FENSTER ZUR FILMWELT: VIELFALT, KUNST UND BEGEGNUNGEN IM KINOK.
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Normal: CHF 17.-
Mitglieder: CHF 12.-
Montagskino: CHF 12.-
Schüler:innen, Lernende, Studierende bis 26 Jahre: CHF 13.-
Kinder bis 12 Jahre: CHF 10.-
IV-Bezüger:innen: CHF 12.-
KulturLegi-Inhaber:innen: CHF 7.-
Mittwochnachmittagskino: CHF 12.- für AHV-Bezüger:innen
Freier Eintritt für Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene (Ausweis N/F/S)
Anlässlich des 100. Geburtstags der mythenumrankten Autorin am 25. Juni sind nicht nur neue Biografien, Erinnerungen und Essays erschienen, sondern auch ein Dokumentarfilm. Für ihre Annäherung an Leben und Werk einer der grössten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts hat Regina Schilling Archivschätze gehoben und mit inszenierten Szenen, die Ingeborg Bachmann durch einen imaginären Tag in Rom begleiten, zu einem kunstvollen Dokumentarfilm verwoben. Sandra Hüller beginnt diesen Tag auf der Veranda eines eleganten Apartments, das an Bachmanns letzte Wohnung erinnert. Der Film ruft zentrale Lebensstationen der Autorin ins Gedächtnis: ihre prägende Kriegsjugend in Klagenfurt, ihren glanzvollen Aufstieg zur gefeierten Lyrikerin, die das Spiegel-Cover zierte, bis zu ihren letzten Tagen in Rom. Zur Sprache kommen ihre komplizierten Beziehungen zu dem Lyriker und Holocaust-Überlebenden Paul Celan, dem Komponisten Hans Werner Henze sowie dem Schweizer Autor Max Frisch, mit dem sie in Rom zusammenlebte. Immer wieder ist die Autorin selbst zu sehen und zu hören – in Lesungen und Interviews, die wertvolle Einblicke geben in ihr unnachgiebiges Ringen im Spannungsfeld zwischen öffentlichem Ruhm und existenziellen Krisen sowie um eine eigene, radikale Sprache.
Óscars Besessenheit von der Poesie hat ihm keinen Ruhm eingebracht. Er ist zum lebenden Klischee des erfolglosen Dichters geworden: Nach der Scheidung lebt der mittellose Mittfünfziger wieder bei seiner Mutter und schleppt sich mit Alkohol und Selbstmitleid durch die Tage. Seine Tochter will mit ihm wenig zu tun haben. Als er widerwillig einen Lehrerjob annimmt, entdeckt er das aussergewöhnliche Talent einer Schülerin, deren Gedichte ihn tief berühren. In der Förderung der jungen Frau aus einfachsten Verhältnissen sieht Óscar seine vielleicht letzte Chance, der Poesie – und seinem eigenen Leben – noch einmal Bedeutung zu verleihen … Mit feinem Gespür für die Tragikomik des Scheiterns gelingt Simón Mesa Soto ein so humorvolles wie scharfzüngiges Charakterporträt und eine kluge Reflexion über Kunst, Anerkennung und soziale Herkunft. «Mit ‹Un poeta› habe er seine eigenen Fehler, Zweifel und Widersprüche porträtieren wollen, erklärt Mesa Soto. Für ihn, der selbst im Nebenberuf unterrichtet, sei der auf körnigem 16mm-Material gedrehte und damit auf charmante Weise unperfekt wirkende Film sein ‹persönlicher Exorzismus›. (...) Sein zutiefst humaner Film, der auch von der Schwierigkeit kreativer Arbeit in der kolumbianischen Klassengesellschaft erzählt, ist ein einziges berührendes und beglückendes Langgedicht», schwärmt Katrin Hillgruber auf artechock.
Alte Liebe rostet nicht. Aber vierzig Ehejahre sind auch an Lore und Harry nicht spurlos vorübergegangen. Lore findet, dass Harry – ein begeisterter Hobbygärtner – seit seiner Pensionierung nur noch herummeckert. Harry hält dagegen, dass Lore sich an ihren Job als Bibliothekarin klammert und peinliche Lesungen veranstaltet. Alte Geschichten, verpasste Chancen und die Unsicherheiten des Ruhestands sorgen regelmässig für hitzige Debatten zwischen den beiden. Nur bei einem einzigen Thema sind sie sich einig: Ihre Tochter Gloria hat in Liebesdingen wenig Glück. Nun will sie zum dritten Mal heiraten – diesmal einen wohlhabenden Industriellen, der ihr Vater sein könnte. Regisseur Andreas Dresen hat den Erfolgsroman Alte Liebe von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder aus dem Jahr 2009, der für seinen trockenen Humor und seine lebenskluge Beobachtung menschlicher Beziehungen gefeiert wurde, kongenial für die Leinwand adaptiert – mit zwei der profiliertesten Charakterdarsteller:innen Deutschlands in den Hauptrollen: Dagmar Manzel und Joachim Król. Um auf eigene Erfahrungen zurückgreifen zu können, haben Andreas Dresen und seine Drehbuchautorin Laila Stieler den Ort der Handlung von West nach Ost verlegt. So kommen nun zwei ostdeutsche Autoren – Christoph Hein und Clemens Meyer – zu herrlich selbstironischen Cameo-Auftritten.
Pristina, Kosovo, Ende der 1990er-Jahre. Während der Krieg immer näher rückt und die ethnischen Spannungen zu eskalieren drohen, ringt die dreizehnjährige Dua darum, ihren Platz unter Gleichaltrigen und in ihrem sich wandelnden Körper zu finden. Die Gewalt ist allgegenwärtig und lässt kaum Raum für ruhige Momente individuellen Aufbruchs. Als sich auch für Dua die Situation zuspitzt, schliesst sie sich ihrer furchtlosen Klassenkameradin Maki an, die sie zu einem Judokurs für Selbstverteidigung ermuntert. Nach ihrem fulminanten Debüt «Hive» widmet sich Blerta Basholli erneut der jüngeren Geschichte ihrer Heimat Kosovo. «Dua» feierte seine Weltpremiere 2026 in der Semaine de la Critique in Cannes und gewann dort den SACD-Preis. Die meisten Szenen beruhen auf eigenen Erlebnissen; Basholli war sechzehn, als der Krieg endete. Rückblickend interessiert sie vor allem, wie die Menschen damals ihren Alltag lebten, wovon sie träumten und was es bedeutet, wenn man gezwungen ist, sein Land zu verlassen, obwohl man es liebt. Arttv lobt: «Regisseurin Blerta Basholli verbindet in ihrem zweiten Spielfilm die Unsicherheiten der Pubertät mit der zunehmenden Gewalt einer Gesellschaft, die auseinanderzubrechen droht. Ein eindringlicher Coming-of-Age-Film über das Erwachsenwerden in einer Welt, in der für kindliche Unbeschwertheit immer weniger Platz bleibt.»
