FENSTER ZUR FILMWELT: VIELFALT, KUNST UND BEGEGNUNGEN IM KINOK.

Das Kinok in St.Gallen ist das grösste Programmkino der Ostschweiz. Mit jährlich über 280 Filmen und 1000 Aufführungen fördert es Filmkunst, Vielfalt und Austausch. Neuheiten und Klassiker, Filmpremieren, Stummfilme mit Live-Musik und Retrospektiven machen das Kinok zu einem Ort lebendiger Filmkultur – ein Kino für besonderes Filmvergnügen.

Öffnungszeiten

Die Kasse ist 45 Minuten vor der ersten Vorstellung und während den Vorführungen besetzt.

Tickets und Reservation

071 245 80 72
Online reservieren

Normal: CHF 17.-
Mitglieder: CHF 12.-
Montagskino: CHF 12.-
Schüler:innen, Lernende, Studierende bis 26 Jahre: CHF 13.-
Kinder bis 12 Jahre: CHF 10.-
IV-Bezüger:innen: CHF 12.-
KulturLegi-Inhaber:innen: CHF 7.-
Mittwochnachmittagskino: CHF 12.- für AHV-Bezüger:innen
Freier Eintritt für Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene (Ausweis N/F/S)
Programm
Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit
Die preisgekrönte Basler Architektin ist eine beeindruckende Visionärin. Sie steht für Umweltschutz, Gemeinschaft und zukunftsweisendes Bauen, rettet Gebäude vor dem Abriss und verwandelt Industrieareale in nachhaltige Lebensräume. Als in einer Männerdomäne erfolgreiche Frau ist sie ein Vorbild für die junge Generation, die für eine gerechtere Welt kämpft.

Die Basler Architektin Barbara Buser ist eine international gefragte Expertin für Kreislaufbauwirtschaft und Stadtentwicklung. Nach dem Studium an der ETH Zürich arbeitete sie zehn Jahre lang im Sudan und in Tansania für das Hilfswerk HEKS und das heutige DEZA. Zurück in Basel wurde sie die erste Fährfrau auf dem Rhein und rettete als erstes Projekt ihr Elternhaus vor dem Abriss. Mit ihrem «baubüro in situ», das sie seit 1998 zusammen mit Eric Honegger führt, gestaltet sie ehemalige Industrieareale, öffentliche Räume, Häuser und Plätze – u.a. in Winterthur, Basel und Zürich – zu lebendigen und zukunftsweisenden Begegnungsorten um. Sie gründete weitere Trägerschaften, die alle nach den Prinzipien Kreislaufwirtschaft statt Verschwendung und «Caring Economy» statt Profitorientierung arbeiten, «denn Mehrwert entsteht nicht durch Neubauen, sondern durch Investitionen in den sozialen und ökologischen Raum». Bedeutende Auszeichnungen wie der Prix Meret Oppenheim 2020 und mehrere Preise für das visionäre Gebäude K.118 auf dem Sulzer-Areal in Winterthur bestätigen ihren Erfolg. Die Dokumentation von Gabriela Schärer über die engagierte und umtriebige Architektin inspiriert und regt zum Nachdenken an – und das mit viel Schwung, Humor und Leichtigkeit.

 

Calle Málaga
Die quirlige Seniorin María Ángeles lebt im marokkanischen Tanger. Als ihre Tochter Clara aus Madrid anreist, um kaltherzig die Wohnung zu verkaufen, gerät Marías Leben aus dem Lot. Entschlossen setzt sie sich gegen die Abschiebung ins Altersheim zur Wehr. Die Almodóvar-Schauspielerin Carmen Maura begeistert als María, die nochmals Lebenslust und Liebe entdeckt.

María Ángeles, eine lebensfrohe, ältere Spanierin, lebt in der Málagastrasse in der Altstadt von Tanger. Ihre Eltern waren einst, wie viele ihrer Landsleute, vor Francos Regime nach Marokko geflohen. María Ángeles ist hier verwurzelt, man kennt sich, wirft sich an jeder Ecke ein Lächeln zu – ein Idyll. Eines Tages kommt ihre Tochter Clara aus Madrid zu Besuch. Sie hat schlechte Nachrichten und kommt gleich auf den Punkt: Sie steckt in einer schweren finanziellen Krise und weiss nicht, wie sie sich und ihre zwei Kinder durchbringen soll. Sie sieht nur eine Lösung: die Wohnung in Tanger zu verkaufen, die der Vater ihr überschrieben hat. Ihre Mutter soll mit zu ihr nach Madrid kommen oder in Tanger in eine Altersresidenz ziehen. Doch María Ángeles denkt nicht daran … Der dritte Spielfilm der Marokkanerin Maryam Touzani («Le Bleu du caftan») zeigt Almodóvar-Liebling Carmen Maura, die vor wenigen Monaten 80 Jahre alt wurde, in Höchstform. Als rebellische Seniorin, die das Leben voll auskostet, begeisterte sie Publikum und Kritik am Filmfestival von Venedig. David Rooney schreibt in The Hollywood Reporter: «‹Calle Málaga› gehört ganz einer leuchtenden Carmen Maura, die hier mit erdverbundener Natürlichkeit, überwältigendem Humor und hartnäckigem Geist eine direkte Verbindung zu ihren almodóvarschen Glanzzeiten erreicht.»

 

Kurzfilmnacht St.Gallen 2026: Made in St.Gallen
Als besonderen Einstieg in die Kurzfilmnacht 2026 präsentieren die Organisator:innen ein Programm mit Kurzfilmen aus dem Kanton St.Gallen in Anwesenheit der Regisseurinnen Luisa Zürcher und Florine Nüesch. Spannende Entdeckungen sind programmiert!

Ich bin nicht sicher

CH 2025, 10 Min., DCP, Dialekt

Regie: Luisa Zürcher

Ein Einblick in einen Spitalaufenthalt der Filmemacherin, wo sie zwischen Schmerzen, Heimweh und Ekel immer wieder absurde, witzige Momente erlebt, während sie sich mit den spitaleigenen Abläufen und Hierarchien zurechtzufinden versucht. Ein emotionaler Trip durch die langen unterirdischen Gänge des Krankenhauses mit viel Smalltalk und Schläuchen.

 

Marriage Unplugged

CH/UK 2024, 24 Min., DCP, E

Regie: Kim Nüesch, Florine Nüesch

Suzanna und Andrew leben in einer unglücklichen Beziehung. Suzannas Lösung: ein Sexroboter. Der neue Mitbewohner heisst James und kann mehr, als nur ihre Fantasien bedienen. Unverhofft legt er Suzannas wahre Beziehungsprobleme offen.

 

Kurzfilmnacht St.Gallen 2026: Swiss Shorts
Ob Animation, Dokumentarfilm oder Spielfilm – jedes Jahr feiern Schweizer Kurzfilme grosse Erfolge im In- und Ausland. Das Programm 2026 vereint eine Auswahl herausragender Werke des letzten Jahres. Die Filme zeigen sich von der wilden Seite und lassen die Schweiz der Postkartenidyllen weit hinter sich.

Always Wanted to Be God, Never Wanted to Do Good

CH 2025, 21 Min., DCP, F

Regie: Marvin Merkel, Noa Epars

Auf den Gipfeln der Schweizer Berge stehen grosse Kreuze, in den Städten nehmen Plakatwände mit Bibelversen öffentlichen Raum ein. Mit der Präsenz dieser religiösen Symbole haben sich die Filmemacher:innen nie wohlgefühlt. Im Jahr 2009 sägte der Bergführer Patrick Bussard in den Freiburger Alpen ein Kreuz ab – und wurde von den Gerichten streng dafür bestraft. 

 

Loud Love

CH 2025, 8 Min., DCP, Dialekt

Regie: Lea Bloch

Nach einem Familienessen geraten Noemie und Elias in eine explosive Dynamik. Sie streiten, driften auseinander und nähern sich wieder an. In welcher Beziehung stehen die beiden zueinander? 

 

Qui part à la chasse

CH 2024, 11 Min., DCP, F

Regie: Lea Favre

Lea macht sich auf die Suche nach einem Thema für ihren Dokumentarfilm. Mit der Kamera im Anschlag geht sie auf die Jagd und begegnet schliesslich jemandem, der anders ist als der Rest. Lea glaubt, endlich ihre Beute gefunden zu haben. Doch kurz darauf verändert sich die Situation. Nun ist sie diejenige, die gejagt wird.

 

TV oder Die Ruhestörung an der Waldbergstrasse

CH 2025, 14 Min., DCP, Dialekt

Regie: Frederic Siegel

Der sechsjährige Diego überzieht seine Bildschirmzeit und kriegt dabei viereckige Augen. Unbewusst löst er damit eine Reihe rätselhafter Phänomene aus, die im ganzen Wohnblock durch diverse Bildschirme in unsere Realität dringen. Als die beiden Polizeileute Kim und Mike wegen einer Lärmklage eintreffen, geraten sie in ein Durcheinander vermischter Welten und müssen sich der fleischgewordenen Fiktion stellen. 

 

Astra La Vista

CH 2025, 10 Min., DCP, D

Regie: Johannes Bachmann

Ein junger Mann gibt alles dafür, den alten Opel Astra seiner Oma durch die Motorfahrzeugkontrolle zu bringen. Doch was als nostalgische Aufbereitung beginnt, endet in einer Abschiedsfahrt zum Autofriedhof, begleitet von einem unerwartet mitfühlenden Prüfbeamten. 

 

Kurzfilmnacht St.Gallen 2026: Obsessed or Possessed
Wo fängt eine Leidenschaft an und wann kippt sie ins Obsessive? Manchmal wird die Passion zur Identität. Was oberflächlich harmlos wirkt, kann dunkle Abgründe haben. Die Besessenheit kann sich wie ein Bandwurm im Innersten einnisten, sich festkrallen und zum permanenten Wegbegleiter werden. Eine rituelle Austreibung scheint dann der einzige Ausweg zu sein …

Christmas, Every Day

US 2023, 14 Min., DCP, E

Regie: Faye Tsakas 

Die Influencerinnen Peyton (11) und Lyla (12) unterhalten ihre Online-Fans unter den strengen Augen ihrer Mutter. Ihr Alltag ist geprägt vom Drang, sich in einer Parallelrealität zu behaupten. Sie oszillieren zwischen einem abgeschotteten ländlichen Luxusleben und dem virtuellen Raum, der voller Fremder ist. Wo hört die Selbstvermarktung auf und wo beginnt die eigentliche Persönlichkeit? 

 

Bandwurm Alexis & die Operndiva

CH 2025, 11 Min., DCP, E

Regie: Thaïs Odermatt

Bandwurm Alexis verhilft der Diva zur Weltkarriere! Eine Erfolgsgeschichte, die im grössten Opernskandal aller Zeiten endet: Die Stimme der Diva versagt und das Dreamteam muss auf die Yacht des reichsten Mannes flüchten. Doch hier wendet sich die Geschichte. Das Leben der beiden wird zur Achterbahnfahrt, bis ihr Herzschlag verstummt. Doch aufgepasst, ein Bandwurm stirbt nie! 

 

Mamita Lidia

CL 2025, 19 Min., DCP, Sp

Regie: Joaquín Nercasseau, Juan Bautista Tagle

«Mamita Lidia» ist ein eindringliches und verstörendes Porträt von Lidia Fuentes, einer chilenischen Heilerin mit der göttlichen Gabe, Flüche zu brechen. Zwischen Exorzismen, Ausgrabungen und Momenten des Alltags offenbart sich ein Universum, in dem ein komplexes und faszinierendes Gleichgewicht zwischen Magie und Alltäglichem herrscht. 

 

Ghost Dogs

US 2020, 11 Min., DCP, ohne Dialog

Regie: Joe Cappas

Ein süsser Welpe mit roter Schleife wartet auf seinen neuen Besitzer. Dieser scheint verrückt nach Hunden zu sein. Während der Roomba seiner Arbeit nachgeht, streifen plötzlich die Geister anderer Hunde durch das Haus.

 

Kurzfilmnacht St.Gallen 2026: Tales of Love & Other Trouble
Liebe ist kompliziert. Oder seltsam. Oder beides. Die Filme erzählen von Intimität und Distanz, von Begehren, Körpern und kleinen Katastrophen – mal zart, mal grotesk, immer mit einem Augenzwinkern. Mit Humor, Schärfe und überraschender Zärtlichkeit loten sie die Grenzen zwischen Liebe und Wahnsinn, Nähe und Fremdheit aus und sind ein wilder Ritt durch Gefühlslandschaften.

Hi Stranger

US 2016, 3 Min., DCP, E

Regie: Kristen Lepore

Hallo, Fremder … Es ist eine Weile her. Ich habe dich vermisst… Ein kurzer Moment der radikalen Nähe, ein Zwiegespräch über Verletzlichkeit und Selbstakzeptanz. Zwischen Unbehagen und Zärtlichkeit verschwimmen die Grenzen zwischen Ich und Du.

 

Symbiosis

FR 2019, 13 Min., DCP, ohne Dialog

Regie: Nadja Andrasev

Nach dem Fund eines fremden Haares taucht eine Frau in die Welt der Geliebten ihres Partners ein. Aus Neugier wird Obsession, aus Distanz ein Spiegel der eigenen Sehnsüchte. In stilvollen, traumartigen Bildern erforscht der Film Eifersucht, Begehren und die fragile Symbiose zwischen Liebe und Selbstbild.

