, wie man sich ambitionierte Unterhaltung träumt. Ein Film, der ebenso schön anzusehen wie anzuhören ist – dabei scheint sich in den grossartigen Soundtrack der Piano Rags von Scott Joplin das fröhliche Lachen aller Beteiligten zu mischen, die ihre Arbeit sichtlich geniessen.»

 

Robert Redford – No Ordinary Man: The Great Gatsby
Der geheimnisvolle Jay Gatsby versucht, mit grosszügigen Partys seine einstige Liebe Daisy zurückzugewinnen, die mit dem treulosen Geldadligen Tom verheiratet ist. Jack Clayton verfilmte F. Scott Fitzgeralds legendären Roman über die Roaring Twenties mit Robert Redford und Mia Farrow und löste mit seinem Werk ein Moderevival aus.

New York in den «Roaring Twenties». Der junge Nick Carraway will sein Glück als Börsenmakler an der Wall Street versuchen und zieht nach Long Island. Der Zufall will, dass seine bescheidene Unterkunft an das mondäne Anwesen von Jay Gatsby grenzt, einem mysteriösen Unternehmer und Veranstalter ausschweifender Partys für die New Yorker High Society. Eines Tages wird auch Nick eingeladen. Schnell wird ihm klar, dass der Hausherr diesen Aufwand nur betreibt, um seine grosse Liebe Daisy – Nicks Cousine, die inzwischen verheiratet ist, – zurückzugewinnen. Bei dieser opulenten Adaption des US-amerikanischen Klassikers von F. Scott Fitzgerald aus dem Jahr 1925 führte der Brite Jack Clayton Regie, Francis Ford Coppola schrieb das Drehbuch. In der Rolle des undurchsichtigen Gatsby bricht Robert Redford mit seinem Image als amerikanischer Sonnyboy. Jay Cocks schreibt im Time Magazine, dass es Redford gut gelinge, Gatsbys innere Unruhe zu vermitteln, auch habe er ein Gespür für dessen Besessenheit. Redfords blendende Erscheinung kommt im oscarprämierten Look der 1920er-Jahre umwerfend zur Geltung – der Film löste auch ein entsprechendes Moderevival aus. Der Schriftsteller Tennessee Williams war begeistert: «Jack Clayton hat aus ‹The Great Gatsby› einen Film gemacht (…), der, meiner Meinung nach, sogar den Roman von F. Scott Fitzgerald übertrifft.»

 

Kokuho – The Master of Kabuki
Zwischen Skandalen und Ruhm, Bruderschaft und Verrat: Visuell opulent und emotional ergreifend erzählt Sang-il Lee in seinem historischen Epos die Geschichte zweier junger Kabuki-Theaterschauspieler. Der gefeierte Film beleuchtet die japanische Kunstform mit spektakulären Bildern und filmischer Finesse und brach in Japan alle Kassenrekorde.

Nagasaki, 1964: Nach dem gewaltsamen Tod seines Vaters, eines Yakuza-Bosses, kommt der 14-jährige Kikuo in die Obhut des berühmten Kabuki-Schauspielers Hanjiro Hanai. In dessen gleichaltrigem Sohn Shunsuke findet er einen Freund. Hanjiro Hanai erkennt sofort Kikuos grosses Talent und nimmt ihn als weiteren Schüler neben seinem Sohn auf. Über Jahrzehnte hinweg entwickeln sich die beiden jungen Männer zu gefeierten Kabuki-Darstellern. Doch zwischen Kikuo und Shunsuke gedeiht auch Konkurrenz: Shunsuke, der vorbestimmt war, die Familientradition als grosser Kabuki-Künstler fortzusetzen, ist weit weniger ambitioniert als der Aussenseiter Kikuo, der ihm dieses Erbe streitig macht. Kabuki entstand im 17. Jahrhundert und verbindet nach strengen Regeln Schauspiel, Tanz und Musik. Die Kunstform wurde von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Regisseur Sang-il Lee erzählt eine epische Lebensgeschichte über Freundschaft, Liebe und Verrat. In berauschenden Bildern zelebriert er eine so berührende wie meisterhafte Liebeserklärung an das Kabuki-Theater. Dabei gelingt es ihm, die fremdartige, hochpoetische Bühnenkunst auch einem westlichen Publikum näherzubringen. In Japan ist «Kokuho» ein riesiger Publikumshit und mittlerweile einer der erfolgreichsten japanischen Kinofilme der Geschichte.

 

The Last Viking
Nach 15 Jahren Haft wegen eines Raubüberfalls sucht Anker seinen Bruder Manfred auf, der damals die Beute vergraben sollte. Doch dieser leidet an einer dissoziativen Identitätsstörung, hält sich für John Lennon und erinnert sich an nichts … Anders Thomas Jensens schwarze Komödie mit einem umwerfenden Mads Mikkelsen ist eine Psychotherapie der besonderen Art.

Frisch aus dem Gefängnis entlassen, wo er fünfzehn Jahre wegen eines Raubüberfalls einsass, gilt Ankers erster Besuch seinem Bruder Manfred, der damals die Beute vergraben sollte. Doch Manfred leidet seit seiner Kindheit an einer dissoziativen Identitätsstörung, hält sich mittlerweile für John Lennon und kann sich an nichts mehr erinnern. Um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, kommt Anker schliesslich auf die zündende Idee, mithilfe weiterer Psychiatriepatienten die «Beatles» wieder zusammenzuführen … Mit einem grandios aufspielenden Mads Mikkelsen als Manfred/John gelingt Regisseur Anders Thomas Jensen eine herrlich schwarzhumorige Komödie um Identitätspolitik und verdrängte Traumata – eine Psychotherapie der besonderen Art voller skurriler Figuren und irrwitziger Wendungen. Mia Pflüger schreibt auf Kino-Zeit: «Was auf dem Papier nach Parodie klingt, entfaltet auf der Leinwand eine unerwartete Schlüssigkeit. Jensen nutzt das Absurde als Prisma, in dem sich die Genres brechen: Er zwingt uns, über Situationen zu lachen, die wir normalerweise für tragisch halten würden, und konfrontiert uns im nächsten Moment mit dem Schmerz, der hinter diesen Pointen steckt. (…) Skandinavische Komödien haben seit Langem ein Gespür für Tonbrüche: absurde Prämissen, gespielt mit tödlichem Ernst, Lachen als Überlebensstrategie angesichts von Trauma.»