Die neunjährige Arushi, Tochter einer hinduistischen Mittelschichtsfamilie, und die 21-jährige Milena, Tochter einer christlichen Bauernfamilie, praktizieren die uralte südindische Kampfkunst Kalari. Während Arushi noch lernen muss, Wutmomente zu zügeln und Gelerntes nicht zu missbrauchen, steht Milena, die sich seit Kindertagen Kalari verschrieben hat, an einem Scheideweg ihres Lebens: Weil sie in der Stadt eine Ausbildung zur Pflegefachfrau beginnt, hat sie keine Zeit mehr für die geliebte Kampfkunst. Doch als sie merkt, dass gerade in ihrem Beruf Frauen besonders oft Gewalt erleiden, lehrt sie ihre Kolleginnen kalaribasierte Selbstverteidigung. Das schweizerisch-indische Regieduo Maria Kaur Bedi und Satindar Singh Bedi, 2023 mit seiner autobiografischen Liebesgeschichte «The Curse» bekannt geworden, begleitet in seinem neuen Film die beiden Frauen über einen längeren Zeitraum auf ihren Lebenswegen. Herausgekommen ist ein Werk, das sowohl atemberaubende Martial-Arts-Szenen als auch tiefe Einblicke in eine stark patriarchal geprägte Gesellschaft bietet. Nora Nater schreibt auf Outnow: «Den Zusammenhang zwischen der Kampfsportart und dem Kampf gegen Sexismus und Patriarchat zeigt ‹Kalari Kid› wunderbar auf und bringt präzise, elegant und ästhetisch auf den Punkt: Dank Kalari können sich Frauen verteidigen und haben grosses Interesse daran, stark zu sein.»
1949 begeben sich Literaturnobelpreisträger Thomas Mann und seine Tochter, die Schauspielerin, Autorin und Kabarettistin Erika, auf eine Reise durch ein Deutschland in Trümmern – von Frankfurt in der amerikanischen Besatzungszone bis ins sowjetisch kontrollierte Weimar. Zum Goethe-Jubiläum wünscht man sich auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze Worte des Trostes, der Zustimmung und der Vergebung vom grössten aller Erzähler. Zwischen euphorischen Wagner-Erben und literarisch versierten Generälen wird Deutschlands wichtigster Schriftsteller hofiert, während das Drama seiner eigenen Familie leise eskaliert, als sich sein Sohn Klaus in Cannes das Leben nimmt. Es ist das erste Mal, dass Thomas Mann in sein Heimatland zurückkehrt, aus dem er 1933 ins Exil geflohen war. Die Reise in die verwundete deutsche Seele wird für Erika und Thomas Mann zu einer Reise ins Innerste. In bestechenden Schwarz-Weiss-Bildern und künstlerischer Verdichtung – tatsächlich begleitete nicht Erika, sondern ihre Mutter Katia Thomas Mann auf dieser Reise und Klaus war schon zwei Monate zuvor gestorben – verwebt Paweł Pawlikowski den Nullpunkt der deutschen Geschichte mit dem Finale einer Familiensaga zu einem überragenden Meisterwerk, das in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde. «Ein Film wie ein perfekt geschliffenes Juwel», jubelte nicht nur die New York Times.
Regisseur Christoph Rahm und Titelheld Matthias Noser lernten sich in den 1990er-Jahren in der psychiatrischen Klinik Königsfelden kennen – angehender Pfleger der eine, Patient mit Schizophrenie-Diagnose der andere. Als Rahm 1999 seine Diplomarbeit über Schizophrenie schrieb, war Noser einer seiner Patient:innen. In einem Gesprächsausschnitt von damals hört man ihn zu Beginn von «Rockstar Matthias» selbstironisch kommentieren: «Man ist ja nicht wegen eines Hustens hier.» Der Regisseur erzählt, wie Noser ihm schon zu jener Zeit Fotografien zur Verfügung gestellt habe, die er als gelernter Reprofotograf über all die Jahre realisiert hatte. Kurz danach hörte Rahm in der Psychiatrie auf, wurde Dokumentarfilmer und verlor seinen einstigen Patienten aus den Augen. Der Untertitel von «Rockstar Matthias» – «Kunst, Freundschaft, Schizophrenie» – bringt präzise auf den Punkt, was dieses schillernde Porträt eines kaum fassbaren Mannes auszeichnet, von dem seine Schwester, die Aargauer Künstlerin Pat Noser, einmal sagt: «Berühmte Leute, die auch einen Flick weghaben, werden angehimmelt. Bei jemand, der gar nicht berühmt ist, sagt man hingegen nur: Der spinnt einfach.» Das Kino Cameo schreibt: «Ein inspirierender Dokumentarfilm über Kreativität, Freundschaft und darüber, wie ein vorbelasteter Mensch sein Leben meistert – tiefgründig und humorvoll!»