 

I Like Girls

CA 2016, 8 Min., DCP, E/F

Regie: Diane Obomsawin

Vier Frauen erzählen von ihren ersten Liebschaften und teilen lustige und intime Geschichten von unerwiderter Verliebtheit, gegenseitiger Anziehung, erotischen Momenten und unbeholfenen Versuchen, Sex zu haben. Als sie herausfinden, dass sie sich zu anderen Frauen hingezogen fühlen, entdecken sie ihre eigene Identität neu und entwickeln ein positives Selbstbild.

 

Little Miss Fate

CH 2020, 8 Min., DCP, ohne Dialog

Regie: Joder von Rotz

Gibt es so etwas wie Vorherbestimmung? Wenn ja, kann man sie vielleicht verändern? Dieser rasante Film zeigt, welch chaotisch-erotische und unverhoffte Konsequenzen es haben kann, wenn das Schicksal in unkundige Hände gerät.

 

Carrotica

DE 2024, 13 Min., DCP, E

Regie: Daniel Sterlin-Altman

In einer Welt aus Gemüse und Fantasie verschmelzen Begierde und Identität zu einer knallbunten Farce. «Carrotica» spielt mit Geschlechterrollen, Konsumlust und Körperlichkeit – absurd, witzig und wunderbar bizarr. Eine sinnliche Karikatur über das, was wir wollen und was uns verschlingt.

 

Kurzfilmnacht St.Gallen 2026: Glanz und Glitzer!
Glitzer, Funkeln und schimmernder Hochglanz machen zweifelsohne gute Laune! Sie sind auch Ausdruck von Widerstand gegen Unterdrückung, Symbol der ewigen Jugend oder Warnsignal in einer dunstigen Nacht. Wer sich schon einmal mit Glitzer geschminkt hat, weiss um dessen transformierende und empowernde Wirkung. Aber: Nicht alles, was funkelt, macht Sinn.

I Hate Helen

UK 2025, 7 Min., DCP, E

Regie: Martha McGuirk 

Emma hasst Helen: Ihr Arsch wackelt beim Gehen, sie schaut den Jungs mit ihren Sex-Augen nach und spuckt beim Sprechen. Emma lässt sich nichts von niemandem gefallen. Vor allem aber wird sie nicht auf die anderen Gefühle eingehen, die Helen sonst noch in ihr auslöst. 

 

Hotel Kalura

UK 2021, 5 Min., DCP, E

Regie: Sophie Koko Gate

Im romantischen Sizilien geht eine Frau in eine Hotelbar und wartet darauf, Feuer zu fangen. 

 

Tank Fairy

TW/US 2021, 10 Min., DCP, Chin.

Regie: Erich Rettstadt

In Taiwan versorgen die «song wa si de»-Strassenverkäufer alte Wohnhäuser mit Gasflaschen. Die magische Tank Fairy liefert ihre Ware wie niemand sonst – mit Stöckelschuhen und Glitzer. Ihre Ankunft stellt das Leben des einsamen Jojo auf den Kopf, der von Tanz und Drag-Performance träumt. Von den Klassenkameraden ausgegrenzt und von seiner strengen, alleinerziehenden Mutter missverstanden, wird Jojo von seiner wilden Propangas-Fee dazu inspiriert, sein Leben in vollen Zügen zu geniessen. 

 

Melodie
Von Flüchtlingsfamilien über verschiedene Chöre bis hin zu Frauenklöstern und griechischen Klagegesängen: Anka Schmid geht auf ihrer Entdeckungsreise durch verschiedene Kulturen der faszinierenden Kraft des Singens nach und zeigt auf, wie Lieder heilen und verbinden können. Entstanden ist ein elektrisierendes Manifest der Lebensfreude.

Das universellste und älteste Musikinstrument ist die menschliche Stimme. Bereits im Mutterleib ist das Ungeborene mit ihr vertraut. Diese Erkenntnis schildert die Musiktherapeutin und Ärztin Friederike Haslbeck, Spezialistin für Neonatologie am Universitätsspital Zürich, in einer der ersten Szenen von «Melodie», wenn sie einem Frühgeborenen mit einem Monochord und ihrer Stimme Klänge vermittelt, die es bereits vor seiner Geburt gehört hat. Und wenn in der Eingangssequenz des Films Frauen unterschiedlichster Kulturen Schlaflieder intonieren, manifestiert sich bereits in diesem Moment die weltumspannende Stärke des Singens. Regisseurin Anka Schmid begegnet auf ihrer Entdeckungsreise den unterschiedlichsten Menschen, für die Gesang eine Leidenschaft ist, die sie mit grösster Begeisterung ausüben. Von einem kurdischen Paar, das alte Volkslieder singt, über eine alte Griechin, die noch die Kunst des Klagegesangs beherrscht, eine Tessiner Rapperin, traditionelle Männerchöre, Klostergesänge bis hin zu einer Appenzellerin, die den Alpsegen erklingen lässt, versammelt der herzerwärmende Film eine unglaubliche Vielfalt an Stimmen, die hör- und bildgewaltig vom Singen als Lebenselixier und Kraftspender erzählen.

 

Arco
Arco, ein Junge aus der Zukunft, wächst in einer Welt auf, in der Zeitreisen möglich sind. Bei seinem ersten heimlichen Flug stürzt er in die Vergangenheit – ins Jahr 2075, wo er auf Iris trifft. Sie will ihm bei der Rückkehr helfen, doch dies ist nicht so einfach … Das poetische Animations-Sci-Fi-Abenteuer wurde an Festivals gefeiert und mehrfach ausgezeichnet.

Die zehnjährige Iris lebt im Jahr 2075 in einer von Umweltkatastrophen erschütterten Welt. Da ihre Eltern viel unterwegs sind, kümmert sich der fürsorgliche Haushaltsroboter Mikki um sie und ihren kleinen Bruder. Eines Tages beobachtet Iris, wie ein regenbogenfarbener Streifen am Himmel zu Boden stürzt. Sie trifft auf Arco, einen Jungen aus einer fernen Zukunft, in der Menschen fliegen können und Zeitreisen möglich sind. Der Zehnjährige hat seinen ersten Zeitreiseflug unerlaubt angetreten und möchte schnell wieder nach Hause. Iris versucht, ihm mit Einfallsreichtum dabei zu helfen, doch die beiden haben unerwartete Herausforderungen zu meistern … Das Langfilmdebüt des französischen Comic-Künstlers und Regisseurs Ugo Bienvenu gewann den Hauptpreis am renommierten Animationsfilmfestival Annecy und war auch für einen Oscar nominiert. Mit seinen handgezeichneten, farbenfrohen Bildern, seiner ökologischen Botschaft und seinen zwei jungen Held:innen erinnert «Arco» an Filme des Studio Ghibli. Ugo Bienvenu gelingt aber ein eigenständiges Werk zwischen Retro-Futurismus und zarter Poesie. Ulf Lepelmeier schwärmt auf Filmstarts: «Die einfühlsame Zeitreisegeschichte über Entdeckungsdrang und Freundschaft begeistert Kinder wie Erwachsene gleichermassen und vermittelt auf warmherzige Weise gelebtes Umweltbewusstsein und familiären Zusammenhalt.»

 

Le Chant des forêts
Vincent Munier («Der Schneeleopard») führt in die Wälder der Vogesen, wo er von seinem Vater das Beobachten und Deuten der Tierwelt erlernte. Nun geben Grossvater und Vater ihr Wissen an Vincents Sohn Simon weiter. Unter Tannen versteckt, erkunden drei Generationen die Natur, warten geduldig auf seltene Tiere und lauschen den Klängen der alten Wälder.

Nach «La Panthère des neiges» nimmt uns der Wildtierfotograf und Dokumentarfilmregisseur Vincent Munier erneut mit auf eine atemberaubende Reise in die Natur. In den alten, moosbedeckten Wäldern der Vogesen hat er einst von seinem Vater Michel gelernt, die Spuren der Tiere zu lesen und zu erkunden, wo sie fressen, jagen, ihre Nester bauen und schlafen. Nun ist es an der Zeit, dieses Wissen an Simon, Vincents 14-jährigen Sohn, weiterzugeben. Gemeinsam streifen Grossvater, Vater und Sohn bei Tag und bei Nacht durchs Dickicht, verstecken sich im Unterholz und harren stundenlang aus, um Füchse, Rehe, Hirsche oder Luchse zu erspähen. Ihr ehrgeiziges Ziel ist es, einen Auerhahn aufzuspüren, der angeblich nicht mehr in den Vogesen heimisch ist. Die Natur, in die uns Regisseur Vincent Munier in seinem neuen Film führt, ist nicht weniger spektakulär als das tibetische Hochland in «La Panthère des neiges». In ruhigem Erzählrhythmus zaubert er die vielfältigen Stimmungen der riesigen Wälder des Mittelgebirges zu unterschiedlichen Jahreszeiten auf die Leinwand. An seinem neuen Film hat Munier über einen Zeitraum von zehn Jahren gearbeitet. Das Ergebnis ist eine ebenso begeisternde wie berührende Ode an die fragile Schönheit der Natur.

 

Architektur im Film: Er flog voraus – Karl Schwanzer | Architektenpoem
Semidokumentarisches Porträt des Architekturrevoluzzers Karl Schwanzer, für den Architektur «materialisierte Poesie» war, ein Instrument, Menschen glücklich zu machen. Nicholas Ofczarek spielt den Architekten als schillernde Persönlichkeit. Neben berührenden Spielszenen präsentiert der Film eine Fülle von teils unveröffentlichtem Archivmaterial und die Erinnerungen vieler Weggefährt:innen.

Der österreichische Architekt Karl Schwanzer (1918–1975) war schon zu Lebzeiten eine Legende; das von ihm entworfene BMW-Ensemble in München gilt als Architekturikone. Als Professor an der Technischen Hochschule in Wien prägte er mit seinem unkonventionellen Zugang zur Lehre eine ganze Generation von Architekten. Max Grubers kurzweilig-verspieltes Dokumentarfilmporträt, in dem der Wiener Burgschauspieler Nicholas Ofczarek in die Rolle des Architekten schlüpft, zeigt Karl Schwanzer als wegweisenden Pionier und Visionär seiner Generation, der Architektur als «materialisierte Poesie» und als Instrument verstand, die Menschen glücklich zu machen. Ergänzt wird das facettenreiche Porträt mit aktuellem und historischem Bildmaterial und bisher unveröffentlichten Super-8-Filmen aus seinem privaten Archiv. «Er flog voraus» ist ein dichter, vielstimmiger Architekturfilm – und weit mehr als das: ein Film über künstlerisches Schaffen, kreative Leidenschaft und bedingungslose Hingabe an ein Werk. Wojciech Czaja schreibt in Der Standard: «Max Gruber (…) ist es gelungen, Schwanzer in einer grossen Vielschichtigkeit zu porträtieren – als Architekten, Manager, Lehrer, als leidenschaftlichen Visionär und unermüdlichen Workaholic, als einen, der es versteht, das Künstlerische und Programmatische mit dem Unternehmerischen und Pragmatischen zu verbinden.»

 

Tatti, paese di sognatori
Das italienische Dörfchen Tatti erfährt eine Wiederbelebung, als Regisseur Ruedi Gerber sich dort niederlässt und Freundschaft mit den Brüdern Verniani schliesst. Gemeinsam beginnen sie seltene Rebsorten anzubauen sowie Gebäude zu restaurieren und schaffen so ein neues Lebensgefühl. Ein berührender Film über ländlichen Strukturwandel, persönliche Veränderung und die Kraft der Gemeinschaft.

Tatti, ein idyllisches Dorf in den Hügeln der toskanischen Maremma, hatte einst 1100 Einwohner:innen, zahlreiche Läden und Bars, sogar ein Theater und ein Kino, wie ein alter Bewohner erzählt. Heute leben dort noch 250 Menschen, es gibt zwei Restaurants und einen Laden. Das klingt nach wenig, doch Jahrzehnte zuvor schien Tatti beinahe am Ende: Die überwiegend alten Bewohner:innen hatten keine Kraft mehr, ihre zerfallende Welt zu erhalten. Doch dann begannen junge Aussteiger:innen aus der Stadt und Ausländer:innen, sich hier anzusiedeln. Einer von ihnen ist Regisseur Ruedi Gerber. Er kaufte vor einigen Jahrzehnten den Sequerciani-Hof, ein grosses, baufälliges Gehöft, das er renovierte. Das dazugehörige Land liess er anfänglich verwildern, doch bald fand er dies den Einheimischen gegenüber unangemessen. Zusammen mit seinen Nachbarn, den Zwillingen Marco und Massimo Verniani, die hier schon immer Landwirtschaft betrieben, fing er an, seltene Rebsorten anzubauen. Allmählich blühte Tatti wieder auf. «Dass unser Dorf noch am Leben ist, haben wir den Jungen zu verdanken, die hierhergekommen sind», bringt es eine alteingesessene Frau auf den Punkt in einem Film, der in Schönheit schwelgt und dabei nicht nur einfaches Landleben, sondern auch Zukunftsperspektiven feiert.

 

Kinderfilm: Am Wasser entlang
Ozeane überqueren, Flüsse entlangreisen oder vom Himmel herabfallen – selbst ein winziger Wassertropfen kann Grosses erleben! Und unterwegs begegnet er allerlei überraschenden Figuren … Von Strandurlauber:innen, über ein Mädchen im Boot bis zu seltsamen Kreaturen – Wasser ist überall! Das Programm vereint fünf Kurzfilme für unsere jüngsten Besucher:innen.

