FENSTER ZUR FILMWELT: VIELFALT, KUNST UND BEGEGNUNGEN IM KINOK.

Das Kinok in St.Gallen ist das grösste Programmkino der Ostschweiz. Mit jährlich über 280 Filmen und 1000 Aufführungen fördert es Filmkunst, Vielfalt und Austausch. Neuheiten und Klassiker, Filmpremieren, Stummfilme mit Live-Musik und Retrospektiven machen das Kinok zu einem Ort lebendiger Filmkultur – ein Kino für besonderes Filmvergnügen.

Öffnungszeiten

Die Kasse ist 45 Minuten vor der ersten Vorstellung und während den Vorführungen besetzt.

Tickets und Reservation

071 245 80 72
Online reservieren

Normal: CHF 17.-
Mitglieder: CHF 12.-
Montagskino: CHF 12.-
Schüler:innen, Lernende, Studierende bis 26 Jahre: CHF 13.-
Kinder bis 12 Jahre: CHF 10.-
IV-Bezüger:innen: CHF 12.-
KulturLegi-Inhaber:innen: CHF 7.-
Mittwochnachmittagskino: CHF 12.- für AHV-Bezüger:innen
Freier Eintritt für Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene (Ausweis N/F/S)
Programm
Cinque secondi
Der eigenbrötlerische Adriano lebt zurückgezogen in der verlassenen Villa Guelfi. Als sich eine Gruppe junger Frauen und Männer dort niederlässt, will er sie umgehend vertreiben … Paolo Virzì erzählt eine berührende Geschichte über Einsamkeit, Fürsorge und Freundschaft, brillant gespielt von Valerio Mastandrea, Valeria Bruni Tedeschi und Galatéa Bellugi.

Adriano, ein wortkarger Einzelgänger, lebt zurückgezogen in den ehemaligen Stallungen der Villa Guelfi, einem verlassenen Anwesen in der Toskana. Als sich eine Gruppe junger Frauen und Männer in der Villa niederlässt, um sich um die Felder und Weinberge zu kümmern, fühlt er sich gestört und will sie vertreiben. Doch die frischgebackenen Absolvent:innen der Agrarwissenschaften, Klimaforschung und Önologie – unter ihnen Matilde, die Enkelin des letzten Grafen Guelfi – lassen sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Zudem sind sie neugierig, was den geheimnisvollen Sonderling veranlasste, ein Leben in solcher Abgeschiedenheit zu führen. Durch Matilde und ihre Schwangerschaft wandelt sich Adrianos Feindseligkeit bald in väterliche Fürsorge, der anfängliche Konflikt in ein freundschaftliches Zusammenleben. Erneut beweist Regisseur Paolo Virzì («La pazza gioia») sein Geschick, ernste Themen mit heiteren Momenten zu verweben. Giorgio Maria Aloi schreibt im Madmass Magazine: «Der Film wirkt wie ein Akt des behutsamen Widerstands in einer Zeit, in der die vielen Krisen die Gesellschaft zu polarisieren drohen. (…) Ein Entwurf für ein mögliches Zusammenleben und die Hoffnung auf den Dialog zwischen den Generationen sowie eine Reflexion darüber, was es bedeutet, sich umeinander zu kümmern – mit der Perspektive auf Heilung und einen Neuanfang.»

 

Rockstar Matthias
Seit seinem 15. Lebensjahr lebt Matthias Noser mit einer paranoiden Schizophrenie, die sich in wiederkehrenden Psychosen äussert. Viele Jahre hat er in Psychiatrien verbracht. Regisseur Christoph Rahm zeigt, wie er sein schwieriges Leben meistert und wie ihm seine Kunst dabei hilft. Ein inspirierender Film über Kreativität und Freundschaft – tiefgründig und humorvoll.

Regisseur Christoph Rahm und Titelheld Matthias Noser lernten sich in den 1990er-Jahren in der psychiatrischen Klinik Königsfelden kennen – angehender Pfleger der eine, Patient mit Schizophrenie-Diagnose der andere. Als Rahm 1999 seine Diplomarbeit über Schizophrenie schrieb, war Noser einer seiner Patient:innen. In einem Gesprächsausschnitt von damals hört man ihn zu Beginn von «Rockstar Matthias» selbstironisch kommentieren: «Man ist ja nicht wegen eines Hustens hier.» Der Regisseur erzählt, wie Noser ihm schon zu jener Zeit Fotografien zur Verfügung gestellt habe, die er als gelernter Reprofotograf über all die Jahre realisiert hatte. Kurz danach hörte Rahm in der Psychiatrie auf, wurde Dokumentarfilmer und verlor seinen einstigen Patienten aus den Augen. Der Untertitel von «Rockstar Matthias» – «Kunst, Freundschaft, Schizophrenie» – bringt präzise auf den Punkt, was dieses schillernde Porträt eines kaum fassbaren Mannes auszeichnet, von dem seine Schwester, die Aargauer Künstlerin Pat Noser, einmal sagt: «Berühmte Leute, die auch einen Flick weghaben, werden angehimmelt. Bei jemand, der gar nicht berühmt ist, sagt man hingegen nur: Der spinnt einfach.» Das Kino Cameo schreibt: «Ein inspirierender Dokumentarfilm über Kreativität, Freundschaft und darüber, wie ein vorbelasteter Mensch sein Leben meistert – tiefgründig und humorvoll!»

 

Das unendliche Jetzt
Was passiert mit Menschen, die an Demenz erkranken? Wie nehmen sie ihre Krankheit wahr? Regisseur Kaspar Kasics wagt ein Experiment, das gängige Annahmen über Demenz auf den Kopf stellt. Er lässt seine Protagonist:innen in frei improvisierten Szenen aus dem Moment heraus spielen und das Geschehen selbst gestalten – mit überraschendem Resultat …

Mit seinem neuen Dokumentarfilm «Das unendliche Jetzt» wagt Kaspar Kasics («Erica Jong – Breaking the Wall») ein Experiment, das gängige Annahmen über Demenz auf den Kopf stellt. Im Zentrum seines Films stehen vier Personen, die von Demenz betroffen sind. Schauplatz ist eine leere Fabrikhalle, die mit Requisiten entsprechend den Vorlieben der Protagonist:innen zur Theaterbühne umfunktioniert wurde. Einzig die Ausgangssituation war vorgegeben, die Spielszenen wurden am Set frei improvisiert – nach einer Methode, die der Spielspezialist Franz Dängeli mit dem von ihm gegründeten Improvisationstheater act-back entwickelt hat. Jedes Wort, jeder Satz, jede Bewegung entsteht unmittelbar im Moment des Drehs. Während der Dreharbeiten zeigen die Protagonist:innen plötzlich Fähigkeiten, die im Alltag verloren schienen oder von ihrem Umfeld nicht wahrgenommen wurden. Unterstützt von zwei Schauspieler:innen erzählen sie unverblümt aus ihrem Alltag – vom «Eingesperrt-Sein» und der «grausamen Leere», die immer mehr von ihnen Besitz ergreift, von ihren Wünschen und Träumen, die sie immer noch haben. Trotz der ernsten Themen wird viel gelacht. «Das unendliche Jetzt» ist eine vielschichtige Reflexion über die menschliche Existenz mit der tröstlichen Erkenntnis, dass durch das Wegfallen alter Rollen neue Freiheiten gewonnen werden können.

 

Vaterland
1949 reist Thomas Mann mit seiner Tochter Erika aus dem Exil zurück nach Deutschland, wo er in Frankfurt am Main und in Weimar einen Preis entgegennehmen soll. In Paweł Pawlikowskis meisterhaftem, vielschichtigem Roadmovie über Heimat, Identität und eine dysfunktionale Familie brillieren die Ausnahmeschauspieler:innen Sandra Hüller und Hanns Zischler.

1949 begeben sich Literaturnobelpreisträger Thomas Mann und seine Tochter, die Schauspielerin, Autorin und Kabarettistin Erika, auf eine Reise durch ein Deutschland in Trümmern – von Frankfurt in der amerikanischen Besatzungszone bis ins sowjetisch kontrollierte Weimar. Zum Goethe-Jubiläum wünscht man sich auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze Worte des Trostes, der Zustimmung und der Vergebung vom grössten aller Erzähler. Zwischen euphorischen Wagner-Erben und literarisch versierten Generälen wird Deutschlands wichtigster Schriftsteller hofiert, während das Drama seiner eigenen Familie leise eskaliert, als sich sein Sohn Klaus in Cannes das Leben nimmt. Es ist das erste Mal, dass Thomas Mann in sein Heimatland zurückkehrt, aus dem er 1933 ins Exil geflohen war. Die Reise in die verwundete deutsche Seele wird für Erika und Thomas Mann zu einer Reise ins Innerste. In bestechenden Schwarz-Weiss-Bildern und künstlerischer Verdichtung – tatsächlich begleitete nicht Erika, sondern ihre Mutter Katia Thomas Mann auf dieser Reise und Klaus war schon zwei Monate zuvor gestorben – verwebt Paweł Pawlikowski den Nullpunkt der deutschen Geschichte mit dem Finale einer Familiensaga zu einem überragenden Meisterwerk, das in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde. «Ein Film wie ein perfekt geschliffenes Juwel», jubelte nicht nur die New York Times.

 

111 – Echoes from Halifax
Der Absturz des Swissair-Flugs 111 vor Halifax am 2. September 1998 verändert das Leben vieler Menschen: Angehörige ringen um Gewissheit, Helfende spenden Trost, Bewohner:innen der kanadischen Küste erleben Spuren der Tragödie. Das bewegende Drama zeigt, wie Trauer Menschen über Kontinente hinweg verbindet und den Blick für das Wesentliche schärft.

Am 2. September 1998 stürzte die Maschine des Swissair-Flugs 111 vor der Küste der kanadischen Stadt Halifax ab. Es war das schwerste Unglück in der Geschichte der Schweizer Vorzeige-Airline: 229 Menschen kamen ums Leben. Fast dreissig Jahre später erhält das tragische Ereignis in einer kanadisch-schweizerischen Koproduktion nun ein Memorial in Form eines Spielfilms. Im Zentrum stehen Angehörige, Rettungskräfte und Anwohner:innen der Region. Auf eine Darstellung der Katastrophe selbst wurde bewusst verzichtet. Der schweizerisch-mexikanische Filmemacher Mauro Mueller erzählt, wie dieser tragische Moment Leben verändert, Menschen in ihrer Trauer über Kontinente hinweg verbindet und den Blick auf das Wesentliche im Leben schärft. Die meisten der Figuren sind fiktiv, basieren aber auf realen Vorbildern wie Anatole Taubman als Pilot Urs Zimmermann und Regula Grauwiller als damalige Kommunikationschefin der Swissair, Beatrice Tschanz. «111 – Echoes from Halifax» feiert seine internationalen Premieren zeitgleich auf zwei Festivals in Kanada und beim Zurich Film Festival. Produzentin Anne Walser sagt im Interview, sie habe berührt, «wie Trauer uns eine gemeinsame Sprache lehrt und wie der Tod unsere Perspektive auf das Leben und das, was wichtig ist, verändert».

 

Mein neues altes Ich – Eine Reise ins Mysterium der Menopause
Wenn Frauen in die Fünfziger kommen, verstehen sie oft ihren Körper nicht mehr: Hitzewallungen, Schlafstörungen, Gedächtnisprobleme, Erschöpfung. Ihre Beschwerden werden oft mit Achselzucken quittiert. Wissen ist wenig vorhanden, die Forschung steckt in den Kinderschuhen. Eine Reise in das Mysterium der Menopause.

Der weibliche Körper ist im Laufe des Lebens mehrmals starken hormonellen Veränderungen unterworfen. Wenn Frauen in die Fünfziger kommen, leiden viele an Hitzewallungen, Schlafstörungen, Gedächtnisproblemen und Erschöpfungszuständen. Rund ein Drittel entwickelt so massive Probleme, dass ihr Arbeits- und Sozialleben davon stark beeinträchtigt ist. Der Gang zu Ärzt:innen bringt meist wenig, da es über die Menopause kaum Erkenntnisse gibt, obwohl die Hälfte der Weltbevölkerung davon betroffen ist. Die Regisseurin Louise Unmack Kjeldsen nimmt ihre eigene Krise zum Anlass für eine persönliche und wissenschaftliche Reise in das tabuisierte Thema. Sie spricht mit Frauen, für die die Menopause keine blosse hormonelle Veränderung ist, sondern eine existenzielle Verschiebung – körperlich, psychisch, sozial. Und sie reist zu führenden Wissenschaftlerinnen, die Symptome der Wechseljahre mit einem dreifach höheren Alzheimer-Risiko, Depressionen oder einer hohen Selbstmordrate in Zusammenhang bringen. Generationen von Frauen haben still gelitten; erst allmählich werden die gravierenden gesundheitlichen Auswirkungen deutlich. «Mein neues altes Ich» ist ein wichtiger, erhellender Film, der die Menopause in ein neues Licht rückt, Frauen Mut macht und zeigt, wie dringlich es ist, darüber zu sprechen und mehr Forschung zu Frauengesundheit einzufordern.

 

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war
Mit Archivschätzen, Interviews, Bachmanns Texten und improvisierten Szenen durchmisst der Film die zentralen Lebensphasen der grossen Autorin – von ihrer Kriegskindheit in Kärnten, ihrem Aufstieg zum Star der Gruppe 47 bis zu ihren letzten Tagen in Rom. Eine poetische Spurensuche und sensible Hommage mit Sandra Hüller.

Anlässlich des 100. Geburtstags der mythenumrankten Autorin am 25. Juni sind nicht nur neue Biografien, Erinnerungen und Essays erschienen, sondern auch ein Dokumentarfilm. Für ihre Annäherung an Leben und Werk einer der grössten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts hat Regina Schilling Archivschätze gehoben und mit inszenierten Szenen, die Ingeborg Bachmann durch einen imaginären Tag in Rom begleiten, zu einem kunstvollen Dokumentarfilm verwoben. Sandra Hüller beginnt diesen Tag auf der Veranda eines eleganten Apartments, das an Bachmanns letzte Wohnung erinnert. Der Film ruft zentrale Lebensstationen der Autorin ins Gedächtnis: ihre prägende Kriegsjugend in Klagenfurt, ihren glanzvollen Aufstieg zur gefeierten Lyrikerin, die das Spiegel-Cover zierte, bis zu ihren letzten Tagen in Rom. Zur Sprache kommen ihre komplizierten Beziehungen zu dem Lyriker und Holocaust-Überlebenden Paul Celan, dem Komponisten Hans Werner Henze sowie dem Schweizer Autor Max Frisch, mit dem sie in Rom zusammenlebte. Immer wieder ist die Autorin selbst zu sehen und zu hören – in Lesungen und Interviews, die wertvolle Einblicke geben in ihr unnachgiebiges Ringen im Spannungsfeld zwischen öffentlichem Ruhm und existenziellen Krisen sowie um eine eigene, radikale Sprache.