Die schöne und kultivierte Miriam Blaylock ist die vermutlich letzte Überlebende eines alten ägyptischen Vampirgeschlechts. Mit ihrem Liebhaber John, den sie im 18. Jahrhundert kennengelernt hat, lebt sie in einem noblen Stadthaus in New York. Ihre Begierde nach Blut stillen die beiden bei nächtlichen Ausflügen in Dark-Wave-Clubs. Anders als Miriam, die mit ewiger Jugend gesegnet ist, beginnt John eines Tages rapide zu altern. Verzweifelt sucht er Hilfe bei einer Gerontologin, die über Alterungsprozesse forscht. Doch ohne Erfolg. Innerhalb weniger Stunden verkommt er zu einem hochbetagten Greis und landet bei seinen Vorgängern, die in Särgen auf dem Dachboden dahinvegetieren – durch Miriams Blut zu ewigem Leben verdammt. Miriam dagegen hat inzwischen Gefallen an der jungen Wissenschaftlerin gefunden, die bald in ihren Bann gerät … Catherine Deneuve als unterkühlte Unsterbliche und David Bowie als ihr dem Zerfall geweihter, unglückseliger Geliebter – in kunstvoll stilisierten Bildern und unverkennbarer Achtzigerjahre-Ästhetik gelang Regisseur Tony Scott ein postmoderner, düster-melancholischer Horrorfilm über den Segen des ewigen Lebens als Fluch der ewigen Einsamkeit. «Sinnlich, elegant und unbestreitbar cool zählt ‹The Hunger› zu den besten künstlerischen Vampir-Darstellungen», lobt Nicholas Bell den Kultklassiker auf Ioncinema.
Seit elf Jahren lebt Birgitta Martensson mit Alzheimer und bestand von Anfang an darauf, dass sie – auch mit der Krankheit – ein gutes Leben hat. Dabei weiss sie genau, was sie erwartet: Fünfzehn Jahre lang war sie Geschäftsleiterin der Organisation Alzheimer Schweiz. Sie ist schwedischer Herkunft, spricht mehrere Sprachen und lebt in Lausanne. Mit Humor und Offenheit ringt sie um Selbstbestimmung, obwohl ihr die Kontrolle über ihr Denken und Handeln zunehmend entgleitet. Als alleinstehende Frau ist Unabhängigkeit ein zentraler Bestandteil ihres Lebens – deshalb kommt ein Pflegeheim für sie nicht infrage. Die Regisseurinnen Martina Rieder und Marianne Pletscher begleiteten Birgitta Martensson und ihre beste Freundin Christiane Kühne drei Jahre lang mit der Kamera durch den Alltag und zeigen, wie selbstverständliche Handlungen für die Betroffenen zunehmend zu Herausforderungen werden. Entstanden ist ein intimes und berührendes Porträt über Autonomie, Freundschaft und Würde. Dr. Sandra Oppikofer vom Zentrum für Gerontologie an der Universität Zürich sagt: «Der Film berührt nicht nur durch seine Nähe und seine stille Klarheit, sondern führt behutsam durch die verschiedenen Phasen einer kognitiven Beeinträchtigung.»
Die kleine Ela weiss, was Familie bedeutet: Teil von etwas Wunderbarem zu sein. Dass es in ihrer Familie nicht ganz so wunderbar zu und her geht, kann die Sechsjährige noch nicht richtig verstehen. Ständig nörgelt der Vater an ihrer Mutter herum und setzt die lebenslustige und kluge Frau wegen ihres Körpergewichts herab. Sein eigenes Unvermögen, die fehlende Beförderung und mangelnde soziale Anerkennung lastet er seiner Frau an, die er mit Sätzen wie «Ich bekomme niemals eine gehobene Stelle ohne eine vorzeigbare Frau», Diäten und Gewichtskontrollen drangsaliert, während sie sich um die Kinder, die kranke Mutter und den Haushalt kümmert, Französisch lernt und eine Stelle sucht … Die trotz des ernsten Themas leichtfüssige, liebevolle und farbtrunkene Verfilmung, die die enge Welt der westdeutschen Provinz der 1980er-Jahre beklemmend vorführt, basiert auf dem autofiktionalen Erfolgsroman von Daniela Dröscher, die damit auch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. Aron Lehmann, der sich mit der Adaption von Mariana Lekys Roman «Was man von hier aus sehen kann» einen Namen gemacht hat, hat für seinen ans Herz gehenden Film ein stimmiges Ensemble zusammengestellt, allen voran die umwerfende Rosalie Thomass als Mutter Cornelia, die sich nicht unterkriegen lässt.
Adam und Eve sind Liebende durch die Jahrhunderte. Sie haben mit Lord Byron Schach gespielt, Schubert ein Adagio abgetreten und schlürfen erlesene Blutkonserven aus feinstem Kristall – denn Blutsaugen «ist so 15. Jahrhundert!». Bei Jim Jarmusch sind Vampire keine lüsternen Monster, sondern empfindsame Wesen, hochintelligente Schöngeister, klassische Bohemiens, bewandert in Kunst, Literatur und Wissenschaft. Dieser Tage führen sie eine Fernbeziehung. Adam hat sich als Undergroundmusiker in eine verfallende Villa in Detroit zurückgezogen, wo er an der Ignoranz der Menschheit verzweifelnd seinen Hang zur Depression kultiviert. Eve hat sich in Tanger ein barockes Bücherrefugium erschaffen. Doch als sie spürt, dass ihr lebensmüder Geliebter seiner Unsterblichkeit ein Ende setzen will, bucht sie den nächsten Nachtflug nach Detroit. In opulenten Bildern verkehrt Jim Jarmusch das Vampirgenre zu einem anspielungsreichen Streifzug durch die Kulturgeschichte und zur Kritik an einer Welt, die sich selbst zugrunde richtet. Dabei ist «Only Lovers Left Alive» Klage und Hymne zugleich – auf das Leben und die ewige Liebe. Voll absurder, sanfter Komik entwickelt der Film einen soghaften Rhythmus. Und wenn er nach zwei Stunden endet, wünscht man sich, er würde sich noch ewig so hypnotisch weiterdrehen wie die Vinylplatte zu Beginn.
Olga, eine mürrische Mittfünzigerin, lebt einsam in einer Hochhauswohnung in Mexiko-Stadt. Es sind die titelgebenden Fliegen, die in der Eröffnungsszene des fünften Langspielfilms von Fernando Eimbcke («Temporada de patos», «Lake Tahoe») ihr Dasein stören. In diese beschaulich-traurige Idylle platzt Tulio, ein Mann vom Land. Er braucht für ein paar Tage ein Zimmer, da seine Frau nach einer Operation im benachbarten Spital liegt. Widerwillig geht Olga, die selbst Geld für eine bevorstehende medizinische Behandlung benötigt, auf Tulios Ansinnen ein. Was der ihr jedoch verschweigt: Er ist nicht allein, sondern in Begleitung seines kleinen Sohnes Cristian. Weil er aber nicht für zwei Personen bezahlen kann, schmuggelt er ihn heimlich ins Zimmer. Aus dieser schlichten Ausgangslage schafft Fernando Eimbcke ein lakonisch-tragikomisches Filmmärchen voller schräger Einfälle, das in seinen perfekten Schwarz-Weiss-Bildern und seiner unprätentiösen Darstellung prekärer sozialer Verhältnisse an den italienischen Neorealismus erinnert. Dazu gehört etwa das vorsintflutliche Computer-Ballerspiel namens «Space Defenders», das dem kleinen Cristian den Kopf verdreht und das, ähnlich wie die Fliegen, leitmotivisch in diesem minimalistischen Universum der skurrilen kleinen Dinge eingesetzt ist.