Das Programm mit fünf Animationsfilmen erkundet das Wasser in all seinen Formen. In «Jules und Juliette» von Chantal Peten verbringen das Mädchen Juliette und ihr Hund Jules einen Sommertag am Strand. Sie vergnügen sich mit Spielen am und im Wasser, bei denen sich Jules oft tollpatschig anstellt. Diek Grobler erzählt in «Bitte kleiner Frosch» von einem durstigen Frosch, der an einem heissen Tag das gesamte Wasser trinkt, sodass für die anderen Tiere der Savanne kein Tropfen mehr übrig bleibt. Mit verschiedenen Tricks versuchen diese, etwas vom erfrischenden Nass zurückzubekommen. Ein ungewöhnlicher Protagonist steht im Mittelpunkt des bezaubernden Films «Eine stürmische Nacht» von Gil Alkabetz. Als ein Gewitter tobt, schleicht sich ein kleines Kaminfeuer aus dem Schornstein heraus. Der stimmungsvolle Film wurde mit dem Prädikat «besonders wertvoll» bewertet. «Lulina und der Mond» ist ein brasilianischer Kurzfilm von Alois de Leo und Marcus Vinícius Vasconcelos. Um ihre Angst vor der Ankunft ihres ersten Geschwisterchens zu überwinden, begibt sich die fünfjährige Lulina mit einem Boot auf eine fantastische Reise. Und in «Bloup Bloup» erzählt Elizaveta Manokhina mit schelmischem Humor von zwei konkurrierenden Fischen in einem Aquarium.

 

Vie privée
Die in Paris lebende amerikanische Psychiaterin Lilian verliert nach dem Suizid einer langjährigen Patientin den Boden unter den Füssen. Durch Selbsthypnose taucht sie in die Welt der Verstorbenen ein und entdeckt eine verstörende Verbindung, die eng mit ihrem eigenen Leben verknüpft ist. Doppelbödige Krimikomödie mit Jodie Foster, Daniel Auteuil und Virginie Efira.

Die amerikanische Psychotherapeutin Lilian Steiner lebt schon seit Jahren in Paris, wo sie eine eigene Praxis betreibt. Als sich ihre langjährige Patientin Paula das Leben nimmt, wirft sie das völlig aus der Bahn. Der Ehemann der Verstorbenen macht sie für den Tod seiner Frau verantwortlich. Lilian zweifelt erst an sich – und dann am vermeintlichen Selbstmord. Zusammen mit ihrem französischen Ex-Mann, dem noch immer viel an ihr liegt, nimmt sie eigenmächtig Ermittlungen auf, in deren Verlauf sie ihre eigenen seelischen Abgründe und die Grenzen zwischen professioneller Distanz und persönlicher Verwicklung hinterfragen muss. Mit einer umwerfenden Jodie Foster in ihrer ersten französischen Hauptrolle als emotional gehemmte Psychologin entpuppt sich «Vie privée» als temporeiche Screwball-Comedy voller überraschender Wendungen und pointierter Dialoge, die mit Fantasie und Leichtigkeit zwischen Humor, Spannung und Romantik navigiert. Dobrila Kontić schreibt auf Kino-Zeit: «Mit viel komödiantischem Feinsinn für das Augenfällige, aber nicht Ausgesprochene führt uns Regisseurin Rebecca Zlotowski durch diese Erzählung über die Angst vor schmerzhafter Selbsteinsicht und deren Folgen. Trotz ihrer Distanziertheit zieht ihre makelbehaftete Protagonistin viel Sympathie auf sich, dem intelligenten Skript und Fosters grandioser Darbietung sei Dank.»

 

Coexistence, My Ass!
Die israelische Stand-up-Comedienne Noam Shuster-Eliassi kämpft mit ungewöhnlichen Mitteln für eine palästinensisch-israelische Koexistenz. Nach Jahren bei der UNO wechselt die Aktivistin auf die Bühne. Während die Gewalt in der Region eskaliert, wird scharfer Humor ihre Waffe. Der mitreissende Dokumentarfilm begleitet die Künstlerin, die neue Perspektiven zu eröffnen versucht.

Über fünf Jahre hinweg begleitet die libanesisch-kanadische Regisseurin Amber Fares in ihrer Dokumentation «Coexistence, My Ass!» die israelische Aktivistin und Stand-up-Comedienne Noam Shuster-Eliassi bei der Entstehung ihrer gleichnamigen One-Woman-Show. Aufgewachsen in einem einzigartigen israelisch-palästinensischen «Friedensdorf», galt Noam lange als Vorzeigekind einer Generation, die an Koexistenz glaubte. Doch angesichts von politischem Rechtsruck, wachsender Gewalt und der Eskalation nach dem 7. Oktober verliert sie zunehmend den Glauben an den klassischen Friedensaktivismus. Sie wendet sich der Stand-up-Comedy zu und erregt schnell Aufmerksamkeit im gesamten Nahen Osten. Zwischen Bühnenauftritten, privaten Momenten und politischen Interventionen zeichnet der Film das Porträt einer Frau, die in der Satire ein neues Mittel zum Widerstand entdeckt. Mit scharfem Witz und grosser Verletzlichkeit konfrontiert Noam ihr Publikum mit unbequemen Fragen zu Macht, Verantwortung und Gleichberechtigung – und mit der Erkenntnis, dass es ohne letztere keinen Frieden geben kann. «Coexistence, My Ass!» ist zugleich intimes Porträt, politischer Essay und Chronik einer Region im Ausnahmezustand. Ein kluger, bewegender Film, der Humor nicht als Flucht nutzt, sondern als Überlebensstrategie – und als Einladung, trotz Wut und Trauer weiter hinzusehen.

 

Ungarische Melancholie – Die Filme des Béla Tarr: The Man from London
Der Bahnangestellte Maloin wird zufällig Zeuge eines Mordes und findet im Koffer des Toten eine grosse Geldsumme, die er an sich nimmt. Schon bald heftet sich ein englischer Polizist an seine Fersen … Béla Tarr verwandelt die Geschichte, die auf einem Roman von Georges Simenon beruht, in eine ebenso faszinierende wie detaillierte Studie über Aussenseitertum und Isolation.

Maloin arbeitet als Rangiermeister in einem französischen Hafenbahnhof. Mit Frau und Tochter lebt er eine einsame Existenz ohne Perspektiven. Eines Nachts wird er Zeuge eines Mordes und gelangt in den Besitz einer Aktentasche voller britischer Pfundnoten. Doch die mit dem neuen Reichtum verbundene Hoffnung auf ein besseres Leben zerstreut sich schnell. Maloin sieht sich mit existenziellen Fragen nach Moral, Schuld und Mittäterschaft konfrontiert – und bald ist ihm auch ein Polizeiinspektor wegen des verschwundenen Geldes auf der Spur. In «The Man from London» verwandelt Béla Tarr die Geschichte, die auf einem Roman von Georges Simenon beruht, in eine ebenso faszinierende wie detaillierte Studie über Aussenseitertum und Isolation. Formal erzeugt der Schwarz-Weiss-Film magische Momente durch Stilelemente des Film noir, hypnotische Kamerabewegungen und die Musik von Mihály Víg. Rudolf Worschech konstatiert in epd Film, dass es trotz eigener Handschrift nur wenigen Regisseur:innen gelingt, ein eigenes Universum zu kreieren: «Andrei Tarkowski mit seinen immer wiederkehrenden visuellen Motiven gelang das, David Lynch – und natürlich Béla Tarr. Schon die viertelstündige Eröffnungssequenz ist atemberaubend. (…) Der visuellen Faszination und dem ganz eigenen Kosmos von ‹The Man from London› kann man sich deshalb nur schwer entziehen.»

 

Siri Hustvedt – Dance Around the Self
Ein einfühlsames und bewegendes Porträt der grossen Autorin und Intellektuellen, die zu den prägendsten zeitgenössischen Stimmen der Weltliteratur zählt. Der Film begleitet sie von ihrem Debüt bis zu ihrem neuesten Werk «Ghost Stories», das sie kurz nach dem Tod ihres Mannes Paul Auster begann. Ein Film über feministische Perspektiven, Siri Hustvedts grosse Liebe und die Kraft des Denkens.

Sie ist eine der grossen zeitgenössischen Schriftstellerinnen und feministischen Intellektuellen: Siri Hustvedt. 1955 im ländlichen Minnesota in einem liberalen Elternhaus geboren, zog sie 1978 nach New York, «um den Helden meines ersten Romans zu suchen. Ich fand nicht die Person. Aber so ist das Leben nun einmal. Ich wusste damals nicht, dass ich meine Heldin mit in die Stadt gebracht hatte». Begleitet von bezaubernden Animationen, die auf Zeichnungen der Autorin basieren, bilden Hustvedts Sätze den Anfang von Sabine Lidls ergreifendem Porträt, das NDR Kultur einen «Glücksfall fürs Kino» nennt. Es zeigt eine Literatin, die mit Werken wie Die unsichtbare Frau, Die Verzauberung der Lily Dahl oder Was ich liebte Weltliteratur schuf und in Künstlerinnen wie Louise Bourgeois Leitfiguren fand. Es ist beeindruckend, wie klug, unprätentiös und nahbar Siri Hustvedt ist und wie offen sie uns an ihrem Leben und Denken teilhaben lässt. Ergreifend sind die Szenen inniger Verbundenheit zwischen ihr und ihrem 2024 verstorbenen «Lebensmenschen», dem Schriftsteller Paul Auster. So ist es ein Film nicht nur über das Schreiben geworden, sondern auch über die Liebe und den Abschied. Nicht beschwerend, sondern mit der Siri Hustvedt eigenen empfindsamen Klarheit. 

 

Was diese Natur dir sagt
Ein junger Dichter lernt – etwas unfreiwillig – die Familie seiner Freundin kennen. Im Laufe eines Tages und Abends werden schwesterliche, elterliche, eheliche, romantische, soziale und berufliche Bindungen auf die Probe gestellt. Der südkoreanische Regisseur Hong Sang-soo inszeniert ein poetisches Kammerspiel über die fragile Dynamik familiärer Beziehungen.

Donghwa, ein Mittdreissiger und Möchtegern-Dichter, der die Schönheit im Alltäglichen sucht, hatte eigentlich nur vor, seine Freundin Jun-hee am Haus ihrer Eltern abzusetzen. Doch als sie in der Einfahrt zu dem beeindruckenden Anwesen auf deren Vater treffen, wird klar, dass er nach ihrer immerhin dreijährigen Beziehung jetzt nicht mehr umhinkommt, ihre Familie kennenzulernen. Vater, Schwester und am Abend auch die Mutter seiner Liebsten sehen in Donghwa vor allem den Sohn eines berühmten und erfolgreichen Anwalts – von dem der sich aber längst losgesagt hat. Das kann nur schiefgehen … Der südkoreanische Vielfilmer Hong Sang-soo gilt nicht nur in seiner Heimat als Kultregisseur. Jedes Jahr werden seine lakonischen Preziosen über zwischenmenschliche Beziehungen auf den grossen Festivals der Welt mit Spannung erwartet. Sein mittlerweile 33. Werk – und das erste, das im Kinok zu sehen ist – ist ein leises, hochkomisches, poetisches Kammerspiel über Nähe, Unbehagen und die fragile Dynamik familiärer Begegnungen. «Unter der Oberfläche wohlverhaltener Konversation brodeln derweil grosse Emotionen: Bringst du deinen Freund mit nach Hause, weckt das Erwartungen und wilde Projektionen – die im Weiteren fröhlich durchdekliniert werden. Einfach köstlich!», schreibt Katja Wiederspahn für die Viennale. Unbedingt entdeckenswert!

 

Divine Comedy
Bahram ist ein weltweit angesehener Filmemacher. Doch in seiner Heimat, dem Iran, ist auch sein neuester Film verboten. Zusammen mit seiner Produzentin setzt er alles daran, ihn trotzdem dem iranischen Publikum vorzustellen, und umgeht dabei staatliche Zensoren, die absurde Bürokratie und seine eigenen Selbstzweifel. Eine verspielte Satire über die Absurdität der iranischen Zensur.

Bahram ist ein international gefeierter Filmemacher, doch in seiner Heimat Iran durfte keiner seiner Filme je im Kino gezeigt werden. Als das Kulturministerium ihm auch für sein neuestes Werk die Genehmigung verweigert, hat er genug. Gemeinsam mit seiner unerschrockenen Produzentin Sadaf beschliesst er, eine heimliche Vorführung zu organisieren, um seinen Film endlich den Menschen zu zeigen, für die er eigentlich gedacht ist. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort düsen sie auf einer rosaroten Vespa durch Teheran und erleben eine Reihe absurder Begegnungen – mit einem eitlen Schauspielstar, einem süffisanten Kinobetreiber, einem selbsternannten Propheten –, bis sie schliesslich bei einer reichen Tierschützerin landen, die ihnen ihr stattliches Wohnzimmer zur Verfügung stellen will … Mit trockenem Humor und feinem Gespür für die Absurdität bürokratischer Macht erzählt Regisseur Ali Asgari eine ebenso verspielte wie politische Geschichte über Zensur, staatliche Gängelung und kreative List. Die Reise durch Teheran wird zu einer dantesken Odyssee durch ein System voller Widersprüche, in der sich Realität und Fiktion spiegeln. Sowohl in den Haupt- als auch in den Nebenrollen spielen bekannte iranische Filmschaffende fiktive Versionen ihrer selbst. Ein kluger, selbstreflexiver Film über das Kino als Ort der Freiheit – und als Akt des Widerstands.