 

Kinderfilme: Flunkerfisch
Flunkerfisch ist klein, doch seine Fantasie ist gross. Jeden Tag erzählt er eine andere Geschichte, warum er zu spät in die Schule kommt. Das Leben im Meer ist voller Gefahren. Da ist es nur gut, wenn man ein fantasievoller kleiner Fisch ist. Ein liebevoller Trickfilm für unsere jüngsten Besucher:innen nach dem bekannten Kinderbuch von Julia Donaldson und Axel Scheffler.

Der kleine Fisch Flori findet das Unterwasserleben faszinierend. Da gibt es Schnecken mit wunderschönen Häusern auf dem Rücken und Fische, die in allen Farben des Regenbogens leuchten. Flori kommt aus dem Staunen nicht heraus! Dumm nur, dass er deshalb oft zu spät zur Schule kommt. Um eine Ausrede ist er nie verlegen, denn Flori Flunkerfisch hat eine lebhafte Fantasie. Er sei auf einem Seepferdchen geritten oder auf einem Stachelrochen durchs Riff gezischt, erzählt er. Manche in der Schule mögen seine Geschichten, andere sagen, sie seien erfunden. Eines Tages gerät Flori in Gefahr, weil er einem Fischerboot zu nahe kommt. Wird man ihm dieses Abenteuer glauben? Mit «Flunkerfisch» haben Alex Bain und Andy Martin ein weiteres der beliebten Bilderbücher von Julia Donaldson und Axel Scheffler verfilmt. Preisgekrönte Filme wie «Der Grüffelo», «Die Schnecke und der Buckelwal» oder «Für Hund und Katz ist auch noch Platz» haben das jüngste Publikum im Kinok bereits begeistert. «Flunkerfisch» ist erneut ein liebevoll animiertes, in Reimen erzähltes Abenteuer. Ergänzt wird der britische Animationsfilm durch drei weitere Kurzfilme: «Ummi und Zaki» von Daniela Opp, «Der winzig kleine Fisch» von Sergei Ryabov und «Der Kugelfisch» von Julia Ocker.

 

Kalari Kid
In Indien erkämpfen sich junge Frauen mit Kalari, der ältesten Kampfsportart der Welt, ihren Platz in einer von Gewalt geprägten Gesellschaft. Der Dokumentarfilm erzählt von Widerstand, Disziplin und der Kraft, das eigene Leben zurückzuerobern. Ein elektrisierendes Porträt weiblicher Selbstermächtigung und Stärkung in einer patriarchalen Gesellschaft.

Die neunjährige Arushi, Tochter einer hinduistischen Mittelschichtsfamilie, und die 21-jährige Milena, Tochter einer christlichen Bauernfamilie, praktizieren die uralte südindische Kampfkunst Kalari. Während Arushi noch lernen muss, Wutmomente zu zügeln und Gelerntes nicht zu missbrauchen, steht Milena, die sich seit Kindertagen Kalari verschrieben hat, an einem Scheideweg ihres Lebens: Weil sie in der Stadt eine Ausbildung zur Pflegefachfrau beginnt, hat sie keine Zeit mehr für die geliebte Kampfkunst. Doch als sie merkt, dass gerade in ihrem Beruf Frauen besonders oft Gewalt erleiden, lehrt sie ihre Kolleginnen kalaribasierte Selbstverteidigung. Das schweizerisch-indische Regieduo Maria Kaur Bedi und Satindar Singh Bedi, 2023 mit seiner autobiografischen Liebesgeschichte «The Curse» bekannt geworden, begleitet in seinem neuen Film die beiden Frauen über einen längeren Zeitraum auf ihren Lebenswegen. Herausgekommen ist ein Werk, das sowohl atemberaubende Martial-Arts-Szenen als auch tiefe Einblicke in eine stark patriarchal geprägte Gesellschaft bietet. Nora Nater schreibt auf Outnow: «Den Zusammenhang zwischen der Kampfsportart und dem Kampf gegen Sexismus und Patriarchat zeigt ‹Kalari Kid› wunderbar auf und bringt präzise, elegant und ästhetisch auf den Punkt: Dank Kalari können sich Frauen verteidigen und haben grosses Interesse daran, stark zu sein.»

 

Alte Liebe
Seit seiner Pensionierung verbringt Harry seine Zeit mit Bier und Gartenarbeit, während seine Frau Lore, die als Bibliothekarin arbeitet, sich zu fragen beginnt, ob das schon alles war. Nach 40 Jahren Ehe müssen sie sich nochmals neu begegnen. Andreas Dresen beglückt mit einer klugen, witzigen und warmherzigen Liebesgeschichte nach dem Roman von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder.

Alte Liebe rostet nicht. Aber vierzig Ehejahre sind auch an Lore und Harry nicht spurlos vorübergegangen. Lore findet, dass Harry – ein begeisterter Hobbygärtner – seit seiner Pensionierung nur noch herummeckert. Harry hält dagegen, dass Lore sich an ihren Job als Bibliothekarin klammert und peinliche Lesungen veranstaltet. Alte Geschichten, verpasste Chancen und die Unsicherheiten des Ruhestands sorgen regelmässig für hitzige Debatten zwischen den beiden. Nur bei einem einzigen Thema sind sie sich einig: Ihre Tochter Gloria hat in Liebesdingen wenig Glück. Nun will sie zum dritten Mal heiraten – diesmal einen wohlhabenden Industriellen, der ihr Vater sein könnte. Regisseur Andreas Dresen hat den Erfolgsroman Alte Liebe von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder aus dem Jahr 2009, der für seinen trockenen Humor und seine lebenskluge Beobachtung menschlicher Beziehungen gefeiert wurde, kongenial für die Leinwand adaptiert – mit zwei der profiliertesten Charakterdarsteller:innen Deutschlands in den Hauptrollen: Dagmar Manzel und Joachim Król. Um auf eigene Erfahrungen zurückgreifen zu können, haben Andreas Dresen und seine Drehbuchautorin Laila Stieler den Ort der Handlung von West nach Ost verlegt. So kommen nun zwei ostdeutsche Autoren – Christoph Hein und Clemens Meyer – zu herrlich selbstironischen Cameo-Auftritten.

 

Frank & Louis
Frank verbüsst eine lange Haftstrafe. In der Hoffnung, seine Chancen auf Bewährung zu erhöhen, übernimmt er die Betreuung des dementen, einst gefürchteten Häftlings Louis. Diese Aufgabe bringt ihn an den Rand seiner Kräfte … Petra Volpe («Heldin») beglückt mit einem Drama über eine ungewöhnliche Männerfreundschaft, das in Locarno den Publikumspreis der Piazza Grande gewann.

Frank Baker verbüsst wegen Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe. Um die brutale Realität des Gefängnisalltags zu ertragen, hat er sich emotional abgeschottet. Als er in eine neue Einrichtung verlegt wird, beschliesst er, sich den «Gold Coats» anzuschliessen, einem Programm, in dem Häftlinge an Alzheimer und Demenz erkrankte Mitinsassen betreuen – in der Hoffnung, dadurch seine Chancen auf eine vorzeitige Entlassung zu erhöhen. Frank wird Louis Nelson zugeteilt, einem Einzelgänger um die Sechzig, der einst für seine Macht und Autorität gefürchtet war und der trotz seiner Erkrankung sehr auf seine Unabhängigkeit bedacht ist. Ihn zu pflegen, bringt Frank an seine körperlichen und emotionalen Grenzen … Das englischsprachige Debüt von Regisseurin Petra Volpe («Die göttliche Ordnung», «Heldin») feierte seine Weltpremiere am renommierten Sundance Film Festival, wo Damon Wise für Deadline den «grossartigen Film» zu den besten des Festivals zählte. Volpe erzählt eine zutiefst berührende Geschichte über Freundschaft, Krankheit und menschliche Nähe, die ihr am Filmfestival Locarno den Publikumspreis der Piazza Grande einbrachte. Guy Lodge lobt auf Variety die beiden Hauptdarsteller Kingsley Ben-Adir und Rob Morgan: «Die beiden sind für sich genommen schon hervorragend, vor allem aber schenken sie einander eine ungeheuer warmherzige Aufmerksamkeit.»

 

Phantome der Nacht: What We Do in the Shadows
Die schwarzhumorige Vampir-Story gibt einen witzigen Einblick in das Leben moderner Blutsauger. Sie kennen sich seit Jahrhunderten und leben als Kumpels in einer fast normalen Wohngemeinschaft – samt Streit um den Abwasch und wilden Partynächten. Kultige Liebeserklärung an das Vampirgenre.

Ein Kamerateam filmt den Alltag einer Vampir-WG in einer Villa im neuseeländischen Wellington. Das Mockumentary zeigt auf, dass sich der Vampir-Alltag – abgesehen von einseitiger Ernährung und gelegentlichen Auseinandersetzungen mit Werwölfen – kaum von dem einer ganz normalen WG unterscheidet: Es gibt Streitereien wegen des Abwaschs und gemeinsame Partynächte – einzige Erschwernis: Vampire können ihren Ausgehlook nicht kontrollieren, da sie kein Spiegelbild haben. Als der 8000-jährige Petyr den jungen Nick zum Vampir macht, müssen die anderen dem impulsiven Frischling die Grundregeln des ewigen Lebens beibringen. Im Gegenzug macht Nick seine etwas altmodischen Kollegen mit moderner Unterhaltungselektronik vertraut. Anke Sterneborg schreibt in der Süddeutschen Zeitung: «Auch wenn der Film heute wie ein Gegenmittel zu den goldbestäubten Vampiren des Mainstream-Kinos anmutet, stammt die ursprüngliche, bereits in einem Kurzfilm durchprobierte Idee aus einer Zeit lange vor dem ‹Twilight›-Boom: ‹Als wir anfingen, den Film vorzubereiten, hat uns das sehr geholfen›, sagt Clement, ‹weil Vampire so ein heisses Ding waren. Als wir dann fertig waren, rollten die Leute nur noch mit den Augen. Und jetzt freuen sie sich, dass sich mal jemand darüber lustig macht!›»

 

While the Green Grass Grows: A Diary in Seven Parts
Peter Mettler denkt in seinem gefeierten siebenstündigen Opus magnum über das Sterben, den Ursprung des Lebens, Träume und Erinnerungen sowie die Schönheit der Welt nach. Entstanden ist eine tranceartige, meditative Reise in das Wunder alltäglicher Dinge und den Fluss des Entstehens und Vergehens – geschaffen von einem der grossen Magier des Kinos.

Vor zwei Jahren zeigte der der Ostschweiz und dem Kinok verbundene ka­na­disch-schwei­ze­ri­sche Regisseur Peter Mettler mit «While the Green Grass Grows» das erste und sechste Kapitel seines – wie er damals ankündigte – dereinst sieben Kapitel umfassenden Films. Nun hat er die 420 Minuten seines zwischen Anfang 2019 und Ende 2021 gefilmten Tagebuchs zu einem faszinierenden, meditativen Trip an unterschiedlichste Orte der Welt fertiggestellt. In Bildern von überwältigender Schönheit, in denen persönliche Gespräche, Träume, Erinnerungen und Familiengeschichte zu einem meditativen Bewusstseinsstrom zusammenfliessen, macht er sich Gedanken über die menschliche Existenz und unsere Umwelt und stellt immer wieder die Frage, ob wir es schaffen, den Planeten nicht zugrunde zu richten. Entstanden ist das Opus magnum eines unvergleichlichen Magiers des Kinos, ein Werk von Reife, Klarheit und überraschender Intimität, das das kollektive Schicksal mit Anmut, Poesie und Staunen hinterfragt. Wie in all seinen Filmen entwickeln die überwältigenden Bilder und der Voiceover mit seiner unvergleichlichen Stimme einen tranceartigen Sog, der die lan­ge Dau­er des Films spie­lend ver­ges­sen lässt.

 

Dua
Pristina, Kosovo, Ende der 1990er-Jahre. Die 13-jährige Dua wächst inmitten ethnischer Spannungen auf, die ihre Familie bedrohen. Dank ihrer Freundin Maki findet sie zu Mut und Widerstand. Blerta Bashollis atmosphärischer, von eigenen Erfahrungen inspirierter Film erzählt von Freundschaft und Solidarität in schwierigsten Zeiten und wurde in Cannes und am Zurich Film Festival gefeiert.

Pristina, Kosovo, Ende der 1990er-Jahre. Während der Krieg immer näher rückt und die ethnischen Spannungen zu eskalieren drohen, ringt die dreizehnjährige Dua darum, ihren Platz unter Gleichaltrigen und in ihrem sich wandelnden Körper zu finden. Die Gewalt ist allgegenwärtig und lässt kaum Raum für ruhige Momente individuellen Aufbruchs. Als sich auch für Dua die Situation zuspitzt, schliesst sie sich ihrer furchtlosen Klassenkameradin Maki an, die sie zu einem Judokurs für Selbstverteidigung ermuntert. Nach ihrem fulminanten Debüt «Hive» widmet sich Blerta Basholli erneut der jüngeren Geschichte ihrer Heimat Kosovo. «Dua» feierte seine Weltpremiere 2026 in der Semaine de la Critique in Cannes und gewann dort den SACD-Preis. Die meisten Szenen beruhen auf eigenen Erlebnissen; Basholli war sechzehn, als der Krieg endete. Rückblickend interessiert sie vor allem, wie die Menschen damals ihren Alltag lebten, wovon sie träumten und was es bedeutet, wenn man gezwungen ist, sein Land zu verlassen, obwohl man es liebt. Arttv lobt: «Regisseurin Blerta Basholli verbindet in ihrem zweiten Spielfilm die Unsicherheiten der Pubertät mit der zunehmenden Gewalt einer Gesellschaft, die auseinanderzubrechen droht. Ein eindringlicher Coming-of-Age-Film über das Erwachsenwerden in einer Welt, in der für kindliche Unbeschwertheit immer weniger Platz bleibt.»

 

Lügen über meine Mutter
Westdeutsche Provinz, 1980er-Jahre: Das Gewicht der Mutter ist bestimmendes Thema in Elas Familie. Ihr Vater findet seine schöne Frau zu dick. Die liebevolle Verfilmung von Daniela Dröschers gleichnamigem Erfolgsroman erzählt vom Leidensweg ihrer eigenwilligen Mutter, die sich nicht unterkriegen lässt. Beeindruckend Hauptdarstellerin Rosalie Thomass in ihrem Ringen um Würde und Selbstbestimmung.