Shewit Tekie trifft mit 13 Jahren eine Entscheidung, die alles verändert: Sie verlässt ihre Familie und flieht allein aus Eritrea, wo sie keine Zukunft sieht. Nach zweijähriger Odyssee mit Inhaftierung in Libyen erreicht sie die Schweiz – das Land, in das sie all ihre Hoffnungen setzt und in dem bereits zwei ihrer Brüder leben. Sieben Jahre später hat sie immer noch keine Aufenthaltsbewilligung. Doch sie kämpft weiter für ihren Traum: Sie will eine Ausbildung machen und ein unabhängiges Leben führen. Regisseurin Anne-Frédérique Widmann hat ihre charismatische Protagonistin über einen Zeitraum von zehn Jahren behutsam mit der Kamera begleitet und verzichtet auf einfache Erklärungen. Arttv schreibt: «Der Film zeigt, wie Flucht nicht mit der Ankunft endet, sondern neue Abhängigkeiten, neue Zwänge und neue Formen von Unsicherheit erzeugt. Freiheit erscheint hier nicht als Zustand, sondern als Prozess – fragil, gefährdet, immer wieder infrage gestellt. Der Film lässt Raum für Ambivalenzen und widersetzt sich dem Bedürfnis nach klaren Urteilen. Anne-Frédérique Widmann gelingt ein Werk, das politische Realität erfahrbar macht, ohne sie zu illustrieren – und das daran erinnert, dass hinter jedem migrationspolitischen Diskurs individuelle Lebenswege stehen, die sich keiner einfachen Erzählung fügen.»
Frank Baker verbüsst wegen Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe. Um die brutale Realität des Gefängnisalltags zu ertragen, hat er sich emotional abgeschottet. Als er in eine neue Einrichtung verlegt wird, beschliesst er, sich den «Gold Coats» anzuschliessen, einem Programm, in dem Häftlinge an Alzheimer und Demenz erkrankte Mitinsassen betreuen – in der Hoffnung, dadurch seine Chancen auf eine vorzeitige Entlassung zu erhöhen. Frank wird Louis Nelson zugeteilt, einem Einzelgänger um die Sechzig, der einst für seine Macht und Autorität gefürchtet war und der trotz seiner Erkrankung sehr auf seine Unabhängigkeit bedacht ist. Ihn zu pflegen, bringt Frank an seine körperlichen und emotionalen Grenzen … Das englischsprachige Debüt von Regisseurin Petra Volpe («Die göttliche Ordnung», «Heldin») feierte seine Weltpremiere am renommierten Sundance Film Festival, wo Damon Wise für Deadline den «grossartigen Film» zu den besten des Festivals zählte. Volpe erzählt eine zutiefst berührende Geschichte über Freundschaft, Krankheit und menschliche Nähe, die ihr am Filmfestival Locarno den Publikumspreis der Piazza Grande einbrachte. Guy Lodge lobt auf Variety die beiden Hauptdarsteller Kingsley Ben-Adir und Rob Morgan: «Die beiden sind für sich genommen schon hervorragend, vor allem aber schenken sie einander eine ungeheuer warmherzige Aufmerksamkeit.»
Die seit 2006 in Urnäsch lebende gebürtige Chinesin Hao Hohl ist keine Unbekannte. Mit «Plötzlich Heimweh», einer bewegenden Erzählung persönlicher Selbstfindung, für die sie zwölf Jahre lang mit der Kamera ihre neue Umgebung erkundete, hatte sie 2019/20 einen Überraschungserfolg. Mit ihrem neuen Film knüpft sie an den Vorgängerfilm an. Waren dort die Protagonist:innen meist «gewöhnliche Leute», steht in «Anders anders – Was uns verbindet» Prominenz aus Kultur und Politik im Zentrum. So etwa Pedro Lenz, der, wie Hao Hohl es nennt, Reflexionsfigur ist und durch den Film führt. Mit dem in St.Gallen lebenden, aus Nigeria stammenden Komponisten Charles Uzor, dem ehemaligen Appenzeller Landammann und Kulturforscher Roland Inauen sowie der aus einer bekannten Musikerdynastie stammenden Szenografin Kendra Alder sind drei weitere bekannte Gesichter aus der Region mit von der Partie. Hao Hohl bereichert ihren «Heimatfilm» mit Scherenschnitten aus ihrer Hand und charakterisiert ihn wie folgt: «Mir geht es nicht darum zu sagen, jeder sei ein wenig anders – sondern darum, Herkunft neu zu denken. Sie ist nicht nur die Kindheit, sondern jede Begegnung, jeder Ort, jeder Mensch und jede Entscheidung, die wir treffen.»
Adriano, ein wortkarger Einzelgänger, lebt zurückgezogen in den ehemaligen Stallungen der Villa Guelfi, einem verlassenen Anwesen in der Toskana. Als sich eine Gruppe junger Frauen und Männer in der Villa niederlässt, um sich um die Felder und Weinberge zu kümmern, fühlt er sich gestört und will sie vertreiben. Doch die frischgebackenen Absolvent:innen der Agrarwissenschaften, Klimaforschung und Önologie – unter ihnen Matilde, die Enkelin des letzten Grafen Guelfi – lassen sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Zudem sind sie neugierig, was den geheimnisvollen Sonderling veranlasste, ein Leben in solcher Abgeschiedenheit zu führen. Durch Matilde und ihre Schwangerschaft wandelt sich Adrianos Feindseligkeit bald in väterliche Fürsorge, der anfängliche Konflikt in ein freundschaftliches Zusammenleben. Erneut beweist Regisseur Paolo Virzì («La pazza gioia») sein Geschick, ernste Themen mit heiteren Momenten zu verweben. Giorgio Maria Aloi schreibt im Madmass Magazine: «Der Film wirkt wie ein Akt des behutsamen Widerstands in einer Zeit, in der die vielen Krisen die Gesellschaft zu polarisieren drohen. (…) Ein Entwurf für ein mögliches Zusammenleben und die Hoffnung auf den Dialog zwischen den Generationen sowie eine Reflexion darüber, was es bedeutet, sich umeinander zu kümmern – mit der Perspektive auf Heilung und einen Neuanfang.»