 

The Wizard of the Kremlin
Russland, kurz nach dem Zusammenbruch der UdSSR: Der Fernsehproduzent Vadim Baranov wird zum Chefstrategen des vielversprechenden KGB-Agenten Wladimir Putin. Jahre später beschliesst Baranov, auszupacken … Jude Law und Paul Dano brillieren in Olivier Assayas’ mit Spannung erwartetem Putin-Film, der auf dem gleichnamigen Bestseller von Giuliano da Empoli beruht.

Der «Magier im Kreml» ist Vadim Baranov, ein Regisseur, der im hippen Moskau der 1990er-Jahre aufsteigt und zum Mann hinter Wladimir Putin wird. Instinktsicher beherrscht er die Kunst der Manipulation. So wie er einst mit Gameshows die Massen beschäftigte, macht er es später in der Politik: Er spielt die Opposition gegeneinander aus, mit dem Ziel, dass nur eine Meinung zählt – die von Putin. «The Wizard of the Kremlin» basiert auf dem 2022 erschienenen Bestsellerroman Le mage du Kremlin von Giuliano da Empoli. Der italienisch-schweizerische Autor zeichnet darin Aufstieg und Fall von Wladislaw Surkow nach, dem einstigen Chefideologen und persönlichen Berater Putins. In dieser Funktion war Surkow eine der wichtigsten – und unsichtbarsten – Figuren im russischen Machtapparat, bis er Anfang 2022 in Ungnade fiel … Regisseur Olivier Assayas macht aus diesem Stoff einen der abgründigsten Politthriller der letzten Zeit. Mit Jude Law als Putin und Paul Dano als Magier fand er ein Traumduo. Susan Vahabzadeh schreibt in der Süddeutschen Zeitung: «Hitchcock hatte recht: Je erfolgreicher ein Bösewicht ist, desto besser wird der Film, den man über ihn macht. Das Kino ist die natürliche Umgebung des Bösen, es ist selbst manipulativ und bedient sich in seinen besten Momenten der weissen Magie.»

 

DJ Ahmet
Der 15-jährige Ahmet lebt als Schafhirte in einem Dorf in Nordmazedonien. Als er im Wald auf eine illegale Techno-Party stösst, eröffnet sich ihm eine neue Welt. Von der rebellischen Aya fasziniert, plant er einen heimlichen Auftritt beim Dorffest. Mit Witz und Tiefgang erzählt der zarte Erstling eine warmherzige Geschichte über jugendliche Rebellion, die erste Liebe und die Kraft der Musik.

Der 15-jährige Ahmet lebt mit seinem strengen Vater und seinem kleinen Bruder Naim, der seit dem Tod der Mutter nicht mehr spricht, in einem abgelegenen Dorf in Nordmazedonien. Eine kleine Schafherde ist der wertvollste Besitz der Familie. Als diese Ahmet eines Nachts entwischt, stösst er bei der verzweifelten Suche im Wald auf eine illegale Techno-Party. Er ist fasziniert von der Musik und von der gleichaltrigen, rebellischen Aya. Sie ist kürzlich aus Deutschland zurückgekehrt und soll eine arrangierte Ehe eingehen. Um sie davor zu bewahren, planen die beiden einen gewagten Auftritt beim Dorffest. Der mazedonische Regisseur Georgi M. Unkovski thematisiert in seinem herzerwärmenden Erstling mit viel Charme und Witz den Konflikt zwischen Tradition und Moderne. Am Sundance Film Festival wurde die farbenprächtige Komödie sowohl mit dem Preis der Jury als auch dem Publikumspreis ausgezeichnet. Carlos Aguilar schreibt in Variety: «‹DJ Ahmet› ist eine Offenbarung! Mühelos und mit berührender Ernsthaftigkeit hält der Film die Balance zwischen urkomischem Publikumsliebling und anspruchsvollem Arthouse-Juwel. Und obwohl er sich erwartbaren Themen des Erwachsenwerdens widmet (…), heben ihn der kulturelle Kontext, Unkovskis einfallsreiches Erzähltalent und die hinreissenden Jungdarsteller:innen in eine ganz eigene Liga.»

 

Allegro Pastell
Autorin Tanja und Webdesigner Jerome, beide Mitte 30, haben sich in ihrer Fernbeziehung zwischen Nähe und Distanz erfolgreich eingerichtet. Als Tanja einen Vorgeschmack von einer gemeinsamen Zukunft bekommt, erhält das Gefüge plötzlich Risse. Die stimmungsvolle, in den Jahren 2018 und 2019 angesiedelte Geschichte eines Paares, das unerwartet scheitert – nachdenklich, unterhaltsam und wehmütig.

Die aufstrebende deutsch-französische Autorin Tanja und der gefragte Webdesigner Jerome lernen sich bei einer Lesung kennen. Nach einer gemeinsamen Liebesnacht beginnen die beiden – sie wohnt in Berlin und er in einem ererbten Bungalow im hessischen Maintal – eine geradezu perfekt anmutende Fernbeziehung. Sie sind über ihre Smartphones verbunden, sitzen häufig im Zug, joggen und meditieren auf dem Land und feiern in der Stadt – kurz, sie geniessen das Leben, immer auf der Suche nach der richtigen Balance zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Verlangen nach Freiheit. Alles ist cool und intensiv. Doch an ihrem 34. Geburtstag befällt Tanja die Furcht, dass ihnen die Leichtigkeit abhandenkommt … Mit charmant-lakonischer Beiläufigkeit und Alltagsfrische, pointierten Dialogen und einem hochkarätigen Ensemble – darunter die umwerfende Newcomerin Sylvaine Faligant, Luna Wedler und Martina Gedeck – verfilmte Anne Roller den gleichnamigen, gefeierten Bestsellerroman von Leif Randt über die Lebens- und Liebesentwürfe hyperreflektierter Millennials. Die Berlinale schreibt: «Eine stimmungsvolle Mentalitätsgeschichte in den Pastellfarben einer schönen Erinnerung; nachdenklich, unterhaltsam und wehmütig. Angesiedelt in den Jahren 2018 und 2019, handelt es sich zugleich um eine historische Erzählung aus einem Deutschland knapp vor unserer Zeit.»

 

Ungarische Melancholie – Die Filme des Béla Tarr: Werckmeister Harmonies
Ein mysteriöser Wanderzirkus mit einem ausgestopften Wal und einer demagogischen Figur namens «Der Prinz» versetzt ein Dorf in Aufruhr. Béla Tarrs hypnotische Parabel über den Zusammenbruch einer Gesellschaft mit Lars Rudolph und Hanna Schygulla beruht auf dem Roman «Melancholie des Widerstands» von Literaturnobelpreisträger László Krasznahorkai.

Nach einem Kneipenabend, bei dem er ein paar trunkene Gäste zu einem kosmischen Tanz animiert hat, sieht der junge János auf dem Nachhauseweg einen Wanderzirkus anrollen, der im Städtchen Halt macht. Während János im Wal die Macht Gottes sieht, machen die Schaulustigen in ihm einen Boten des Unheils aus. Als der Auftritt des ominösen Prinzen ausbleibt, entlädt sich ihre Wut … Béla Tarrs bildgewaltiges Drama mit Lars Rudolph und Hanna Schygulla, «ein düsteres Meisterwerk voller Aberwitz» (Filmdienst) beruht auf László Krasznahorkais Roman Melancholie des Widerstands. The Criterion Channel schreibt: «Die hypnotische Parabel über den Zusammenbruch einer Gesellschaft ist ein Rätsel von transzendenter visueller, philosophischer und mystischer Resonanz. In neununddreissig hypnotischen Einstellungen zaubern der Autor Béla Tarr und die Co-Regisseurin und Cutterin Ágnes Hranitzky eine apokalyptische Vision von traumhafter Angst und unergründlicher Schönheit.» Florian Widegger schreibt für Filmarchiv Austria: «Tarrs Film strebt weniger nach Bedeutung als nach Erfahrung, nach einem Zustand zwischen Musik und Schweigen – erschütternd still, hypnotisch, unerklärlich.»

 

Walter Lietha – Drum sing i grad drum
Der Bündner Sänger Walter Lietha zählte in den 1970er-Jahren zu den grossen Namen der Schweizer Musikszene und war die Stimme einer Generation. Danach wurde es still um ihn. Im August 2025 wurde der 75-jährige Barde am Musikfestival Alpentöne von Corin Curschellas, Sophie Hunger, Stephan Eicher und Michael von der Heide geehrt. Was ist aus ihm, seinen Liedern und Utopien geworden?

Walter Lietha war in den 1970er-Jahren einer der bekanntesten Singer-Songwriter oder, wie man damals sagte, Liedermacher der Schweiz. Es war die Zeit der ersten grossen Festivals, auf denen der 1950 geborene, sanfte Bündner Rebell grosse Erfolge feierte – auf der Lenzburg, dem Bachtel, dem Gurten und auch in St.Gallen. Mit seinen poetischen, teils zeitkritischen Liedern war er die Stimme einer Generation. Doch Anfang der 1980er-Jahre, zu Zeiten der Jugendunruhen, wurden seine Lieder im Radio kaum noch gespielt; um den Bündner Barden wurde es still. Kernstück des Films ist das Konzert, mit dem der heute 75-Jährige am Musikfestival Alpentöne im August 2025 geehrt wurde. Die sechs Jahre jüngere Musikerin Corin Curschellas ist eine seiner treuesten Wegbegleiterinnen. Sie ist Mitglied der Narrenschiff-Band, einer jüngst zusammengestellten Formation, die Liethas Lieder mit jungen Musiker:innen neu interpretiert. Mit Gaststars wie Stefan Eicher, Sophie Hunger oder Michael von der Heide eröffnet die Band den in Musik und Poesie schwelgenden Dokumentarfilm von Regisseur Stefan Haupt («Stiller»), der den Werdegang des eigenwilligen Bündner Freigeistes und Liedpoeten nachzeichnet und zeigt, was aus Walter Lietha, seinen Utopien und seinen Liedern geworden ist.

 

Romería
Marina wurde als Kind adoptiert. Weil sie Dokumente für einen Stipendienantrag benötigt, reist sie zur Familie ihres Vaters, die sie nie kennengelernt hat. Sie taucht in eine verwirrende Welt voller neuer Tanten, Onkel, Cousins und Geschichten ein, die auf seltsame Weise von dem abweichen, was sie zu wissen glaubte. Carla Simóns Drama ist eine sensible Meditation über das Erbe, Vergessen und inneren Neuanfang.

Die angehende Filmstudentin Marina reist von Barcelona nach Vigo, wo einst die Liebesgeschichte ihrer Eltern begann. Beide starben, als Marina noch ein Kleinkind war. In der Stadt an der Atlantikküste lebt immer noch die Familie ihres Vaters, die Marina nie kennengelernt hat. Grund ihrer Reise ist die Beschaffung eines Dokuments, das Marina für den Bezug von Stipendien braucht. Die junge Frau hat nicht nur das Tagebuch ihrer Mutter dabei, sondern auch eine Videokamera, mit der sie ihre Eindrücke filmisch festhält. In Gesprächen mit ihren Verwandten will sie mehr über ihre Eltern erfahren, die beide an Aids gestorben sind. Während sie von ihrem Onkel Lois und dessen Familie herzlich aufgenommen wird, stösst sie bei den Grosseltern auf Widerstand. «Romería» ist der Abschluss von Carla Simóns autobiografisch inspirierter Trilogie, die 2018 mit «Summer 1993», einer Erinnerung an ihre Kindertage, begann und sich 2022 mit dem Berlinale-Gewinner «Alcarràs», einer Hommage an ihre in der Landwirtschaft verwurzelten Onkel und Tanten, fortsetzte. Zu «Romería» schreibt Guy Lodge in Variety: «Simóns bittersüsse Hymne an die verlorene Familie stellt sich vor, was hätte sein können, und erkennt gleichzeitig an, dass nicht alle Erinnerungen von Generation zu Generation weitergegeben werden können – manche sterben auf wunderbare Weise mit uns.»

 

Hirschfeld – Unbekannter Bekannter
Von 1933 bis 1964 war Kurt Hirschfeld federführend am Zürcher Schauspielhaus tätig. Er holte Grössen wie Bertolt Brecht und Therese Giehse nach Zürich und baute das Haus zum wichtigsten deutschsprachigen Theater auf. Nach seinem Tod geriet er in Vergessenheit. Stina Werenfels und Samir würdigen eine grosse antifaschistische Künstlerpersönlichkeit.

Der deutsche Dramaturg und Theaterregisseur Kurt Hirschfeld (1902–1964) war als jüdischer Emigrant von 1933 bis zu seinem plötzlichen Tod federführend am Zürcher Schauspielhaus tätig. Heute ist er weitgehend vergessen. Dabei fanden in den 1940er- und 1950er-Jahren unter seiner Regie einige der bedeutendsten (Ur-)Aufführungen von Stücken von Bertolt Brecht, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt statt. Nach dem Krieg baute er das Schauspielhaus zu einem der führenden Theater im deutschsprachigen Raum auf. 1961 wurde er schliesslich Direktor des Hauses, und im gleichen Jahr ging hier die epochale Weltpremiere von Max Frischs Theaterstück Andorra über die Bühne. Ausschnitte aus Hirschfelds Andorra-Verfilmung mit Gert Westphal sowie die Erinnerungen von Hirschfelds Tochter Ruth stehen im Zentrum dieser spannenden filmischen Spurensicherung, die in Solothurn ihre umjubelte Premiere feierte. Die Tatsache, dass von ihrem Protagonisten nur wenige Fotos und kaum Tonaufzeichnungen existieren, lassen die Regisseur:innen Stina Werenfels und Samir angesichts der dichten und geschickt montierten Abfolge zeitgeschichtlicher Dokumente rasch vergessen. Sie schaffen es spielend, eine grosse antifaschistische Künstlerpersönlichkeit in ihrer ganzen Vielfältigkeit lebendig werden zu lassen.