Die kleine Ela weiss, was Familie bedeutet: Teil von etwas Wunderbarem zu sein. Dass es in ihrer Familie nicht ganz so wunderbar zu und her geht, kann die Sechsjährige noch nicht richtig verstehen. Ständig nörgelt der Vater an ihrer Mutter herum und setzt die lebenslustige und kluge Frau wegen ihres Körpergewichts herab. Sein eigenes Unvermögen, die fehlende Beförderung und mangelnde soziale Anerkennung lastet er seiner Frau an, die er mit Sätzen wie «Ich bekomme niemals eine gehobene Stelle ohne eine vorzeigbare Frau», Diäten und Gewichtskontrollen drangsaliert, während sie sich um die Kinder, die kranke Mutter und den Haushalt kümmert, Französisch lernt und eine Stelle sucht … Die trotz des ernsten Themas leichtfüssige, liebevolle und farbtrunkene Verfilmung, die die enge Welt der westdeutschen Provinz der 1980er-Jahre beklemmend vorführt, basiert auf dem autofiktionalen Erfolgsroman von Daniela Dröscher, die damit auch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. Aron Lehmann, der sich mit der Adaption von Mariana Lekys Roman «Was man von hier aus sehen kann» einen Namen gemacht hat, hat für seinen ans Herz gehenden Film ein stimmiges Ensemble zusammengestellt, allen voran die umwerfende Rosalie Thomass als Mutter Cornelia, die sich nicht unterkriegen lässt.

 

Moscas
Aus finanzieller Not muss Olga ein Zimmer ihrer Wohnung untervermieten. Als der neue Mieter seinen kleinen Sohn einschmuggelt, gerät ihr streng geregeltes Leben aus dem Takt. Das warmherzige, mit leisem Humor punktende Drama, in dem sich der kleine Bastian Escobar in die Herzen der Zuschauer:innen spielt, erzählt von einer unverhofften Freundschaft.

Olga, eine mürrische Mittfünzigerin, lebt einsam in einer Hochhauswohnung in Mexiko-Stadt. Es sind die titelgebenden Fliegen, die in der Eröffnungsszene des fünften Langspielfilms von Fernando Eimbcke («Temporada de patos», «Lake Tahoe») ihr Dasein stören. In diese beschaulich-traurige Idylle platzt Tulio, ein Mann vom Land. Er braucht für ein paar Tage ein Zimmer, da seine Frau nach einer Operation im benachbarten Spital liegt. Widerwillig geht Olga, die selbst Geld für eine bevorstehende medizinische Behandlung benötigt, auf Tulios Ansinnen ein. Was der ihr jedoch verschweigt: Er ist nicht allein, sondern in Begleitung seines kleinen Sohnes Cristian. Weil er aber nicht für zwei Personen bezahlen kann, schmuggelt er ihn heimlich ins Zimmer. Aus dieser schlichten Ausgangslage schafft Fernando Eimbcke ein lakonisch-tragikomisches Filmmärchen voller schräger Einfälle, das in seinen perfekten Schwarz-Weiss-Bildern und seiner unprätentiösen Darstellung prekärer sozialer Verhältnisse an den italienischen Neorealismus erinnert. Dazu gehört etwa das vorsintflutliche Computer-Ballerspiel namens «Space Defenders», das dem kleinen Cristian den Kopf verdreht und das, ähnlich wie die Fliegen, leitmotivisch in diesem minimalistischen Universum der skurrilen kleinen Dinge eingesetzt ist.

 

Wenn die Erinnerung verblasst
Seit elf Jahren lebt Birgitta Martensson mit Alzheimer. Die einstige Leiterin von Alzheimer Schweiz besteht darauf, dass ihr Leben trotz aller Schwierigkeiten ein gutes Leben ist. Fast drei Jahre begleiten die Filmemacherinnen sie in ihrem Alltag und schaffen ein berührendes Porträt über Autonomie, Freundschaft und Würde.

Seit elf Jahren lebt Birgitta Martensson mit Alzheimer und bestand von Anfang an darauf, dass sie – auch mit der Krankheit – ein gutes Leben hat. Dabei weiss sie genau, was sie erwartet: Fünfzehn Jahre lang war sie Geschäftsleiterin der Organisation Alzheimer Schweiz. Sie ist schwedischer Herkunft, spricht mehrere Sprachen und lebt in Lausanne. Mit Humor und Offenheit ringt sie um Selbstbestimmung, obwohl ihr die Kontrolle über ihr Denken und Handeln zunehmend entgleitet. Als alleinstehende Frau ist Unabhängigkeit ein zentraler Bestandteil ihres Lebens – deshalb kommt ein Pflegeheim für sie nicht infrage. Die Regisseurinnen Martina Rieder und Marianne Pletscher begleiteten Birgitta Martensson und ihre beste Freundin Christiane Kühne drei Jahre lang mit der Kamera durch den Alltag und zeigen, wie selbstverständliche Handlungen für die Betroffenen zunehmend zu Herausforderungen werden. Entstanden ist ein intimes und berührendes Porträt über Autonomie, Freundschaft und Würde. Dr. Sandra Oppikofer vom Zentrum für Gerontologie an der Universität Zürich sagt: «Der Film berührt nicht nur durch seine Nähe und seine stille Klarheit, sondern führt behutsam durch die verschiedenen Phasen einer kognitiven Beeinträchtigung.»

 

Freedom – Le Destin de Shewit
Shewit ist dreizehn, als sie aus Eritrea flüchtet und nach zweijähriger Odyssee in der Schweiz landet. Hier will sie eine Ausbildung machen und ein selbstbestimmtes Leben führen. Zehn Jahre später wartet sie noch immer auf den Asylentscheid … Der Film begleitet die charismatische Protagonistin zehn Jahre lang und macht die quälende Realität des Schweizer Asylwesens erfahrbar.

Shewit Tekie trifft mit 13 Jahren eine Entscheidung, die alles verändert: Sie verlässt ihre Familie und flieht allein aus Eritrea, wo sie keine Zukunft sieht. Nach zweijähriger Odyssee mit Inhaftierung in Libyen erreicht sie die Schweiz – das Land, in das sie all ihre Hoffnungen setzt und in dem bereits zwei ihrer Brüder leben. Sieben Jahre später hat sie immer noch keine Aufenthaltsbewilligung. Doch sie kämpft weiter für ihren Traum: Sie will eine Ausbildung machen und ein unabhängiges Leben führen. Regisseurin Anne-Frédérique Widmann hat ihre charismatische Protagonistin über einen Zeitraum von zehn Jahren behutsam mit der Kamera begleitet und verzichtet auf einfache Erklärungen. Arttv schreibt: «Der Film zeigt, wie Flucht nicht mit der Ankunft endet, sondern neue Abhängigkeiten, neue Zwänge und neue Formen von Unsicherheit erzeugt. Freiheit erscheint hier nicht als Zustand, sondern als Prozess – fragil, gefährdet, immer wieder infrage gestellt. Der Film lässt Raum für Ambivalenzen und widersetzt sich dem Bedürfnis nach klaren Urteilen. Anne-Frédérique Widmann gelingt ein Werk, das politische Realität erfahrbar macht, ohne sie zu illustrieren – und das daran erinnert, dass hinter jedem migrationspolitischen Diskurs individuelle Lebenswege stehen, die sich keiner einfachen Erzählung fügen.»

 

Sie glauben an Engel, Herr Drowak?
Die lebensfrohe Studentin Lena glaubt fest an das Glück und das Gute im Menschen. Sie wird als Schreibtrainerin zu Hugo Drowak geschickt, der allein in einem heruntergekommenen Hochhaus lebt … Nicolas Steiners Film mit Luna Wedler beeindruckt mit wuchtigen Schwarz-Weiss-Bildern, surrealen Einfällen und schwarzem Humor.

Der Alkoholiker Drowak vegetiert verbittert in einer verwahrlosten Hochhauswohnung dahin. Eines Tages besucht ihn der Sozialarbeiter Marlon in Begleitung der Studentin Lena. Die junge Frau soll Drowak mit einem Kurs für kreatives Schreiben aus seiner Lethargie locken. Drowak lehnt den Vorschlag empört ab und beschimpft die beiden vulgär. Als Marlon mit der Kündigung der Wohnung droht und nachschiebt: «Dann kannst du dich wieder auf der Strasse in deiner Kotze suhlen», widerspricht dieser: «Das war nicht meine Kotze, sondern ein perverser Engel kotzte auf mich herab.» Lena ist begeistert … Nicolas Steiners verspieltes Spielfilmdebüt ist eine Art «Amélie» in Schwarz-Weiss. Mit einer grandiosen Luna Wedler in einer ihrer charmantesten Rollen und einem hinreissenden Karl Markovics als Kotzbrocken mit grossem Herzen beginnt eine schwarzhumorige Reise durch einen surreal angehauchten urbanen Kosmos. Joachim Kurz schreibt auf Kino-Zeit: «Nicolas Steiner ist hier eine echte Wundertüte gelungen, voller entzückender Ideen, anrührender Charaktere und einer Botschaft, die direkten Bezug auf unsere Gesellschaft nimmt: Der Film ist ein flammendes Plädoyer für Empathie und eine energische Aufforderung, Menschen, die aus dem System gefallen sind, nicht einfach zu vergessen.»

 

Phantome der Nacht: Let the Right One In
Oskar leidet unter den Gemeinheiten seiner Mitschüler:innen. Als Eli in sein Haus zieht, scheint er endlich eine Seelenverwandte gefunden zu haben. Doch das Mädchen hütet ein blutiges Geheimnis … Der ungewöhnliche, vielfach preisgekrönte Vampirfilm des Schweden Tomas Alfredson über zwei verletzte Teenagerseelen wurde von Kritik und Publikum gefeiert.

Der zwölfjährige Oscar lebt mit seiner Mutter in einer trostlosen Plattenbausiedlung im winterlichen Schweden. In der Schule wird der introvertierte Junge von seinen Klassenkamerad:innen übel schikaniert und flüchtet sich in seiner Einsamkeit zunehmend in Rachefantasien. Als er die mysteriöse Eli kennenlernt, die nur nach Sonnenuntergang unterwegs ist und für die kalte Jahreszeit viel zu leichte Kleidung trägt, scheint er endlich eine verwandte Seele gefunden zu haben. Doch das Mädchen mit den traurigen Augen hütet ein blutiges Geheimnis … In seinem vielfach preisgekrönten Werk verbindet Regisseur Tomas Alfredson Coming-of-Age-Themen mit Elementen des Vampirfilms zu einer durchdringend melancholischen Geschichte über zwei verletzte Seelen, über Isolation, Freundschaft und Loyalität. Michael Sennhauser schreibt in seinem Filmblog: «Inszeniert ist das als realistisches Drama im Alltag zweier einsamer Jugendlicher. Dazu kommen aber die fantastischen Elemente, die blutigen, die schrecklichen, und die sind alle mit einer Selbstverständlichkeit eingebettet, die einen immer wieder staunen lässt. Es gibt keine Tabus für diesen schwedischen Film, weil er sie gar nicht braucht. Da ist dermassen viel Menschlichkeit drin, so viel Verständnis für alle Figuren, dass der Filmemacher sich Bilder erlauben kann, die anderswo skandalisieren würden.»

 

Das Ende einer Ära – Stickerei im Appenzellerland
Walter Sonderegger senior ist 90 Jahre alt, sein Sohn Walter junior 65; beide stehen noch immer fast täglich an der Stickmaschine. Doch nach vier Generationen wird der Familienbetrieb geschlossen – eine jahrzehntelange Textiltradition geht zu Ende. Neben den beiden Protagonisten kommen Historikerin Heidi Eisenhut und Lokalchronistin Hedi Kohler zu Wort.

Vier Generationen lang hat die Familie Sonderegger in ihrem Kleinstbetrieb in Rehetobel gestickt. Doch Walter Sonderegger junior, der den Betrieb vom Vater übernommen hat, will mit 65 Jahren aufhören. Filmemacher Luca Schmid begleitet Vater und Sohn, die ganz unterschiedlich mit dem Ende umgehen, während der letzten Monate mit der Kamera. Sonderegger senior, der einst das Wohnhaus mit Fabrik gebaut hat, ist 90 Jahre alt und arbeitet an den letzten Aufträgen mit. In ihren Erzählungen lassen die beiden die Familien- und Firmengeschichte lebendig werden. Sie erinnern sich an Heim- und Kinderarbeit, an Aufträge für Akris oder Louis Vuitton, die ihre Stickereien für Kreationen verwendet haben, die von Heidi Klum, Kate Moss und Jennifer Lopez getragen wurden, und daran, wie sie mit technologischen Entwicklungen Schritt gehalten haben. Die Lokalhistorikerin Hedi Kohler und die Historikerin Heidi Eisenhut, Leiterin der Kantonsbibliothek Appenzell AR, spannen einen historischen Bogen zur kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bedeutung der Stickerei in der Ostschweiz und in Rehetobel. «Dass es unseren Betrieb nicht mehr gibt, wird bald vergessen sein», sagt Walter Sonderegger junior. Dieser kleine, feine Dokumentarfilm tritt gegen dieses Vergessen an.

 

Anders anders – Was uns verbindet
Die Ostschweizer Regisseurin Hao Hohl («Plötzlich Heimweh») befragt verschiedene Protagonist:innen nach Zugehörigkeit und Heimat. Autor Pedro Lenz blickt humorvoll auf Kindheit und Dialekte, während Komponist Charles Uzor seine Sehnsucht nach Heimat offenlegt. Eine bildgewaltige, von Hao Hohls betörenden Scherenschnitten unterlegte Studie über Heimat und Fremdsein.

Die seit 2006 in Urnäsch lebende gebürtige Chinesin Hao Hohl ist keine Unbekannte. Mit «Plötzlich Heimweh», einer bewegenden Erzählung persönlicher Selbstfindung, für die sie zwölf Jahre lang mit der Kamera ihre neue Umgebung erkundete, hatte sie 2019/20 einen Überraschungserfolg. Mit ihrem neuen Film knüpft sie an den Vorgängerfilm an. Waren dort die Protagonist:innen meist «gewöhnliche Leute», steht in «Anders anders – Was uns verbindet» Prominenz aus Kultur und Politik im Zentrum. So etwa Pedro Lenz, der, wie Hao Hohl es nennt, Reflexionsfigur ist und durch den Film führt. Mit dem in St.Gallen lebenden, aus Nigeria stammenden Komponisten Charles Uzor, dem ehemaligen Appenzeller Landammann und Kulturforscher Roland Inauen sowie der aus einer bekannten Musikerdynastie stammenden Szenografin Kendra Alder sind drei weitere bekannte Gesichter aus der Region mit von der Partie. Hao Hohl bereichert ihren «Heimatfilm» mit Scherenschnitten aus ihrer Hand und charakterisiert ihn wie folgt: «Mir geht es nicht darum zu sagen, jeder sei ein wenig anders – sondern darum, Herkunft neu zu denken. Sie ist nicht nur die Kindheit, sondern jede Begegnung, jeder Ort, jeder Mensch und jede Entscheidung, die wir treffen.»