Mit seinem neuen Dokumentarfilm «Das unendliche Jetzt» wagt Kaspar Kasics («Erica Jong – Breaking the Wall») ein Experiment, das gängige Annahmen über Demenz auf den Kopf stellt. Im Zentrum seines Films stehen vier Personen, die von Demenz betroffen sind. Schauplatz ist eine leere Fabrikhalle, die mit Requisiten entsprechend den Vorlieben der Protagonist:innen zur Theaterbühne umfunktioniert wurde. Einzig die Ausgangssituation war vorgegeben, die Spielszenen wurden am Set frei improvisiert – nach einer Methode, die der Spielspezialist Franz Dängeli mit dem von ihm gegründeten Improvisationstheater act-back entwickelt hat. Jedes Wort, jeder Satz, jede Bewegung entsteht unmittelbar im Moment des Drehs. Während der Dreharbeiten zeigen die Protagonist:innen plötzlich Fähigkeiten, die im Alltag verloren schienen oder von ihrem Umfeld nicht wahrgenommen wurden. Unterstützt von zwei Schauspieler:innen erzählen sie unverblümt aus ihrem Alltag – vom «Eingesperrt-Sein» und der «grausamen Leere», die immer mehr von ihnen Besitz ergreift, von ihren Wünschen und Träumen, die sie immer noch haben. Trotz der ernsten Themen wird viel gelacht. «Das unendliche Jetzt» ist eine vielschichtige Reflexion über die menschliche Existenz mit der tröstlichen Erkenntnis, dass durch das Wegfallen alter Rollen neue Freiheiten gewonnen werden können.
Am 2. September 1998 stürzte die Maschine des Swissair-Flugs 111 vor der Küste der kanadischen Stadt Halifax ab. Es war das schwerste Unglück in der Geschichte der Schweizer Vorzeige-Airline: 229 Menschen kamen ums Leben. Fast dreissig Jahre später erhält das tragische Ereignis in einer kanadisch-schweizerischen Koproduktion nun ein Memorial in Form eines Spielfilms. Im Zentrum stehen Angehörige, Rettungskräfte und Anwohner:innen der Region. Auf eine Darstellung der Katastrophe selbst wurde bewusst verzichtet. Der schweizerisch-mexikanische Filmemacher Mauro Mueller erzählt, wie dieser tragische Moment Leben verändert, Menschen in ihrer Trauer über Kontinente hinweg verbindet und den Blick auf das Wesentliche im Leben schärft. Die meisten der Figuren sind fiktiv, basieren aber auf realen Vorbildern wie Anatole Taubman als Pilot Urs Zimmermann und Regula Grauwiller als damalige Kommunikationschefin der Swissair, Beatrice Tschanz. «111 – Echoes from Halifax» feiert seine internationalen Premieren zeitgleich auf zwei Festivals in Kanada und beim Zurich Film Festival. Produzentin Anne Walser sagt im Interview, sie habe berührt, «wie Trauer uns eine gemeinsame Sprache lehrt und wie der Tod unsere Perspektive auf das Leben und das, was wichtig ist, verändert».
Der weibliche Körper ist im Laufe des Lebens mehrmals starken hormonellen Veränderungen unterworfen. Wenn Frauen in die Fünfziger kommen, leiden viele an Hitzewallungen, Schlafstörungen, Gedächtnisproblemen und Erschöpfungszuständen. Rund ein Drittel entwickelt so massive Probleme, dass ihr Arbeits- und Sozialleben davon stark beeinträchtigt ist. Der Gang zu Ärzt:innen bringt meist wenig, da es über die Menopause kaum Erkenntnisse gibt, obwohl die Hälfte der Weltbevölkerung davon betroffen ist. Die Regisseurin Louise Unmack Kjeldsen nimmt ihre eigene Krise zum Anlass für eine persönliche und wissenschaftliche Reise in das tabuisierte Thema. Sie spricht mit Frauen, für die die Menopause keine blosse hormonelle Veränderung ist, sondern eine existenzielle Verschiebung – körperlich, psychisch, sozial. Und sie reist zu führenden Wissenschaftlerinnen, die Symptome der Wechseljahre mit einem dreifach höheren Alzheimer-Risiko, Depressionen oder einer hohen Selbstmordrate in Zusammenhang bringen. Generationen von Frauen haben still gelitten; erst allmählich werden die gravierenden gesundheitlichen Auswirkungen deutlich. «Mein neues altes Ich» ist ein wichtiger, erhellender Film, der die Menopause in ein neues Licht rückt, Frauen Mut macht und zeigt, wie dringlich es ist, darüber zu sprechen und mehr Forschung zu Frauengesundheit einzufordern.
Der kleine Fisch Flori findet das Unterwasserleben faszinierend. Da gibt es Schnecken mit wunderschönen Häusern auf dem Rücken und Fische, die in allen Farben des Regenbogens leuchten. Flori kommt aus dem Staunen nicht heraus! Dumm nur, dass er deshalb oft zu spät zur Schule kommt. Um eine Ausrede ist er nie verlegen, denn Flori Flunkerfisch hat eine lebhafte Fantasie. Er sei auf einem Seepferdchen geritten oder auf einem Stachelrochen durchs Riff gezischt, erzählt er. Manche in der Schule mögen seine Geschichten, andere sagen, sie seien erfunden. Eines Tages gerät Flori in Gefahr, weil er einem Fischerboot zu nahe kommt. Wird man ihm dieses Abenteuer glauben? Mit «Flunkerfisch» haben Alex Bain und Andy Martin ein weiteres der beliebten Bilderbücher von Julia Donaldson und Axel Scheffler verfilmt. Preisgekrönte Filme wie «Der Grüffelo», «Die Schnecke und der Buckelwal» oder «Für Hund und Katz ist auch noch Platz» haben das jüngste Publikum im Kinok bereits begeistert. «Flunkerfisch» ist erneut ein liebevoll animiertes, in Reimen erzähltes Abenteuer. Ergänzt wird der britische Animationsfilm durch drei weitere Kurzfilme: «Ummi und Zaki» von Daniela Opp, «Der winzig kleine Fisch» von Sergei Ryabov und «Der Kugelfisch» von Julia Ocker.