 

Broken English: Marianne Faithfull
Marianne Faithfull ist Künstlerin, Überlebende, Provokateurin, Rebellin, Ikone. Der Film porträtiert die unvergleichliche Sängerin und Songwriterin vom frühen Ruhm über die Jahre der Sucht und Obdachlosigkeit bis zum späten Comeback. Eine Hommage an die Kreativität, Widerstandskraft und Furchtlosigkeit einer der grossen Frauen der Rockgeschichte.

Mit «Broken English» gelang Jane Pollard und Iain Forsyth ein vielschichtiges Porträt der Sängerin und Schauspielerin Marianne Faithfull (1946–2025), Ikone und Stimme einer ganzen Generation. Den Rahmen bildet eine Spielhandlung, in der zwei Mitarbeiter eines fiktiven «Ministeriums des Nicht-Vergessens» Faithfulls mehr als sechs Jahrzehnte umfassende Karriere anhand von Archivmaterial neu aufrollen. Diese nahm in den Londoner Swinging Sixties ihren Anfang, als sie vom Manager der Rolling Stones entdeckt wurde. In ihren Kommentaren zeigt sich Faithfull nach wie vor kämpferisch und humorvoll, und es wird deutlich, welche Kraft es sie gekostet hat, sich in der männlich dominierten Popindustrie zu behaupten und sich vom Bild der ewigen Muse zu befreien. Der Film zeigt, wie sie ihre eigene Geschichte zurückerobert und sich – musikalisch wie im Leben – immer wieder neu erfunden hat. Emotionaler Höhepunkt ist Marianne Faithfulls allerletzte Tonaufnahme ihrer Ballade Misunderstanding, begleitet von Nick Cave und Warren Ellis. Unerwartet verstarb sie während der Dreharbeiten im Januar 2025. Damon Wise schreibt auf Deadline: «Diese witzige, provokative und spielerisch postmoderne Doku-Biografie wird Marianne Faithfulls unbeugsamen Geist weiterleben lassen.»

 

Ungarische Melancholie – Die Filme des Béla Tarr: The Turin Horse
Ein alter Bauer und seine Tochter gehen ihrem Tagwerk nach. Ein Sturm tobt, das Pferd will nicht mehr arbeiten, nach sechs Tagen versiegt der Brunnen und das Feuer im Herd erlischt. Béla Tarrs letzter Film ist eine bildgewaltige Ode an den Untergang der Welt – eine betörend schöne Umkehrung der Schöpfungsgeschichte.

Die Anekdote ist bekannt: Am 3. Januar 1889 sieht Friedrich Nietzsche in Turin, wie ein Kutscher sein Pferd misshandelt. Der Philosoph setzt dem Treiben ein Ende, indem er sich dem Tier schluchzend an den Hals wirft. Nietzsche wird nach Hause gebracht, bleibt zwei Tage stumm, spricht einige letzte Worte, um danach die verbleibenden zehn Jahre seines Lebens stumm und geistig verwirrt unter der Obhut von Schwester und Mutter zu verbringen. Unbekannt ist, was mit dem Pferd geschah. Béla Tarr nutzt diese Ausgangslage in seinem letzten Film, um zu zeigen, wie es gewesen sein könnte. «The Turin Horse» zeigt in sechs, mit Zwischentiteln ankündigten Tagen das gleichförmige Leben des Kutschers, seiner Tochter und des Pferdes – einzig unterbrochen vom Besuch eines Nachbarn oder von Vorbeiziehenden, die um Wasser bitten, während der Wind unaufhörlich durch die karge Landschaft tost. Béla Tarr hat in Zusammenarbeit mit seiner Co-Regisseurin Ágnes Hranitzky, dem Komponisten Mihály Víg und dem Literaturnobelpreisträger László Krasznahorkai ein Werk von geradezu übernatürlicher Schönheit geschaffen, das in makellosem Schwarz-Weiss einem Minimalismus huldigt, der es in sich hat. Milena Gregor vom Arsenal Filminstitut schreibt: «Rätselhaft, rigoros, hoch konzentriert kehren Tarr und Hranitzky in knapp dreissig Einstellungen die Schöpfungsgeschichte um.»

 

Der Tod ist ein Arschloch
Eric Wrede, Deutschlands unkonventionellster Bestatter, gibt Einblick in seine Arbeit, die für ihn kein Beruf, sondern eine Berufung ist. Der Dokumentarfilm ist ein mutiges Porträt über das Sterben in unserer Gesellschaft – und ein Plädoyer dafür, endlich wieder lebendig zu leben. Eine so berührende wie schonungslos ehrliche Reise an den Rand des Lebens.

Der Film begleitet Eric Wrede und sein Team vom Bestattungsinstitut «lebensnah» in Berlin bei ihrer täglichen Arbeit. Seine unkonventionelle Art im Umgang mit den letzten Dingen, die er auch in Büchern und Podcasts vermittelt, hat ihn zu «Deutschlands bekanntestem Bestatter» gemacht. Provokant wie der Titel, doch mit Humor, Wärme und viel Empathie stellt der Film die Frage: Warum verdrängen wir das Unvermeidliche so konsequent, wo der Tod doch Teil des Lebens ist? Immer wieder gelingt Eric Wrede im persönlichen Gespräch das Kunststück, die Dinge auf den Punkt zu bringen und gleichzeitig das Tabuthema Tod von seiner Schwere zu befreien. Zwischen Trauergesprächen und Abschiedsritualen entsteht das Porträt eines Berufsalltags, in dem der Mensch über den Tod hinaus im Zentrum steht. Der Dokumentarfilm ist eine respektvolle Reflexion über das Sterben in unserer Gesellschaft und gleichzeitig ein Plädoyer dafür, das Leben zu geniessen. Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) verlieh das Prädikat «besonders wertvoll» und lobt: «Ein wundervoll ehrlicher, menschlicher und dramaturgisch exzellent gebauter Dokumentarfilm, der das Publikum trotz seines traurigen Themas mit einem wunderbar glückserfüllten Gefühl zurücklässt.»

 

Polvo serán
Als bei der lebenslustigen 70-jährigen Spanierin Claudia ein unheilbarer Tumor diagnostiziert wird, will sie selbstbestimmt aus ihrem Leben gehen. Ihr Ehemann fühlt sich unfähig, das Leben ohne sie zu meistern, und erinnert sie an einen früheren Pakt … Die berückende Mischung aus Sterbedrama und zeitgenössischem Tanzmusical feiert das Leben und die Liebe.

Als bei der 70-jährigen spanischen Tänzerin Claudia ein unheilbarer Hirntumor diagnostiziert wird, ist sie fest entschlossen, ihrem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen. Ihr langjähriger Partner Flavio kann den Gedanken, allein zurückzubleiben, nicht ertragen und erinnert sie an einen alten Pakt: Nach über vierzig Jahren inniger Verbundenheit beschliesst er, mit ihr in die Schweiz zu reisen, um mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Ein Plan, der bei ihren drei erwachsenen Kindern unterschiedliche Reaktionen auslöst. Der katalanische Regisseur Carlos Marques-Marcet verwandelt diesen todtraurigen Plot in ein opulentes melodramatisches Musical voller verrückter Ideen und spektakulärer Tanzszenen. In den Hauptrollen warten zwei Superstars des spanischen und des lateinamerikanischen Kinos auf. Souverän als sterbenskranke Claudia agiert die Spanierin Ángela Molina, die vor einem halben Jahrhundert als Protagonistin in Luis Buñuels letztem Werk «Cet obscur objet du désir» berühmt wurde. Ihr Filmpartner, der Chilene Alfredo Castro, Hauptdarsteller zahlreicher Filme lateinamerikanischer Regisseure, steht ihr als liebender Ehemann in nichts nach. Stephen Saito schreibt in Variety: «Ein Film mit einem unglaublichen Mass an Intimität, bei dem Musik und Tanz das öffnen, was blosser Dialog nicht kann.»

 

Friday Night Club: Into the Wild
Chris steht eine blendende Zukunft bevor. Doch zum Leidwesen seiner wohlhabenden Eltern pfeift der junge Mann auf das Studium an der renommierten Harvard-Universität, bricht alle Brücken hinter sich ab und zieht Richtung Alaska los. Sean Penns aufregendes Drama nach einer wahren Geschichte ist sowohl Hommage als auch Reflexion uramerikanischer Werte.

Der 22-jährige Christopher McCandless hat das College mit Auszeichnung abgeschlossen. Während seine Eltern erwarten, dass er Jura studiert, enttäuscht er sie mit einem radikalen Schritt: Er spendet das Geld, das für sein Studium vorgesehen war, für wohltätige Zwecke, zerstört seine Ausweise und Kreditkarten, nennt sich fortan Alexander Supertramp und bricht Richtung Alaska auf. Im Zentrum des in Rückblenden erzählten Abenteuerdramas stehen die Menschen, denen Christopher begegnet, darunter zwei alte Hippies, ein Einsiedler und eine junge Sängerin, mit der ihn eine kurze Romanze verbindet. Beruhend auf den Tagebuchnotizen von Christopher McCandless rekonstruierte der Journalist Jon Krakauer in seinem Buch «Into the Wild» die letzten zwei Lebensjahre des Abenteurers. Sean Penn verantwortet als Drehbuchautor, Produzent und Regisseur die Verfilmung von Krakauers Bestseller. Der Soundtrack stammt von Pearl-Jam-Frontmann Eddie Vedder. «Von ‹Into the Wild› geht eine emotionale Wucht aus, der man sich nur schwer entziehen kann», schreibt Barbara Schweizerhof in epd Film. Sean Penn gehe es um «die Darstellung eines gar nicht leicht zu fassenden Gefühls: jener diffusen Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit, nach Aufbruch und Erleben, die die Quelle für grosse Taten, aber auch die Ursache für grosse Enttäuschungen sein kann».

 

Primavera
Venedig, 18. Jahrhundert: Trotz ihres grossen Talents ist die Geigenvirtuosin Cecilia im grössten Waisenhaus Venedigs eingesperrt. Einziger Ausweg wäre eine Heirat. Ihr Leben nimmt eine Wendung, als sie einen neuen Geigenlehrer erhält – Antonio Vivaldi. Das kluge Drama um weibliche Selbstbestimmung beeindruckt mit einer herausragenden Hauptdarstellerin und betörender Musik.

Venedig, Anfang 18. Jahrhundert. Das Ospedale della Pietà, eines von vier Waisenhäusern der Stadt, ist berühmt für sein Orchester und die erstklassige musikalische Ausbildung, die es den Begabtesten seiner Schützlinge bietet. Zu ihnen gehört die Violinistin Cecilia, die als Findelkind ins Waisenhaus kam. Mit Konzerten sollen reiche Mäzene gewonnen werden, die mit ihren Spenden das Waisenhaus finanzieren oder arrangierte Ehen mit den Mädchen eingehen. Mit der Ankunft des neuen Musiklehrers Antonio Vivaldi eröffnen sich für Cecilia neue Perspektiven. Als er sie zur Konzertmeisterin ernennt, wird ihr bewusst, welche Kraft in ihrer musikalischen Begabung steckt. Durch das neu gewonnene Selbstvertrauen findet sie den Mut, selbst über ihr weiteres Leben zu bestimmen. Das Spielfilmdebüt des international renommierten Opernregisseurs Damiano Michieletto basiert lose auf dem Roman Stabat Mater von Tiziano Scarpa. European Shooting Star 2026 Tecla Insolia («L’arte della gioia») verkörpert Cecilia gleichzeitig kraftvoll und mit Feingefühl. An ihrer Seite überzeugt Michele Riondino als ehrgeiziger Vivaldi, der um Anerkennung kämpft. Paola Brunetta schreibt auf cineforum: «Ein Film, der einen packt und nicht mehr loslässt. Tempo, Spannung, steigende Intensität: alles, vom metaphorischen Anfang (…) bis hin zum offenen und befreienden Ende.»

 

Iran – Zwischen Aufstand und Ohnmacht: The Salesman
Weil ihre Wohnung in Teheran einsturzgefährdet ist, müssen Emad und Rana umziehen. Eines Abends wird Rana im Badezimmer von einem Unbekannten überrascht … Asghar Farhadis meisterhaft kon¬struiertes Beziehungsdrama, in dem sich ein Paar in ein Geflecht aus Scham und Schuld verstrickt, liefert einen eindringlichen Einblick in den Alltag in einem repressiven Staat.