 

Phantome der Nacht: Nadja
Nachdem Dracula vom Vampirjäger Van Helsing erwischt wurde, kommt seine Tochter Nadja nach New York, um ihren Zwillingsbruder zu suchen und sich von ihrem Fluch zu befreien. Mit Elina Löwensohn, Martin Donovan, Peter Fonda und David Lynch brillant besetzt, lebt der Film von betörenden Bildern, einem coolen Setting und der Musik von Portishead.

Graf Dracula ist tot, getötet von Van Helsing. Seine Tochter Nadja kommt nach New York, um sich mit dem Tod des übermächtigen Vaters und ihrer eigenen Existenz auseinanderzusetzen – und um ihren Zwillingsbruder Edgar zu suchen, der sich von der Familientradition abgewandt hat. Als sie sich nichtsahnend in Lucy verliebt, die mit Van Helsings Neffen verheiratet ist, kommt der Vampirjäger ihr auf die Spur … Mit der ätherischen Elina Löwensohn in der Titelrolle verwandelt Regisseur Michael Almereyda den Vampirmythos in einen melancholischen, ironischen, in kunstvollen Schwarz-Weiss-Bildern gedrehten Independentfilm über Einsamkeit, Familie, Begehren und die Schwierigkeit, sich von der eigenen Vergangenheit zu lösen. Teils verführerische Träumerei, teils Parodie ist «Nadja» ein delirierender Mix aus André Bretons gleichnamigem surrealistischen Roman von 1928 und Lambert Hillyers «Dracula’s Daughter» (1936). «Der stilvollste Vampirfilm der 1990er-Jahre … witzig und sexy zugleich … ein trocken-humorvolles, blutsaugendes Abenteuer, das bewies, dass man kein grosses Budget brauchte, solange man über Attitüde, ein cooles Setting und eine ästhetische Vision verfügte», schwärmt Jordan Hoffman dreissig Jahre nach seinem Erscheinen in Vanity Fair. Kein Geringerer als David Lynch produzierte damals den Film und hat einen Gastauftritt als Leichenhauswächter.

 

Queen at Sea
Amanda und ihr Stiefvater Martin kämpfen mit einem moralischen Dilemma, das sie entzweit. Ist Amandas Mutter Leslie, die an fortgeschrittener Demenz leidet, noch in der Lage, wichtige Entscheidungen zu treffen? Falls nicht, wer übernimmt die Verantwortung – der Ehepartner, die Tochter oder eine Institution? Vielschichtiges Drama über Demenz mit Juliette Binoche.

Amanda und ihr Stiefvater Martin kämpfen mit einem moralischen Dilemma, das sie entzweit. Kann Amandas Mutter Leslie, die an fortgeschrittener Demenz leidet, wichtige Entscheidungen noch selbst treffen? Wenn nicht, wer trägt dann die Verantwortung – der Ehepartner, die Tochter oder eine Institution? Diese heiklen Fragen stellen sich, als Amanda die Eltern in deren Londoner Wohnung beim Sex überrascht. Amanda ist von der Situation überfordert und ruft in ihrer Not die Polizei … Der Spielfilm des US-amerikanischen Regisseurs Lance Hammer wurde an der diesjährigen Berlinale mit dem Preis der Jury sowie für die herausragenden schauspielerischen Leistungen von Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay als altes Liebespaar ausgezeichnet. Grossartig ist auch Juliette Binoche als Amanda, die zwischen Entschlossenheit und wachsenden Zweifeln schwankt. Andreas Köhnemann schreibt in Kino-Zeit: «Glaubhaft erfasst Hammer das frustrierende Gefühl, stets das Falsche zu tun und jeden Entschluss direkt wieder infrage zu stellen. Keiner Partei wird hier klar Recht oder Unrecht gegeben. So entsteht ein Film über Ratlosigkeit und Überforderung, über die schmerzhafte Erkenntnis, dass wir für manche Herausforderungen in unserer Gesellschaft selbst nach langer Zeit noch keinen sicheren Umgang gefunden haben.»

 

NAZA
Der preisgekrönte Dokumentarfilm, der das System hinter Israels gezielten Tötungen von palästinensischen Zivilist:innen im Gazastreifen enthüllt und der israelischen Armee schwere Verfehlungen vorwirft, erhielt in Venedig 25 Minuten Beifall. Die internationale Presse lobt ihn als einen der wichtigsten Filme unserer Zeit, während er in Israel heftige Debatten auslöst.

Drei Jahre lang haben die oscarprämierten Regisseur:innen Yuval Abraham und Rachel Szor («No Other Land») auf den Dächern von Tel Aviv mit Angehörigen der israelischen Armee und des Geheimdienstes anonymisierte Interviews geführt. Themen waren die Entscheidungsprozesse und Technologien hinter der Kriegsführung in Gaza, die für die hohen Opferzahlen unter der palästinensischen Bevölkerung verantwortlich sind. Der Filmtitel steht für das Kürzel, mit dem die Armee die Zahl der zivilen Opfer angibt, die bei einem israelischen Angriff einkalkuliert wird. Aus Sicherheitsbedenken hatte das Festival von Venedig erst neun Tage vor Beginn bekannt gegeben, dass «NAZA» im Hauptwettbewerb zu sehen sein wird. Nach seiner Uraufführung am 10. September wurde der Film vom Publikum mit einer 25-minütigen Standing Ovation gefeiert – ein neuer Rekord. «NAZA» gewann den Spezialpreis der Jury, die Kritiken sind durchgehend hervorragend. The New Yorker nennt ihn «einen der wichtigsten Filme unserer Zeit», Indie Wire «einen essenziellen Film, der dich bis ins Mark erschüttern wird», Der Standard schreibt: «Der (…) Film ist zwingend. Nicht nur aufgrund seines brisanten Inhalts, auch formal weiss er zu überzeugen.» Mittlerweile hat der israelische Kulturminister angedroht, den Regisseur:innen die Staatsbürgerschaft wegen angeblichen Landesverrats zu entziehen; die Armee prüft rechtliche Schritte.

 

Phantome der Nacht: Thirst
Ein katholischer Priester wird unbeabsichtigt in einen Vampir verwandelt und muss in der Folge mit sinnlichen Begierden und den sieben Todsünden fertig werden … Der betörende Vampirfilm des südkoreanischen Meisterregisseurs Park Chan-wook ist eine Mischung aus Amour fou, Ghoststory und Gewissensdrama – eine intelligente Studie über Moral sowie Schuld und Sühne.

Der katholische Priester Sang-hyun arbeitet aufopferungsvoll in einem Krankenhaus, wo er den Sterbenden Trost spendet, und steckt tief in einer Glaubenskrise. Um einen wirksameren Beitrag zur Heilung von Kranken zu leisten, nimmt er an einem medizinischen Experiment zur Bekämpfung eines tödlichen Virus teil – und kommt dabei zu Tode. Dank einer Bluttransfusion unbekannter Herkunft erwacht er wie durch ein Wunder wieder zum Leben. Doch er ist nicht mehr derselbe, denn das frische Blut in seinen Adern stammt von einem Vampir. Fortan ringt der Priester mit einem unstillbaren Blutdurst und ihm bisher unbekannten sinnlichen Begierden. Als er der Frau eines alten Schulfreundes begegnet, kann Sang-hyun seine neuen Gelüste nicht mehr kontrollieren. Zwischen dem Vampir-Priester und Tae-ju entbrennt eine hemmungslose Affäre, die ihn in die Welt der Sünde führt … Lose basierend auf Émile Zolas Roman Thérèse Raquin verbindet der südkoreanische Meisterregisseur Park Chan-wook Vampirfilm mit Amour-Fou-Geschichte, Ghoststory und Gewissensdrama. «‹Thirst› ist im Grunde weniger ein blutrünstiger Vampirfilm – auch wenn noch so viel Blut fliesst – und erst recht kein Horrorschocker, als vielmehr eine anspielungsreiche, intelligente und witzige Studie über Moral. Eine vampirische Version von Schuld und Sühne, wenn man so will», schreibt Esther Buss im Filmdienst.

 

Kinderfilme: Im Himmel ist auch Platz für Mäuse
Eine kleine Maus und ein Fuchs begegnen sich nach einem unglücklichen Unfall im Tierhimmel. Eigentlich sollten sie Feinde sein, doch im Himmel verlieren sie ihre natürlichen Instinkte und werden beste Freunde. Der liebevolle Puppentrickfilm erinnert mit seiner grossen Liebe zum Detail an «Fantastic Mr. Fox» von Wes Anderson.

Die kleine Maus Dalli ist ängstlich, möchte aber so mutig sein wie ihr verstorbener Vater, der im Mäusevolk als Held gilt. Also fordert sie den Fuchs Weissbauch heraus, was jedoch für beide tödlich endet. Zu ihrer Überraschung treffen sie sich im Tierhimmel wieder. Nach anfänglichen Vorurteilen entwickelt sich aus ihrer Feindschaft langsam eine Freundschaft. Weissbauch will Dalli helfen, im farbenfrohen Paradies ihren Vater zu finden. Der Animationsfilm behandelt auf poetisch-humorvolle Weise Themen wie das Glück des Lebens, das Rätsel des Todes und die Freundschaft zweier ungleicher Charaktere. Die Regisseur:innen Jan Bubeníček und Denisa Grimmová inszenierten den liebevoll gestalteten Stop-Motion-Film mit mehr als 100 Puppen und wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Der MDR schreibt: «Der berührende Animationsfilm erzählt eine fantasievolle Geschichte über das Überwinden von Vorurteilen, alten Verletzungen und Ängsten durch Liebe, Mut und Toleranz. Dabei rückt er auch schwere Themen wie Vergänglichkeit und traumatische Erlebnisse in den Fokus und zeigt, dass das Ende auch der Anfang von etwas Neuem ist.»

 

In Zusammenarbeit mit Palliative Stadt St.Gallen zum Aktionstag «Last Call – Der Tod lädt ein».

 

Tristan Forever
Der Pariser Arzt Loran Bonnardot will sich auf der abgelegensten bewohnten Insel der Welt niederlassen: der mitten im Atlantik gelegenen Vulkaninsel Tristan da Cunha. Mit grossartigen Bildern erzählt Regisseur Tobias Nölle von den Herausforderungen und Träumen seines Protagonisten, der die Insel seit 30 Jahren kennt, und reist an einen utopisch anmutenden Ort.

Tristan da Cunha ist der abgelegenste bewohnte Ort auf unserem Planeten. Nur 233 Menschen leben auf der 180 Quadratkilometer kleinen, zu Grossbritannien gehörenden Insel im Südatlantik, auf halbem Weg zwischen der Südwestspitze Südafrikas und der brasilianischen Hafenstadt Cabo Frio. Dorthin beträgt die Distanz 3200 Kilometer, zum nächstgelegenen südafrikanischen Hafen sind es «nur» 2800 Kilometer. Als einzige regelmässige Verbindung fährt von dort zehn Mal im Jahr ein Schiff zur Insel, die wegen ihrer gebirgigen, von einem Vulkan gekrönten Topografie über keinen Flugplatz verfügt. Der Pariser Arzt Loran Bonnardot hat Tristan da Cunha seit 1996 regelmässig besucht, die überwältigende Flora und Fauna der Insel erkundet und sich mit einem Fischer angefreundet. Infolge einer persönlichen Krise beschliesst er, endgültig auf die Insel zu ziehen. Er verschifft seinen Hausrat – darunter auch ein Klavier – und erreicht nach sechstägiger Reise durch die stürmische See sein neues Zuhause. Doch es ist kein leichtes Unterfangen, von den Einheimischen als Dauergast akzeptiert zu werden. Gekonnt pendelt Tobias Nölles’ hybrides Werk zwischen Realität und Fiktion, zeigt das verlockend entrückte Leben auf einem Aussenposten der Zivilisation – und erinnert doch daran, dass man inneren Schmerzen auch an abgelegensten Orten nicht entkommen kann.

 

Phantome der Nacht: Only Lovers Left Alive
Jim Jarmusch erfindet das Vampirgenre neu. Adam und Eve sind Liebende durch die Jahrhunderte: kultiviert, empfindsam, cool. Sie haben mit Lord Byron Schach gespielt, Schubert ein Adagio abgetreten und trinken Blut aus kostbaren Kristallgläsern. Hinreissend: Tilda Swinton und Tom Hiddleston als melancholische Nachtgestalten.

Adam und Eve sind Liebende durch die Jahrhunderte. Sie haben mit Lord Byron Schach gespielt, Schubert ein Adagio abgetreten und schlürfen erlesene Blutkonserven aus feinstem Kristall – denn Blutsaugen «ist so 15. Jahrhundert!». Bei Jim Jarmusch sind Vampire keine lüsternen Monster, sondern empfindsame Wesen, hochintelligente Schöngeister, klassische Bohemiens, bewandert in Kunst, Literatur und Wissenschaft. Dieser Tage führen sie eine Fernbeziehung. Adam hat sich als Undergroundmusiker in eine verfallende Villa in Detroit zurückgezogen, wo er an der Ignoranz der Menschheit verzweifelnd seinen Hang zur Depression kultiviert. Eve hat sich in Tanger ein barockes Bücherrefugium erschaffen. Doch als sie spürt, dass ihr lebensmüder Geliebter seiner Unsterblichkeit ein Ende setzen will, bucht sie den nächsten Nachtflug nach Detroit. In opulenten Bildern verkehrt Jim Jarmusch das Vampirgenre zu einem anspielungsreichen Streifzug durch die Kulturgeschichte und zur Kritik an einer Welt, die sich selbst zugrunde richtet. Dabei ist «Only Lovers Left Alive» Klage und Hymne zugleich – auf das Leben und die ewige Liebe. Voll absurder, sanfter Komik entwickelt der Film einen soghaften Rhythmus. Und wenn er nach zwei Stunden endet, wünscht man sich, er würde sich noch ewig so hypnotisch weiterdrehen wie die Vinylplatte zu Beginn.

 

Phantome der Nacht: A Girl Walks Home Alone at Night
Die iranische Geisterstadt Bad City ist ein Ort der Einsamkeit und des Todes, in der ein weiblicher Vampir auf einem Skateboard sein Unwesen treibt. Rauschhafte Musik verleiht der verwegenen Romanze mit einem Engel der Nacht den Reiz purer Low-Budget-Kunst – ein einzigartiger iranisch-amerikanischer Kultfilm.