Ein Kamerateam filmt den Alltag einer Vampir-WG in einer Villa im neuseeländischen Wellington. Das Mockumentary zeigt auf, dass sich der Vampir-Alltag – abgesehen von einseitiger Ernährung und gelegentlichen Auseinandersetzungen mit Werwölfen – kaum von dem einer ganz normalen WG unterscheidet: Es gibt Streitereien wegen des Abwaschs und gemeinsame Partynächte – einzige Erschwernis: Vampire können ihren Ausgehlook nicht kontrollieren, da sie kein Spiegelbild haben. Als der 8000-jährige Petyr den jungen Nick zum Vampir macht, müssen die anderen dem impulsiven Frischling die Grundregeln des ewigen Lebens beibringen. Im Gegenzug macht Nick seine etwas altmodischen Kollegen mit moderner Unterhaltungselektronik vertraut. Anke Sterneborg schreibt in der Süddeutschen Zeitung: «Auch wenn der Film heute wie ein Gegenmittel zu den goldbestäubten Vampiren des Mainstream-Kinos anmutet, stammt die ursprüngliche, bereits in einem Kurzfilm durchprobierte Idee aus einer Zeit lange vor dem ‹Twilight›-Boom: ‹Als wir anfingen, den Film vorzubereiten, hat uns das sehr geholfen›, sagt Clement, ‹weil Vampire so ein heisses Ding waren. Als wir dann fertig waren, rollten die Leute nur noch mit den Augen. Und jetzt freuen sie sich, dass sich mal jemand darüber lustig macht!›»
Vor zwei Jahren zeigte der der Ostschweiz und dem Kinok verbundene kanadisch-schweizerische Regisseur Peter Mettler mit «While the Green Grass Grows» das erste und sechste Kapitel seines – wie er damals ankündigte – dereinst sieben Kapitel umfassenden Films. Nun hat er die 420 Minuten seines zwischen Anfang 2019 und Ende 2021 gefilmten Tagebuchs zu einem faszinierenden, meditativen Trip an unterschiedlichste Orte der Welt fertiggestellt. In Bildern von überwältigender Schönheit, in denen persönliche Gespräche, Träume, Erinnerungen und Familiengeschichte zu einem meditativen Bewusstseinsstrom zusammenfliessen, macht er sich Gedanken über die menschliche Existenz und unsere Umwelt und stellt immer wieder die Frage, ob wir es schaffen, den Planeten nicht zugrunde zu richten. Entstanden ist das Opus magnum eines unvergleichlichen Magiers des Kinos, ein Werk von Reife, Klarheit und überraschender Intimität, das das kollektive Schicksal mit Anmut, Poesie und Staunen hinterfragt. Wie in all seinen Filmen entwickeln die überwältigenden Bilder und der Voiceover mit seiner unvergleichlichen Stimme einen tranceartigen Sog, der die lange Dauer des Films spielend vergessen lässt.
Der Alkoholiker Drowak vegetiert verbittert in einer verwahrlosten Hochhauswohnung dahin. Eines Tages besucht ihn der Sozialarbeiter Marlon in Begleitung der Studentin Lena. Die junge Frau soll Drowak mit einem Kurs für kreatives Schreiben aus seiner Lethargie locken. Drowak lehnt den Vorschlag empört ab und beschimpft die beiden vulgär. Als Marlon mit der Kündigung der Wohnung droht und nachschiebt: «Dann kannst du dich wieder auf der Strasse in deiner Kotze suhlen», widerspricht dieser: «Das war nicht meine Kotze, sondern ein perverser Engel kotzte auf mich herab.» Lena ist begeistert … Nicolas Steiners verspieltes Spielfilmdebüt ist eine Art «Amélie» in Schwarz-Weiss. Mit einer grandiosen Luna Wedler in einer ihrer charmantesten Rollen und einem hinreissenden Karl Markovics als Kotzbrocken mit grossem Herzen beginnt eine schwarzhumorige Reise durch einen surreal angehauchten urbanen Kosmos. Joachim Kurz schreibt auf Kino-Zeit: «Nicolas Steiner ist hier eine echte Wundertüte gelungen, voller entzückender Ideen, anrührender Charaktere und einer Botschaft, die direkten Bezug auf unsere Gesellschaft nimmt: Der Film ist ein flammendes Plädoyer für Empathie und eine energische Aufforderung, Menschen, die aus dem System gefallen sind, nicht einfach zu vergessen.»
Der zwölfjährige Oscar lebt mit seiner Mutter in einer trostlosen Plattenbausiedlung im winterlichen Schweden. In der Schule wird der introvertierte Junge von seinen Klassenkamerad:innen übel schikaniert und flüchtet sich in seiner Einsamkeit zunehmend in Rachefantasien. Als er die mysteriöse Eli kennenlernt, die nur nach Sonnenuntergang unterwegs ist und für die kalte Jahreszeit viel zu leichte Kleidung trägt, scheint er endlich eine verwandte Seele gefunden zu haben. Doch das Mädchen mit den traurigen Augen hütet ein blutiges Geheimnis … In seinem vielfach preisgekrönten Werk verbindet Regisseur Tomas Alfredson Coming-of-Age-Themen mit Elementen des Vampirfilms zu einer durchdringend melancholischen Geschichte über zwei verletzte Seelen, über Isolation, Freundschaft und Loyalität. Michael Sennhauser schreibt in seinem Filmblog: «Inszeniert ist das als realistisches Drama im Alltag zweier einsamer Jugendlicher. Dazu kommen aber die fantastischen Elemente, die blutigen, die schrecklichen, und die sind alle mit einer Selbstverständlichkeit eingebettet, die einen immer wieder staunen lässt. Es gibt keine Tabus für diesen schwedischen Film, weil er sie gar nicht braucht. Da ist dermassen viel Menschlichkeit drin, so viel Verständnis für alle Figuren, dass der Filmemacher sich Bilder erlauben kann, die anderswo skandalisieren würden.»