Rana und Emad müssen eine neue Wohnung suchen, da ihr Gebäude einsturzgefährdet ist. Sie finden Unterschlupf in einem Apartment, das einem Bekannten von Emad gehört. Dieser ist wie sie Mitglied einer Theatertruppe, die Arthur Millers Stück Tod eines Handlungsreisenden auf die Bühne bringen will – ein nicht ganz einfaches Unterfangen, da es Szenen enthält, an denen die Zensor:innen Anstoss nehmen. Als Rana eines Tages im Badezimmer der neuen Bleibe Opfer eines so brutalen wie rätselhaften Überfalls wird, tun sich bei allen Beteiligten Abgründe auf, von denen niemand zuvor etwas geahnt hätte. Ähnlich wie in seinem oscargekrönten Geniestreich «A Separation» (2011) seziert Asghar Farhadi mit messerscharfer Intelligenz die Beziehungswirren eines jungen Teheraner Paares aus der unteren Mittelschicht und lässt dabei jegliche Gewissheiten über die einzelnen Figuren konsequent ins Leere laufen. Allan Hunter schreibt in Screen International: «Farhadi erweist sich einmal mehr als ein grosser Meister im Aufbau von Spannung und dem Einsatz unterschiedlicher Erzählgeschwindigkeiten. Ganz langsam lässt er beunruhigende Elemente in seinen Film einfliessen und heizt dann heftig jenes schleichende Gefühl von Ohnmacht und Paranoia an, das entsteht, wenn man gewahr wird, dass man die Person, die man liebt, nie ganz kennt.» 

 

Iran – Zwischen Aufstand und Ohnmacht: It Was Just an Accident
Vahid glaubt, seinen einstigen Folterer wiederzuerkennen, und entführt ihn kurzerhand. Als ihn Zweifel an dessen Identität befallen, setzt er eine Kette von Ereignissen in Gang, die zunehmend ausser Kontrolle geraten. Das grandiose, so atemberaubende wie humorige Werk des iranischen Meisters Jafar Panahi gewann in Cannes die Goldene Palme.

Der Automechaniker Vahid glaubt, in einem Kunden seinen einstigen Folterer aus dem Gefängnis zu erkennen. Er entführt den Mann in der Absicht, ihn in der Wüste lebendig zu begraben. Doch kurz vor der Tat beschleichen ihn Zweifel, weil er das Gesicht seines Peinigers nie gesehen hat. Er sucht einen ehemaligen Leidensgenossen auf, der die Identität des Entführten bestätigen soll, und setzt damit eine Kette von Ereignissen in Gang, die zunehmend ausser Kontrolle geraten … Der iranische Regisseur Jafar Panahi war 2022 inhaftiert, als er die Idee zu diesem Drehbuch hatte. Als er im Februar 2023 dank internationaler Proteste freikam, machte er sich heimlich an die Realisierung dieses atemberaubenden Thrillers, der trotz seines dramatischen Hintergrunds mit Situationskomik und schwarzem Humor brilliert und in Cannes zu Recht die Palme d’Or erhielt. Joachim Kurz schreibt auf Kino-Zeit: «Panahis emotional aufwühlende Tour de Force ist nicht ausschliesslich als Parabel auf die Zustände in seiner Heimat zu verstehen, sondern auch als Suche nach einem moralischen Kompass für die direkte Konfrontation mit den Autoritäten. Angesichts dessen, was ihm widerfahren ist, (…) ist dieser Film ein beispielloses Fanal von ungeheurem Mut und Behauptungswillen eines Regisseurs.»

 

Unter Pflanzen
Der poetische Dokumentarfilm geht den geheimnisvollen Interaktionen zwischen Pflanzen, Insekten und Menschen nach. Zu Wort kommen neben einem Forschungsteam der ETH Zürich, die renommierte Biologin und Sachbuchautorin Florianne Koechlin sowie das Künstlerduo Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger, das vor Jahren die Stiftsbibliothek St.Gallen in einen Garten verwandelte.

Ein Forschungsteam der ETH Zürich unter der Leitung von Prof. Dr. Consuelo de Moraes, Expertin für pflanzliche Duftstoffmoleküle am Departement für Umweltsystemwissenschaften, steht kurz vor der bahnbrechenden Entdeckung einer Substanz, die Pflanzen schneller zum Blühen bringt. Die Biologin und Sachbuchautorin Florianne Koechlin erläutert ihre neuesten Erkenntnisse über Pflanzenkommunikation und deren mögliche Bedeutung für die zukünftige Landwirtschaft, während das Künstlerduo Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger in seinen Installationen die Grenzen von Natur und Künstlichkeit hinterfragt. «Unter Pflanzen» ist eine sinnlich-poetische Dokumentation über die Beziehungen zwischen Pflanzen, Insekten und Menschen, die zeigt, wie die Verflechtung von Wissenschaft und Kunst neue Perspektiven auf eine volatile Welt eröffnet. Ruth Baettig schrieb 2025 für die Semaine de la Critique in Locarno: «‹Unter Pflanzen› fordert ein Umdenken und lädt ein zu einer neuen Perspektive auf das Leben und seine Fragilität – hin zu einer Koexistenz von Mensch, Pflanze und Tier. Der Film öffnet den Blick für ein sensorisches Denken, in dem sich Wissenschaft und Kunst berühren – sinnlich, poetisch und buchstäblich unter die Haut gehend.»

 

Iran – Zwischen Aufstand und Ohnmacht: There Is No Evil
Macht sich schuldig, wer keinen Widerstand leistet? Der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof erkundet in vier Episoden, welchen Preis die Menschen in einem totalitären Staat zahlen müssen, um ihre moralische Integrität zu bewahren. Das Meisterwerk über zivilen Ungehorsam wurde 2020 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Ein Vater holt nach seiner Nachtschicht Frau und Tochter ab, um die hilfsbedürftige Grossmutter zu besuchen. Ein Rekrut wird in der Nacht von Gewissensbissen gequält. Ein junger Soldat will um die Hand seiner Freundin anhalten, doch das Treffen wird von der Trauer um einen Freund überschattet. Ein Arzt, der nicht praktizieren darf und zurückgezogen in den Bergen lebt, offenbart seiner Nichte ein Familiengeheimnis. Im vielfach preisgekrönten Film des iranischen Meisterregisseurs Mohammad Rasoulof («The Seed of the Sacred Fig») verdichten sich vier unabhängige Episoden zu einer bild- und wortgewaltigen Meditation über Moral, Schuld und Zivilcourage. Es sind Variationen über die Frage, welchen Preis das Individuum in einem totalitären Regime für den persönlichen Frieden und ein reines Gewissen zu zahlen bereit ist. Daniel Kothenschulte schreibt in der Frankfurter Rundschau: «Ein Monument der Dissidenz! Wie so oft in der speziellen, indirekten Erzählkultur des iranischen Films betritt dieser ungeheuerlich kraftvolle Film zugleich noch eine übergeordnete, allgemeinere Ebene: Rasoulof, der in seinem Heimatland verurteilte Filmemacher, hat ein Meisterwerk über den zivilen Ungehorsam in einer Diktatur gedreht. Noch nie ist einer seiner Filme im eigenen Land gelaufen, vor diesem hier muss sich das Regime besonders fürchten.»

 

Iran – Zwischen Aufstand und Ohnmacht: All My Sisters
Drei Schwestern, die in einer liebevollen Familie in Teheran aufwachsen, wurden von 2007 bis 2025 mit der Kamera begleitet. Die beeindruckende Langzeitstudie zeigt ihren Alltag von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter, in dem sie als junge Frauen in einem totalitären, patriarchalen Regime nach Freiheit suchen. «Ein einzigartiges und bewegendes Werk», lobt Cinema Austriaco.

In seiner einfühlsamen, über 18 Jahre dauernden Langzeitstudie begleitet Regisseur Massoud Bakhshi das Leben seiner drei Nichten von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. Die Mädchen wachsen in einer liebevollen, konservativen Familie in Teheran auf. Als ihr Onkel sie 2007 zu filmen beginnt, sehen wir Bilder einer unbeschwerten Kindheit – Aufnahmen, wie wir sie aus anderen Home Movies kennen. Doch im Hintergrund werden bereits Fragen laut: Ist Tanzen erlaubt? Wie viel Haut darf man zeigen? Und warum eigentlich nicht? Als die Mädchen erste Anzeichen der Pubertät zeigen, wird ihr Leben zunehmend von Ermahnungen, Regeln und Verboten bestimmt; alles, was zuvor lustvoll war, gilt plötzlich als sündhaft. Als sie älter werden und Protestbewegungen die iranische Gesellschaft zu erschüttern beginnen, werden Fragen nach Freiheit und Selbstbestimmung immer drängender. Der Regisseur beteiligt seine Nichten am Entstehungsprozess; nur was sie gutheissen, findet Eingang in den Film. Das «einzigartige und bewegende Werk» (Cinema Austriaco) ermöglicht einen intimen, fesselnden Einblick in den Alltag und die politische Lage des Landes. Rafa Sales Ross schreibt in Variety: «‹All My Sisters› ist nicht nur eine zutiefst persönliche Familiengeschichte und eine politische Erzählung, die mit den historischen ‹Frau, Leben, Freiheit›-Protesten im Iran im Jahr 2022 verbunden ist, sondern auch ein genauer Blick auf die Ethik des Dokumentarfilms.»

 

Rose
Im 17. Jahrhundert erscheint ein Soldat in einem Dorf und behauptet, der Erbe eines verwaisten Gutshofs zu sein. In Wahrheit ist der Soldat eine Frau – Rose. Sie heiratet Suzanna, die Tochter eines Grossgrundbesitzers, doch das Gemunkel im Dorf nimmt langsam zu … Beeindruckendes Historiendrama mit Sandra Hüller, die für ihre starke Interpretation den Silbernen Bären erhielt.

In den Wirren des Dreissigjährigen Krieges taucht ein mysteriöser Soldat in einem abgelegenen deutschen Dorf auf. Im Gepäck hat er eine Besitzurkunde, die ihn als Erben eines Bauernhofs am Dorfrand ausweist. In Wirklichkeit aber hat der Fremde das Dokument einem toten Kameraden abgenommen. Und er ist Rose – eine Frau. Anfänglich funktioniert die Täuschung gut. Der vermeintliche Soldat schafft sich Respekt bei der Gemeinde und ehelicht Suzanna, die Tochter eines Grossbauern. Dennoch verstummen im Dorf die Gerüchte nicht und die Schlinge um Roses Hals wird immer enger … Basierend auf historischen Recherchen über Frauen, die sich in einem subversiven Akt des Aufbegehrens gegen das Patriarchat eine männliche Identität aneigneten, entwirft der österreichische Regisseur Markus Schleinzer die Geschichte einer «Weibs-Person», die sich mit ihren gesellschaftlichen Beschränkungen nicht abfinden wollte und sich eine eigene Biografie erfand. In der Hauptrolle brilliert eine grossartige Sandra Hüller, die dafür auf der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Joachim Kurz schwärmt auf Kino-Zeit: «Schleinzer erzählt diese Geschichte über geschlechtliche Machtverhältnisse im Stil eines Schelmenromans, zwischen Tragik und Komik, und in erlesenen Schwarz-Weiss-Bildern so zwingend, dass man sich ihrem Sog kaum entziehen kann.»

 

Folichonneries
Nach 16 Jahren Ehe ist bei François und Julie im fordernden Alltag mit zwei kleinen Töchtern der Eros auf der Strecke geblieben. Um ihn wieder in Schwung zu bringen, stürzen sie sich in sexuelle Abenteuer … Mit betörendem Witz und schonungsloser Ehrlichkeit erkundet die Beziehungskomödie Chancen, Risiken und Nebenwirkungen einer offenen Beziehung.

Nach 16 gemeinsamen Jahren ist bei François und Julie irgendwie die Luft raus. Der Alltag mit ihren zwei kleinen Töchtern fordert den beiden Berufstätigen viel ab, die intime Nähe ist ihnen abhandengekommen. Um ihr Liebesleben wieder in Schwung zu bringen, schlägt François vor, die Beziehung zu öffnen und sich in sexuelle Abenteuer zu stürzen, um sich selbst besser kennenzulernen. Das kann nicht lange gut gehen … Mit entwaffnender Leichtigkeit erzählt Regisseur Eric K. Boulianne, der sich bislang als einer der renommiertesten Drehbuchautoren Kanadas einen Namen gemacht hat, in seinem Langfilmdebüt vom Chaos des ganz normalen Lebens – charmant, intelligent und quebecisch trocken. Was zunächst wie eine schrullige Komödie anmutet, entpuppt sich als feinsinnige Studie über Einsamkeit, Selbsttäuschung und die kleinen Fluchten des Alltags. Joachim Kurz schwärmt auf Kino-Zeit: «Messerscharf sezierend und mit grosser Empathie für die körperlichen wie emotionalen Schwächen seiner Protagonist:innen dekonstruiert Boulianne eine ganz normale heteronormative Mittelgewichtsehe. ‹Folichonneries› fühlt den Lebenslügen und uneingestandenen Begierden des Paares nach und lässt deren Töchter aller Kindlichkeit zum Trotz mit grosser Gnadenlosigkeit die unbeholfenen Selbstfindungsbemühungen ihrer Eltern auseinandernehmen. Ein herrlicher, sehr ehrlicher und unfassbar komischer Film.»

 

La mia famiglia italiana
Der pensionierte «Professore» geniesst sein beschauliches Leben. Als seine Tochter wegen einer Ehekrise mit ihren zwei Kindern bei ihm auftaucht, gerät seine friedliche Routine aus den Fugen … In seiner neuen, charmanten Komödie erzählt Gianni Di Gregorio von der Schönheit und dem Schmerz der Liebe und dem tiefen Bedürfnis nach Verbundenheit.