Der Debütfilm der iranisch-amerikanischen Regisseurin Ana Lily Amirpour ist in jeder Beziehung ein erstaunliches Werk: eine Vampir-Romanze, inszeniert als wunderbar surrealistischer Genremix, unterlegt mit einem hypnotisierenden Soundtrack, der an Jim Jarmuschs «Only Lovers Left Alive» erinnert. Schauplatz ist Bad City, eine Art geisterhafte Zwischenwelt, die von allerlei lichtscheuen Gestalten bevölkert wird, darunter ein Knabe mit Rollbrett und eine Katze. Der junge, attraktive Arash muss seinen geliebten Ford Thunderbird an den Dealer Saeed abtreten, um die Drogenschulden seines Vaters zu begleichen. Auf dem Heimweg von einer Party, kostümiert als Graf Dracula, begegnet er im Morgengrauen einer rätselhaften jungen Frau im Tschador. Er ahnt nicht, dass er einer echten Vampirin gegenübersteht – in einer der schönsten Szenen dieses faszinierenden Films. Es ist der Beginn einer zarten Liebesgeschichte … Das Festival International du Film de Fribourg schreibt: «In magischen Schwarz-Weiss-Bildern und mit einem vibrierenden Soundtrack gelingt Amirpour ein doppelbödiges und sinnliches Traumspiel voll visueller Kraft und abgründiger Provokationslust. (…) Der Vampirismus schafft eine tiefgründige Metapher für den Iran.»

 

Kinderfilme: Die Geschichte vom Gruselfuchs
Für die drei kleinen Murmeltiere Yaya, Mo und Pic ist es Zeit für ihren ersten Winterschlaf. Weil einschlafen schwierig ist, erzählen die Eltern ihnen immer eine Gutenachtgeschichte. Doch dieses Mal schlafen die Eltern vor dem Ende der Geschichte ein und die Kinder wissen nicht, wie sie ausgeht … Charmanter Trickfilm über die Abenteuer von drei Murmeltierkindern.

Der Winter ist da, und für drei Murmeltierbabys steht der erste Winterschlaf bevor. Doch Yaya, Mo und Pic sind viel zu aufgeregt. Eine Gutenachtgeschichte soll die Kleinen beruhigen. Doch genau im spannendsten Moment schlafen die Eltern ein. Sechs Monate zu warten, um zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht, kommt für die drei kleinen Murmeltiere nicht infrage. Also machen sie sich auf den Weg durch die verschneiten Berge, um das Ende der Geschichte direkt vom Protagonisten selbst zu erfahren: dem schrecklichen Gruselfuchs! Das Animationsfilmprogramm für unsere jüngsten Kinogäste bietet neben diesem lustigen Winterabenteuer noch zwei weitere, kürzere Geschichten um Mo, Yaya und Pic im Vorprogramm. «Aufgedrehte Murmeltiere» erzählt, wie Papa Murmeltier nach der Geburt der Drillinge von seinen drei Babys zunächst überfordert ist. Im Handbuch für Super-Väter hofft er, Rat zu finden. In «Herbstfest» freuen sich Mo, Yaya und Pic auf das Herbstfest und erhalten von Mama einen wichtigen Auftrag: Sie sollen Haselnüsse vom grossen Haselnussstrauch holen, damit sie einen Kuchen backen kann. Doch als sie dort ankommen, erwartet sie eine böse Überraschung: Fuchs Grouton hat bereits alle Nüsse eingesammelt und weigert sich, einige abzugeben. Ob die drei kleinen Murmeltiere ihn umstimmen können?

 

Das geträumte Abenteuer
Die Archäologin Veska kehrt für Ausgrabungen in ihre Heimatstadt Svilengrad zurück. Dort trifft sie auf ihren Jugendfreund Saïd, der in der Stadt festsitzt. Als am nächsten Tag jede Spur von ihm fehlt, macht sie sich auf die Suche nach ihm. Valeska Grisebachs berauschende, geheimnisvolle Grenzlandfabel mit der grossartigen Yana Radeva wurde in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichnet.

Ausgrabungen an einer mittelalterlichen Burg führen die Archäologin Veska in ihr einstiges Heimatdorf Svilengrad in der bulgarisch-griechisch-türkischen Grenzregion. Zu ihrer grossen Freude begegnet sie dort ihrem Jugendfreund Saïd, der in dem Grenzort festsitzt, weil sein Lieferwagen gestohlen wurde. Veska lädt ihn zu einem Besuch ihrer Ausgrabungsstätte ein, doch am nächsten Tag ist Saïd spurlos verschwunden. Auf der Suche nach ihm gerät Veska immer tiefer in eine mafiöse Schattenwelt … Nach «Western» erkundet Valeska Grisebach erneut das Leben an den Rändern Europas und zeichnet ein packendes Porträt der Balkanregion zwischen gestern und heute. Für ihren mit Laiendarsteller:innen besetzten Film wurde sie am Filmfestival von Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet und von der Kritik hoch gelobt. Robert Wagner schreibt auf Perlentaucher: «Der Film ist nicht nur ein Thriller, sondern auch ein Drama, das Menschen nicht ausdefiniert, sondern sie als archäologische Fragmente versteht, die nicht so ohne Weiteres zu verstehen sind. Und vielleicht steckt hinter allem eine ganz verschüchterte, zarte Liebesgeschichte, die kaum an die Oberfläche dringt. Vielleicht ist ‹Das geträumte Abenteuer› einfach nur eine Romanze. Unsicherheit ist in diesem Film Bedrohung und zugleich etwas ganz Wunderbares.»

 

Imagine Peace
Edith Ballantyne, 1938 vor den Nazis geflohen, hat ihr Leben dem Frieden gewidmet. Als Präsidentin der Women’s International League for Peace and Freedom prägte sie die internationale Friedensbewegung und motivierte Millionen von Menschen, für Abrüstung auf die Strasse zu gehen. Erschüttert über die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten ruft die Hundertjährige zum Dialog auf.

Edith Ballantyne (1922–2025) wurde in der Tschechoslowakei geboren und floh als 16-Jährige vor den Nationalsozialisten nach Kanada, wo sie in den 1960er-Jahren zu einer international bekannten Friedensaktivistin wurde. Als Generalsekretärin und spätere langjährige Präsidentin der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (WILPF) setzte sie sich auch noch im hohen Alter mit grossem Engagement für Abrüstung und friedliche Konfliktlösungen bei der UNO in Genf ein. Der Basler Regisseur Fabian Chiquet begleitete die hochbetagte Aktivistin wenige Jahre vor ihrem Tod an ihrem Wohnort, liess sie auf ihr bewegtes Leben zurückblicken und porträtiert darüber hinaus drei jüngere WILPF-Aktivistinnen aus dem Libanon, der Ukraine und Grossbritannien. Chiquet, der 2021 mit dem animierten Dokumentarfilm «Die Pazifistin» bereits einer Friedensaktivistin – der 1968 verstorbenen Pionierin der Friedens- und Frauenbewegung Gertrud Woker – ein bewegendes filmisches Denkmal gesetzt hat, sagt über seinen neuen Film: «Mit den Trümmern von Mariupol und Gaza vor Augen, wollte ich der Welt Menschen zeigen, die seit jeher für den Frieden arbeiten, aber in Zeiten der Eskalation in den Verhandlungen fehlen: die Friedensfrauen. Denn ich bin überzeugt, dass das Leben für alle besser wird, wenn Menschen wie Edith diese Welt anführen.»

 

Letzte Bilder: Sterbehilfe im Film: How to Die: Simon's Choice
Simon Binner ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und lebenslustiger Familienmensch mit grossem Freundeskreis. Als bei ihm Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert wird, entschliesst er sich, den fortschreitenden körperlichen Verfall nicht bis zum Ende zu durchleben. Der Film begleitet ihn und seine Liebsten auf diesem letzten Weg und beleuchtet die Spannungen, die damit einhergehen.

Simon Binner ist erfolgreicher Geschäftsmann, lebenslustiger Familienmensch und Teil eines grossen, über Jahre gewachsenen Freundeskreises. Alles ändert sich mit der Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), die ihm noch höchstens zwei Lebensjahre lässt. Der Brite ist entschlossen, den fortschreitenden körperlichen Verfall nicht bis zum Ende zu durchleben, und wendet sich an den von Erika Preisig geführten Schweizer Sterbehilfeverein «lifecircle». Rowan Deacons bewegender Dokumentarfilm begleitet Simon und die Menschen, die ihm nahestehen, auf diesem letzten Weg. Die Filmemacherin gibt dem Protagonisten viel Raum, seine Beweggründe darzulegen, und macht zugleich auf beklemmende Weise seinen rasanten körperlichen Abbau sichtbar. Ebenso eindringlich zeigt sie die zwiespältigen, oft von Verzweiflung geprägten Reaktionen seiner Angehörigen – darunter seine Frau Debbie, seine Mutter und enge Freund:innen. Vor dem Hintergrund der damaligen Sterbehilfedebatte im britischen Parlament entstanden, führt der Film, ohne zu werten oder Partei zu ergreifen, unterschiedliche Perspektiven auf das Thema zusammen und beleuchtet die Spannungen, die entstehen können, wenn der Wunsch nach Selbstbestimmung auf die Gefühle und Bedürfnisse derjenigen trifft, die zurückbleiben.

 

Weitere Vorstellungen in dieser Reihe:

 

09.12.26 | 20h00: Amour (Michael Haneke, 2012)

13.01.27 | 20h00: Die letzte Pointe (Rolf Lyssy, 2017)

03.02.27 | 20h00: Plan 75 (Chie Hayakawa, 2022)

10.03.27 | 20h00: The Room Next Door (Pedro Almodóvar, 2024)

 

Was haben wir gelacht
Der Dokumentarfilm erzählt die Geschichte des deutschen Unterhaltungsfernsehens der 90er- und frühen 00er-Jahre aus der Perspektive von Frauen. Comedy-Pionierinnen wie Maren Kroymann, Hella von Sinnen und Esther Schweins blicken zurück auf eine Zeit, in der Frauen im Fernsehen vor allem dekoratives Beiwerk waren, als Pointen dienten und Sexismus und Übergriffigkeit an der Tagesordnung waren.

Die deutschsprachige Fernsehunterhaltung wurde über Jahrzehnte von Männern bestimmt: Sendungen wie «Wetten, dass..?», «Die Harald Schmidt Show» oder «TV total», aber auch die Kabarett- und Comedyszene prägten männliche Unterhalter. «Was haben wir gelacht» unternimmt eine Zeitreise zurück zu den Lachern der 1990er- und 2000er-Jahre. Fünf Protagonistinnen, die Fernsehgeschichte geschrieben haben, kommentieren die Ausschnitte aus TV-Sendungen: Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins haben mehr Sichtbarkeit von Frauen im Unterhaltungsfernsehen mit Beharrlichkeit erkämpft. Klug, differenziert und mit sarkastischem Humor blicken sie zurück – als Akteurinnen, aber auch als Betroffene von Sexismus und Frauenfeindlichkeit. Was damals an übergriffigem Verhalten, herablassenden Witzen und hämischen Bemerkungen auf Kosten von Frauen in die Wohnzimmer flimmerte, ist bestürzend. Aber die lohnende Dokumentation geht über diese TV-Bilder hinaus, weil die fünf Frauen ausloten, wie Rollenbilder uns als Gesellschaft geprägt haben. Dabei wird deutlich: Humor hat sehr viel mit Macht und Gleichberechtigung zu tun. «Das ist garantiert nicht lustig – und genau deshalb sollte man diesen Film sehen», meint Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung.

 

Cinema italiano: Il bene comune
Eine Theatergruppe aus einem Frauengefängnis durchquert die wilde und überwältigende Natur der Basilikata, um den ältesten Baum Europas zu besuchen, eine 1200 Jahre alte Loricato-Kiefer. Dabei brechen Konflikte auf … Rocco Papaleos Ensemblefilm erzählt von Widerstandsfähigkeit und Gemeinschaft in atemberaubender Landschaft.

In der atemraubenden Berglandschaft des Parco Nazionale del Pollino zwischen der Basilikata und Kalabrien steht einer der ältesten Bäume Europas, eine über 1200 Jahre alte Bosnische Kiefer. Eine ungewöhnliche Wandergruppe macht sich auf den Weg zu diesem einzigartigen Naturdenkmal: der Touristenführer und Ex-Soldat Biagio, sein Neffe Luciano sowie die Schauspielerin Raffaella mit den vier Teilnehmerinnen ihres Theaterworkshops, den sie in einem Frauengefängnis leitet. Die anstrengende Wanderung soll für die Frauen zu einer Art Motivationstrip für ihre Resozialisierung werden. Doch alle Beteiligten müssen zuerst mit ihren eigenen Geschichten ins Reine kommen – Spannungen und Konflikte sind vorprogrammiert … Mit «Il bene comune» kehrt Regisseur Rocco Papaleo in seine Heimat, die Basilikata, zurück und schickt sein bunt gemischtes Figurenensemble auf eine ebenso unterhaltsame wie abenteuerliche Reise zu sich selbst und zur berühmten Kiefer als Symbol für Widerstandskraft. Carola Proto schreibt auf Comingsoon: «‹Il bene comune›, eine Geschichte über Resilienz und Zusammenhalt, originell und poetisch erzählt, wechselnd zwischen Gegenwart und Vergangenheit mit Jazz- und Musiktheatereinlagen, voller Humor und Melancholie, Poesie und jahrtausendealter Weisheit, Höhen und Tiefen, Disziplin und Chaos, ist der bis jetzt schönste Film von Rocco Papaleo.»

 

From Inside Out – Die Architektur von Peter Zumthor
14 Jahre lang erforschte Wim Wenders das Universum des bedeutenden Schweizer Architekten und macht dessen Werke aus der Perspektive von Besucher:innen, Bewohner:innen und Handwerker:innen sichtbar. Der Film, ein beglückendes Zusammentreffen zweier Ikonen ihres Fachs, zeigt die Entstehung von Zumthors visionären Projekten wie etwa dem Erweiterungsbau der Fondation Beyeler.

Auf Einladung des damaligen Kurators David Chipperfield schufen Wim Wenders und Peter Zumthor 2012 für die Architektur-Biennale von Venedig den Kurzfilm «Notes from a Day in the Life of an Architect». Dabei stellten sie fest, dass sie eine ähnliche Arbeitsweise verbindet: Beide entwickeln die Dinge von innen heraus. So entstand über einen Zeitraum von vierzehn Jahren das Projekt für einen Dokumentarfilm über das einzigartige Werk des Pritzker-Preisträgers, gedreht in modernster 3D-Technik. Gezeigt werden die wichtigsten Bauten Zumthors, einschliesslich der neuesten Projekte für den Erweiterungsbau der Fondation Beyeler in Riehen und den Neubau des LACMA-Kunstmuseums in Los Angeles. Dabei geht es um die Grundvoraussetzungen von Architektur, die intensive Beziehung zwischen Menschen und den Orten, an denen sie leben und arbeiten. Zum Ausdruck kommt auch die kompromisslose Hingabe Zumthors an Materialität, Handwerk und Atmosphäre sowie sein feines Gespür für den jeweiligen Ort. Niklas Lotz schreibt im Filmdienst: «Wenders und Zumthor sind beide Visionäre. Der Film verleiht der gegenseitigen Bewunderung zweier Künstler, die in ihren unterschiedlichen Disziplinen internationale Geltung erlangt haben, eine beeindruckende Form.»