Vier Generationen lang hat die Familie Sonderegger in ihrem Kleinstbetrieb in Rehetobel gestickt. Doch Walter Sonderegger junior, der den Betrieb vom Vater übernommen hat, will mit 65 Jahren aufhören. Filmemacher Luca Schmid begleitet Vater und Sohn, die ganz unterschiedlich mit dem Ende umgehen, während der letzten Monate mit der Kamera. Sonderegger senior, der einst das Wohnhaus mit Fabrik gebaut hat, ist 90 Jahre alt und arbeitet an den letzten Aufträgen mit. In ihren Erzählungen lassen die beiden die Familien- und Firmengeschichte lebendig werden. Sie erinnern sich an Heim- und Kinderarbeit, an Aufträge für Akris oder Louis Vuitton, die ihre Stickereien für Kreationen verwendet haben, die von Heidi Klum, Kate Moss und Jennifer Lopez getragen wurden, und daran, wie sie mit technologischen Entwicklungen Schritt gehalten haben. Die Lokalhistorikerin Hedi Kohler und die Historikerin Heidi Eisenhut, Leiterin der Kantonsbibliothek Appenzell AR, spannen einen historischen Bogen zur kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bedeutung der Stickerei in der Ostschweiz und in Rehetobel. «Dass es unseren Betrieb nicht mehr gibt, wird bald vergessen sein», sagt Walter Sonderegger junior. Dieser kleine, feine Dokumentarfilm tritt gegen dieses Vergessen an.
Graf Dracula ist tot, getötet von Van Helsing. Seine Tochter Nadja kommt nach New York, um sich mit dem Tod des übermächtigen Vaters und ihrer eigenen Existenz auseinanderzusetzen – und um ihren Zwillingsbruder Edgar zu suchen, der sich von der Familientradition abgewandt hat. Als sie sich nichtsahnend in Lucy verliebt, die mit Van Helsings Neffen verheiratet ist, kommt der Vampirjäger ihr auf die Spur … Mit der ätherischen Elina Löwensohn in der Titelrolle verwandelt Regisseur Michael Almereyda den Vampirmythos in einen melancholischen, ironischen, in kunstvollen Schwarz-Weiss-Bildern gedrehten Independentfilm über Einsamkeit, Familie, Begehren und die Schwierigkeit, sich von der eigenen Vergangenheit zu lösen. Teils verführerische Träumerei, teils Parodie ist «Nadja» ein delirierender Mix aus André Bretons gleichnamigem surrealistischen Roman von 1928 und Lambert Hillyers «Dracula’s Daughter» (1936). «Der stilvollste Vampirfilm der 1990er-Jahre … witzig und sexy zugleich … ein trocken-humorvolles, blutsaugendes Abenteuer, das bewies, dass man kein grosses Budget brauchte, solange man über Attitüde, ein cooles Setting und eine ästhetische Vision verfügte», schwärmt Jordan Hoffman dreissig Jahre nach seinem Erscheinen in Vanity Fair. Kein Geringerer als David Lynch produzierte damals den Film und hat einen Gastauftritt als Leichenhauswächter.
Amanda und ihr Stiefvater Martin kämpfen mit einem moralischen Dilemma, das sie entzweit. Kann Amandas Mutter Leslie, die an fortgeschrittener Demenz leidet, wichtige Entscheidungen noch selbst treffen? Wenn nicht, wer trägt dann die Verantwortung – der Ehepartner, die Tochter oder eine Institution? Diese heiklen Fragen stellen sich, als Amanda die Eltern in deren Londoner Wohnung beim Sex überrascht. Amanda ist von der Situation überfordert und ruft in ihrer Not die Polizei … Der Spielfilm des US-amerikanischen Regisseurs Lance Hammer wurde an der diesjährigen Berlinale mit dem Preis der Jury sowie für die herausragenden schauspielerischen Leistungen von Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay als altes Liebespaar ausgezeichnet. Grossartig ist auch Juliette Binoche als Amanda, die zwischen Entschlossenheit und wachsenden Zweifeln schwankt. Andreas Köhnemann schreibt in Kino-Zeit: «Glaubhaft erfasst Hammer das frustrierende Gefühl, stets das Falsche zu tun und jeden Entschluss direkt wieder infrage zu stellen. Keiner Partei wird hier klar Recht oder Unrecht gegeben. So entsteht ein Film über Ratlosigkeit und Überforderung, über die schmerzhafte Erkenntnis, dass wir für manche Herausforderungen in unserer Gesellschaft selbst nach langer Zeit noch keinen sicheren Umgang gefunden haben.»
Drei Jahre lang haben die oscarprämierten Regisseur:innen Yuval Abraham und Rachel Szor («No Other Land») auf den Dächern von Tel Aviv mit Angehörigen der israelischen Armee und des Geheimdienstes anonymisierte Interviews geführt. Themen waren die Entscheidungsprozesse und Technologien hinter der Kriegsführung in Gaza, die für die hohen Opferzahlen unter der palästinensischen Bevölkerung verantwortlich sind. Der Filmtitel steht für das Kürzel, mit dem die Armee die Zahl der zivilen Opfer angibt, die bei einem israelischen Angriff einkalkuliert wird. Aus Sicherheitsbedenken hatte das Festival von Venedig erst neun Tage vor Beginn bekannt gegeben, dass «NAZA» im Hauptwettbewerb zu sehen sein wird. Nach seiner Uraufführung am 10. September wurde der Film vom Publikum mit einer 25-minütigen Standing Ovation gefeiert – ein neuer Rekord. «NAZA» gewann den Spezialpreis der Jury, die Kritiken sind durchgehend hervorragend. The New Yorker nennt ihn «einen der wichtigsten Filme unserer Zeit», Indie Wire «einen essenziellen Film, der dich bis ins Mark erschüttern wird», Der Standard schreibt: «Der (…) Film ist zwingend. Nicht nur aufgrund seines brisanten Inhalts, auch formal weiss er zu überzeugen.» Mittlerweile hat der israelische Kulturminister angedroht, den Regisseur:innen die Staatsbürgerschaft wegen angeblichen Landesverrats zu entziehen; die Armee prüft rechtliche Schritte.