Gianni, ein pensionierter Professor Mitte siebzig, geniesst sein geruhsames Leben. Er lebt allein in einer schönen Wohnung und verbringt seine Tage mit Spaziergängen, Lesen und Gesprächen mit Freund:innen. Dies alles ändert sich schlagartig, als seine Tochter Sofia aus Heidelberg mit ihren beiden Kindern plötzlich vor der Tür steht. Sie steckt gerade in einer Ehekrise und hat beschlossen, vorübergehend zu ihrem Vater nach Rom zu ziehen. Damit ist es aus mit Ruhe und Beschaulichkeit; Gianni sieht sich konfrontiert mit neuen Herausforderungen und ungewohntem Gefühlschaos. «Come ti muovi, sbagli» heisst der Film im italienischen Original – sinngemäss übersetzt «Was du auch tust, es ist falsch» – und beschreibt treffend Giannis emotionale Achterbahnfahrt. Francesco Puma meint in Quinlan: «Mit seinem neuen Film bestätigt Gianni Di Gregorio seinen einzigartigen Platz in der italienischen Filmlandschaft: ein Autor, der es versteht, die transformative Kraft des Scheiterns zu erkennen und die zerbrechliche Schönheit des Lebens mit Ironie und Feingefühl wiederzugeben. Ein Loblied auf die Unvollkommenheit und die Möglichkeit einer zweiten Chance. (…) Es ist die Liebe, die dabei im Verborgenen wirkt, sie verschiebt Grenzen, verändert Haltungen und zwingt zum Durchhalten.»

 

Kinderfilme: Die Zauberlaterne: Arrietty – Die wundersame Welt der Borger

Die 14-jährige Arrietty ist nur wenige Zentimeter gross und gehört zum Volk der Borger. Diese leben unbemerkt in der Nähe von Menschen und «borgen» sich von ihnen aus, was sie zum Leben benötigen. Als Arrietty ihren Vater auf einer Expedition begleitet, trifft sie auf den Menschenjungen Shō. Obwohl es ihr verboten ist, mit Menschen zu sprechen, freundet sie sich mit ihm an. Die Kinderbuchreihe The Borrowers der britischen Autorin Mary Norton wurde mehrfach verfilmt. Der Realfilm «Ein Fall für die Borger» war bereits im Programm der Zauberlaterne zu sehen. Das berühmte japanische Animationsfilmstudio Ghibli veröffentlichte 2010 einen zauberhaften Trickfilm nach einem Drehbuch von Hayao Miyazaki. «Mit einer ruhigen Erzählweise und poetischen Bildern verwandelt der Nachwuchsregisseur Hiromasa Yonebayashi die Vorlage in eine stimmungsvolle Coming-of-Age-Geschichte, die durch ihre grosse Sensibilität für die Figuren besticht», heisst es auf Kinderfilmwelt.

 

Die Mitgliedschaft für die Zauberlaterne kann an der Kinokasse gelöst werden. Ausführliche Informationen finden Sie unter www.lanterne-magique.org/de/clubs/st-gallen/.

 

The North
Zwei ehemals beste Freunde wandern 600 Kilometer durch Schottland, um ihre frühere Freundschaft zu erneuern und sich mit der Natur zu verbinden. Was als körperliche Herausforderung beginnt, wird zu einer Prüfung der Ausdauer und des Vertrauens … Das Drama feiert in atemberaubenden Bildern Freundschaft, Widerstandsfähigkeit und die Kraft der Natur.

Vor zehn Jahren haben sich Chris und Lluis, einst enge Freunde und Wohngefährten, zum letzten Mal gesehen; ihre Lebenswege haben sie auseinandergeführt. In der Hoffnung, an frühere Zeiten anzuknüpfen und ihre Freundschaft zu erneuern, unternehmen die beiden eine 600 Kilometer lange Wanderung durch die schottischen Highlands. Auf dem West Highland Way und dem Cape Wrath Trail wollen sie bis zum nordwestlichsten Punkt Grossbritanniens wandern. Die 30-tägige Tour ist äusserst anstrengend, doch die Einsamkeit und Stille bieten genügend Gelegenheit zum Austausch. Was als körperliche Herausforderung beginnt, wird bald zu einer Prüfung der Ausdauer und des Vertrauens … Der niederländische Regisseur Bart Schrijver hat seinen atemberaubend fotografierten Film über Widerstandsfähigkeit, Freundschaft und die Kraft der Natur mit einem sechsköpfigen Team auf dem realen Wanderweg gedreht. Auf Palacecinemas steht zu lesen: «Der Film, der vollständig vor Ort gedreht wurde, fängt die Highlands in ihrer ganzen elementaren Kraft ein: Nebelschwaden, die sich über Bergrücken wälzen, Regen, der über Täler hinwegfegt, Stille, die sich so weit erstreckt wie die Seen. Die Darbietungen von Bart Harder und Carles Pulido verbinden die epische Kulisse mit intimen Emotionen, wobei ihre zurückhaltende Chemie in den Pausen ebenso viel verrät wie in den Worten.»

 

Iran – Zwischen Aufstand und Ohnmacht: Terrestrial Verses
In neun Episoden erzählt das Regieduo Ali Asgari und Alireza Khatami von Iraner:innen, die in ihrem Alltag mit staatlicher Willkür, totalitärer Kontrolle und einer schikanösen Bürokratie konfrontiert sind. Der heimlich gedrehte Spielfilm ist scharfzüngig, von sarkastischem Witz und frecher Situationskomik.

Ein neuer Tag beginnt in der Millionenstadt Teheran. Die Häuser der Stadt schälen sich aus der Morgendämmerung, ein Muezzin ruft, ein Kind kommt zur Welt. Mit schneidendem Spott erzählt «Terrestrial Verses» von den Zumutungen, denen die Iraner:innen ausgesetzt sind. Denn der Staat redet überall mit: bei der Namenswahl für Neugeborene, in Modefragen oder bei Hundeentführungen. In neun Episoden führen die Regisseure Ali Asgari und Alireza Khatami Irans erstickenden Cocktail aus Religion, Macht und Bürokratie vor: Niemand entkommt dem langen Arm des Regimes, das die Menschen mit einem nebulösen Verhaltenskodex quält und deren Privatleben bis in kleinste Details kontrolliert. Vor der Kamera sind einzig die schikanierten Bürger:innen zu sehen – ein geschickter Schachzug. «Terrestrial Verses» wurde heimlich innert sieben Tagen gedreht. Lukas Hoffmann schreibt auf Kino-Zeit: «Was im Iran zum Alltag gehört, ist für die meisten Menschen im Westen unvorstellbar. Die Regisseure verarbeiten diesen bürokratischen Irrsinn als schwarzhumorige Sozialkritik, in der Witz und Wut in ständigem Wechselspiel stehen. Mit mehrdeutigen Formulierungen, Fangfragen und bürokratischem Irrsinn, der in seinen absurdesten Momenten an den ‹Passierschein A38› aus ‹Asterix erobert Rom› erinnert, werden die Betroffenen vor der Kamera schikaniert.»

 

Iran – Zwischen Aufstand und Ohnmacht: Ballad of a White Cow
Mina verliert den Boden unter den Füssen, als sie erfährt, dass ihr hingerichteter Mann unschuldig war. Von der Justiz wird ihr ein Schadenersatz in Aussicht gestellt, doch sie fordert eine offizielle Entschuldigung. Eines Tages taucht ein Unbekannter bei ihr auf, der Schulden zurückzahlen will. Der aufwühlende Film prangert das unmenschliche iranische Justizsystem an.

Vor einem Jahr ist Babak wegen Mordes hingerichtet worden. Nun erfährt seine Witwe Mina, dass er damals zu Unrecht beschuldigt wurde. Die Behörden stellen ihr eine finanzielle Entschädigung in Aussicht, doch Mina will sich damit nicht abspeisen lassen. Ihrer Selbstachtung und ihrer kleinen, gehörlosen Tochter zuliebe nimmt sie den Kampf gegen ein menschenverachtendes System auf und fordert mehr als nur materielle Wiedergutmachung. Unterstützung erfährt sie dabei von Reza, der eines Tages vor ihrer Tür steht und behauptet, Schulden bei Babak gehabt zu haben, die er jetzt begleichen möchte. Ohne sein Geheimnis zu kennen, lässt Mina ihn in ihr Leben. Eindringlich und in meisterlichen Bildkompositionen erzählt das Ehepaar und Regieduo Maryam Moghadam und Behtash Sanaeeha («My Favourite Cake») von Schuld, Sühne und den Folgen eines fatalen Justizirrtums. Maryam Moghadam schlüpft dabei gleich selbst in die Rolle der Mina und verleiht ihr eine erschütternde Intensität. Karsten Munt schreibt im Filmdienst: «Es liegt eine enorme Kraft in der melancholischen Unruhe, mit der Maryam Moghadam ihre Figur durch diese Zerrissenheit führt. Der Kraftakt hinter der im öffentlichen Leben gewahrten Fassung ist ebenso spürbar wie die Enormität einer Trauer, die nicht mit dem Blutgeld der iranischen Justiz abbezahlt werden kann.»

 

Memory of Princess Mumbi
Im Jahr 2093 reist der junge Filmemacher Kuve in ein afrikanisches Königreich, um die Narben eines Krieges zu dokumentieren. Dort verliebt er sich in Mumbi, die ihn auffordert, seinen Film ohne Einsatz von KI zu drehen. Das hinreissende und einfallsreiche retro-futuristische Märchen balanciert mühelos zwischen herzzerreissender Lovestory und witzigem Mockumentary.

Im Jahr 2093 reist der junge Dokumentarfilmer Kuve ins afrikanische Königreich Umata, um die Folgen des «Grossen Krieges» zu dokumentieren. Dort verliebt er sich in Mumbi, eine freigeistige Schauspielerin, die ihn dazu herausfordert, seinen Film ohne den Einsatz von KI zu drehen. Was als spielerische Debatte über das Verhältnis zwischen Kunst, Kreativität und Technologie beginnt, entwickelt sich bald zu einem so verspielten wie unglücklichen Abenteuer – denn die junge Prinzessin ist bereits einem Prinzen versprochen … Mit minimalstem Budget und kreativem KI-Einsatz gelingt dem erst 24-jährigen schweizerisch-kenianischen Regisseur Damien Hauser ein hinreissendes und äusserst einfallsreiches retro-futuristisches Märchen, das mühelos zwischen herzzerreissender Lovestory und metafiktionalem Mockumentary balanciert. Überwiegend in Kenia gedreht, verbindet er darin atemberaubende KI-Bildwelten mit bittersüssen Betrachtungen über Liebe, Verlust und filmische Fantasie – und schaffte es gleich an die grossen Festivals von Venedig und Toronto. Dominic Schmid schwärmt in der WOZ: «Damien Hauser gelingt etwas bislang relativ Einzigartiges: Er zeigt, dass unter den richtigen Voraussetzungen mit jener vermeintlich seelenlosen Technologie, deren rasend schnelle Entwicklung auch er ‹crazy und beängstigend› findet, echte und vor allem neue filmische Poesie möglich ist.»

 

Las corrientes
Die junge Modedesignerin Lina erlebt nach einer Preisverleihung in der Schweiz einen rätselhaften Vorfall. Zurück in Buenos Aires nimmt sie ihr früheres Leben wieder auf, doch etwas in ihr hat sich verschoben … Der atmosphärische Film von Milagros Mumenthaler porträtiert einfühlsam eine junge Frau im Spannungsfeld von beruflichem Erfolg, Familie und psychischer Gesundheit.

Die argentinische Designerin Lina wird in Genf mit einem prestigeträchtigen Preis ausgezeichnet. Kurz nach dieser Ehrung kommt es zu einem rätselhaften Vorfall, den sie jedoch unbeschadet übersteht. Zurück im heimatlichen Buenos Aires wird sie freudig von ihrem Ehemann und ihrer kleinen Tochter Sofía empfangen und alles geht wieder seinen gewohnten Gang. Sie lebt ihr gutsituiertes Leben, lässt sich für ihre Auszeichnung feiern, berät sich in ihrem Studio mit ihrer Assistentin, besucht eine Theaterprobe und kümmert sich liebevoll um Sofía. Doch etwas stimmt nicht im Leben dieser erfolgreichen jungen Frau. Immer öfter deuten ihr seltsames Verhalten und Irritationen auf ein dunkles, längst überwunden geglaubtes Geheimnis hin. Ein Jahrzehnt nach ihrem letzten Spielfilm «La idea de un lago», in dem ebenfalls eine fragile Frauenfigur und ihre Beziehung zu ihrer Mutter im Zentrum standen, und fünfzehn Jahre, nachdem ihr Erstling «Abrir puertas y ventanas» in Locarno den Pardo d’Oro gewann, brilliert die argentinisch-schweizerische Regisseurin und Drehbuchautorin Milagros Mumenthaler erneut. Getragen von den frei fliessenden Bildern des Zürcher Kameramanns Gabriel Sandru und wenigen Dialogen, verkörpert die beeindruckende Protagonistin Isabel Aimé González-Sola eine Frau in einem emotionalen Schwebezustand, dessen Sog einen unwiderstehlich mitreisst.

 

Iran – Zwischen Aufstand und Ohnmacht: The Witness
Tarlan wird Zeugin, wie ihre Ziehtochter Zara ermordet wird. Der Täter ist Zaras Ehemann, ein ranghoher Regierungsvertreter. Als die Polizei sich weigert, den Fall zu untersuchen, steht sie vor einer schweren Entscheidung: Beugt sie sich dem Druck oder riskiert sie um der Gerechtigkeit willen ihr Leben? Der vielschichtige Politthriller mit der beeindruckenden Maryam Boubani steht in der Tradition der grossen iranischen Frauenfilme.