 

Friday Night Club: American History X
Der Skinhead Derek landet nach einem brutalen, rassistisch motivierten Mord im Gefängnis und sagt sich dort von der Neonazi-Szene los. Nach seiner Entlassung versucht er, seinen jüngeren Bruder zur Abkehr von der rechtsextremen Bewegung zu überzeugen. Beeindruckendes Drama mit Edward Norton über die fatale Anziehungskraft rechtsextremer Ideologien und die verheerenden Folgen für die eigene Familie.

Der Neonazi Derek beobachtet, wie zwei Afroamerikaner versuchen, sein Auto zu stehlen. Ohne zu zögern, erschiesst er den einen und erschlägt den anderen auf brutalste Weise. Er wird verhaftet und verurteilt, doch da sein jüngerer Bruder Danny, der in besagter Nacht Augenzeuge war, vor Gericht zugunsten von Derek die Aussage verweigert, kommt dieser mit einer nur dreijährigen Haftstrafe wegen Totschlags davon. Während Derek sich im Gefängnis von seinen Nazi-Überzeugungen löst, verklärt Danny seinen Bruder zum Helden und mutiert selbst zum offenen Hitler-Verehrer. Als Derek aus dem Gefängnis entlassen wird, versucht er verzweifelt, Danny von dessen menschenverachtender Ideologie abzubringen. Doch es scheint zu spät, zumal der Rassismus und das Nazi-Gedankengut bereits vom Vater an die Söhne weitergegeben wurden, wie der Film in kunstvollen schwarz-weissen Rückblenden vermittelt. Tobias Kniebe schrieb auf Cinema: «Das ist ein verdammt gewagtes Lehrstück, denn es schafft die komplette ideologische Umkehrung der Werte, die es zu Beginn aufgebaut hat. Protagonist Derek ist nämlich nach seinem Gefängnisaufenthalt ein anderer Mensch, der den Bruder vor dem retten will, was er ihm einst selber eingepflanzt hat. Dieses Problem löst der Film – allerdings nicht auf typische Hollywood-Art, sondern so verstörend wie das Leben selbst.»

 

Kinderfilme: Die Zauberlaterne: Emil und die Detektive
Nachdem Emil im Zug bestohlen wurde, macht er sich in Berlin auf die Suche nach dem Dieb. Unterstützt wird er dabei von der draufgängerischen Bandenchefin Pony Hütchen. Geglückte Verfilmung von Kästners berühmtem Kinderbuchklassiker mit Jürgen Vogel und Maria Schrader.

Emil Tischbein lebt mit seinem arbeitslosen Vater in einer kleinen Stadt an der Ostseeküste. Weil sein Vater nach einem Unfall im Spital liegt, soll Emil die Ferien bei der Familie von Pastorin Hummel in Berlin verbringen. Auf der Zugfahrt dorthin lernt Emil den seltsamen Max Grundeis kennen, dem nicht verborgen bleibt, dass der Junge viel Geld bei sich trägt: 1500 Mark – die gesamten Ersparnisse seines Vaters! Doch bei Emils Ankunft in Berlin ist das Geld weg. Allein und fremd in der grossen Stadt nimmt er die Verfolgung des Diebes auf … Erich Kästners legendärer Krimi für Kinder wurde mehrfach verfilmt und erfreut sich auch heute noch grosser Beliebtheit. Drehbuchautorin und Regisseurin Franziska Buch hat ihre 2001 entstandene Adaption in die Gegenwart versetzt und die Figuren modernisiert. Manuela Bruderer lobte auf Cineman: «Erich Kästner würde sich wahrscheinlich freuen! Die Verfilmung seines erfolgreichen Kinderbuches aus den späten 1920er-Jahren ist mehr als geglückt.»

 

Die Mitgliedschaft für «Die Zauberlaterne» kann an der Kinokasse gelöst werden. Ausführliche Informationen finden Sie unter www.lanterne-magique.org/de/clubs/st-gallen/.

 

A Talent for Murder
Ein junger Verlagsmitarbeiter reist in die Schweiz, um Patricia Highsmith zu einem neuen Band ihrer Ripley-Reihe zu bewegen. Highsmith ist alles andere als begeistert und beginnt mit ihrem Gast ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Grenzen zwischen Realität und perfektem Mord verschwimmen. Helen Mirren brilliert als Kultautorin in Anton Corbijns Thriller.

1995 lebt Patricia Highsmith zurückgezogen in Tegna im Onsernonetal, umgeben nur von ihren Katzen und ihrer Waffensammlung. Als eines Tages ein junger Lektor ihres New Yorker Verlags auftaucht, um sie zu einem neuen Tom-Ripley-Krimi zu überreden, ist sie alles andere als erfreut. Sie versucht, den jungen Mann sofort wieder loszuwerden – hat aber nicht mit dessen List und Beharrlichkeit gerechnet. Als der ihr nämlich erst nach längerem Hin und Her sein Gastgeschenk überreicht, ein kostbares und extrem scharf geschliffenes Messer, lässt sie sich zu einem Deal überreden: Wenn er ihr hilft, den perfekten Mord zu erfinden, darf er bleiben. Elf Jahre nach seinem letzten Spielfilm «Life» über eine Episode im Leben von James Dean hat Anton Corbijn, bekannt auch durch viele Musikdokumentarfilme (u. a. über Depeche Mode), ein raffiniert verschachteltes kriminalistisches Kammerspiel geschaffen, das auf dem Bühnenstück «Switzerland» der australischen Autorin Joanna Murray-Smith aus dem Jahr 2014 basiert. Mit einer grandios-mürrischen Helen Mirren, die der alternden Patricia Highsmith optisch verblüffend ähnelt, und einem ebenso brillanten Alden Ehrenreich, der sich mit ihr verrückteste Wortgefechte liefert, ist «A Talent for Murder» ein so raffinierter wie mörderischer Spass, der die Grenzen zwischen Realität und Imagination lustvoll verwischt.

 

Cinema italiano: La vita da grandi
Irene wird von ihrer Mutter nach Hause gerufen, um sich um ihren autistischen Bruder Omar zu kümmern. Dieser will heiraten, drei Kinder haben und ein grosser Rap-Star werden. Das Zusammentreffen wird für beide zu einem Crashkurs in Sachen Erwachsenwerden … Eine leise Komödie um Träume, familiäre Bindungen und Inklusion.

Irene lebt und arbeitet in Rom. Ein Telefonanruf ihrer Mutter reisst sie aus dem Alltagstrott: Sie soll für ein paar Tage in ihre Heimatstadt Rimini zurückkehren und sich um ihren vierzigjährigen, autistischen Bruder Omar kümmern. Anders als ihre Mutter will Irene ihm zu mehr Selbstständigkeit verhelfen. Schnell stellt sie fest, dass er insgeheim klare Vorstellungen von seiner Zukunft hat: Er möchte heiraten, drei Kinder haben und vor allem unbedingt an der populären TV-Talentshow «Yes You Can» teilnehmen, um ein grosser Rap-Star zu werden. So wird ihr Zusammensein für beide zu einem Crashkurs in Sachen Erwachsenwerden. Das gelungene Spielfilmdebüt der Schauspielerin Greta Scarano («La mia famiglia italiana») ist inspiriert von der als Buch veröffentlichten Autobiografie der Geschwister Damiano und Margherita Tercon Mia sorella mi rompe le balle: Una storia di autismo normale. Eine echte Entdeckung ist Yuri Tuci, der Omar spielt und selbst autistisch ist. Claudia Catalli schreibt auf MYmovies: «Der Film handelt von Träumen, familiären Bindungen und sensibilisiert für Themen wie Autismus, soziale Inklusion und Selbstbestimmung. Gleichzeitig lädt er dazu ein, Vorurteile und Stereotype zu überwinden, und erinnert daran, dass eine Geschwisterbeziehung kein selbstverständliches Band ist, sondern bedeutet, sich gegenseitig zu unterstützen, statt nur zu ertragen.»

 

Cinema italiano: Follemente
Ein geschiedener Lehrer und eine Möbelrestauratorin erleben ein turbulentes erstes Date. Ihre personifizierten inneren Stimmen sorgen dabei für peinliche Momente und konfliktreiche Eingeständnisse … Paolo Genoveses neuester Streich, eine überraschende Mischung aus leichtfüssiger Komödie und tiefgründigem Drama, war der erfolgreichste italienische Film des Jahres 2025.

Lara hat Piero beim ersten Date zu einem Abendessen zu sich nach Hause eingeladen. Die 35-jährige passionierte Möbelrestauratorin ist seit Kurzem wieder Single. Der fünfzigjährige Piero ist Gymnasiallehrer, geschieden und Vater einer Tochter. Was als romantisches Tête-à-Tête gedacht war, wird immer wieder gestört durch die personifizierten inneren Stimmen der beiden, die sich ständig und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen ins Geschehen einmischen – was Lara und Piero ins totale Gefühlschaos stürzt. Doch sie nehmen auch Missverständnisse und peinliche Momente mit Humor, denn schliesslich wollen sie wissen, wo das Ganze hinführt – ob es im totalen Reinfall endet oder der Beginn einer neuen Liebe wird … Paolo Genovese gelang 2016 mit «Perfetti sconosciuti» ein sensationeller Erfolg, der mit über 30 internationalen Remakes einen Rekord hält. Seine neue Komödie «Follemente» war 2025 einer der erfolgreichsten Filme Italiens; eine Fortsetzung ist bereits geplant. Flavio Natale schreibt auf Ciak Magazine: «Die Geschichte eines ersten Dates als unterhaltsame romantische Komödie, die uns in die Gedankenwelt der beiden Protagonisten eintauchen lässt, um die geheimnisvollen Mechanismen zu entdecken, die unser Handeln bestimmen. (…) Das funktioniert sehr gut. Die Schauspieler sind stets überzeugend und in manchen Momenten geradezu umwerfend.»

 

Cinema italiano: Tre ciotole
Nach sieben Jahren Beziehung gehen Marta und Antonio getrennte Wege. Während er sich in die Arbeit stürzt, zieht sie sich zurück … Isabel Coixets ergreifende Liebes- und Trennungsgeschichte mit Alba Rohrwacher und Elio Germano nach dem letzten Erzählband der viel zu früh verstorbenen sardischen Autorin Michela Murgia ist überraschend wendungsreich und ein schönes Rom-Porträt abseits der Tourist:innenpfade.

Nach sieben Jahren Beziehung gehen die Sportlehrerin Marta und der Meisterkoch Antonio getrennte Wege. Während Antonio sich auf sein aufstrebendes Restaurant im römischen Stadtteil Trastevere konzentriert, isoliert sich Marta immer mehr von ihrer Umwelt. Ihre einsamen Abende verbringt sie mit der Pappfigur eines K-Pop-Stars oder schreibt im Netz vernichtende Bewertungen über Antonios Restaurant. Ihre Schwester Elisa ist besorgt über Martas Appetitlosigkeit, und als diese sich endlich zu einer ärztlichen Untersuchung durchringt, ist der Befund ernst. «Tre ciotole» ist der erste in Italien gedrehte Film der katalanischen Regisseurin Isabel Coixet und basiert auf dem letzten Erzählband der sardischen Schriftstellerin Michela Murgia. In den Hauptrollen des bewegenden Dramas brillieren Alba Rohrwacher und Elio Germano. Die Redaktion von Vanity Fair Italia schreibt: «Der Film hält die Intensität von Murgias Text: das Leben als eine Ansammlung von Schalen, die sich füllen und leeren und von einem zerbrechlichen, aber kostbaren Gleichgewicht erzählen.» Die Regisseurin sagt über ihr Werk: «Der Film stellt die Frage, was es bedeutet, wirklich zu leben, und durchläuft dabei alle Phasen menschlicher Beziehungen. Ich würde mich freuen, wenn die Zuschauer nach dem Film erkennen würden: Was auch immer du in deinem Leben verwirklichen möchtest, jetzt ist der richtige Moment dafür.»

 

Cinema italiano: Gioia mia
Als der neunjährige Nico erfährt, dass er seine Sommerferien bei seiner betagten und gestrengen Grosstante Gela in Sizilien verbringen muss, hat er zunächst wenig Freude. Auch für Gela ist der Besuch des jungen Gastes eine Herausforderung. Leichtfüssig-charmantes Coming-of-Age- bzw. Buddy-Drama um einen Generationen-Clash der besonderen Art.

Als der neunjährige Nico von seinen Eltern während der Sommerferien zu seiner Grosstante Gela nach Sizilien geschickt wird, ist er alles andere als begeistert. Die alte Dame lebt ohne Internet und Klimaanlage in einem alten Palazzo, auf dessen Dachboden es spuken soll. Da Gela ein resolutes Regiment führt, werden die Ferien für Nico zur Herausforderung. Doch der junge Gast verlangt auch Gela einiges ab … Warmherzig und humorvoll erzählt Margherita Spampinato von einem Generationenkonflikt der besonderen Art. Der zärtliche Erstling über einen Sommer voller Überraschungen und Abenteuer gewann in Italien als bestes Debüt des Jahres einen David di Donatello; am Festival von Locarno wurde die 82-jährige Aurora Quattrocchi als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Heike Angermaier schreibt in Blickpunkt:Film: «Margherita Spampinato gelingt mit ‹Gioia mia› ein wunderbar leichtfüssiges Coming-of-Age- bzw. Buddy-Drama um den Generationen-Clash und die Annäherung von Kind und alter Dame mit einem unglaublich entzückenden Ensemble aus Kindern und italienischen bzw. sizilianischen Grossmüttern, die man gerne in ihrer Wohnanlage um einen Innenhof nicht nur in den Sommerferien besucht hätte. Für den Jungen – wie fürs Publikum – ist es ein erlebnisreicher, wunderbarer Sommer geworden. Spampinato ist unbestritten ein grosses Talent.»

 

Orwell: 2+2=5
Der haitianische Regisseur Raoul Peck zeigt anhand von George Orwells visionärem Roman 1984, dass Lüge ein zentrales Element autokratischer Systeme ist und die Wahrheit zerbrechlicher denn je. Die kühne Collage aus Filmausschnitten und Nachrichtenmaterial liefert eine präzise und äusserst aktuelle Analyse gegenwärtiger Konflikte.