Der katholische Priester Sang-hyun arbeitet aufopferungsvoll in einem Krankenhaus, wo er den Sterbenden Trost spendet, und steckt tief in einer Glaubenskrise. Um einen wirksameren Beitrag zur Heilung von Kranken zu leisten, nimmt er an einem medizinischen Experiment zur Bekämpfung eines tödlichen Virus teil – und kommt dabei zu Tode. Dank einer Bluttransfusion unbekannter Herkunft erwacht er wie durch ein Wunder wieder zum Leben. Doch er ist nicht mehr derselbe, denn das frische Blut in seinen Adern stammt von einem Vampir. Fortan ringt der Priester mit einem unstillbaren Blutdurst und ihm bisher unbekannten sinnlichen Begierden. Als er der Frau eines alten Schulfreundes begegnet, kann Sang-hyun seine neuen Gelüste nicht mehr kontrollieren. Zwischen dem Vampir-Priester und Tae-ju entbrennt eine hemmungslose Affäre, die ihn in die Welt der Sünde führt … Lose basierend auf Émile Zolas Roman Thérèse Raquin verbindet der südkoreanische Meisterregisseur Park Chan-wook Vampirfilm mit Amour-Fou-Geschichte, Ghoststory und Gewissensdrama. «‹Thirst› ist im Grunde weniger ein blutrünstiger Vampirfilm – auch wenn noch so viel Blut fliesst – und erst recht kein Horrorschocker, als vielmehr eine anspielungsreiche, intelligente und witzige Studie über Moral. Eine vampirische Version von Schuld und Sühne, wenn man so will», schreibt Esther Buss im Filmdienst.
Die kleine Maus Dalli ist ängstlich, möchte aber so mutig sein wie ihr verstorbener Vater, der im Mäusevolk als Held gilt. Also fordert sie den Fuchs Weissbauch heraus, was jedoch für beide tödlich endet. Zu ihrer Überraschung treffen sie sich im Tierhimmel wieder. Nach anfänglichen Vorurteilen entwickelt sich aus ihrer Feindschaft langsam eine Freundschaft. Weissbauch will Dalli helfen, im farbenfrohen Paradies ihren Vater zu finden. Der Animationsfilm behandelt auf poetisch-humorvolle Weise Themen wie das Glück des Lebens, das Rätsel des Todes und die Freundschaft zweier ungleicher Charaktere. Die Regisseur:innen Jan Bubeníček und Denisa Grimmová inszenierten den liebevoll gestalteten Stop-Motion-Film mit mehr als 100 Puppen und wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Der MDR schreibt: «Der berührende Animationsfilm erzählt eine fantasievolle Geschichte über das Überwinden von Vorurteilen, alten Verletzungen und Ängsten durch Liebe, Mut und Toleranz. Dabei rückt er auch schwere Themen wie Vergänglichkeit und traumatische Erlebnisse in den Fokus und zeigt, dass das Ende auch der Anfang von etwas Neuem ist.»
In Zusammenarbeit mit Palliative Stadt St.Gallen zum Aktionstag «Last Call – Der Tod lädt ein».
Tristan da Cunha ist der abgelegenste bewohnte Ort auf unserem Planeten. Nur 233 Menschen leben auf der 180 Quadratkilometer kleinen, zu Grossbritannien gehörenden Insel im Südatlantik, auf halbem Weg zwischen der Südwestspitze Südafrikas und der brasilianischen Hafenstadt Cabo Frio. Dorthin beträgt die Distanz 3200 Kilometer, zum nächstgelegenen südafrikanischen Hafen sind es «nur» 2800 Kilometer. Als einzige regelmässige Verbindung fährt von dort zehn Mal im Jahr ein Schiff zur Insel, die wegen ihrer gebirgigen, von einem Vulkan gekrönten Topografie über keinen Flugplatz verfügt. Der Pariser Arzt Loran Bonnardot hat Tristan da Cunha seit 1996 regelmässig besucht, die überwältigende Flora und Fauna der Insel erkundet und sich mit einem Fischer angefreundet. Infolge einer persönlichen Krise beschliesst er, endgültig auf die Insel zu ziehen. Er verschifft seinen Hausrat – darunter auch ein Klavier – und erreicht nach sechstägiger Reise durch die stürmische See sein neues Zuhause. Doch es ist kein leichtes Unterfangen, von den Einheimischen als Dauergast akzeptiert zu werden. Gekonnt pendelt Tobias Nölles’ hybrides Werk zwischen Realität und Fiktion, zeigt das verlockend entrückte Leben auf einem Aussenposten der Zivilisation – und erinnert doch daran, dass man inneren Schmerzen auch an abgelegensten Orten nicht entkommen kann.
Der Debütfilm der iranisch-amerikanischen Regisseurin Ana Lily Amirpour ist in jeder Beziehung ein erstaunliches Werk: eine Vampir-Romanze, inszeniert als wunderbar surrealistischer Genremix, unterlegt mit einem hypnotisierenden Soundtrack, der an Jim Jarmuschs «Only Lovers Left Alive» erinnert. Schauplatz ist Bad City, eine Art geisterhafte Zwischenwelt, die von allerlei lichtscheuen Gestalten bevölkert wird, darunter ein Knabe mit Rollbrett und eine Katze. Der junge, attraktive Arash muss seinen geliebten Ford Thunderbird an den Dealer Saeed abtreten, um die Drogenschulden seines Vaters zu begleichen. Auf dem Heimweg von einer Party, kostümiert als Graf Dracula, begegnet er im Morgengrauen einer rätselhaften jungen Frau im Tschador. Er ahnt nicht, dass er einer echten Vampirin gegenübersteht – in einer der schönsten Szenen dieses faszinierenden Films. Es ist der Beginn einer zarten Liebesgeschichte … Das Festival International du Film de Fribourg schreibt: «In magischen Schwarz-Weiss-Bildern und mit einem vibrierenden Soundtrack gelingt Amirpour ein doppelbödiges und sinnliches Traumspiel voll visueller Kraft und abgründiger Provokationslust. (…) Der Vampirismus schafft eine tiefgründige Metapher für den Iran.»