Terrestrial Verses

In neun Episoden erzählt das Regieduo Ali Asgari und Alireza Khatami von Iraner:innen, die in ihrem Alltag mit staatlicher Willkür, totalitärer Kontrolle und einer schikanösen Bürokratie konfrontiert sind. Der heimlich gedrehte Spielfilm ist scharfzüngig, von sarkastischem Witz und frecher Situationskomik.

Ein neuer Tag beginnt in der Millionenstadt Teheran, die Häuser der Stadt schälen sich langsam aus der Morgendämmerung, ein Muezzin ruft, ein Kind kommt zur Welt. Als der Vater seinen neugeborenen Sohn beim Einwohneramt anmelden will, weist der Beamte den Namen des Babys als uniranisch zurück. Ein kleines Mädchen in Jeans, Mickey-Mouse-Pulli und mit rosa Kopfhörern übt in einem Kleiderladen eine Choreografie; die Schleier, die sie für eine religiöse Schulzeremonie anprobieren muss, verwandeln das fröhlich hüpfende Kind in eine Vogelscheuche. «Terrestrial Verses», der 2023 in Cannes in der Sektion Un Certain Regard seine Premiere feierte, erzählt mit schneidendem Spott von den geradezu kafkaesken Zumutungen, denen die Iraner:innen im Alltag ausgesetzt sind. In neun Episoden führen die Regisseure Ali Asgari und Alireza Khatami Irans erstickenden Cocktail aus Religion, Macht und Bürokratie vor: Niemand entkommt dem langen Arm des Regimes, das die Menschen mit einem nebulösen Verhaltenskodex schikaniert und deren Privatleben bis in kleinste Details kontrolliert. Das eindrückliche Drama ist in elf fixen Einstellungen komponiert, vor der Kamera sind einzig die schikanierten Bürger:innen zu sehen – ein geschickter Schachzug, der ihr Gegenüber nicht als Individuum, sondern als Repräsentant:in einer gesichtslosen repressiven Macht zeichnet. Die Willkür des iranischen Staates hat Co-Regisseur Asgari, dessen beklemmendes Drama «Until Tomorrow» über eine alleinerziehende Studentin letztes Jahr im Kinok zu sehen war, am eigenen Leib erfahren. 2023 wurde er mit einem Berufs- und Ausreiseverbot belegt. «Terrestrial Verses» wurde heimlich innert sieben Tagen mit einem kleinen Team gedreht; im Iran wird der Film sein Publikum nur über das Internet finden. Lukas Hoffmann schreibt auf kino-zeit.de: «Was im Iran zum Alltag gehört, ist für die meisten Menschen im Westen unvorstellbar. Die Regisseure verarbeiten diesen bürokratischen Irrsinn als schwarzhumorige Sozialkritik, in der Witz und Wut in ständigem Wechselspiel stehen. Mit mehrdeutigen Formulierungen, Fangfragen und bürokratischem Irrsinn, der in seinen absurdesten Momenten an den ‹Passierschein A38› aus ‹Asterix erobert Rom› erinnert, werden die Betroffenen vor der Kamera schikaniert.»