Ein Jahr vor seinem Tod und zwei Jahre nachdem er von London auf die schottische Hebrideninsel Jura übersiedelt war, veröffentlichte Eric Arthur Blair, besser bekannt unter seinem Künstlernamen George Orwell, 1949 sein wohl berühmtestes Werk: den dystopischen Roman 1984. Der Titel ist die Umkehrung des Jahres, in dem Orwell diese düstere Zukunftsvision eines totalitären Überwachungsstaates beendete. 1984 war aber auch eine Fortsetzung von Animal Farm, der Fabel, in der er Erfahrungen verarbeitete, die er 1937 im Spanischen Bürgerkrieg mit dem Stalinismus gemacht hatte. In einer atemlosen Collage aus Archivfotos, Wochenschauen, Spielfilmen, zeitgenössischen Dokumentarfilmen und Reden autoritärer Herrscher und Diktatoren untersucht der haitianische Filmemacher Raoul Peck («I Am Not Your Negro»), wie sehr Orwells Visionen und die Autoritarismen des 20. Jahrhunderts in der Gegenwart widerhallen. Im Zentrum stehen dabei heutige Konflikte, wie etwa der Bürgerkrieg in Myanmar, Russlands Krieg gegen die Ukraine, der US-Krieg gegen den Terror, der Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 und der Gaza-Krieg. Manohla Dargis schreibt in der New York Times: «Randvoll bepackt, ein Wirbelsturm an Ideen und Bildern, abwechslungsweise berauschend, belebend, verstörend und bisweilen erschöpfend, ist dies ein Werk von unmittelbarer Dringlichkeit».

 

Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte
Ein idyllisches Haus am See wird zum Spiegel eines Jahrhunderts deutscher Geschichte. In seiner atmosphärischen Adaption des gleichnamigen Romans von Jenny Erpenbeck erzählt Volker Schlöndorff eindrucksvoll von Zugehörigkeit, Verlust und Neubeginn. Unterstützt wird er von einem mit Martina Gedeck, Lars Eidinger, Susanne Wolff und Ulrich Matthes hochkarätig besetzten Ensemble.

Ein malerisches Seegrundstück nahe Berlin: In den 1920er-Jahren kauft ein jüdischer Tuchfabrikant die eine Hälfte und lässt ein Badehaus für seine Familie errichten. Auf der anderen Hälfte baut ein Architekt für seine Verlobte eine Villa im Bauhaus-Stil. Doch die Sommeridylle währt nicht ewig: Nationalsozialismus, Krieg und politische Umbrüche zwingen die Bewohner:innen nacheinander, ihr Heim zu verlassen. Zu DDR-Zeiten zieht eine erfolgreiche Schriftstellerin mit ihrer Familie ein, bis nach dem Mauerfall die Erbengemeinschaft der ursprünglichen Besitzer:innen Ansprüche erhebt … Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Jenny Erpenbeck erzählt Volker Schlöndorff kein klassisches Historiendrama über die grossen Wendepunkte der deutschen Vergangenheit, sondern von den Menschen, die von ihnen geprägt werden. Ihre Hoffnungen, Verluste und Sehnsüchte verweben sich zu einer bewegenden Reflexion über Zeit, Erinnerung und Vergänglichkeit. Als heimlicher Mittelpunkt des Geschehens wird das Haus zum stillen Zeugen des Kommens und Gehens der Generationen. Mit einem herausragenden Cast und grossem Gespür für filmische Atmosphäre fängt der oscarprämierte Regisseur den Wandel der Zeit ein und zeichnet eine Chronik von 100 Jahren deutscher Geschichte.

 

Gentle Monster
Die Konzertpianistin Lucy zieht mit ihrem Mann Philip und dem gemeinsamen Sohn aufs Land, wo der Filmemacher sich von einem Burnout erholen soll. Eines Tages steht die Polizei für eine Hausdurchsuchung vor der Tür. Der Vorwurf, der gegen Philip erhoben wird, stellt Lucys Welt auf den Kopf. Marie Kreutzers Drama punktet mit einer meisterhaften Léa Seydoux, Catherine Deneuve und Jella Haase.

Die Französin Lucy ist eine aufstrebende Konzertpianistin, ihr österreichischer Mann Philip ein wenig erfolgreicher Dokumentarfilmer. Gerade sind sie mit ihrem kleinen Sohn aufs Land bei München gezogen, wo Philip sich von einem Burnout erholen soll. Doch die neue Idylle zerbricht, als eines Morgens die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl vor ihrer Tür steht und alle Datenträger von Philip beschlagnahmt. Der Verdacht: Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie. Für Lucy bricht eine Welt zusammen. Kann es tatsächlich sein, dass der Mensch, den sie über alles liebt, ein Monster ist? Mit diesem alles erschütternden Zweifel konfrontiert, muss sie sich bald fragen, ob auch ihr Sohn Opfer seines Vaters geworden ist. Mit einer atemberaubenden Léa Seydoux in der Hauptrolle gelingt Marie Kreutzer eine so erschütternde wie einfühlsame Studie über Liebe und Täuschung, Hoffnung und Abscheu, Vertrauen und Verrat. 3sat-Kulturzeit urteilt: «‹Gentle Monster› ist eine der klügsten Annäherungen an das Thema Pädophilie, weil die Regisseurin und Drehbuchautorin es sich nicht leicht macht und die Gleichzeitigkeit von Liebenswürdigkeit und Monstrosität des Täters zulässt, ein Widerspruch, an dem Lucy fast zerbricht. Der Film ist ein leises und immer tiefer in Abgründe blickendes Whodunit, bei dem nahezu jeder seine Unschuld verliert.»

 

Kurdische Kultur- und Begegnungstage: Lêgerîn – In Search of Alina
Die argentinische Ärztin Alina Sánchez alias Lêgerîn Çiya kämpfte für die Sache der Kurd:innen und starb 2018 in Syrien. Der bewegende Dokumentarfilm, der unter schwierigsten Bedingungen entstanden ist, zeigt den aussergewöhnlichen Lebensweg der jungen Frau, die zur Ikone der kurdischen Freiheitsbewegung wurde.

Unter Mitwirkung der kurdischen Filmemacherin Dêrsim Zêrevan rekonstruiert die argentinische Regisseurin María Laura Vásquez das Leben ihrer 1986 geborenen Landsfrau Alina Sánchez. Diese studierte in Kuba Medizin und reiste nach ihrem Abschluss 2011 ins kurdische Autonomiegebiet Rojava, wo sie sich der stark von Frauen getragenen Befreiungsbewegung anschloss. Als junge Ärztin war sie massgeblich am Aufbau und der Organisation des Gesundheitssystems beteiligt. Ihre Mitstreiter:innen gaben ihr den Spitznamen Lêgerîn Çiya, was so viel wie Suche, Widerstand und Kampf für Freiheit bedeutet. 2018 kam sie während eines Verwundetentransports bei einem Autounfall ums Leben. Durch ihren unermüdlichen, tatkräftigen und selbstlosen Einsatz für andere war sie zu einer Ikone der kurdischen Frauenbewegung geworden – was sich bereits bei ihrer Beerdigung zeigte, als Menschenmassen die Strassen säumten, durch die ihr Sarg getragen wurde. In Gesprächen mit Familienangehörigen und Freund:innen in Argentinien sowie mit kurdischen Genoss:innen entsteht das Bild einer beeindruckenden jungen Frau, die politisches Engagement für ein Kollektiv höher gewichtete als individuelle Selbstverwirklichung, sich zu Solidarität und zum Handeln aufgerufen sah und darin ihr Glück fand.

 

Cinema italiano: 2 cuori e 2 capanne
Alessandra und Valerio geraten im Bus in ein Wortgefecht, das in einer gemeinsamen Liebesnacht mündet. Am nächsten Morgen stellen sie überrascht fest, dass sie an derselben Schule arbeiten … Die temperamentvolle italienische Screwball-Komödie um eine engagierte Feministin und einen konservativen Schuldirektor punktet mit grandiosen Hauptdarsteller:innen und treffendem Humor.

Alessandra ist single und arbeitet an einem Römer Gymnasium als Lehrerin für Literatur. Sie engagiert sich für Frauenrechte und schert sich wenig um gesellschaftliche Konventionen. Eines Tages kollidiert sie im Bus mit Valerio, einem ehemaligen Sportlehrer und Chauvinisten. Trotz der gegensätzlichen Weltanschauungen knistert es gehörig zwischen den beiden und sie landen spontan im Bett. Am nächsten Tag entpuppt sich Alessandras One-Night-Stand als der neue Direktor ihrer Schule. Als sie überraschend schwanger wird, müssen sich die beiden grundverschiedenen Elternteile zu einer Einigung durchringen. Anke Sterneborg schreibt in epd Film: «In seiner beschwingten Geschlechterkomödie erweitert Massimiliano Bruno die Kampfzone vom Privaten an den Arbeitsplatz, an dem die Schüler ihren eigenen unerbittlichen Cancel-Culture-Kampf um Gleichberechtigung führen. Dabei ist es vergnüglich mitanzusehen, wie sich die harten Fronten durch Reibung zunehmend aufweichen und beide lernen, aufeinander zuzugehen.» Und Andreas Köhnemann meint auf Filmzeit: «Der Film vereint klassische Erzählmuster mit modernen Einsichten und setzt auf die Chemie zwischen den zwei Stars in den Hauptrollen. Claudia Pandolfi und Edoardo Leo bringen glaubhaft zum Ausdruck, dass ihre Figuren bereits so einiges erlebt haben – und sie die Chance für beide sehen, am Ende etwas Wertvolles zu gewinnen.»

 

Der grosse Aufbruch: Die 80er in St.Gallen: Super-8 aus Güllen
Super-8-Filme spielten im St.Galler Aufbruch der 1980er-Jahre eine grosse Rolle. Das Programm zeigt Werke der Kinok-Gründer Felix Kälin und Hugo Budaz Keller sowie von Peter Liechti und Jörg Eigenmann. Die sechs Kurz- und Experimentalfilme geben einen Einblick in dieses weitgehend unbekannte subkulturelle Schaffen.

Punk, Performance, Avantgarde und Subkultur prägten den St.Galler Kulturaufbruch in den 1980er-Jahren. Im kreativen Schub jener Jahre spielte auch der Super-8-Film eine wichtige Rolle. Pioniere in St.Gallen waren die Filmer Peter Liechti und Jörg Eigenmann sowie der Künstler Felix Kälin und der Fotograf Hugo Budaz Keller. Das Kinok zeigt sechs Kurz- und Experimentalfilme, die einen Einblick in dieses unbekannte subkulturelle Schaffen geben. Als Premiere ist der ungeschnittene «Abbruch der Volksstimme» (1985) von Jörg Eigenmann sowie ein Trailer für das Kino K59 im Film-noir-Stil (1986) zu sehen. In «Steter Absturz» (1981) und «High Noon in Güllen» (1981) dokumentiert Hugo Budaz Keller den Protest gegen Blechlawinen und Wohnraumvernichtung. Felix Kälin verwandelt in «Rezyklon» (1985) die städtische Glasabfuhr in eine literarisch-philosophische Meditation. Ein Abend in Zusammenhang mit der Publikation Der grosse Aufbruch. Kunst – Kultur – Protest. Die 80er in St. Gallen von Ralph Hug und Corinne Schatz und eine Hommage an die Kinok-Gründer und frühen Kinok-Betreiber.

 

Enjoy Your Stay
Die Philippinerin Luz reinigt als Sans-Papiers luxuriöse Ferienchalets in Verbier. Um das Sorgerecht für ihre in Manila zurückgelassene Tochter nicht zu verlieren, muss sie dringend eine grosse Summe Geld beschaffen. Dominik Lochers Spielfilm liefert einen brisanten Einblick in die prekären Existenzen philippinischer Sans-Papiers, die in den Schweizer Alpen ausgebeutet werden.

Die Philippinerin Luz arbeitet seit Jahren ohne Papiere als Putzkraft in der Schweiz. Für die Wintersaison wird sie von Thibault, dem Manager einer Reinigungsfirma, ins Luxus-Skiresort Verbier geschickt, um dort Chalets zu reinigen. Ständig in Angst, entdeckt zu werden, erfährt sie kurz vor Silvester, dass ihr Ex-Mann auf den Philippinen via TV-Show um das Sorgerecht für ihre gemeinsame Tochter kämpft. Als Thibault ihr nicht nur Sonderschichten, sondern gegen einen Extrazuschuss auch den Job als Rekrutiererin neuer Mitarbeiterinnen anbietet, willigt sie ein … Der Filmtitel «Enjoy Your Stay» steht auf den Willkommenskärtchen, die Luz und ihre Kolleginnen den Gästen auf den Nachttisch stellen. Dominik Locher («Goliath») und seine philippinische Co-Autorin Honeylyn Joy Alipio vermitteln mit grosser Eindringlichkeit, wie Frauen aus Ländern des Globalen Südens ausgebeutet werden, damit Tourist:innen im Luxusresort das Leben geniessen können. Mia Pflüger schreibt auf Kino-Zeit: «Das Bemerkenswerte an ‹Enjoy Your Stay› ist, dass Luz nie zur reinen Leidensfigur wird. Denn Locher und Alipio verweigern einfache Opfer-Täter-Kategorien. Luz ist ehrgeizig, kalkulierend und zunehmend rücksichtslos. Ihre Entscheidungen sind nachvollziehbar, aber nicht frei von Schuld. Der Film zeigt, wie Ausbeutung sich fortpflanzt. Wer unten steht, gibt den Druck weiter.»

 

The Loneliest Man in Town
Als der Wiener Bluesmusiker und Elvis-Sammler Al Cook seine Wohnung räumen muss, in der er jahrzehntelang gelebt hat, wagt er einen radikalen Neuanfang. Tizza Covi und Rainer Frimmel setzen dem legendären Gitarristen mit feinem Humor und viel Musik ein so lakonisches wie warmherziges Denkmal, das von Lebensträumen, Einsamkeit und ungebrochenen Leidenschaften erzählt.