Die pensionierte Lehrerin Tarlan hat viele Probleme. Sie muss sich mit ihrem inhaftierten Sohn sowie einer Mäuseinvasion in ihrer Wohnung herumschlagen und setzt sich für die Rechte von Lehrerinnen ein. Ihre Ziehtochter Zara leitet eine Tanzschule, was ihrem Ehemann, einem hohen Regierungsbeamten, missfällt. Eines Tages wird Tarlan Zeugin, wie Zara von ihrem Mann ermordet wird. Als die Polizei sich weigert, den Fall zu untersuchen, steht sie vor einer schweren Entscheidung: Soll sie schweigen oder alles riskieren und an die Öffentlichkeit gehen? Kein Geringerer als Jafar Panahi hat gemeinsam mit Regisseur Nader Saeivar das Drehbuch geschrieben. 2024 wurde der Film am Festival von Venedig mit einem Publikumspreis ausgezeichnet. Auf Filmkunstkinos steht zu lesen: «In der Hauptrolle überzeugt Maryam Boubani mit einer zutiefst eindringlichen Performance. Ihre Figur der Tarlan steht exemplarisch für viele mutige Frauen im Iran. (…) Entstanden unter extrem schwierigen Bedingungen, wurde der Film im Iran gedreht, unter grösster Geheimhaltung produziert und schliesslich in Österreich und Deutschland postproduziert – auch das ist Teil der politischen Dringlichkeit, die diesem Film innewohnt. ‹The Witness› ist ein stiller, aber eindringlicher Appell für Zivilcourage, gegen staatliche Repression und für die Kraft individueller Verantwortung.»

 

Iran – Zwischen Aufstand und Ohnmacht: Persepolis
Marjane ist zehn, als die Islamische Revolution 1979 die iranische Gesellschaft erschüttert. Während die Revolutionswächter den Kopftuchzwang durchsetzen, rebelliert sie mit Kim-Wilde-Kassetten und Nike-Turnschuhen … Der beeindruckende Animationsfilm nach Marjane Satrapis bahnbrechendem Comic erzählt mit viel Witz vom Alltag im Mullah-Regime.

Marjane wächst in einer linksintellektuellen Familie in Teheran auf. Sie ist acht Jahre alt, als der Schah gestürzt wird. Doch die Hoffnungen der Iraner:innen bewahrheiten sich nicht: Eine Diktatur wird durch eine andere ersetzt. Im Mullah-Regime ist Schluss mit Pommes frites und Coca-Cola, Nike-Schuhen und Bruce-Lee-Filmen, die als Symbole westlicher Dekadenz gebrandmarkt werden. Der lebenslustigen Marjane fällt es schwer, sich den absurden, frauenfeindlichen Regeln der Sittenwächter:innen zu beugen. Über die zunehmenden Repressionen beunruhigt, schicken die Eltern ihre 14-jährige Tochter nach Wien. Doch der Verlust von Familie und Heimat sowie erste Liebeswirren stürzen Marjane in tiefe Verzweiflung … Marjane Satrapis bahnbrechende, autobiografische Graphic Novel, eine Liebeserklärung an ihre Familie und die Menschen in ihrer Heimat, wurde zum Bestseller und revolutionierte das Genre. Mit Vincent Paronnaud ist ihr eine kongeniale Verfilmung geglückt. Marguerite Seidel schreibt auf Critic: «Obwohl in ‹Persepolis› die Brutalität des Iran-Irak-Kriegs und die Unterdrückung der Iraner unter Khomeini heftig angeklagt werden, ist ‹Persepolis› vor allem ein urkomischer Film. Während das anfangs der Schere zwischen kindlicher, vereinfachter Wahrnehmung und komplexer Realität geschuldet ist, sorgen bald insbesondere Übertreibungen, überspitzte Vergleiche und Genrezitate dafür, dass der Film immer auch als Komödie wahrgenommen werden kann.»

 

Dossier 137
Stéphanie muss als interne Ermittlerin Gewalttaten von Polizist:innen aufklären. Als ein junger Mann während eines Gelbwestenprotests schwer verletzt wird, beisst sie sich an dem Fall fest. Zunehmend beginnt sie am Rechtssystem zu zweifeln … Dominik Molls packender Kriminalfilm mit einer herausragenden Léa Drucker beruht auf realen Vorfällen während der Gelbwestenproteste.

Paris 2018, zur Zeit der Gelbwestenproteste. Stéphanie, Polizistin und alleinerziehende Mutter eines Sohnes im Teenageralter, arbeitet bei der «Inspection Générale de la Police Nationale». Diese Abteilung ermittelt intern gegen Kolleg:innen, die verdächtigt werden, sich im Dienst Fehlverhaltens schuldig gemacht zu haben. Es handelt sich also um eine Polizei, die die Polizei kontrolliert. Entsprechend gross ist polizeiintern die Unbeliebtheit von Stéphanie und ihrer Abteilung. Konfrontiert mit einem neuen Fall, einer Frau aus der Provinz, deren Sohn bei einer Demonstration lebensgefährlich verletzt wurde, gerät Stéphanie in schwere Loyalitätskonflikte. Dominik Moll, Spezialist für akribisch inszenierte Kriminalfälle, beweist in diesem auf mehreren realen Fällen basierenden packenden Thrillerdrama einmal mehr sein inszenatorisches Geschick für Konstellationen, die sich einem klaren Schwarz-Weiss-Schema verweigern. Mit stiller Beharrlichkeit verkörpert dabei Léa Drucker als Stéphanie diese in einer Männerdomäne tätige Frau, die hartnäckig ermittelt und dennoch in einem Apparat gefangen ist, in dem tatsächliche Konsequenzen für Täter nicht vorgesehen sind. Michaël Mélinard schreibt in L’Humanité: «Ein exzellenter Film, der eine Volksbewegung ins rechte Licht rückt, die lange unverstanden blieb.»

 

Amarga Navidad
Die Werbefilmerin Elsa verliert ihre Mutter und versucht, ihre grosse Trauer mit Arbeit in Schach zu halten. Von Angstattacken gequält, fährt sie mit einer Freundin nach Lanzarote. Parallel dazu entfaltet sich die Geschichte eines Regisseurs, die mit Elsas Erlebnissen verwoben ist. Pedro Almodóvar reflektiert in seinem kunstvoll verschachtelten Drama über die Beziehung zwischen Kunst und Leben.

Der erfolgreiche Regisseur Raúl müht sich mit einem neuen Drehbuch unter dem Arbeitstitel «Amarga Navidad» (Bittere Weihnacht) ab. Die Geschichte, in dessen Zentrum Elsa steht, spielt 2004. Die einst gefeierte Filmemacherin arbeitet in der Werbung und lebt mit ihrem Partner, einem Feuerwehrmann und Stripper, zusammen. Von grosser Trauer über den Tod ihrer Mutter überwältigt, stürzt sie sich in Arbeit, bis Angstattacken sie zum Innehalten zwingen. Sie nimmt eine Auszeit und reist mit einer Freundin nach Lanzarote. Als Raúl nicht mehr weiterkommt, will er das Leben seiner langjährigen Assistentin Mónica in das Skript integrieren … Wie in «Los abrazos rotos (2009) und «Dolor y gloria (2019) setzt Pedro Almodóvar einen Regisseur in der Schaffenskrise ins Zentrum seines neuen Films und liefert ein raffiniertes, vielschichtiges Spiel über Verlust und künstlerische Aneignung. Ulf Lepelmeier schreibt auf Filmstarts: «‹Amarga Navidad› kreist in einem verschachtelten Drehbuch-im-Drehbuch-Konstrukt um den Vampirismus der Autofiktion sowie die Angst vor kreativer Erschöpfung eines alternden Künstlers. In seinem selbstreflexiven Werk interessiert sich Pedro Almodóvar weniger für grosse Konflikte oder überraschende Wendungen als für die fragile Beziehung zwischen Leben und Kunst sowie die ihn umtreibende Sorge, irgendwann nichts mehr erzählen zu können.»

 

Palestine 36
Als sich die Dörfer im Mandatsgebiet gegen die britische Kolonialherrschaft auflehnen, versuchen Yusuf und Afra dagegenzuhalten, während Khalid in die Revolte hineingezogen wird. In ihrem bildgewaltigen Historiendrama über den arabischen Aufstand von 1936 verwebt die palästinensische Filmemacherin Annemarie Jacir gesellschaftliche und persönliche Umbrüche.

1936 steht Palästina kurz vor einer Revolution. Wütend über die gewaltsame Unterdrückung durch die britische Kolonialherrschaft und den Zustrom zionistischer Siedler:innen, die unter britischer Schirmherrschaft Land in ihren Besitz bringen und die Kontrolle über den Arbeitsmarkt übernehmen, fühlen sich grosse Teile der einheimischen Bevölkerung zum Widerstand gezwungen. In Jerusalem setzt sich der junge Yusuf für sein Dorf ein, in dem das Leben unter den britischen Umstrukturierungsmassnahmen unerträglich geworden ist. Er arbeitet als Chauffeur bei einem intellektuellen Paar – der radikalen Journalistin Khouloud, die ihre Texte nur unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichen kann, und ihrem Mann, dem Verleger Amir, der vor allem seinen gesellschaftlichen Status bewahren möchte. Während die britische Verwaltung, die eigentlich vermitteln soll, sich im Zweifel stets auf die Seite der Siedler:innen stellt, wächst die Wut der palästinensischen Bevölkerung und entlädt sich schliesslich in einem landesweiten Generalstreik, der als Beginn des arabischen Aufstands in Palästina gilt. Mit einem internationalen Cast und palästinensischen Stars wie Hiam Abbass oder Saleh Bakri gelingt der palästinensischen Regisseurin Annemarie Jacir ein bewegendes Historiendrama, das die Ursprünge der Nakba und die kolonialen Wurzeln des heutigen Palästinas nachzeichnet.

 

Plüss
Der arbeitslose Plüss erfährt, dass er ausgesteuert wird. Ausgestattet mit einem Gedichtband von Robert Walser und seiner geliebten Kamera zieht er durch Biel – begleitet von einem einstigen Arbeitskollegen, der sich vor Jahren im Bieler See das Leben nahm. Ein hinreissender Max Rüdlinger brilliert im preisgekrönten Drama nach einer Erzählung des Bieler Autors Jörg Steiner.

Der arbeitslose Max Plüss erfährt auf dem Arbeitsamt, dass er «ausgesteuert» ist – was ihn überrascht, aber trotz Kälte und Hochnebel nicht weiter zu deprimieren vermag. Als stiller Beobachter setzt er seine Streifzüge durch das winterliche Biel fort, immer mit dabei: seine geliebte Minox und Gedichte von Robert Walser. Ungefragt taucht immer wieder Plüss’ einstiger Arbeitskollege aus seinem Unterbewusstsein auf – eine Art Alter Ego – und mischt sich in sein Leben ein. Dieser hatte die Arbeitslosigkeit nicht ertragen und sich im See ertränkt. Die Stadt Biel ist der Mikrokosmos des Spielfilmdebüts von Martin Albisetti, der dort lebt und arbeitet und die Stadt mit seiner Kamera in poetischen Schwarz-Weiss-Bildern eingefangen hat. Die Geschichte folgt lose der Erzählung Der Kollege des Bieler Schriftstellers Jörg Steiner. Der charismatische Max Rüdlinger, bekannt durch seine langjährige und oft turbulente Zusammenarbeit mit Clemens Klopfenstein («E nachtlang Füürland», «Das Schweigen der Männer»), ist endlich wieder einmal in einer Hauptrolle zu sehen. Die Filmmusik stammt vom jungen, bereits mehrfach ausgezeichneten Schweizer Komponisten Raphael Sommer. «Plüss» gewann 2025 am Internationalen Film Festival von Monaco die sechs Hauptpreise.

 

Kinderfilme: Die Zauberlaterne: Coco – Lebendiger als das Leben!

Der zwölfjährige Miguel hat einen Traum: Er will ein so wunderbarer Gitarrist und Sänger werden wie sein berühmtes und längst verstorbenes Vorbild Ernesto de la Cruz. Es gibt jedoch ein Problem: In seiner Familie ist Musik seit vielen Jahren verboten, weil sein Ururgrossvater einst Frau und Tochter verliess, um als Musiker Karriere zu machen. Doch Miguel will seiner Familie zeigen, was er kann, und am Día de los Muertos, dem Tag der Toten, an einem Musikwettbewerb teilnehmen. Aufgrund einiger Zwischenfälle landet Miguel stattdessen im Land der Toten … Dem US-Animationsstudio Pixar gelingt es, selbst das Totenreich in ein mitreissendes Fest zu verwandeln. 2018 wurde der warmherzige und tiefgründige Film mit einem Oscar für den besten Animationsfilm ausgezeichnet. Im Filmdienst heisst es: «Die ernsten Untertöne werden sanft in die an Schauwerten reiche Geschichte eingebettet, die dank ihrer herzergreifenden Menschlichkeit und tiefer emotionaler Momente berührt.»

 

Die Mitgliedschaft für die Zauberlaterne kann an der Kinokasse gelöst werden. Ausführliche Informationen finden Sie unter www.lanterne-magique.org/de/clubs/st-gallen/.