Der Bluesmusiker Alois Koch alias Al Cook ist der letzte Bewohner eines zum Abriss verurteilten Wiener Mietshauses. Seine Wohnung und sein Kellerstudio sind voll mit Büchern, Videokassetten und Schallplatten. Es sind Erinnerungen an sein Leben als Musiker und an seine verstorbene Frau, deren Verlust ihn noch immer schmerzt. Die skrupellose Immobilienfirma stellt ihm ein allerletztes Ultimatum, das Haus, in dem er geboren wurde, zu verlassen. Während Al Cook gezwungen ist, sich von den Schätzen seines Lebens zu trennen, denkt er darüber nach, sich noch einen grossen Traum zu erfüllen. Das Wiener Regieduo Tizza Covi und Rainer Frimmel hat eine eigene Form des semidokumentarischen Spielfilms zur Meisterschaft entwickelt, bei der sie eine reale Figur und deren Leben in inszenierten Szenen so verdichten, dass eine fiktionalisierte, aber authentische Wirklichkeit entsteht. Kamil Moll bezeichnet den Film auf Filmstarts als «Wiener Antwort auf Aki Kaurismäki» und schreibt: «Ein melancholischer, zutiefst berührender Abgesang auf ein Künstlerleben zwischen Trotz und Zärtlichkeit: Mit der Dokufiktion ‹The Loneliest Man in Town› setzen Tizza Covi und Rainer Frimmel dem legendären Wiener Blues-Urgestein Al Cook ein ebenso lakonisches wie warmherziges Denkmal.»

 

Lieblingsmenschen
Amir, ein 31-jähriger schwuler Flüchtling aus dem Iran, trifft auf Agnes, eine lebhafte 101-jährige Berlinerin. Sie beschliessen, zusammenzuziehen. Was als ungewöhnliche Wohngemeinschaft beginnt, entwickelt sich zu einer tiefen Freundschaft, die kulturelle und altersbedingte Grenzen sprengt. Katharina Thalbach und Bardo Böhlefeld begeistern in einer wahren Geschichte über die Wunder, die das Leben bereithält.

Grösser könnten die Unterschiede zwischen Agnes und Amir kaum sein. Die rüstige Berlinerin ist 101 Jahre alt, lebt – gegen den Rat ihres Arztes – noch immer allein in ihrer geräumigen Altbauwohnung und wehrt sich entschieden gegen den Gedanken, in ein Altersheim zu ziehen. Der iranische Arzt ist siebzig Jahre jünger, wegen seiner Homosexualität aus seiner Heimat geflüchtet und auf der Suche nach einer Bleibe. Als Agnes ihm kurzerhand ein Zimmer anbietet, erwächst aus der ungewöhnlichen Wohngemeinschaft nach anfänglicher Skepsis eine tiefe Freundschaft, die kulturelle und altersbedingte Grenzen überwindet. Während Amirs Gesellschaft Agnes regelrecht aufblühen lässt, entdeckt sie ungeahnte Talente als Kupplerin und steht ihrem Mitbewohner auch dann zur Seite, als ihm die Abschiebung droht. Mit feinem Humor, viel Herz und einer wunderbaren Portion Lebenslust erzählt Regisseurin Helena Hufnagel nach einer wahren Geschichte von zwei Menschen, die einander neuen Mut schenken. Getragen von der grossartigen Katharina Thalbach und dem charmanten Bardo Böhlefeld ist «Lieblingsmenschen» eine so heitere wie berührende Komödie über Zusammenhalt, Selbstbestimmung und die Kraft menschlicher Nähe. Im Abspann sind die realen Vorbilder für «das schrullig-sympathischste Paar mit Rekord-Altersunterschied seit ‹Harold and Maude›» (Filmstarts) zu entdecken.

 

La bola negra
Drei schwule Männer im Spanien des 20. und 21. Jahrhundert sind durch ihre Schicksale, ihre Sexualität, ihren Schmerz und das Erbe der Vergangenheit miteinander verbunden. Die Adaption eines unvollendeten Romans von Federico García Lorca wurde bei den Festivals von Cannes und Zürich als eine der grossen Entdeckungen dieses Jahres gefeiert.

Basierend auf dem unvollendeten, gleichnamigen Romanmanuskript von Federico García Lorca, der 1936 von Franco-Faschisten ermordet wurde, erzählt «Die schwarze Kugel», so der deutsche Titel, drei Geschichten schwuler Männer. In der ersten wird ein Sohn aus gutem Haus 1932 wegen seiner Neigungen nicht in einen Elite-Club aufgenommen, in der zweiten zwingen die Faschisten 1937 einen jungen Schwulen in die Armee und in der letzten wird ein schwuler Historiker 2017 durch ein spezielles Erbe seines faschistischen Grossvaters überrascht. Seit seiner Weltpremiere im Wettbewerb von Cannes, wo der Film den Regiepreis erhielt und vom Publikum mit 20 Minuten Standing Ovations gefeiert wurde, triumphiert «La bola negra» wie kaum je ein spanischer Film: Er erhielt den Publikumspreis in Toronto, Sydney, Telluride und San Sebastián, ist Spaniens Oscar-Kandidat 2027 und seit seinem Kinostart Ende September der erfolgreichste Film in Spanien seit Langem. Carlos Boyero schreibt in El País: «Ambrossi und Calvo bestätigen hier ihr brillantes Gespür für ein Kino, das vielfältigste Gefühle zu widerspiegeln versteht: Trauer, Verlangen, Leiden. Auch vermögen sie eine Atmosphäre zu erschaffen, in der Figuren, die es wegen ihrer Sexualität schwer hatten, so real und lebendig werden, dass man ihre Angst und Hilflosigkeit zu spüren glaubt.»

 

Kinderfilme: Die Kleine Laterne: Gefühle
Das erste Kinoerlebnis für unsere kleinsten Besucher von vier bis sechs Jahren. Ein «Film-Entdecker» führt die Kinder mit altersgerechten Filmausschnitten und Kurzfilmen durch die Welt des Kinos und vermittelt ihnen die Magie der grossen Leinwand.

«Die Kleine Laterne» ist ein Projekt des Dachvereins «Zauberlaterne», das Kinder ab vier Jahren behutsam an das Medium Film heranführt, sie auf den Kinosaal vorbereitet und ihnen eine erste Filmbildung vermittelt. Filmentdecker Nicola Graf führt unsere jungen Gäste liebevoll durch das Programm mit ausgewählten Filmausschnitten und Kurzfilmen. In der Wintersaison 2026/2027 bietet «Die Kleine Laterne» drei Vorstellungen an, zu denen die Kinder von ihren Eltern, Grosseltern oder älteren Geschwistern begleitet werden können. Jedes Programm ist in zwei Teile gegliedert. Zunächst werden die Besucher:innen mit pädagogischer Begleitung durch ein etwa halbstündiges Spiel mit Filmausschnitten geführt. Anschliessend schauen sie sich ein knapp halbstündiges Programm mit Kurzfilmen an. Zuhause können die Filmentdeckungen über die Webseite der «Kleinen Laterne» weiter vertieft werden. In dieser Veranstaltung lernen die Kinder Gefühle wie Angst, Freude und Traurigkeit kennen. Der Filmentdecker zeigt ausserdem, mit welchen Mitteln die Filme diese Emotionen hervorrufen und wie man mit ihnen umgeht.

 

Bis 24 Stunden vor Vorstellungsbeginn können Plätze auf der Webseite der «Kleinen Laterne» reserviert werden: www.kleinelaterne.org/kinos/st-gallen.

 

I Play Rocky
Der damals noch völlig unbekannte Schauspieler Sylvester Stallone schreibt 1975 das Drehbuch zu «Rocky» und kämpft gegen alle Widerstände darum, selbst die Hauptrolle zu spielen. Es wird die Rolle seines Lebens … Das Biopic beleuchtet die Entstehungsgeschichte des legendären Underdog-Films und erzählt von Mut, Beharrlichkeit und dem unerschütterlichen Glauben an sich selbst.

Mitte der 1970er-Jahre ist Sylvester Stallone ein erfolgloser Schauspieler, ohne Geld, ohne Perspektive und ohne jede Chance, in Hollywood Fuss zu fassen. Inspiriert vom legendären Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Chuck Wepner, schreibt er sich innerhalb weniger Tage mit dem Drehbuch zu «Rocky» die Rolle des Aussenseiters, der seine einzige Chance ergreift, auf den Leib. Hollywood reisst sich um die archetypisch amerikanische Aufsteigerstory. Doch Stallones Forderung, selbst die Hauptrolle zu spielen, bringt das Studio bald an den Rand des Wahnsinns … Der Ausgang ist bekannt: Gegen alle Widerstände machte Sylvester Stallone aus seiner vermeintlich kleinen Underdog-Ballade eine moderne Legende und holte den Oscar für den besten Film, den besten Hauptdarsteller und das beste Drehbuch – etwas, das in Hollywood zuvor nur Charlie Chaplin und Orson Welles gelungen war. Fünfzig Jahre nach diesem Triumph bringt Regisseur Peter Farrelly die Entstehungsgeschichte des Kultfilms auf die Leinwand. Mit dem beeindruckenden Anthony Ippolito in der Rolle des jungen Stallone richtet er den Blick auf die Beharrlichkeit eines Mannes, der selbst in scheinbar aussichtslosen Situationen an seinen Traum glaubt. So erzählt «I Play Rocky» nicht nur von Hollywoods Erfolgsmythos, sondern auch vom Kampf um Würde, Selbstbestimmung und künstlerische Integrität.

 

Kinderfilme: Die Zauberlaterne: Robot Dreams
Weil er sich einsam fühlt, bestellt Dog eines Tages einen Roboter. Die beiden werden beste Freunde. An einem schönen Sommertag beschliessen sie, an den Strand zu gehen. Doch nach dem Badevergnügen ist Robot völlig verrostet … Herzergreifender Animationsfilm von Pablo Berger.

Der Hund Dog Varon lebt in einer kleinen Wohnung in Manhattan. Er sehnt sich nach einem Freund, damit er nicht mehr allein vor dem Fernseher sitzen und Makkaroni aus der Mikrowelle essen muss. Eines Tages sieht er eine TV-Werbung für einen Roboter, der als Gefährte angeboten wird. Er bestellt ihn, baut seinen Kameraden zusammen, und von da an gehören Dogs einsame Zeiten der Vergangenheit an. Nach einem gemeinsamen Besuch am Strand beginnt jedoch eine Tragödie: Robot hat einen Defekt, Dog muss ihn zurücklassen, und als er am nächsten Tag hingeht, um ihn zu reparieren, ist der Strand geschlossen – bis zur neuen Saison im nächsten Jahr … Die berührende Tragikomödie über Freundschaft nimmt die Zuschauer:innen mit ihrer Wärme, Menschlichkeit und Originalität sofort für sich ein. Der spanische Regisseur Pablo Berger erweckt die Zeichnungen, die auf der Graphic Novel der US-Illustratorin Sara Varon beruhen, auf unwiderstehliche Weise zum Leben. Ohne Dialoge, aber voller Liebe zum Detail sprüht die hinreissende Fabel vor Witz, Charme und visuellen Ideen.

 

Die Mitgliedschaft für «Die Zauberlaterne» kann an der Kinokasse gelöst werden. Ausführliche Informationen finden Sie unter www.lanterne-magique.org/de/clubs/st-gallen/.

 

16 Tage gegen Gewalt an Frauen: Was an Empfindsamkeit bleibt
Vor 14 Jahren überlebte die Regisseurin Daniela Magnani Hüller einen Femizidversuch durch einen Mitschüler, der bereits zuvor übergriffig geworden war. Nun spricht sie mit einer damaligen Lehrerin, einer Schulfreundin, einer Kriminalbeamtin und dem zuständigen Staatsanwalt und stellt Fragen nach ihrem jeweiligen Handeln oder Unterlassen und dessen Konsequenzen.

Vor vierzehn Jahren überlebte Daniela Magnani Hüller einen Femizidversuch, verübt von einem Mitschüler, der schon zuvor übergriffig geworden war. In ihrem autobiografischen Dokumentarfilmdebüt kehrt sie zu den Ereignissen zurück und sucht das Gespräch mit Menschen aus ihrem damaligen Umfeld: einer Lehrerin, einer Mitschülerin, einer Kriminalbeamtin, einem Staatsanwalt. Was haben sie wahrgenommen? Was hätten sie erkennen können? Und wer trägt Verantwortung, wenn Warnzeichen übersehen und Grenzen nicht geschützt werden? Sachlich, konsequent und beeindruckend gefasst rekonstruiert Magnani Hüller die Vorgänge und das Versagen. Ihre Fragen richten sich nicht allein an Einzelne, sondern auch an gesellschaftliche Strukturen, die Gewalt gegen Frauen ermöglichen oder dulden. Mit grosser Klarheit und einer poetischen Bildsprache nähert sie sich dem Erlebten. Dabei verweigert sie sich der Reduktion auf die Rolle des Opfers: Sie macht ihre eigene Stimme hörbar und erobert sich eine selbstbestimmte Perspektive auf Vergangenheit und Zukunft. «Was an Empfindsamkeit bleibt» erzählt von Verletzlichkeit und Widerstand, von der Macht des Hinsehens und den Folgen des Schweigens. Und von der Möglichkeit, weiterzuleben, ohne die Wut über das Geschehene zu verlieren – oder die Empfindsamkeit.

 

Congo Boy
Der 17-jährige Robert träumt in Bangui von einer Musikkarriere, während seine Eltern im Gefängnis sitzen. Er jongliert zwischen Sorgearbeit für seine jüngeren Geschwister, Gelegenheitsjobs und Abiturvorbereitung, als er von einem Musikwettbewerb hört. Der Sieg wird zu seiner einzigen Hoffnung … Der preisgekrönte, elektrisierende Film wurde in Cannes als Sensation gefeiert.

Der 17-jährige Robert ist mit seiner Familie aus dem Kongo nach Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, geflüchtet. Weil seine Eltern im Gefängnis sind, muss er sich im von Armut und Bürgerkrieg geprägten Land um seine vier jüngeren Geschwister kümmern. Zwischen Schule und Gelegenheitsjobs versucht er, seiner grossen Leidenschaft, der Rap-Musik, nachzugehen. Eines Tages erfährt er von einem Wettbewerb, der ihm die Chance auf eine hoffnungsvollere Zukunft eröffnen könnte … Der Kongolese Rafiki Fariala hat mit seinem in Cannes als Sensation gefeierten Werk seine eigene Geschichte verfilmt. Unterstützt von beeindruckenden Laiendarsteller:innen und angetrieben von mitreissender Musik, die er selbst komponiert hat, hat Fariala in jenem Viertel in Bangui gedreht, in dem er aufgewachsen ist. Auf der Piazza Grande von Locarno gab es vom begeisterten Publikum Standing Ovations und am Filmfestival Cannes erhielt Hauptdarsteller Bradley Fiomona Dembeasset den Darstellerpreis der Sektion «Un Certain Regard». Natalie Wenger schreibt im Amnesty Magazin: «Musik bildet das Herzstück dieses berührenden Films. (…) Dank eingängiger Beats, detaillierter Einblicke in das Leben in Bangui und einem charismatischen Hauptdarsteller gelingt es dem Film, an unsere Menschlichkeit zu appellieren und Vorurteile gegenüber Geflüchteten zu entkräften.»